Die Zahl der Deutschen, die sich seit 2015 freiwillig, also unbezahlt, um in unser Land Geflüchtete kümmern, ist größer, als zu vermuten ist. Sie sind obendrein den Aggressionen ausgesetzt, die von fremdenfeindlichen Bürgern ausgehen. Haben wir es geschafft? Jutta Roitsch liest in einer Studie, ob und wie die Hilfe geholfen hat.

Flüchtlingsaufnahme kontrovers: Einblicke nach fünf Jahren

Geschlossene Welten

Es geschah an einem Mittwoch im Oktober vor fünf Jahren. An diesem Abend war im Gemeindesaal kein einziger Stuhl mehr frei. Dicht gedrängt saßen junge und ältere Männer sowie einige wenige Frauen um die Tische. Sie alle waren eingehüllt in ihre Jacken oder Mäntel, als müssten sie jeden Augenblick aufspringen und flüchten. Seit einigen Wochen trafen sie jeden Mittwochabend hier im Saal einer Gemeinde im Frankfurter Osten zusammen, zum Spielen, Kuchenessen, Kaffee- oder Teetrinken. Fast alle waren über verschlungenen Wegen aus Eritrea nach Deutschland geflohen und nun in Frankfurt gelandet, betreut und umsorgt von einem Dutzend Engagierter aus dem Viertel. Die Verständigung blieb schwierig, der Stundenplan für die Deutschkurse der „teachers on the road“ hing erst wenige Tage in der Gemeinde. Und doch hatte sich zwischen den Eritreern und den Deutschen schon so etwas wie Gewöhnung eingestellt.

Dann ging an diesem Abend die Tür auf, und eine Gruppe junger Männer drängte in den überfüllten Raum: In ihren notdürftigen Unterkünften in Hotels, leer stehenden Industriegebäuden oder Sporthallen hatten sie von den Mittwochstreffen gehört und wollten auch aufgenommen werden. Sie kamen aus Afghanistan, waren wochenlang gelaufen, von Kabul bis an die türkische Küste, dann über das Meer und von Land zu Land weiter, bis sich auch bei ihnen die Nachricht festgesetzt hatte, dass die deutschen Grenzen offen sind. Und sie eine „Willkommenskultur“ und ein „Wir schaffen das“ der Bundeskanzlerin empfangen würden.

Jetzt im Gemeindesaal erstarb zunächst das Geplauder und es dauerte, bis die jungen Afghanen einen Platz gefunden hatten an einer Tischecke. Das erste Spiel, das sie an diesem Abend lernten, war „Mensch ärgere dich nicht“. Später kamen die Jungs aus Kabul oder Herat in die Deutschkurse, den geselligen Treffen blieben sie fern, mit immer neuen Ausreden, bis die deutschen Flüchtlingshelfer und -helferinnen begriffen, dass sich zwischen Afghanen und Eritreern tiefe kulturelle und religiöse Gräben auftun, auch als Geflüchtete.

Fünf Jahre später spielt im Gemeindesaal am Mittwochabend niemand mehr, kein Eritreer, kein Afghane. Der kleine Computerraum im Dachgeschoss steht leer: Die vier Flüchtlinge, die die Gemeinde in den letzten fünf Jahren ins Kirchenasyl aufgenommen hatte, sind im deutschen Asylverfahren angekommen (meist mit positivem Entscheid) oder wieder untergetaucht. Der letzte von ihnen wartete nicht sechs Monate, sondern anderthalb Jahre in den Gemeinderäumen, bis die Frist abgelaufen war und sein Fall in Deutschland verhandelt werden musste (und nicht in Bulgarien, Italien oder Griechenland): Ihn und die Gemeinde trafen die politischen Verschärfungen zum „Flüchtig sein“ und zur Überstellung beziehungsweise Abschiebung in die Länder der Erstaufnahme (Dublin-Regelung) unmittelbar. Und hart.

Erst in diesem Jahr, am 8.Juni 2020, korrigierte das Bundesverwaltungsgericht die Politik: Beim offenen Kirchenasyl, in dem alle zuständigen Behörden Namen und Aufenthalt des Asylbewerbers kennen, könne von einem gezielten Entziehen und Vereiteln einer Überstellung keine Rede sein, urteilte das Gericht (BVerwG 1 B 19.20). Zurückgenommen wurden die Verschärfungen bis heute nicht. Das politische Ziel wurde allerdings erreicht: Das Engagement der Gemeinden, Kirchenasyl zu gewähren, ist in Deutschland geschrumpft. Auch die Gemeinde im Frankfurter Osten ist ausgestiegen.

Die Gruppe, die fünf Jahre lang für die Geflüchteten da war, hat sich im Januar aufgelöst. Zum Schluss war nicht einmal mehr eine Handvoll übrig. Bei dem letzten Treffen als Gruppe waren Erleichterung und Ernüchterung spürbar. Erleichtert stellten alle fest, was in den fünf Jahren geschafft worden war: praktische Hilfe im Alltag, bei der Wohnungsbeschaffung oder den ersten Bewerbungen um Jobs (meist als Leiharbeiter). Ernüchtert korrigierte die Gruppe hohe Erwartungen an eine schnelle Integration und das aktive Mittun der Geflüchteten. Kaum einer hatte in der Fahrradwerkstatt mitgeholfen, nur zwei Mal hatte es ein gemeinsam gestaltetes Fest gegeben. Verbindliche Zusagen blieben aus. Die Eritreer hatten sich Schritt für Schritt in ihre Gemeinden oder Communities zurückgezogen. Nur im Kampf mit den Behörden war und ist ständige Hilfe gefordert, bis heute. So hatte sich in den letzten beiden Jahren bei den Deutschen ein Gefühl eingeschlichen, irgendwie nur noch allzeit verfügbare Serviceleister zu sein. Einige wenige freundschaftliche Beziehungen sind trotz alledem entstanden.

Immer wieder kreiste die Gruppe um die Frage, ob ihre Erfahrungen von Engagierten in anderen Initiativen oder Gemeinden geteilt wurden. Ein Austausch fand allenfalls auf der persönlichen Ebene statt. Auch mit Skeptikern oder offenen Gegnern der Flüchtlingspolitik, die es durchaus im Frankfurter Osten gab und gibt, wenn auch nicht laut und auf der Straße, gab es kein Gespräch.

Ehrenamtliches Engagement für Flüchtlinge: Insbesondere ist Unterstützung bei Formularen, Anträgen und Behördengängen gefragt. (Video-Screenshot)

Ehrenamtliches Engagement für Flüchtlinge: Insbesondere ist Unterstützung bei Formularen, Anträgen und Behördengängen gefragt. (Video-Screenshot)

Eine erste vorläufige Antwort auf Erfahrungen und Sprachlosigkeiten liegt jetzt vor. Das Spannungsfeld Flüchtlingshilfe hat ein Forschungsteam der Hochschule Osnabrück ausgelotet. Christel Kumbruck, Professorin für Wirtschaftspsychologie, legte im Rahmen des Projekts „Zivilgesellschaftliches Engagement: Was bewegt Menschen in Deutschland, sich im Rahmen der Flüchtlingsthematik zu engagieren?“ einen Bericht vor. Die Einblicke in die Denkwelten und Tätigkeiten von Engagierten nennen sich “Flüchtlingsaufnahme kontrovers“. Sie sind ein Versuch, die Helfer und Helferinnen wie die Skeptiker oder Gegner einer Aufnahme von Flüchtlingen zu Wort kommen zu lassen. Den Auftrag erteilte das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche (SI-EKD) in Hannover, das in den letzten fünf Jahren auch repräsentative Befragungen zum Thema durchführen ließ.

Das Osnabrücker Team wählte einen anderen Weg, einen sehr mühevollen und steinigen, wie sich herausgestellt hat. Christel Kumbruck setzte auf das Gespräch im kleinen Kreis von sechs bis zwölf Personen und auf Einzelinterviews: nicht in der Konfrontation zwischen Befürwortern und Gegnern der deutschen Flüchtlingspolitik, sondern getrennt. Weitgehend Gleichgesinnte unter sich, so die Erwartungen, äußern sich offener, direkter und ehrlicher. Das Team entschied sich für moderierte Diskussionen in „Fokusgruppen“ in zwei Bundesländern, einmal Ost, einmal West, einmal Pro, einmal Contra.

Soweit der theoretische Ansatz. In der praktischen Umsetzung stießen die meist jungen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf „geschlossene Welten“, auf eine „vergiftete Atmosphäre“ und angespanntes Misstrauen ihnen gegenüber. „Das Thema ist so hoch emotional aufgeladen, dass wenige Leute bereit sind, sich tiefergehend damit auseinanderzusetzen“, schreiben Kumbruck und ihre Mitarbeiter Maik Dulle sowie Marvin Vogt.

Nach geduldiger Überzeugungsarbeit wirkten schließlich 18 Teilnehmer aus Ost und West mit: elf auf der (grob so genannten) Pro-Seite, sieben auf der Contra-Seite, im Schnitt eher ältere Frauen und Männer aus akademischen Berufen, im Westen mit hoher Religionsbindung. Reicht ein derartig eingeschränkter Personenkreis für annähernd gesicherte Aussagen? Gehören Organisatoren von Protestdemonstrationen und Bürgerinitiativen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, gegen die Politik der Bundeskanzlerin („Merkel muss weg“) und gegen die Errichtung von Asylbewerberheimen wirklich zu den „Engagierten“? Ja, sagen die Forscher und verweisen auf die Definition der Enquete-Kommission zum Bürgerschaftlichen Engagement, die der Bundestag 2002 übernahm. Danach fällt unter Engagement, wenn es sich um „freiwillige, nicht auf materiellen Gewinn gerichtete, gemeinwohlorientierte, im öffentlichen Raum stattfindende und in der Regel gemeinschaftliche kooperative Tätigkeit handelt“. Sind Aufmärsche vor Asylbewerberheimen „gemeinwohlorientiert“?

Bei allem Misstrauen, das dem Wissenschaftler-Team entgegengebracht wurde, bei allen Einwänden gegen die sehr ausgewählten Teilnehmer: die Einblicke in die Denkwelten gehen tief, bedrückend tief. Und sie weisen weit über die enge Flüchtlingsthematik hinaus. Sie enthüllen Sprachlosigkeit und eine sehr niedrige Toleranzschwelle, sich mit Andersdenkenden überhaupt zu beschäftigen.

Bei den Erzählungen in den „Fokus“-Gruppen oder den Einzelinterviews sind die Contra-Engagierten von ihrem „Gemeinwohl“ überzeugt. Es ist besetzt mit Heimatliebe (besonders stark im Osten) und Verbundenheit mit Traditionen. Das Motto ist seit Jahren und jenseits der Flüchtlingsfrage bekannt: „Wir, das Volk“ wehren uns gegen Fremdbestimmung durch „keine richtige Demokratie“ oder durch „Vermögende“ (meist fallen jüdische Namen) und „dunkle Mächte“, die die Welt kontrollieren und die Politiker wie Marionetten behandeln. Ihr Engagement gegen die Aufnahme von Flüchtlingen sei „kein Engagement persönlich gegen Flüchtlinge“, aber für ein anderes System, „den durchgreifenden Staat“, „mehr konservative Positionen in der Medienlandschaft“ und gesteuerte Einwanderungsgesetze. Ihren öffentlichen Protest sehen die Contras, die sich selbst als „Vernunftmenschen“ beschreiben, als ein Signal, „um auf sich aufmerksam zu machen“, um „gehört zu werden“. Die Flüchtlingsaufnahme, so folgern Kumbruck und ihr Team, ist „der Katalysator für politische Unzufriedenheit“. Die Unterschiede zwischen Ost und West verwischen sich. Auffallend ähnlich ist die Wortwahl, manches klingt wie abgestimmt.

Für die Helferinnen und Helfer der Flüchtlinge haben die Gegner nur Beleidigungen und abschätzige Bemerkungen (noch harmlos: „Gutmenschen“) übrig. Das ist umgekehrt nicht wesentlich anders, denn der Vorwurf, alle Gegner seien Nazis, kommt in den Gesprächen schnell. Von einer Dialogbereitschaft ist auf beiden Seiten wenig zu spüren. Dabei unterstreichen die Forscher eine Gemeinsamkeit. Einig sind sich beide Gruppen in Ost wie West, von denen „da oben“, den Eliten in Politik, Kirchen und Wissenschaft nicht gehört zu werden. Allerdings gehen die Begründungen bei den Engagierten in der (wie sie es selbst nannten) Flüchtlingsarbeit in eine völlig andere Richtung. Und sie decken sich mit den Erfahrungen, die auch die Gruppe im Frankfurter Osten gemacht hat.

Zur Motivation vor fünf Jahren erzählen die elf Teilnehmer in Ost und West von ihrem langjährigen Engagement in der Friedensarbeit (ein starkes Argument im Osten), in Bürgerrechtsgruppen lokal oder weltweit, von erlebtem Alltagsrassismus, aber auch dem „historisch bedingten Schuldgefühl“ der Deutschen (klingt nur im Westen an). Im Vordergrund standen praktische Hilfe und das Gefühl, gebraucht zu werden. Die Engagierten organisierten und planten für die Geflüchteten. Sie rieben und stießen sich an den bürokratischen Hürden und den immer engeren Spielräumen. Sie erlebten das Umkippen der Stimmung in Gesellschaft und Politik in der Familie, im Freundeskreis. Sie hatten sich plötzlich zu rechtfertigen für das gewährte Kirchenasyl, die Rundumbetreuung. Die Überidentifikation mit dem Schicksal der Geflüchteten wuchs sich zu psychischen Problemen aus, berichten die Osnabrücker Forscher, die alle ihre Gespräche aufgezeichnet, übertragen und mit großer wissenschaftlicher Sorgfalt ausgewertet haben. Tränen flossen bei den Gesprächen in den Fokusgruppen. Und nicht nur dort: Tränen der Überforderung, aber auch Tränen der Freude über eine endlich gelungene Familienzusammenführung oder ein neugeborenes, gesundes Kind.

Ob der Einblick in die Denkwelten der Engagierten, den Christel Kumbruck und ihre Mitarbeiter gewähren, genutzt wird? In seinem Vorwort zur Studie schreibt Gerhard Wegner, langjähriger Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts, nachdenkliche Sätze zu den „geschlossenen moralischen Welten“. Einiges sei in den letzten Jahren falsch gelaufen. „Es ist von nicht unbeträchtlichen Teilen der Politik – aber gerade auch von den Kirchen – übersehen worden, dass es einen Teil der deutschen Bevölkerung gibt, der die große Offenheit gegenüber den Flüchtlingen gerade nicht teilt“, schreibt Wegner. Das Misstrauen gegenüber den politischen Eliten, zu denen auch die Kirchen gezählt werden könnten, „öffnet Türen für einen gefährlichen, reaktionären Kurs, der unser Land grundlegend verändern könnte“. Weder Parteien noch Kirchen böten Plattformen an, abweichende Sichtweisen zu artikulieren.

Auch diese bei allen Einschränkungen eindrucksvolle Studie ist bisher öffentlich nicht diskutiert worden. Coronabedingt, heißt es dazu beim Auftraggeber, dem Sozialwissenschaftlichen Institut. Die Pandemie ist gegenwärtig für vieles Unangenehme ein willkommener Vorwand.

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erstellt am 10.10.2020
aktualisiert am 15.10.2020

Eine Ehrenamtliche spielt mit Bewohnerinnen einer Flüchlingsunterkunft, 2016 (Video-Screenshot)

Eine Ehrenamtliche spielt mit Bewohnerinnen einer Flüchlingsunterkunft (2016)
Video-Screenshot

Forschungsprojekt

C. Kumbruck, M. Dulle, M. Vogt
Flüchtlingsaufnahme kontrovers
Einblicke in die Denkwelten und Tätigkeiten von Engagierten
Band 1
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