Nava Ebrahimis mehrfach ausgezeichnetes Debüt „Sechzehn Wörter“ erzählt die fiktionalisierte Biographie einer jungen Frau und ihrer Familie zwischen Köln und Iran. In ihrem neuen Roman „Das Paradies meines Nachbarn“ sollen in Dubai zwei Männer aufeinandertreffen, deren Leben durch den Iran-Irak-Krieg (1980-88) miteinander verbunden sind. Ein dritter, Sina, scheint irgendwie in diese Begegnung hineingeschliddert. Seine Suche nach sich selbst öffnet schließlich allen drei Figuren eine Tür. Maryam Aras hat mit Nava Ebrahimi gesprochen.

Gespräch mit der Schriftstellerin Nava Ebrahimi

Über Krieg und Mutterliebe

Maryam Aras: Mona, deine Heldin in „Sechzehn Wörter“ hat ja einiges mit dir gemeinsam. Zwei Lebenswelten – mindestens – und dann immer wieder diese traumatischen Erfahrungen, nirgendwo so ganz dazuzugehören. Obwohl es natürlich auch einen extrem spannenden Plot gibt. In deinem neuen Roman hast du dann von Grund auf eine neue Geschichte mit drei männlichen Figuren entwickelt. Stimmt das Klischee, dass Schreibende zuerst den Ballast der eigenen Biographie verarbeiten müssen, bis sie sich dann ganz und gar der Fiktion widmen können?

Nava Ebrahimi: In meinem Fall stimmt es, ja. Das Autobiografische, die Brüche in meinem Leben waren es, die mich überhaupt zum Schreiben gebracht haben. Daher musste ich die auch zuerst ergründen. Aber bei manchen Autor_innen ist es genau andersherum: Sie drücken sich ihr Leben lang vor ihrem autobiografischen Material, um sich dann erst spät, im Alter, zu ergeben. Der schwedische Romancier Per Olov Enquist, der vor kurzem verstorben ist, wäre ein Beispiel dafür: In einem Gespräch im Literaturhaus München sagte er wörtlich, er habe sich davor gedrückt. Aber zurück zu mir: Nach meinem ersten, autobiografisch inspirierten Buch fühlte ich mich tatsächlich freier und offener.

Die Geschichte beginnt zunächst in München, Sina und Ali Najjar begegnen sich in einem hippen Design-Büro. Ali Najjar ist Sinas neuer Chef, „mehr Ereignis als Mensch“, heißt es an einer Stelle. Wie ist das Verhältnis der beiden?

Sina ist gespalten: Einerseits sucht er Ali Najjars Nähe und würde sich gerne aufgrund der gemeinsamen Wurzeln mit ihm verbrüdern, andererseits schüchtert ihn Ali Najjars arrogantes Auftreten ein. Ali Najjar wirkt auf ihn unnahbar, so wie sein abwesender, stets unerreichbarer Vater, ein Iraner, der Frau und Kind sehr früh Richtung USA verließ. Ali Najjar macht allerdings überhaupt keine Anstalten, Sina in irgendeiner Weise anders zu behandeln als die anderen Angestellten. Und er kritisiert Sinas Arbeit. Mit dieser Situation kommt Sina nicht klar. Es ist, als reproduziere Ali Najjar die Kränkung, die Sina durch seinen Vater erfahren hat. Deshalb bittet Sina ihn um ein Sabbatical.

In einigen Besprechungen wurde, abgeleitet von der Vermutung, Sinas Frau habe eine vorzeitige Midlife-Crisis , dies entsprechend gedeutet. Ist Sinas Krise nicht eigentlich eine ziemlich verspätete Identitätskrise, die mehr mit seinem abwesenden Vater zu tun hat als mit seinem Alter (er ist 38)?

Es stimmt, die Begegnung mit Ali Najjar führt dazu, dass Sinas lange schwelende Identitätskrise Feuer fängt. Hinzu kommt das Gefühl, beruflich in einer Sackgasse gelandet zu sein und in der Beziehung zu seiner Frau empfindet er sich als austauschbar. Diese drei Krisen, in einem gewissen Alter gerne mit Midlife-Crisis tituliert, hängen aber letztlich zusammen. Seine in gewisser Weise unklare und auch sozial niedere Herkunft im Vergleich zu seiner Frau schwächen ihn in der Beziehung zu ihr, sie dominiert ihn und wendet sich schließlich einem anderen Mann zu. „Ich weiß nicht, was du bist“, sagt Ali Najjar zu ihm und trifft damit ins Schwarze.

Gerade das Unklare an Sinas Charakter zeigst du in vielen Bildern, die mit Einrichtungsgegenständen zu tun haben – eine Gummiinsel, aus der die Luft raus ist, fehlende Regale in Sinas Wohnung, zum Beispiel. Woher kam dieses „ästhetische“ Thema des Romans, Gefühle mithilfe von Gegenständen auszudrücken?

In meinem Roman geht es auch um die Freiheit, das Leben selbst zu gestalten. Wir im Westen glauben, diese Freiheit, anders als in den meisten anderen Teilen der Welt, zu besitzen. Und Sina hat sicherlich mehr Spielräume als etwa Ali-Reza, der als Kriegsveteran in einem autoritären Staat lebt und an den Rollstuhl gefesselt ist. Nichtsdestotrotz sind wir in einem kapitalistischen System anderen Mechanismen unterworfen. Wenn wir nicht aufpassen, kann unsere Freiheit in einen Zwang zur Selbstoptimierung, zu permanentem Selbstdesign münden – vor allem mittels Konsumgütern. Sina kann es nicht artikulieren und er ist kein Rebell, aber er verspürt zunehmend Widerwillen.

Parallel zu den Geschehnissen in München lernen wir Ali-Reza in Teheran kennen. Er war als 14-Jähriger im Irak-Iran-Krieg und hat einen Giftgas-Einsatz von Saddam Hussein überlebt. Wie bist du auf die Idee für diese Figur gekommen?

Diese dritte Figur ist als letzte entstanden. Ich wollte diese starke Figur Ali Najjar dekonstruieren, dafür brauchte ich Ali-Reza.

Der Blick, den du durch die Sicht eines ehemaligen Kindersoldaten auf den Iran-Irak-Krieg eröffnest, ist ja ein sehr spezieller. Warum gerade diese Perspektive auf diesen sehr komplexen Konflikt?

Ali-Reza schuf ich zunächst vor allem, weil er eine Funktion in der Dramaturgie erfüllen sollte. Er hat dann ein Eigenleben entwickelt. Seine Erinnerungen an die Zeit als Kindersoldat und seine heutige Haltung zum Iran-Irak-Krieg prägen ihn als Figur. Aber er ist weit mehr als ein Kriegsveteran, er ist auch Sohn, Ziehbruder, Liebhaber. Ich habe ihn nicht zum Brennglas für den Krieg machen wollen. Eben weil dieser Konflikt – wie vermutlich alle – ein sehr komplexer war, kann das eine einzelne Romanfigur gar nicht leisten. Niemand kann das leisten, selbst um Objektivität bemühte Wissenschaftler_innen nicht. Wir können Mosaiksteine hinzufügen und das Bild detailreicher machen.

Ali-Reza bestellt Ali Najjar nach Dubai, um ihm den Abschiedsbrief der Mutter zu überreichen und dort kreuzen sich die Wege aller Drei. Das liest sich von der Szenerie her sehr spektakulär, aber wie bist du ausgerechnet auf Dubai gekommen?

In Dubai klaffen Schein und Sein so weit auseinander, wie sonst nirgends, und das passt in gewisser Weise zu Ali Najjar, auf andere Weise zum Iran-Irak-Krieg – in der Propaganda heldenhaft überhöht wurde und in der Realität nichts als ein gegenseitiges Abschlachten war. Mit Dubai verbinde ich saubere Fassaden und miese, unwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen der Gastarbeiter, die sie errichtet haben. Rigide Sexualmoral und schamlose Ausbeutung von Asiatinnen. Luxus und aberwitziger Überfluss auf der einen, Armut und Mangel auf der anderen Seite. Ich thematisiere diese Missstände zwar nicht explizit und beschreibe Dubai vor allem durch die Augen von Sina, dessen Blick aufgrund seiner privaten Nöte stark verengt ist. Dennoch hatte ich von der ersten Sekunde an das dringende Gefühl, den Roman in Dubai spielen lassen zu müssen.

Welche Rolle spielen eigentlich die Mütter in deinem Roman? Wirklich glücklich scheint ja keine der Mutter-Sohn-Beziehungen in der Geschichte zu sein.

Ali-Rezas Beziehung zu seiner leiblichen Mutter ist außergewöhnlich unglücklich, aber das ist dem Regime, dem Krieg und all seinen Folgen zuzuschreiben. Ohne diese Einschläge in ihr beschauliches Leben hätte es eine normalglückliche Mutter-Sohn-Beziehung werden können. Die Beziehung Ali-Rezas zur Ziehmutter, die auch nicht ungetrübt ist, wäre niemals entstanden. Ali Najjar war kein einfaches Kind, seine Mutter musste ihm zugleich den Vater ersetzen. Aber wirklich kompliziert wird auch diese Beziehung erst, weil die Mutter Ali Najjar nach Deutschland schickt und er seitdem einen leisen Zweifel daran hegt, dass sie ihn wirklich liebt. Sina wiederum versuchte schon als Kind seine Mutter zu schonen und ihr keine Schwierigkeiten zu bereiten, weil sein Vater abgehauen und sie ganz auf sich allein gestellt war. Eine echte Beziehung mit echten Auseinandersetzungen konnte zwischen ihnen so nicht entstehen. Mütter sind immer noch meist die Personen, von denen wir vom ersten Atemzug an abhängig sind. Väter können – oder konnten bislang – immer noch überlegen, dass sie ja doch lieber Schafzüchter auf Neuseeland werden wollten und über Nacht verschwinden. Mütter nicht. Und so versuchen sie gegen alle Widerstände, die Kinder durchzubringen. Das führt zu Verwerfungen, selbst in friedlichen Zeiten. Kaum eine Beziehung zwischen Kindern und Eltern ist unbelastet.

Ist es leichter so zu schreiben, wenn die Geschichte weiter weg von dir selbst, überwiegend recherchiert und eben Fiktion ist?

In meinem ersten Roman ist die Handlung zwar fiktiv, aber viele Empfindungen der Hauptfigur Mona kannte ich gut. Vieles konnte ich aus mir heraus schöpfen. Für den neuen Roman habe ich mich in gänzlich fremde Charaktere hineinversetzt. Das war anfangs fordernder, ging ab einem gewissen Punkt aber gut. Von da an fiel mir das Schreiben ähnlich leicht, wie beim ersten Buch. Vermutlich musste ich mich mit meinen neugeschaffenen Figuren erst einmal vertraut machen.

Gerade deine Figuren sind so beeindruckend beim Lesen, so vielschichtig, und durch ihre Innenansichten und ergänzenden Beobachtungen der anderen Charaktere außergewöhnlich plastisch. Wie entwickelst du diese Persönlichkeitsschichtungen?

Die Vielschichtigkeit entsteht in einem Wechselspiel aus Charakter und Handlung. Für Leserinnen und Leser muss nachvollziehbar sein, warum X auf folgende Weise handelt und Y auf folgende Weise reagiert. Wenn ich anfange zu schreiben, habe ich die Figuren grob vor mir, aber richtig vielschichtig werden sie erst, wenn ich sie auf die Reise schicke. Zum Beispiel Ali Najjar: Er wirkt anfangs total abgebrüht und selbstsicher. Mir war zwar klar, dass er letztlich so verletzlich ist, wie alle anderen Menschen es sind. Aber wie und wo genau, das ist mir erst im Prozess bewusst geworden. Denn ich musste Ali Najjar ein Motiv dafür liefern, dass er seinen Ziehbruder Ali-Reza nicht treffen will: nämlich (auch), weil er diesen um die Liebe der Mutter beneidete und ihn deshalb ablehnt. Weil Ali Najjar stets daran zweifelte, dass seine Mutter ihn wirklich liebte. Schon als Kind musste er permanent Grenzen überschreiten, um sich der Bedingungslosigkeit dieser Liebe zu vergewissern. Dieses Verhalten setzt er als Erwachsener fort. Er ist getrieben von der Frage: Wie weit kann ich gehen? Bis wohin lieben mich die Menschen? Das ist eine große Verunsicherung, die von außen betrachtet wie eine große Furchtlosigkeit wirkt.

Das Gespräch führte Maryam Aras.

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erstellt am 07.10.2020
aktualisiert am 07.10.2020

Nava Ebrahimi, 2020 (Foto: Video-Screenshot)
Nava Ebrahimi, 2020

Nava Ebrahimi wurde 1978 in Teheran geboren und studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln. Sie arbeitete als Redakteurin bei der Financial Times Deutschland und der Kölner StadtRevue. Nava Ebrahimis Debütroman „Sechzehn Wörter“ erschien 2017 und wurde mit dem Österreichischen Buchpreis (Debütpreis) ausgezeichnet. Seit 2012 lebt sie mit ihrer Familie in Graz.

Buchcover Nava Ebrahimi: „Das Paradies meines Nachbarn“, btb Verlag

Nava Ebrahimi
Das Paradies meines Nachbarn
Roman
Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten
ISBN: 978-3-442-75869-2
btb Verlag, München 2020

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Buchcover Nava Ebrahimi: „Sechzehn Wörter“, btb Verlag

Nava Ebrahimi
Sechzehn Wörter
Roman
Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten
ISBN: 978-3-442-75679-7
btb Verlag, München 2017

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