‚Colonia Dignidad’ – ‚Die Kolonie der Würde’ ist ein schrecklicher Euphemismus. Es war das Folterzentrum der Pinochet-Diktatur. Aber auch die Deutschen, die, vielleicht im guten Glauben, dorthin geschickt wurden, litten unter der Gewalt der Lagerführung. Doris Stickler berichtet von der Vorstellung der Bücher „Lasst uns reden – Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad“ von Heike Rittels und Jürgen Karwelat sowie „Colonia Dignidad. Auf den Spuren eines deutschen Verbrechens in Chile“ von Dieter Maier.

Bücher zur »Colonia Dignidad«

Pinochets Folterzentrum

Über dem Eingangstor prangte groß der Schriftzug „Colonia Dignidad“ – Kolonie der Würde. Das Leben dahinter entpuppte sich als das genaue Gegenteil. Systematische Entwürdigung gehörte dort ebenso zum Alltag wie körperliche Züchtigung, sexueller Missbrauch und Folter. Edeltraut Müller kam mit fünf Jahren in die Sektensiedlung, in der sie Kindheit, Jugend und einen Großteil des Erwachsenenalters verbrachte. Auch ihren Ehemann Michael lernte sie dort kennen.

Mit ihm und dem einjährigen Sohn kehrte sie 2005 schließlich nach Deutschland zurück. Seither ist sie zwar „glücklich, jeden Morgen beim Aufwachen zu wissen: ‚Ich bin frei’“. Der mehr als 40 Jahre währende Albtraum in der Colonia Dignidad holt sie aber nach wie vor ein. „Nachts verfolgen meinen Mann und mich regelmäßig furchtbare Träume aus der Vergangenheit. Wir schalten dann das Licht an und sprechen darüber“, erzählte die heute 62-Jährige bei einer Veranstaltung in der Heddernheimer Thomasgemeinde.

Autoren Heike Rittel, Jürgen Karwelet (Screenshot)
Autoren Heike Rittel / Jürgen Karwelet

Sie und ihr Mann begleiteten die Autorin Heike Rittel bei der Vorstellung ihres Buches „Lasst uns reden – Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad“. Darin hielt sie auch das Schicksal von Edeltraut Müller fest. Allein zu hören, was ihr wiederfuhr, ist kaum zu ertragen. Wie alle Kinder nach der Ankunft sofort von Eltern und Geschwistern getrennt, wurde sie mit 20 gleichaltrigen Mädchen in ein Zimmer gepfercht. „Immer zu dritt auf zwei zusammen geschobenen Betten und dreistöckig übereinander.“

Alle hätten „viel geweint und nach der Mutti geschrien“. Dass sie deshalb begann, sich nachts einzunässen, sei für die „Gruppentante“ genannte Aufseherin nur ein willkommener Anlass zum Prügeln gewesen. „Mit dem Gummischlauch schlug sie auf mein nacktes Hinterteil ein, schlug und schlug, bis alles grün und blau anschwoll und ich danach einige Tage nicht sitzen konnte.“

Edeltraut Müller kämpft noch immer mit den Tränen, wenn sie die bis ins Erwachsenenalter reichenden Drangsalierungen beschreibt. Selbst Toilettengänge wurden in der Colonia Dignidad mittels eigens in die Türe geschnittener Fenster kontrolliert. In der Pubertät mussten sich die Mädchen dann regelmäßig breitbeinig auf ein Bett legen, bekamen ein Handtuch über das Gesicht und wurden von einer Hebamme und einer Ärztin befingert.

Standen Schläge ohnehin auf der Tagesordnung, griff sich Sektengründer Paul Schäfer zudem immer wieder Mädchen heraus, um sie zu quälen und zu malträtieren. Auf Edeltraut Müller hetzte er einmal sogar seinen Hund, der sie blutig biss. Niemand griff ein. „Wir waren Freiwild in allen Lebenslagen“, bringt sie ein jahrzehntelanges Sklavendasein auf den Punkt, zu dem auch Fronarbeit auf den Feldern gehörte. Deshalb habe sie „mit 20 Jahren noch in der zehnten Klasse gesessen“.

Blick ins Buch „Lasst uns reden - Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad“, Schmetterling Verlag, 2018: Foto auf Seite 22, Archiv Karwelat

Blick ins Buch „Lasst uns reden – Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad“, Schmetterling Verlag, 2018: Foto auf Seite 22 (Archiv Karwelat)

Ein Jahr später tat sich für sie zwar „urplötzlich eine neue Perspektive“ auf. „Endlich erlaubte man mir, das strenge Arbeitsleben unserer Gruppe zu verlassen und mich im Labor unseres Krankenhauses einzuarbeiten.“ Der Wechsel ging jedoch mit neuen Gräueln einher. In manchen Zimmern wurden Leute jahrelang eingesperrt, mit Elektroschocks gepeinigt, medizinischen Experimenten unterzogen und mit Psychopharmaka vollgepumpt.

Diktator Augusto Pinochet (Video-Screenshot)
Diktator Augusto Pinochet

Dass das Pinochet-Regime Colonia Dignidad als Folterzentrum nutzte, wusste Edeltraut Müller damals nicht. Weil sie immer wieder „entstellte und ausdrucklose Gesichter“ zu sehen und laute Schreie zu hören bekam, ahnte sie zwar, dass etwas nicht stimmt. Sie hatte allerdings niemanden, mit dem sie darüber sprechen konnte. Selbst mit ihren Eltern und Brüdern nicht, denen sie in all den Jahren nur hin und wieder begegnete. Jeder Zusammenhalt zwischen den Bewohnern wurde tunlichst verhindert.

Der Historiker Dieter Maier, der die Lesung in der Thomasgemeinde organisierte, befasst sich seit Jahren mit den Vorgängen und weiß: „Die Siedlung war ein integraler und wichtiger Teil der Pinochet-Diktatur.“ In Chile hätten untergetauchte Nazis ein enges Netzwerk unterhalten und gute Beziehungen zur Colonia Dignidad gepflegt, wo auch einige Hochrangige lebten. „Das ganze Umfeld und die Methoden hatten starken NS-Charakter“, bescheinigt er der Sektensiedlung, die auch als „Umschlagplatz für Giftgas und Waffen“ fungierte.

Dieter Maier, 2019 (Screenshot)
Dieter Maier

Obgleich UNO und Amnesty International bereits 1977 über die Folter an chilenischen Oppositionellen berichteten, sei die Colonia Dignidad hierzulande weiterhin als „Mustergut“ betrachtet worden, klärte der Autor eines Buchs über die dort begangenen Verbrechen auf. Die Deutsche Botschaft habe sogar Bewohner, denen die Flucht nach Santiago de Chile gelang, postwendend wieder der Sekte ausgeliefert. Bis heute verlaufe die Aufarbeitung überaus schleppend, kritisierte Dieter Maier.

Auch Michael Müller ist das jahrelange Wegschauen unbegreiflich. Zumal Paul Schäfer „immer brutaler wurde, als sein Stuhl 1997 zu wackeln begann“. Chilenische Jugendliche hatten damals öffentlich von den sexuellen Übergriffen des ehemaligen evangelischen Jugendpflegers berichtet, der schon in Deutschland wegen der Vergewaltigung von Jungen angezeigt wurde, deshalb 1961 nach Chile floh und die Siedlung gründete.

1998 tauchte Schäfer dann in Argentinien unter, wurde 2005 verhaftet, nach Chile überstellt und wegen Kindesmissbrauchs und Mord ins Gefängnis gesteckt. Als er dort 2010 mit 88 Jahren verstarb, hatte sich die Colonia Dignidad längst in die Villa Baviera – „Bayerisches Dorf“ – verwandelt, das unterdessen zur Touristenattraktion avancierte und sich vor allem durch einen Hotel- und Restaurantbetrieb finanziert.

Michael Müller kann sich noch gut erinnern, wie sich nach Schäfers Verschwinden in der Siedlung „die Vorgänge nach und nach zu einem Mosaik zusammenfügten“. Dass die Jungen sexuell missbraucht worden sind, sei den Leuten erst da bekannt geworden. Während sich etliche Führungsmitglieder still und leise nach Deutschland absetzen konnten, wo sie bis heute von der Justiz unbehelligt blieben, holen ihn und seine Frau die Jahre in der Colonia Dignidad doppelt ein.

Neben den seelischen Wunden schlägt sich das Ehepaar auch mit existentiellen Nöten herum. Obgleich in der Sektensiedlung jahrelang als Krankenschwester und als Handwerker tätig, werden sie in wenigen Jahren auf Grundsicherung angewiesen sein. Sie besitzen keine Belege. Dass die Verhältnisse in der Colonia Dignidad nicht nur in den Behörden die Vorstellungskraft übersteigt, wurde Edeltraut Müller im Arbeitsumfeld besonders schmerzhaft klar.

Sie arbeitet seit ihrer Rückkehr im Altenpflegebereich, wo Kolleginnen irgendwann wissen wollten, was sie früher so machte. Ganz vorsichtig habe sie dann von der Siedlung erzählt, woraufhin man ihr einen „psychischen Schaden“ attestierte und unterstellte: „So was gibt es nur in deiner Phantasie.“ Diese Erfahrung ließ sie lange verstummen. Erst seit der Begegnung mit Heike Rittel gibt Edeltraut Müller wieder ihre Erinnerungen preis.

Inzwischen reisen die beiden häufiger durchs Land, um über die haarsträubenden Vorgänge in der Sektensiedlung aufzuklären – mit Fokus auf die Situation der Frauen. Die wurde bislang nämlich kaum beleuchtet, wie Heike Rittel 2012 nach ihrem Besuch im Villa Baviera herausgefunden hat. Als der Lehrerin dort die Erlebnisse älterer Frauen zu Ohren kamen, ließ sie das Thema nicht mehr los.

Neben zahllosen Urlauben verbrachte sie inzwischen zwei Sabbatjahre in Chile und hielt das Schicksal von 16 Colonia Dignidad-Bewohnerinnen fest. Sie alle müssen sich bis zum Lebensende mit grauenhaften Erfahrungen arrangieren. Dass die niemand nachvollziehen kann wird Edeltraut Müller vor allem bei der oft gestellten Frage „Warum hast du dir das denn alles gefallen lassen?“ bewusst. Darauf könne sie keine Antwort geben. „Wir kannten doch gar nichts anderes, wir waren von der Außenwelt ja völlig abgeschirmt.“

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erstellt am 02.10.2020
aktualisiert am 03.10.2020

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Lasst uns reden
Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad
mit Fotografien von Andreas Höfer
Broschiert, 272 Seiten
ISBN: 978-3-89657-159-5
Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018

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Auf den Spuren eines deutschen
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