Mythen haben ein langes Leben. Manche entstehen, die meisten aber werden wohl absichtlich produziert. Amerika, sein Silicon Valley und die vielen ermutigenden Startups, die auch in Europa nach dessen Vorbild entstehen – überall wird vom großen Geld geträumt. Anna Wiener hat in ihrem Buch „Code kaputt” das Elend des Traums beschrieben, und Peter Kern hat darüber nachgedacht.

Anna Wieners Buch »Code kaputt«

Jing und Jang im Silicon Valley

All the leaves are brown and the sky is grey
[California Dreamin‘, The Mamas and the Papas]
 

Anna Wiener (Video-Screenshot)
Anna Wiener

Die USA nehmen immer noch Entwicklungen vorweg, die über kurz oder lang auch in Deutschland den Trend setzen. In der Kulturindustrie gilt dies ebenso wie in den Informationstechnologien und neuerdings beim Elektroauto. Ist das Smartphone ein industrielles Produkt oder ein kulturindustrielles? Da es die Kulturindustrie kennzeichnet, mit Entspannungsübungen Verhältnisse erträglich zu machen, die am Maßstab der Selbstbestimmung gemessen unerträglich sind, schlagen die Games und Apps auf den iPhones in beiden Branchen zu Buche.

Der US-amerikanische Einfluss auf die hiesigen Verhältnisse ist nicht per se kritikwürdig; ihm kam in der Vergangenheit zivilisierende Wirkung zu. Das Standesbewusstsein der deutschen Angestellten, das den Triumph der NSDAP beflügelt hat, ist nicht zuletzt dank amerikanischer Managementmethoden verschwunden. Diese Methoden haben die deutschen, streng hierarchisch aufgebauten Unternehmen in den 60er Jahren ziemlich entrümpelt. Die außerparlamentarische Opposition im gleichen Jahrzehnt verdankt der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung Entscheidendes. Was die Gegenwart angeht: Ohne Tesla, Zentrale in Palo Alto, Silicon Valley, würden die deutschen Automobilbauer noch immer den Schlaf der Gerechten schlafen.

Geht vom Silicon Valley ein Modernisierungsschub aus? Der Technologiedistrikt nahe San Francisco ist das Eldorado der IT-Industrie. Was für deren Produkte gilt, gilt auch für die dortigen Produktionsbedingungen. Auch diese gelten gegenwärtig als Trendsetter; das Ballyhoo um Startup und New Work zeugt davon. Die Startups hierzulande sind ‚Lehnsgüter‘ von Konzernen mit ganz klassischen Namen: ABB, Bosch, Continental, Daimler und wie sie alle heißen. Die Konzerne finanzieren die Newcomer von Anfang an oder kaufen sie später, sobald sie am Markt erfolgreich sind.

Das Wort von den Lehnsgütern ist einem sehr lesenswerten Buch entlehnt. Anna Wiener hat in Code kaputt eine Arbeitswelt beschrieben, die den genannten Firmen als vorbildlich erscheint, weshalb sie in den leer stehenden Fabriketagen Berlins, Stuttgarts oder Münchens Lofts einrichten und massenhaft Silicon Valley simulieren.

Im imitierten Silicon Valley fällt weg, was es auch im originalen nicht gibt, und was es den Unternehmen – glaubt man ihren Spitzenverbänden – so schwer macht, hierzulande Unternehmer zu sein: Geregelte Arbeitszeit, Tarifvertrag und Betriebsrat. Wird dieser institutionelle Rahmen gesprengt, bricht die große Freiheit an, so das Versprechen, von dem der Mythos des Silicon Valleys erzählt. Jede Zeit hat wohl ihren eigenen Kalifornienmythos. Wer Aufklärung dem Mythos vorzieht, wer die Katze nicht im Sack kaufen will, lese das vorliegende Buch (California Dreamin‘: ein Song über eine Enttäuschung!).

Die von der Autorin geschilderten kalifornischen Unternehmen weisen eine auf Familienstruktur und Freundschaftsbeziehung getrimmte Sozialstruktur auf, die mitproduziert, was Richard Sennet einmal die Tyrannei der Intimität genannt hat. Diese Tyrannei ist das Kennzeichen einer neuen Angestelltenkultur. Das Zwanghafte der Alle-sind-per-du-Atmosphäre soll gar nicht empfunden werden; gelingt dies, wäre es der völlige Triumph der Kulturindustrie.

Die Autorin, eine in New Yorks Buchhandel schlecht verdienende, soziologisch ausgebildete junge Frau, will sich besserstellen und geht an die Westküste. Sie braucht mehr als 20 Dollar pro Stunde und eine ordentliche Krankenversicherung; beides bekommt sie dort geboten. Im Milieu der App-Avantgarde scheitert sie, obwohl sie das Mehrfache an Gehalt kassiert und schreibt den Report ihrer Desillusionierung.

Das Wenige, was zu kritisieren ist, vorneweg: Das Buch ist in der Manier des New Journalism geschrieben: „Eines Nachmittags, als ich leicht verkatert in der Agentur saß und auf einem schlappen Salat herumkaute…“ Das soll unverwechselbar und authentisch klingen, aber man hat’s schon tausendmal gehört. Dem längst in Ehren ergrauten New Journalism hätte die Autorin kein Revival verschaffen müssen, denn sie hat eine wirkliche Erfahrung gemacht, statt Namedropping für die Upper Class zu betreiben.

Schon der Einstieg ins neue Berufsleben nach der absolvierten Probezeit gerät grauenhaft. Der 25-jährige Chairman – er leitet eine zweimilliardenschwere, nichts als Programme schreibende, gerade mal 200 Leute umfassende Firma – examiniert die junge Frau selbst und lässt dabei seine selbstgestrickte Psychologie aufblitzen. („Welche Musik läuft, wenn Sie den Ring betreten“). Der spätpubertierende Boss will von seiner künftigen Angestellten, die jeden Abend als Letzte das Büro verlässt, wissen, ob sie, gemäß Firmenmotto, Down for the Cause ist, ob sie wirklich ‚brennt‘. Seine Macht und ihre Ohnmacht erlebt sie als das Jing und Jang. Der Chef promoviert sie zur Kundenberaterin, und in der Mühle des Alltags findet sie für ihre Verdinglichung solche Sätze: „An manchen Tagen kam ich mir selbst vor wie eine Software oder ein Bot …“ Und auch für die Verdinglichung ihrer mit Small Talk beschäftigten Chefs findet sie treffende Formulierungen: „Es war, als würde man zusehen, wie sich zwei Geldautomaten unterhielten.“

Amerika, du hast es besser – von wegen! Das ganze Milieu dieser Firmen, die absichtsvoll geschaffene Wohngemeinschaftsatmosphäre, die eingezogene Differenz zwischen Berufs- und Privatleben, ist übergriffig. Dass da einer seine Hände nicht bei sich behalten kann, nach der Networking-Party und dem Absacker an der Hotelbar auf Firmenkosten, verwundert nicht. Das Hotel California nimmt gesalzene Preise; für die jungen Frauen ohne datentechnologische Skills sind sie besonders hoch.

Anfänglich will die Icherzählerin die Episoden, aus denen sich ihr Büroalltag zusammensetzt, humorvoll nehmen: Das Schweißband mit Firmenlogo, mit dem alle rumjoggen; das Verscheuern von Apps, deren einziger Sinn darin liegt, möglichst lange an ihnen zu kleben; das Pflichtvergnügen des jährlichen Events mit gemeinsamer Skihüttenübernachtung; das verordnete zusätzliche Teambuilding, mit eng anliegenden Leggings und Shorts auf dem Kinderspielplatz; den Rat der Kollegin, der Belästigung am Arbeitsplatz die sexuelle Macht der Frau entgegenzusetzen; das Selfie mit dem CEO, den man mit Faust auf Faust, mit Fist Bump, begrüßen darf; die raffgierige Datenerfassung und ihre Verschleierung durch comicartiges Webdesign; das Misstrauen gegenüber Beschäftigten, die die Jahresprämie in Bar statt als Aktienoption haben wollen – sind sie auf dem Absprung und vom Erfolg der Firma nicht überzeugt? Irgendwann kann Anna Wiener ihre Wut nicht mehr vor sich selbst verstecken. Ihr Buch ist das Tagebuch dieses Wutausbruchs.

Die in New Yorks Literaturszene sozialisierte Autorin formuliert eine Bohème-Kritik der Silicon Valley-Verhältnisse. Der glückliche Ausdruck stammt aus der Bourdieu-Schule, Luc Boltanski und Evè Chiapello haben ihn geprägt. Die Bohème-Kritik reibt sich an sinnentleerter, fremdbestimmter, in unnützem Zeug vergegenständlichter Arbeit. Sie ist das Erbe der Revolte der 60er und 70er Jahre, auch wenn die Heutigen von dieser Erbschaft nichts wissen. Es ist kein Leiden an materieller Armut, es ist die Armut im Geist der kapitalistischen Arbeit, die quält. Auch Software wird wie am Fließband gemacht, auch wenn das Fließband Desktop heißt, und die vom Chef spendierte Pizza angeknabbert neben dem PC rumliegt. Codieren kann zweifellos gesellschaftlich notwendige Arbeit sein; jede sinnvolle App, das Smartphone selbst beweisen es. Aber das Datenengineering resultiert oft genug in völlig sinnlosen Gadgets. Nicht von ungefähr ist das hässliche Wort vom Coden unter Programmierern gebräuchlich.

Zitat vom Backcover des Buches „Code kaputt”
Zitat vom Backcover des Buches „Code kaputt”

Das zweifelhafte Geschäft mit Big Data hat Anna Wiener ganz nah erlebt. Mit den mit Cookies vollgestopften Apps wird nicht die Kundschaft gefüttert, sondern die Konzerne füttern sich selbst. Alter, Geschlecht, Haarfarbe, Hautfarbe, Schuhgröße, Kleidergröße, Sehschwächen, Gewichtsprobleme, Ernährungseinschränkungen, politische, sexuelle, literarische, cineastische, touristische, kulinarische Vorlieben – die Datenwissenschaftler in der Entwicklungsabteilung nehmen die Cookies wie einen Vorteig, aus dem sich der große Kuchen backen lässt. Der wird all den Firmen verkauft, die für die Vorlieben und Einschränkungen der Kunden aller Couleur die passende Ware haben.

Das Tracking der Kundendaten ist das Kerngeschäft, die Apps dienen dem Anreiz. Am Anfang ihrer verhinderten Karriere ist die Autorin noch begeistert: „Es dauerte nicht lange, bis ich den Fetisch für Big Data nachvollziehen konnte. Datensätze waren faszinierend: digitale Ströme menschlichen Verhaltens.“ Ihre aus dem Nähkästchen plaudernden, in der Entwicklungsabteilung arbeitenden Freunde haben ihr die Geheimnisse des Fetischs gelüftet, und der Ausgang der mit Tracking mitmanipulierten Trump-Wahl haben sie von ihrer Faszination völlig geheilt.

Das hier besprochene Buch ist ein schönes Beispiel der Bohème-Kritik, deren Pendant Sozialkritik heißt. Die französische Soziologie plädiert, um gegen jeglichen Silicon Valley-Geist vorzugehen, für eine Kooperation beider Kritiken. Kollektivverträge, starke Gewerkschaften, institutionelle Interessensvertretungen nicht für ein Zeug halten, das kein Mensch mehr braucht, raten sie. Ihr Rat meint das Gegenteil dessen, was Friedrich Merz raten würde, und was bei ihm und im Silicon Valley als Sozialismus gilt.

Kommen bald die Ideen des Merz? (Die Iden des März waren ja nicht berauschend). „Der kommt doch bei den Kleinen Leuten nicht an“, sagen seine innerparteilichen Kritiker. „Wer rechnet sich denn noch zu den Kleinen Leuten“, sagen seine Befürworter. Ob die Vision einer Privatrechtsgesellschaft innerparteilich und in der Angestelltengesellschaft keine Mehrheiten findet, ist keineswegs ausgemacht. Der die Pandemie abfedernde Sozialstaat, das staatliche Immunsystem, wird bald starke Symptome von Immunstress zeigen. Dann schlägt wieder die Stunde der Neoliberalen und ihrer Spin Doctors. Gegen die hohe Steuerlast hetzen, die gerade noch vielen Firmen und Jobinhabern die Existenz gesichert hat? Für die Gewieften kein Problem.

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erstellt am 04.10.2020
aktualisiert am 07.10.2020

Buchcover: Anna Wiener, „Code kaputt”

Anna Wiener
Code kaputt
Macht und Dekadenz im Silicon Valley
Originaltitel: Uncanny Valley
Broschiert, 320 Seiten
ISBN: 978-3-426-27773-7
Verlag Droemer HC, 2020

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