Textilien wie Schleier wechseln je nach Kontext ihre Bedeutung. Ob er gut oder böse ist, ist ihm seiner Erscheinung nach nicht anzusehen. Thomas Rothschild ist vom Konsens verunsichert.

Kontrapunkt

Ein Fundstück

Mit diesem Porträt einer algerischen Frau von Marc Garanger aus dem Jahr 1960 eröffnet die große Filmregisseurin Agnès Varda ihre 1983 montierte Folge von einminütigen Anmerkungen zu 14 Photographien.

Der Kommentar zu diesem Photo lautet im Kurzfilm:

„Ich kenne dieses Bild, es ist aus den Militärarchiven. Der Photograph hat die Negative 20 Jahre lang in einer Schublade aufbewahrt. Es war der Algerienkrieg, er war eingezogen worden. Diese Frau und andere Dorfbewohner mussten für ihn posieren für die obligatorischen Identitätskarten, die ausgestellt wurden. Er war also eingezogen worden, und sie musste ihren Schleier entfernen. Die Gewalt gegen beide Individuen ist besonders sichtbar im unglaublichen Trotz der Frau. Wenn ihr unordentliches Haar den Eindruck von Schmerz, Emotion, Erregung gibt, so sagen die Anspannung in ihrem Gesicht, ihr bitterer Blick und der bestürzende Ärger in ihrem Ausdruck alle NEIN. Sie mag einen Befehl akzeptieren, aber sie lässt sich nicht unterjochen. Ich bin von dem Gesicht dieser Frau bewegt und von diesem Photographen, der, indem er seine schmutzige Militärarbeit erledigte, eine Wahrheit darüber, was vorging, einzufangen vermochte.“
(Agnès Varda im Film „Une minute pour une image“)

Der Konsens, dem heute kaum jemand zu widersprechen wagt, schreibt vor: Verschleierung ist Gewalt. Agnès Varda, die sich schon als Feministin verstand, als das noch nicht im Trend lag, bezeichnet es als Gewalt, wenn eine Frau gezwungen wird, einen Schleier gegen ihren Willen zu entfernen.

So kann man es auch sehen.

Agnès Varda mit Fotos zum Film „Une minute pour une image“, 1983
Agnès Varda mit den Fotos, 1983
Siehe auch

Kurzfilm „Une minute pour une image“ von Agnès Varda, 1983

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erstellt am 13.10.2020
aktualisiert am 14.10.2020