Dass er in einem Ort geboren wurde, der „Tor der Hoffnung“ heißt, und sich einen Namen wählte, der auf eine Richtergestalt des Alten Testaments verweist, erscheint im nachhinein durch sein Werk bestätigt. Was der israelische Schriftsteller Yehoshua Kenaz in seinen realistischen Erzählungen und Romanen geleistet hat, beschreibt in ihrem Nachruf Stefana Sabin.

Ein Nachruf

Zum Tod von Yehoshua Kenaz

Yehoshua Kenaz, 1937 in Petah Tikva geboren, gehörte zu jener Generation israelischer Schriftsteller, die die Gründung des Staates und seine Entwicklung miterlebt haben – entsprechend werden sie als „dor ha’medina“, Generation des Staates, bezeichnet. Zwar tauschten sie ihre europäischen Namen für israelisch klingende Namen ein (Kausner wurde zu „Oz“, Glass zu „Kenaz“), aber ihr Patriotismus hatte schon nichts Absolutes mehr. Wie der Literaturhistoriker Gershon Shaked in seiner maßgebenden Studie schreibt, hatten diese Autoren – anders als ihre Vorgänger – eine kritische Haltung gegenüber der jüdischen Tradition im Allgemeinen und der zionistischen Mythologie im Besonderen und hielten in ihren Werken der israelischen Gesellschaft einen ideologiefreien Spiegel vor.

So schrieb Kenaz schon in seinem Erstlingswerk „Nach den Feiertagen“ (1964, deutsch 1998) gegen die Vorstellung von einer ursprünglichen Unschuld im ländlichen Palästina an, und in „Herzflimmern“ (1986) entmystifizierte er das israelische Militär, indem er eine Soldateneinheit als eine Gruppe von Drückebergern vorführte. In „Auf dem Weg zu den Katzen“ (1991, deutsch 1994) beschrieb Kenaz den Mikrokosmos der europäischen Einwanderer, die, krank an Leib und Seele, am Rande der israelischen Gesellschaft blieben. Dass diese Gesellschaft nur ein Rumpf jenes idyllischen Gemeinschaftsunternehmens sei, der den Zionismus vorsah, suggerierten auch die zusammenhängenden Erzählungen in „Hinter der Wand“ (2000): die Leute, die in unmittelbarer Nachbarschaft voneinander wohnen, sind sich fremd und verharren in ihrem Unglück.

Unpathetisch und ohne jeden Psychologismus fing Kenaz eine Stimmung ein, die lokal und global zugleich war, wenn er eine zivilisationstypische Vereinsamung und eine damit einhergehende Lebenslüge beschrieb. Schon in dem Band „Die Nachmittagsvorstellung“ (deutsch 2011) wirkte diese subdepressive Stimmung weniger akut, umgab eine leise Resignation die Figuren. So steht der narkoleptische Polizist aus der Titelerzählung symptomatisch für den postmodern erschöpften Jedermann, der sich anfallartig aus der Wirklichkeit ausklinkt.

Es waren immer wieder Alltagsgeschichten, unspektakulär und dennoch dramatisch, die Kenaz erzählte. Er pflegte einfache Handlungen und eine schnörkellose Sprache, und reicherte einen realistischen Minimalismus mit surrealer Komik an. Er war „präzise, realistisch und grausam“ in seiner Beschreibung der menschlichen Befindlichkeit, schrieb in seinem Nachruf sein Freund, der Schriftsteller Abraham Yehoshua. Vielleicht auch deshalb hatte Kenaz die passende Sprache gefunden, um Balzac und Flaubert ins Hebräische zu übersetzen.

Kenaz lebte zurückgezogen, und wenn er den Israel Prize abgelehnt hat, dann weniger aus politischen Gründen als aus Angst vor der öffentlichen Aufmerksamkeit. „Ich bin neugierig, was die anderen machen,“ hatte er in einem seltenen Interview gesagt, „aber ich ziehe es vor, selber am Rande zu bleiben.“ So verbrachte er die letzten Jahre von Krankheit gezeichnet in Abgeschiedenheit und starb am 12. Oktober an den Folgen einer Covid-19-Infektion.

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erstellt am 22.10.2020
aktualisiert am 22.10.2020

Yehoshua Kenaz

Yehoshua Kenaz

»Kenaz ist ein begnadeter Schriftsteller!«

Philip Roth