Auch die Götter haben ihre Geschichte, obwohl sie samt ihrer merkwürdigen Anekdoten ohne Entwicklung schienen. Da sie aber immer Schöpfungen von Menschen waren, waren sie auch deren Epochenwechseln unterworfen, bis sie machtlos wurden und sich in unbewegliche Sternbilder verwandelten. Roberto Calasso hat solche Metamorphosen gerne neu erzählt, und Volker Breidecker hat sich an der neuen Variante im „Himmlischen Jäger“ erfreut.

Roberto Calasso erzählt von Göttern, Menschen, Tieren

»Dazwischen ist Rhodos, da tanze«

Roberto Calasso, 2020 (Screenshot)
Roberto Calasso, 2020

„Man kann sehr gut ohne die Götter leben“, schreibt Roberto Calasso. Schon die griechische Jagdgöttin Artemis hatte einen Götterliebling, den riesenhaften Jäger Orion, nachdem sie ihn mit Pfeil und Bogen erledigt hatte, zu ewiger Untätigkeit ans Himmelszelt katapultiert. Die Menschen taten es dem bald nach und reduzierten den Einflussbereich der Götter auf den Sternenhimmel. Auf Erden hingegen war kein Platz mehr für das Ränke- und Maskenspiel, mit dem sich die Götter unter die Sterblichen gemischt hatten, um ihren Favoriten nachzustellen und obendrein noch blutige Opfer zur Beschwichtigung ihres Zorns zu verlangen: Anfangs Menschenopfer, bis an deren Stelle nach der Abdankung der heidnischen Götter Tiere geopfert wurden.

Schwieriger wird die Sache, wenn die Menschen ganz ohne Göttliches und Sakrales auskommen wollen, während sie im gleichen Zug selbstgeschaffene neue Idole und Dämonen installieren und sich diesen auch dann noch unterwerfen, wenn auch sie einen grausamen Tribut verlangen. Beim Betreten einer der düsteren Zonen von Calassos ebenso beunruhigendem wie betörend schönem Buch muss der Leser freilich schlucken, wenn er über das 21. Jahrhundert liest, da seien „Massaker an die Stelle der Opfer getreten“.

Denkt er aber nur einmal darüber nach, wieso das Wort „Opfer“ partout nicht aus der Welt zu vertreiben ist, so könnte ihm die Ahnung kommen, wonach bereits bei der Ersetzung des Menschenopferkults durch das ritualisierte Töten anderer Kreaturen etwas schiefgegangen sein muss. Sollte an dem Opfer-Wort, als Universalmetapher für alles Widrige, Schmerzhafte, Tödliche, vielleicht noch immer die ferne Erinnerung an ein urzeitliches Blutvergießen kleben? Als Fatum für allzeit mögliche Rückfälle in unbewältigte Abgründe?

„Aber wie hatte alles angefangen?“ Die Frage stand schon am Eingang von Calassos berühmtestem Buch „Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia“. Die meisterhafte Neuerzählung antiker Göttermythen war eines der ersten Teile eines mittlerweile zehnbändigen „work in progress“ aus seiner Feder. Nach allerhand „corsi und ricorsi“, Ausflügen zu Kafka und Baudelaire, zum Maler Tiepolo oder zu den altindischen Veden, kehrt Calasso mit „Der Himmlische Jäger“ zurück in die Mittelmeerwelt zwischen östlicher und westlicher Ägais, wo alles seinen Anfang nahm.

Im Anfang waren auch Menschen und Tiere noch nicht voneinander geschieden. Alles war Kreatur und im Zustand schwankender, sich stetig wandelnder Formen begriffen. Bis die Menschen damit begannen, jene Tiere, die ihnen selbst am gefährlichsten waren, genauer zu beobachten und ihre Raubzüge nachzuahmen: Die Beutejagd steht am Anfang aller Trennungen, von Mensch und Tier, von Beobachter und Beobachtetem – bis der Mensch am Ende dieses Ablösungsprozesses zum schrecklichsten aller Raubtiere wurde, insofern er als einziges Lebewesen sich auch die eigenen Artgenossen zur Beute macht und selbst ohne Not tötet, mit dafür eigens geschaffenen Mordwerkzeugen.

„Nachdem er den Übergang zur Prädation vollzogen hatte, wusste Homo nicht, wie er diesen neuen Teil seiner Natur behandeln sollte. Er entschied sich, ihn in seiner wörtlichen Bedeutung einzuschränken und als Metapher unbegrenzt auszudehnen. Er erfand die Jagd als zweckfreie Tätigkeit. Sie war der erste ‚l’art pour l’art‘.“ In vierzehn Kapiteln, an deren jedem der Leser nach Gusto in das Buch einsteigen kann, zieht und variiert Calasso sämtliche Register erzählerischer, essayistischer, philosophischer Möglichkeiten und breitet einen ganzen Kosmos aus – und seine Bibliothek.

Es ist die Bibliothek eines poeta doctus, darin die Bücher, heimlichen Affinitäten und den Gesetzen der guten Nachbarschaft gehorchend, in anhaltende Gespräche miteinander vertieft sind, denen der Gelehrte lauscht und als Autor antwortet, indem er seine Gedanken auf dem Papier im selben Maße freien Lauf lässt, wie seine Augen und Hände entlang der Regalwände schweifen. Diesem Kolloquium hinzu gesellt sich als erweiterte öffentliche Bibliothek, die kontinuierlich fortgesetzte, große wie kleine Biblioteca Adelphi des Mailänder Verlegers, der eines der angesehensten und letzten unabhängigen Verlagshäuser Italiens führt.

So bietet dieses Buch eine Art Summa eigener wie in der Doppelrolle des Verlegers mit aus der Taufe gehobener Werke. Calassos Lektüre und Wiederlektüre eine ganzen Welt in Form stets neugeordneter und neu kombinierter Fragmente gleicht einem andauernden Symposion mit seinen Hausgöttern und Lieblingsautoren: Mit dabei sind Platon und Plotin, Kafka und Canetti, Proust und Borges, Hofmannsthal und Henry James – und wie eine heilige Nothelferin die große Philosophin und Mystikerin Simone Weil, deren widerständiges und dialogisches Denken allem Systemdenken widerspricht. So bietet dieses Buch eine Art Summa eigener wie in der Doppelrolle des Verlegers mit aus der Taufe gehobener Werke. So etwa in einem Exkurs in die Kybernetik und zu dem, was geschlossene wissenschaftliche Weltbilder an vermeintlich vernachlässigbaren Größen und inkommensurablen Resten gewöhnlich unter den Tisch fallen lassen: „Aber“, so lautet Simone Weils Einwand, „das Vernachlässigbare ist die Welt“. Ja, kommentiert Calasso, „der Rest ist die Welt.“ Und da, dazwischen, da lasset uns tanzen!

Siehe auch

Verlag „Adelphi Edizioni“ (Italien)

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erstellt am 20.10.2020
aktualisiert am 20.11.2020

Roberto Calasso
Der Himmlische Jäger
Originaltitel: Il Cacciatore Celeste
Aus dem Italienischen von
Reimar Klein und Marianne Schneider
Gebunden, 624 Seiten
ISBN: 978-3-518-42913-6
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020

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