„Das Schaudern ist der Menschheit bestes Theil“, erklärt Faust dem Mephistopheles. Und Schaudern ist angebracht gegenüber dem Ungeheuren, das wir mit dem Begriff Anthropozän bezeichnen. Peter Strasser hat sich in seinem neuen Buch „Des Teufels Party“ ausgemalt, was passiert, wenn es zu spät ist. Und er fragt, ob es eine Chance für den Menschen gibt, die Zerstörung der Erde zurückzunehmen. Hier ist der Prolog und das erste Kapitel.

Originalauszug

Des Teufels Party

Prolog – Im Garten des Parasiten

„… denn alles, was entsteht
Ist wert, dass es zugrunde geht …“
(Mephistopheles)

„Ein bissel was geht immer.“
(Monaco Franze)

Die beiden Motti, die ich an den Anfang meiner Überlegungen platziert habe, standen für mich fest, bevor noch das neueste Virus die Welt in Angst und Schrecken versetzte. Schreiben wollte ich über die »Epoche des Menschen«, eine Epoche, welcher bereits der Titel Anthropozän verliehen worden war. Dabei schwebte mir vor, eine – halbwegs bildlich gesprochen – philosophische Tapisserie der zeitläufigen anthropologischen Krise anzufertigen, teils Stimmungsbericht, teils ethische und metaphysische Reflexion, gestützt auf empirische Daten, ohne sich in ihnen zu erschöpfen.

Der große Physiker, Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker betitelte eines seiner Bücher Der Garten des Menschlichen. Das war 1977. Man durfte nach zwei Weltkriegen hoffen, dass die Erde ein solcher Garten zu werden begänne, falls alle Menschen guten Willens sich nur aufrichtigen Herzens und mit dem Verstand eines Homo Sapiens anstrengten. Heute weiß man: Das war Philosophenromantik. Aber eben nicht nur Romantik. Der Garten des Menschlichen ist vielmehr eine regulative Idee: Darauf hin, auf diese Utopie, sollen wir uns zubewegen, oder wir werden im Nirgendwo enden, im endlosen Tal der Tränen und der Dunkelheit des Geistes.

Vorerst jedoch ist festzuhalten: Der Garten des Menschlichen glich mehr und mehr der Raubstätte des effektivsten Parasiten. Sein Name: Homo Sapiens. Wir betrachteten die natürliche Welt als unseren Wirt, den auszusaugen wir willens waren. Dabei verschlossen die meisten von uns ihre Augen vor der offensichtlichen Konsequenz: Die »Epoche des Menschen« würde sich in dem Augenblick erledigt haben, in dem unsere eigenen Lebensgrundlagen aufgezehrt und verwüstet wären.

Doch bis es soweit sein würde, fand – nun schon rückblickend betrachtet – im Garten des Parasiten, an den Orten seines prächtigen Gedeihens, ein hysterisches, hedonistisch zugespitztes, apokalyptisch funkelndes Treiben statt. Dieses Gebaren, das als Kollateralschaden Hekatomben von Elenden, Hungernden und Kriegstoten produzierte, hätte es wohl verdient, als des »Teufels Party« charakterisiert zu werden (und ist gewiss nicht zu vergleichen mit jenem biederbösen Gangsterfilm aus den Dreißigerjahren, der tatsächlich den Titel The Devil’s Party trug).

Es war der französische Philosoph Michel Serres (1930–2019), der die untergründig-abendländische Semantik zwischen dem Parasiten und dem Teufel freilegte, um sie mit dem gefräßigen Phänomen der »Information« kurzzuschließen. Ihn weiterdenkend wollte ich – wieder rückblickend gesprochen – das Hell-Dunkel meiner Stimmungstapisserie akzentuieren: die Parasiten, welche den Planeten, die duldsam-dunkle, erdig-erhabene Gaia ausbeuteten und verwüsteten – das waren wir selbst. Wir waren seit jeher »Parasiten im Garten«, was mythogenetisch darauf hindeuten mochte, dass wir, der Erde entsprungene Töchter und Söhne, uns nicht bloß in unserer gefräßigen, eigensüchtigen Natur erschöpfen.

Mag sein, dass alles, was entsteht, wert ist, dass es zugrunde geht. Doch dieses mephistophelische Diktum markiert eine endzeitliche Grenze. So jedenfalls die Hoffnung, die sich in kalauerartiger Form, als eine Art bayerisches Apriori, bis heute erhalten hat: »Ein bissel was geht immer.« Das ist gewiss kontrafaktisch gedacht, denn wir wissen, dass es nicht immer geht, nicht einmal in dem eingeschränkten Sinne, dass es sich dabei um »ein bissel was« handelt.

Es gibt Grenzen, deren Überschreitung das Ende einer Epoche markiert, und dieses unumstößliche Gesetz im Raum beschränkter Möglichkeiten und Ressourcen gilt auch für das Anthropozän. Mag sein, eines Tages wird der Mensch verschwinden, und zwar nicht im Sinne Michel Foucaults: »wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand«.

Foucault meinte den Menschen des Humanismus und der Moderne. Der Mensch wird, falls er sich nicht vorher aus eigener Machtvollkommenheit auslöscht, unweigerlich dann verschwinden, wenn die kosmischen Umstände kein menschliches Dasein auf Erden gestatten. Doch so weit ist es noch nicht. Die Party war bis vor Kurzem in full swing. Es stellt sich indessen die bange Frage: Wird sie es auch in Zukunft ungebrochen wieder sein? Ist die Redeweise davon, dass »nichts mehr so sein wird, wie es früher war«, bloße Rhetorik der Nostalgiker und Vorwärtsdenker?

Bis hierher habe ich manche Passagen in die Vergangenheitsform gesetzt. Damit will ich andeuten, dass sich heute, im Frühjahr 2020, seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in unseren Nahebereichen, in Europa, aber im Grunde weltweit, die existenzielle Atmosphäre grundlegend verändert hat. Nun ist das Virus unser Parasit, und wir, die bisherigen Master-Parasiten, kämpfen um unser Überleben, im wörtlichen und übertragenen Sinne.

Man werfe bloß einen Blick auf den drohenden Totalzusammenbruch unserer ökonomischen und sozialen Strukturen. Das Virus wird uns nicht vernichten, unsere Gattung nicht auslöschen, dafür werden unsere Genetiker und Gesundheitsingenieure sorgen. Uns stehen Überlebenstechniken zur Verfügung, mit denen das Virus nicht rechnet, weil es, mangels Intelligenz, mit gar nichts rechnet.

Doch eben darin liegt auch ein besonderer Schrecken. Wir haben es weltweit nicht mit einem sensiblen, empfindungsfähigen Feind zu tun. Das virale, parasitäre Mordmaschinchen Covid-19, welches gemäß Expertendefinition gar nicht alle Bedingungen des Lebens erfüllt, mutet uns auf eine archetypisch angsterregende Weise »unschuldig« an. Es ist das unschuldig Böse, mit dem wir hier konfrontiert sind. Man kann, aus einer aufgeklärten Sicht der Seuchenentwicklung, eine derart mythologisierende Redeweise ablehnen. Dabei würde man aber die Stimmungsresonanz, die das Virus in uns auslöst, verfehlen.

Erst jetzt, im Bedenken der Pandemie, beginnt uns zu dämmern, dass ein gerüttelt Maß an anthropozentrischer Überheblichkeit in der Rede von der Epoche des Menschen – Anthropozän – mitschwang. Denn obwohl wir uns noch immer im Milliardenbereich des Menschlichen bewegen und die Geburtenrate für ein rasches weiteres Ansteigen der Weltbevölkerung sorgen wird (mithin auch die parasitäre Wirkungsweise des Homo Sapiens wieder rasch an beschleunigter Fahrt aufnehmen könnte), hat nun das Wort von des Teufels Party eine neue Schärfe und Zuspitzung erhalten.

Uns ist grell ins Bewusstsein getreten, was uns schon immer hätte klar bewusst sein müssen. Wir, die mit Willen und Absicht Handelnden und daher im ethischen Sinne Bösen, sind nicht die Einzigen, die auf der Weltparty tanzen oder kriechen oder sterben. Es gibt andere Mitspieler, die das Terrain des Lebens durchpflügen, solche, die in der kollektiven Archetypik als das »unschuldig Böse« verbucht werden. Dieses verbreitet seit jeher in Form von Seuchen mehr Schrecken und Todesangst als alle menschlichen Machenschaften zusammen.

Hinzu kommen Erdbeben, Sturmfluten, Vulkanausbrüche, Seuchen – und keinesfalls zu vergessen: der sagenhafte Komet. Das milliardenfache menschliche Leben bedroht auf dem Wege der Plünderung des Planeten nicht nur sich selbst und alles andere Leben; es wird auch durch das bedroht, was Leibniz die physischen Übel nannte und unter denen das Virus einen besonderen Schrecken birgt. Unsichtbar vollbringt es sein absichtsloses Werk, bis es keine Nährquelle mehr findet, um sich zu vermehren und wieder abstirbt.

Im Übrigen werde ich den Ausdruck »Parasit« vermeiden. Denn in der metaphorischen Übertragung, angewandt auf bestimmte Menschengruppen und nicht auf das Bösengelhafte des Menschen schlechthin, bekommt jener Ausdruck einen Klang, der seinerseits entmenschlicht: dämonisiert. Ich bin der spätgeborene Bürger eines Landes, das dabei mithalf, unter dem anfänglich bejubelten Regime des Teufels sechs Millionen sogenannte »Parasiten« zu ermorden, und in dem pogromlustige Burschenschaftler auf ihren Buden klammheimlich den Zweizeiler skandieren: »Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million …«

Die Epoche des Menschen, verstanden in dem erweiterten Sinne, wonach wir nicht nur maßgeblich auf die natürlichen Erdprozesse einwirken, sondern über die Medien der Globalisierung auch unser eigenes Gattungsschicksal kulturell mitbestimmen – diese Epoche ist der Garten des Parasiten ebenso wie das Exerzierfeld des Unmenschen.

Der Name des ersten Gartens war Eden. Wir sind, mythopoetisch gesprochen, aus dem Paradies Vertriebene. Doch die Erinnerung an jenen fernen, weltenfernen Ursprung nährt in uns die Hoffnung, wir könnten auch bewahren, was wir zerstören. Im Garten spüren wir zugleich unsere Pflicht zur Achtsamkeit gegenüber allem, von dem wir zehren.

Ob das schon ausreicht, um unsere dunkle Lust am Untergang zu zähmen, ist die Epochenfrage, zu deren Beantwortung im Folgenden Fragmente angeboten werden – Vermutungen, in den großen Nebel der Zeit hineingesprochen.
 

1. Das Anthropozängefühl

Die Sonne ist uns nicht mehr das, was sie einmal war. Wir leben in einer durch und durch wissenschaftlich geprägten Atmosphäre. Deshalb wurden uns die großen Dinge unseres Seins und Daseins, all die erdnahen Himmelserscheinungen und das kosmische Drumherum, von den Schwarzen Löchern und Weißen Zwergen bis zu den Milliarden Galaxien, zu an sich bedeutungslosen Fakten, die indes zu 99,99 Prozent absolut lebensfeindlich sind. Das macht unseren existenziellen Bezug zu »Sonne, Mond und Sterne« anfällig für paranoide Reaktionen. Irgendwo »da draußen« lauert immer der Tod, und sei’s nur in der banalen Form eines der hunderttausend riesigen Meteoriten, von denen einer alle paar hunderttausend Jahre mit unserer Erde kollidiert und alles höhere Leben hierorts auslöscht.

Kein Wunder also, dass wir mittlerweile auch der Sonne keineswegs mehr vorbehaltlos »positiv« gegenüberstehen. Am Ende wird sich das »Kernkraftwerk«, als welches sich das Gestirn der Atomphysik darstellt, zu einem riesigen Feuerball ausdehnen, der unsere Erde wegschmelzen und verdampfen wird. Gegen das Grauen, das diese Unausweichlichkeit mit sich führt, ist jener heilige Schrecken, der Blaise Pascal, den Verfasser der Pensées (1669/70), bei der Vorstellung der unvorstellbaren Tiefen des Alls ergriff, eine geradezu romantische Reaktion: das Erschaudern vor der Unendlichkeit gehörte zum religiösen Geborgenheitsgefühl dazu – das alles war eben Schöpfung! Und noch erstaunlicher mutet vor dem Hintergrund unseres kosmischen Argwohns das tiefe Erstaunen Immanuel Kants an, der »den gestirnten Himmel über uns« mit dem Prädikat der Erhabenheit bedachte – einer Empfindung, die sich angesichts des begrifflich nicht mehr Einholbaren tief ins Gemüt einprägt.

Als eminent lebenswichtiger Faktor unserer menschlichen »Situiertheit« war die Sonne niemals bloß ein Faktum, eine wertfreie Tatsache. Sie war, bei aller wissenschaftlichen Durchdringung, immer auch – so ließe sich mit C. G. Jung argumentieren – ein Archetypus, das heißt, eine Symbolmacht des »kollektiven Unbewussten« und als solche dem Mythos wesenhaft zugeneigt. Wir lernten im humanistischen Gymnasium noch vom prächtigen Sonnenwagen, mit dem die Gottheit, sei es der griechische Helios, der römische Apoll oder die germanische Sol, über das Rund des Firmaments stob, getrieben von feurigen Rössern.

Doch der Sonnenmythos konnte auch auf die dunkle Seite hin ausschlagen, so bei den Azteken, wo die Sonne aus Opfer und Blut geboren wurde. Bei Jacques Soustelle, Das Leben der Azteken (1955, dt. 1986), lesen wir, dass am Anfang der Welt eine »kleine aussätzige, mit Schwären bedeckte Gottheit« aus der Götterversammlung hervortrat und sich in eine gewaltige Feuersglut stürzte, aus der dann die Sonne hervorging, allerdings reglos: »Blut war nötig, damit sie in Bewegung kam.« Da opferten sich die anderen Götter und die Sonne »zog Leben aus ihrem Tod …«

Wir sind allzu leicht bereit, über derlei Bilder zu lächeln, ohne zu bedenken, dass auch uns Heutigen die Sonne mehr bedeutet, als die Wissenschaft für zulässig hält. Aber diese weiß eben nichts von den Gründen und Abgründen der menschlichen Seele, die aus einem Geist schöpft, der aller toten Materie vorausliegt. Jedenfalls war dies die Sicht Goethes, der in den Zahmen Xenien (1824) die Sentenz prägte: »Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken.« Hier wird eine Wahlverwandtschaft zwischen dem menschlichen Auge und dem Himmelskörper gedichtet, die sich weder in Begriffen der Evolutions-, noch jenen der Gehirnchemie ausdrücken lässt.

Von der inneren »Passung«, welche erst die Dinge dem Bewusstsein öffnet, handelt im 19. Jahrhundert die Metaphysik. Zu Zeiten Fichtes, Hegels und Schellings galt das idealistische Grundprinzip: Der Weltgeist verkörpert sich in fortlaufender Dialektik zwischen Anschauung und Welt, Ich und Nicht-Ich. Doch solche Zeiten sind lange vorbei. Wir wissen heute viel mehr über den »toten« Stoff der Sonne und sind dabei um vieles ärmer geworden. Von der Sonnenhaftigkeit des Auges blieb die Angst vorm Melanom.

Nach Sonne kommt Regen …

Wie die Sonne, so ist auch der Regen ein Archetypus. Der Regen ist keineswegs eine Realität, die uns bloß in den letzten Jahren, bei laufendem Klimawandel immer stärker zu schaffen macht. Die Sommergewitter meiner Kindheit waren nicht weniger heftig, die Kanalisation weit unter dem heutigen Standard. Und doch ist die heutige Realität des Wassers, das vom Himmel fällt, mit einem tiefliegenden Unbehagen verknüpft. Wir haben uns an der Natur versündigt, wir haben durch unsere Technologien und die Produktion von Schadstoffen das globale – früher hätte man wohl gesagt: gottgewollte – Gleichgewicht gestört.

Wasser spielt in diesem apokalyptischen Szenario eine wesentliche Rolle. Die Eisberge schmelzen, die Meeresspiegel steigen an, die Überflutung riesiger Küstenflächen samt den angrenzenden Megastädten mit Millionen Einwohnern scheint unaufhaltsam. Konträr dazu werden riesige Landgebiete, auf denen einst eine üppige Flora und Fauna gedieh, zu glühenden, lebensfeindlichen Wüsten. Jahrelang kein Regen mehr! Und daran sind wir selbst schuld, vor allem jene Masse an Begünstigten – wir schreiben das Jahr 2020, die Menschheit geht rasch auf die Achtmilliarden-Grenze zu –, welche ihren Wohlstand durch einen ungeheuren Energieverbrauch und die damit einhergehende Klimaerwärmung samt desaströser Umweltverschmutzung sicherte.

In unserer Seelentiefe lebt jedenfalls ein Schuldbewusstsein, das die Revanche der geknechteten, ausgebeuteten Natur fürchtet. Sind wir etwa die Teufel, welche die Erde verwüsten? _The Devil’s Party_ – sind wir, indem wir die Saturnalien des Teufels zelebrieren, rücksichtslos gegenüber aller Kreatur und auch unserer eigenen Nachkommenschaft? Der Archetypus unterliegt der Logik des Archaischen. Er fordert Vergeltung. Wir, die wir die Meere verschmutzt, verwüstet und fast totgefischt haben, sind reif für die Sintflut …

Viele fürchten – und ersehnen doch insgeheim – den Großen Regen. Sie nennen ihn vielleicht nicht so. Aber es war gewiss kein Zufall, dass, nach dem ungeheuerlichen Tsunami 2004, ausgelöst durch ein Erdbeben im Indischen Ozean, der österreichische Kardinal Christoph Schönborn, ein katholischer Christ, unumwunden erklärte, Gott habe damit ein Zeichen setzen wollen: Die Menschen sollten wieder zum Glauben – und damit wohl auch zur gottgewollten Einheit mit der Natur – zurückfinden. Erdbeben und Flut forderten damals allein in Indonesien über eine Viertelmillion Todesopfer, von den Verwüstungen des Landes ganz zu schweigen.

Die Rhetorik des Kardinals, der zu den milden, menschenfreundlichen Kirchenfürsten zählt – er selbst reiste zu den Christen und Andersgläubigen nach Banda Aceh, mitten ins Krisengebiet –, folgte einem mythischen Muster. Gott Jahwe ließ das verkommene Menschengeschlecht in den Regenfluten untergehen; nur Noah, der Gotttreue, überlebte samt den mitgeführten Tieren in seiner Arche. Und so ist auch der Regen für uns Heutige nicht nur eine ökologische Größe, sondern weiterhin ein Symbol, das Himmel und Erde auf eine Weise verbindet, die der wissenschaftlichen Optik des Klimaforschers fremd bleibt, ja, als Unsinn erscheinen muss.

Unsere Vorfahren verbuchten den Regen, der vom Himmel fiel, als eine Gabe der Götter. Ohne Regen kein Leben im ewigen Kreislauf der Natur. Wurde dem Regengott nicht geopfert, verdorrte das Land. Bei den Azteken – um deren düstere Weltsicht zur Zeit der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert noch einmal zu bemühen – wurden neben Blutopfern auch die Tränen von rituell gequälten Kindern dargebracht: Wasser zu Wasser. Opferwasser als Götternahrung, um den Kreislauf des lebensspendenden Elixiers sicherzustellen.

Nichts versinnbildlicht den ewigen Kreislauf des Lebens in seiner natürlichen Einbettung derart geschlossen wie Wasser und Regen. Aus den Meeren, Feuchtgebieten, Pflanzenregionen steigt Dampf in den Himmel auf und sammelt sich dort zu Wolken, aus denen dann, neben Blitz und Donner, das Wasser als Regen wieder zur Erde fällt. Wenn die Erde verseucht ist, »sündig«, dann wird der Regen verseucht sein. In der Apokalypse des Johannes regnet es Blut; und auch die Meere werden blutig.

Zu unserem empirischen Wissen gesellt sich derart eine Metaphorik, die über die bloße Funktion des mythischen Ursprungselements »Regen« für unser Leben – nebenbei, wir selbst bestehen aus etwa achtzig Prozent Wasser – und das Leben auf Erden weit hinausführt. Es gibt eine Metaphysik des Regens, die das Wasser vom Himmel mit der Vorstellung einer kosmischen Gerechtigkeit verbindet. Diese führt ins fragwürdige Gebiet des Göttlichen, zumal der gebärenden Muttererde, der Gaia. Auch wenn wir als aufgeklärte Subjekte dieses Gebiet guten Gewissens nicht betreten wollen, so werden wir den Regen in unserer Seelentiefe doch als eine »Gabe« entschlüsseln – eine Gabe, die sich gegen uns zu wenden beginnt, sobald wir uns des natürlichen Kreislaufs, dem wir als Geschöpfe einbeschlossen sind, nicht mehr als würdig erweisen.

Eine neue Endzeit

Unsere menschliche Kondition, unser Verstand, unsere titanischen Techniken, unser Eigennutz, aber auch unsere ethischen Prinzipien haben ein vielschichtiges Phänomen erzeugt: die »Globalisierung«. Unser Wohlstand verdankt sich der Möglichkeit des weltweiten Handels. Wirtschaft ist Weltwirtschaft, alles andere wäre eine Abschnürung von den Ressourcen und Wachstumspotenzialen, die uns vor dem Elend des ökonomischen Niedergangs bewahren. Aber indem heute aufgrund der Möglichkeit, elektronisch zu kommunizieren, fast überall alles mit allem in Echtzeit zusammenhängt, werden wir zunehmend unfähig, die negativen Effekte unserer globalisierten Existenz zu beherrschen, falls wir sie überhaupt rechtzeitig erkennen.

Heute sind alle jene Überlebens- und Wohllebensthemen, welche die Menschen früher regional bewegten, in einen internationalisierten Diskurs eingerückt. Betrachten wir exemplarisch den forstwirtschaftlichen Gebrauch des Wortes »nachhaltig«. Demnach sollte jährlich nicht mehr an Baumbestand gefällt werden, als im selben Zeitraum nachzuwachsen imstande und an Aufforstungsleistungen möglich ist. Angesichts des ökonomisch profitablen Abholzens der großen Waldgebiete in verschiedenen Weltregionen gelangt das Thema – auch wegen der damit einhergehenden Bedrohung des gesamten Ökosystems – auf die Agenda jener Nachhaltigkeitssünden, welche die Menschheit insgesamt betreffen.

Und das ist gut so. Doch zugleich entsteht eine Situation, die – um ein Bild aus dem Mühle-Spiel zu verwenden – Doppelmühlen im dichtvernetzten System der Überlebensproblematiken aufmacht. Die Befriedigung der unstillbaren Profitgier großer Holzverarbeitungs- und Bodenerschließungskonzerne ist ein Teil von Nutzenrechnungen, welche, im Sinne einer »Gemeinwohlbilanz«, mit der Belebung lokaler Ökonomien und der Erschließung neuer industrieller Standorte argumentieren. Derart stehen negative Langzeiteffekte gegen kurzfristige Programme individueller Lebenserleichterung. Wer wollte hier, konfrontiert mit der oft akuten Not der jeweils ansässigen Bevölkerung, die Verletzung von Nachhaltigkeitsgrundsätzen einmahnen?

Verschärfend und demoralisierend tritt hinzu, dass die Forderung nach »sozialer Gerechtigkeit«, national und weltweit gesehen, ohnehin nur noch eine wirkungslose Phrase zu sein scheint. Vergessen wir nicht: Etwa 20 Prozent der Erdbevölkerung verfügen zurzeit über 85 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts! Daraus resultieren Vermögensunterschiede, die sich mit keiner noch so liberalen Ethik, keinem Leistungsdenken rechtfertigen lassen. Und die Schere zwischen Arm und Reich zeigt vorerst, ob bei wachsendem oder schrumpfendem Weltwirtschaftsvolumen, keinerlei Tendenz, sich auch nur ansatzweise zu schließen …

Mehr noch als durch ihre Waffenarsenale, die mittlerweile wieder in den Himmel wachsen, bedrohen die rasch wachsende Menschheit Umweltzerstörung und Klimawandel bei rasch schrumpfenden Kohle- und Erdöl-Reserven (auch wenn es von Letzteren noch einige Jahrzehnte hinreichend Fördermengen geben soll). In seinem Bericht aus dem Jahre 2004 hat der Club of Rome, basierend auf neuen Schätzwerten und einem leicht veränderten Computermodell, seine Prognosen von 1972 nachgebessert. Bei laufendem Weltbetrieb wird der »globale Kollaps« etwa für das Jahr 2030, spätestens für 2050 erwartet. Einzig die massive Einschränkung des Konsums, eine strikte Kontrolle des Bevölkerungswachstums und die sofortige Reduktion des Schadstoffausstoßes (gegen Null?) sowie eine Vielzahl weiterer Maßnahmen könnten demnach einen Zusammenbruch der uns bekannten Zivilisation verhindern. Dabei müssten die angeführten Einschränkungen und Nachhaltigkeitsstrategien jedoch gleichzeitig und weltweit durchschlagend zum Tragen kommen. Das alles klingt regelrecht nach Fantasy.

Gewisse Teile unseres Ökosystems haben wir bereits weitgehend vernichtet, der fortschreitende Tod der Korallenriffe ist unvermeidlich, das Leerfischen der Meere in vollem Gange, Gegenmaßnahmen sind viel zu zögerlich; die progressiv anhaltende Verschmutzung der Gewässer reduziert den noch vorhandenen Fischbestand zusätzlich. Das Rückgängigmachen solcher Schäden wird Tausende und Zehntausende von Jahren dauern. Trotzdem bleibt uns, falls wir überleben wollen, nichts anderes übrig, als auf den ohnehin höchst unwahrscheinlichen Versuch zu setzen, die weltweit rasch wachsenden Schäden durch gebündelte Umweltrettungsstrategien wenigstens zu verlangsamen.

Und so charakterisiert die Weltepoche des »Anthropozän« – was für ein bombastischer Name! – ein zusätzliches Entscheidungsproblem, welches man kaum anzusprechen wagt: Sind wir, die schamlos privilegierten Bewohner der Konsumoasen dieser Welt, im Ernstfall bereit, gravierende Einschränkungen unseres Wohlstands in Kauf zu nehmen? Oder aber werden wir doch lieber zusehen, wie der größte Teil der minderprivilegierten, geschundenen, dahinvegetierenden Menschheit verschwindet? Zyniker mögen darauf setzen, dass riesige Volksmassen unter diktatorischen Regimes ein ökologisch »nachhaltiges« Dasein fristen könnten, freilich um den Preis, den dann vollständig kontrollierten Einzelnen – man denke paradigmatisch an China – auf dem Niveau einer Ameisenexistenz zu fixieren. Liegt darin die Zukunft des Anthropozäns?

Man glaubt als Realist, die Antwort auf all diese Fragen und Eventualitäten zu kennen. Aber vielleicht müssten sie rund um den Erdball ja nur rabiat genug gestellt und eingefordert werden, um den Realisten zu widerlegen. Dabei bleibt freilich die eine Frage, die albtraumartig aufsteigt: Falls die Rettung der Menschheit prinzipiell möglich schiene, wäre der Weg dorthin gangbar, ohne mit neuen nationalen und transnationalen Kriegen, geführt mit den effektivsten Vernichtungstechnologien, gepflastert zu sein? Und wäre, so gesehen, die Apokalypse des Homo Sapiens etwa der wahre Weg seiner »Rettung« in einer dann fast menschenleeren Welt, deren größter Teil unbewohnbar geworden wäre?

Auszug aus

Peter Strasser: „Des Teufels Party – Geht die Epoche des Menschen zu Ende?“ Sonderzahl Verlag, Wien 2020 (Prolog und Kapitel 1, Seiten 9–22)
Mit der freundlichen Genehmigung des Sonderzahl Verlags Wien.

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Kommentare


Bruno Mattes - ( 08-10-2020 12:24:22 )
Gefällt mir nicht. Obwohl ich glaube, das sehr berechtigte Anliegen Stassers zu verstehen, mag ich diese poetisch überhöhte generalisierende Sprache nicht, wenn es um sachlich benennbare Katastrophen geht. 1. Seit wann gebärden "wir" uns denn wie Parasiten ? Doch wohl erst seit etwa 250 Jahren mit einer Wirtschaftsform, die - entscheidend - sehr
wahrscheinlich nicht mehr kontrolliert werden kann. 2. Warum nicht ? Dies dürfte in politischen Machtgründen und extremen Ungleichgewichten liegen. Und in naheliegenden egoistischen Interessensabhängigkeiten. 3. Was dieses Atomkraftwerk am Himmel in ein paar Milliarden Jahren anstellen wird , ist interessant zu wissen, aber fürs Hier und Heute eher nicht. 4. Nein, der Kardinal Schönborn ist kein menschenfreundlicher Kirchenfürst (???als obs das institutionell jemals gegeben hätte !), sondern ein in seinem Wahnsystem gefangener Idiot wie alle Religiösen: nichts gefährlicher, als solche vermeintlich welterklärenden Mythen). 5. Warum keine Einvernehmlichkeit, keine Verständigung möglich ? Warum ist "man" in der Lage, Millionen von Menschen in Gaskammern umzubringen oder Hunderttausende in einem sonnigen-atomaren Feuer ? Ich vermute: weil "wir" einen primitiven Mechanismus in uns haben, ich meine die dichotomische Aufteilung in Gut und Böse.Und das eine Welterklärung ist. Wobei letztere stets die anderen sind.
Spekulativ: ich glaube es war Koestler,der mal von einem "Irrläufer der Evolution" gesprochen hat, im Zusammenhang mit den stalinistischen Säuberungsprozessen.
BM

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erstellt am 05.10.2020
aktualisiert am 06.10.2020

Peter Strasser (Foto: privat)

Peter Strasser

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