Wie ein Leben jenseits von Alltagsstress und Leistungsdruck aussehen kann, beschreibt die bildende Künstlerin Martina Altschäfer in ihrem Romandebüt „Andrin“, der in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen spielt. Sie hat ein modernes Märchen verfasst, dessen Entspannungsqualität auch als Urlaubsersatz dienen kann, meint Riccarda Gleichauf.

Martina Altschäfers Roman »Andrin«

Das einfache Leben

Martina Altschäfer (Foto: Martina Altschäfer)
Martina Altschäfer

Gleich einmal vorneweg: „Andrin“ von Martina Altschäfer ist das richtige Buch bei Erschöpfungssymptomen, weil es angenehm entschleunigend wirkt, nicht viel passiert. Langweilig ist der Plot aber ganz und gar nicht, vielmehr hängt eine nebulöse Spannung zwischen den Zeilen, die durch die ambivalenten Naturschilderungen entsteht. Gewalt und Schönheit der Schweizer Alpen machen der Protagonistin Susanne immer wieder bewusst, dass die rohe, unbezähmbare Natur in die idyllische Berglandschaft, in der sie verweilt, einbrechen könnte.

Susanne, Ghostwriterin für einen namhaften Verlag, strandet nicht ganz unverschuldet in der Schweizer Bergwelt, der verfallenen Siedlung Voglweh, obwohl sie nach Wunsch ihres Verlegers eigentlich in einem Ferienhaus in Italien eine Autobiografie eines gutbezahlenden Kunden „erfinden“ sollte. Doch bei den gastfreundlichen Bewohnern Voglwehs, Andrin und seiner Lebensgefährtin, entwickelt sich alles anders als gedacht. Susanne fügt sich schnell in den Alltag der beiden, der aus gutem Essen, dessen kreativer Zubereitung und der körperlich wohltuenden Arbeit in der Natur besteht. Daran, weiter nach Italien zu reisen, denkt sie schon bald nicht mehr. Der Ablauf der Tage, seine Monotonie, bekommt durch die sich wiederholenden Handlungen etwas Rituelles, Heilsames. Susanne vergisst ihr altes, stressiges Leben in der Stadt, schüttelt ihre Vergangenheit mit allen Pflichtgefühlen ab. Der schon zu Beginn verträumte, märchenhafte Erzählton nimmt im Handlungsverlauf mehr und mehr zu und erzeugt einen beruhigend-beunruhigenden Sog. Wo befinden wir uns hier genau, wie kann es sein, dass in einer unwirtlichen Bergwelt so viele Zucchini und Tomaten wachsen, dass der Meisterkoch Andrin kaum hinterherkommt, sie zu verarbeiten? Was ist mit den merkwürdig bunten Eiern der Hühner und dem Tafelwasser, das eindeutig eine berauschende Wirkung auf die allabendlichen TrinkerInnen hat? Einerseits sind da die geselligen Abende, in denen Wasser mit Rauschwirkung zu leckeren Speisen ausgeschenkt wird. Andererseits leben die drei EinsiedlerInnen im sogenannten „Sperrgebiet“, jederzeit können von den Bergen herunterfallende Steinbrocken ihr paradiesisches Leben zerstören. Ein merkwürdiger Gerölldonner ist an manchen Tagen auch nach fünf Gläsern Wasserschnaps gut vernehmbar und nicht mehr zu verdrängen.

Die Autorin Martina Altschäfer ist (auch) bildende Künstlerin, was in ihren Landschaftsbeschreibungen durchdringt. Manchmal wirkt es beim Lesen so, als würde man ein Gemälde betrachten:

„Aus meinem Fenster sah ich weit unterhalb der Straße ein grünes Tal. Inmitten des Tals lag ein See, dessen von Regen und Wind bewegte Oberfläche in einem dunklen Türkis schimmerte.“

Sie benutzt eine schnörkellose, klare Sprache, die zum Erzählten passt. Altschäfer beschreibt mit ihr das einfache Leben, das wir in unserem durchgetakteten Alltag aus dem Blick verlieren. Denn: Was gibt es Erholsameres als gutes Essen, übervolle Himbeersträucher und jeden Morgen wieder ein ziellos schweifender Blick in die Ferne, ohne Laptop vor dem Gesicht?

Doch paradiesische Zustände dauern nicht ewig, auch Susanne wird spätestens mit dem Beginn herbstlicher Temperaturen bewusst, dass sie sich entscheiden muss. Denn ein Winter in den Bergen ist hart, vielleicht härter als ihr Leben vor ihrem Aufenthalt in Voglweh. Letztlich ist auch die vermeintliche Aussteigerin Kind der bequemen Zivilisation mit Heizung und warmem Wasser. Andrin ist ein modernes Märchen, das den Sinn unserer komplexen Welt infrage stellt, indem ihr Gegenteil beschrieben wird – als Möglichkeit, die in letzter Konsequenz ein Traum bleibt.

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erstellt am 16.10.2020
aktualisiert am 17.10.2020

Martina Altschäfer
Andrin
Roman
Hardcover, Fadenheftung, 280 Seiten
Schutzumschlag mit Zeichnungen
von Martina Altschäfer
ISBN: 978-3-947857-05-0
Mirabilis Verlag, 2020

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