Als Klara und Leon sich treffen, haben sie als Juden in Polen schon mehr Leiderfahrung hinter sich, als normalerweise erträglich wäre. Ihr Weg führt sie nach Westen, in die Freiheit. Der gemeinsame Sohn ist es schließlich, der zum Überlebensgrund wird, nachdem seiner Mutter die ehemalige Lagerkommandantin über den Weg läuft. Minka Pradelskis Roman »Es wird wieder Tag« zeichnet, schreibt Rita Obermann, eine Entwicklung aus der Vergangenheit in den Vorschein einer besseren Zukunft nach.

Minka Pradelskis Roman »Es wird wieder Tag«

Das Vermächtnis der Mutter

Von Rita Obermann

für Bärel

Minka Pradelski (Foto: © Joachim Unseld)
Minka Pradelski (Foto: © Joachim Unseld)

Minka Pradelskis neu erschienener Roman „Es wird wieder Tag“ ist eine der ungewöhnlichsten Neuerscheinungen dieses literarischen Herbstes. Das liegt nicht nur an der Gestaltung des Romans mit den drei unterschiedlichen und doch aufeinander verweisenden Perspektiven der drei Protagonisten und einer Aufteilung verschiedener Zeitebenen, wobei die Erzählerebene eine Rahmenhandlung bildet.

Klara, eine Protagonistin des Romans, wurde von ihren Eltern aus dem Ghetto geschmuggelt, um allein die Flucht anzutreten. Klara will die Finsternis des Ghettos hinter sich lassen, es zieht sie ins Licht der Zukunft.

Es sind auch die kunstvollen Leerstellen des Romans, womit die Autorin an das kollektive Gedächtnis des Lesers appelliert und an die Erinnerung, wie sich Trauer, Verzweiflung und Angst anfühlen.

Klara hat einen langen Weg vor sich. Sie muss vorsichtig sein, darf nicht als Jüdin erkannt werden. Mit der Suche nach einem sicheren Nachtquartier nimmt das Desaster seinen Anfang. Plötzlich wird er spürbar, jener abstoßende, fast pedantische Zynismus, eine Facette menschlicher Niedertracht, die der Protagonistin Klara von den polnischen Mitbürgern entgegengebracht wird. Die katholische Mehrheit der Polen setzte ihre Doppelrolle als Opfer der Nazis und der Russen gegen die Juden ein. Was ihnen widerfuhr, wird den Juden doppelt und dreifach vergolten. Bei Klara verläuft das immer nach dem gleichen Schema: Sie wird angelockt, bestohlen und unter einem Vorwand verjagt. Nur einmal wird Klara Güte zuteil: Eine behinderte Frau teilt ihr winziges Zimmer mit Klara und beschafft ihr Arbeit als Kellnerin. Aber Klara fliegt auf, landet im Lager, unter dem sadistischen Kommando einer kleinwüchsigen Leiterin.

Souverän setzt die Autorin die verschiedenen Zeitebenen ein, wodurch eine gradlinige Chronologie durchbrochen wird. Nur so ist es möglich, Klaras Lebensweg zu rekonstruieren, diejenigen Ereignisse aus der Vergangenheit zu erfahren, welche in die Gegenwart hineinreichen. Denn die Gegenwart, die Nachkriegszeit im Westen ist es, wohin uns die Geschichte führt.

Warum hätte Klara oder Leon, der zweite Protagonist des Romans, 1945 nach Polen zurückkehren sollen? Ihre Familien wurden getötet. Erinnerungen an ihre frühere Heimat gibt es nicht mehr. „Judenrein“ steht nun in fetten Lettern auf den Ortsschildern der Städte, wo vor dem Krieg Juden lebten und zum Wohlstand der Gemeinden mehr als nur beitrugen. Alles, was Juden besessen und aufgebaut hatten, war bei Kriegsende vereinnahmt, umbenannt oder gar zerstört worden. Auch in der Nachkriegszeit hält die katholisch-polnische Bevölkerung unverhohlen an ihrem Hass auf Juden fest.

Für Klara und Leon und viele andere Juden ist Polen Vergangenheit. Gegenwart repräsentiert der Westen. Dort wird es möglich sein, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Es wird sich weisen, wo die Zukunft beginnt: in Deutschland oder nach der Ausreise in Amerika.

Im Gegensatz zur Tätergeneration, die auf den Fragmenten ihrer Vergangenheit hockte und restaurative Pläne schmiedete, fing die Opfergeneration tatsächlich bei null an. Das ist bei dem Durcheinander der Nachkriegszeit gar nicht leicht. Immerhin gibt es die DP Camps, friedliche Oasen, und für gesunde Überlebende oft der erste Schritt auf dem Weg nach Amerika.

Klara führt – wie viele Überlebende in der Nachkriegszeit – eine provisorische Existenz. Sie begegnet Leon Bromberger, der auch alle Angehörigen verloren hat und sie stark beeindruckt. Dann geschieht etwas Wunderbares:
Die junge Klara verliebt sich in Leon. Klara und Leon heiraten.

Weihnachten 1946 wird der gemeinsame Sohn, ein kräftiges Kind, in einem katholischen Krankenhaus, geboren. Dort geht es militärisch zu. Zudem leidet das Personal an einer seltsamen Sprachblockade, wenn es darum geht, die Worte „Jude“ oder „mosaisches Bekenntnis“ auszusprechen. Eine Schwester hält den Jungen „mit stocksteifen Armen“, denn sie ist vorsichtig: Kursiert im Krankenhaus doch das Gerücht, das jüdische Kind habe sich selbst abgenabelt. Und vielleicht ist das Gerede, jüdische Kinder würden ihre Nabelschnur selbst durchbeißen, doch wahr.

Klaras Kind hat kräftiges Babyhaar. Er ist der einzige Junge unter einer ganzen Schar haarloser katholischer Mädchen. Am Heiligen Abend wird er von den Krankenschwestern zu einem Krippenspiel mitgenommen und als Jesusdarsteller in die Krippe gelegt. „Auch Jesus war Jude“, erinnert sich eine Schwester.

Klaras und Leons Sohn ist der dritte Protagonist und zweifelsohne die literarische Hauptfigur des Romans. Die besondere Gestaltung des dritten Protagonisten ist dem Thema des Romans geschuldet. Trotzdem ist der Sohn mehr als nur ein künstlerisches Stilmittel. Vor allem der Wahrheit wird ein großer Tribut gezollt. Der Sohn ist ein richtiger kleiner Mensch, nicht, wie häufig in der älteren Literatur, ein ahnungsloses Übergangsglied zwischen Engel und Mensch. Weder ist er entwicklungslos noch total infantil wie z. B. der physisch abstoßende Oskar Matzerath. Das Gegenteil ist der Fall: Der Bromberger-Sohn ist ein Individuum. Er etabliert seine sinnstiftende Biographie als Stütze und Begleiter seiner Mutter.

Gleich nach seiner Geburt hatten sich dem Kind zwei Möglichkeiten geboten: als künftiger Kaddischsager des Vaters – „für das Totengebet geboren zu werden, hält das Baby für absurd“ –, oder „ins Innere der Mutter zurück zu kriechen“, um sie ein Leben lang als „kleiner nackter König“ intern zu betreuen – „eine himmlische Vorstellung“! Eine Rückkehr ist nicht möglich. Dann bleibt er eben, wo er ist, in ihrer Nähe.

Aber das Außengelände ist größer und weniger übersichtlich – eine echte Herausforderung für den Kleinen. Konsequent beginnt eine beschleunigte Entwicklung. Nicht in biologischer Hinsicht. Nein, der Strampelhose ist das Bromberger-Baby noch nicht entwachsen. Des Kindes außergewöhnliche Intuition befördert seine geistige Entwicklung, die der körperlichen vorauseilt.

Prompt wird die omnipotente Weltsicht des Kleinkinds realistischer: Durch scharfes Beobachten und genaues Zuhören entstehen Relationen. Vorbei sind die Träume, im Säuglingszimmer des Krankenhauses die Revolution auszurufen. Und die Behauptung, der Erfolg im Leben hänge davon ab, wo sein Kinderbett aufgestellt wurde, bei den Arrivierten oder bei den Deklassierten einer Gesellschaft, wird non verbal verworfen.

Große Entwicklungsschübe folgen. Der Sohn beginnt heimlich zu lesen. Aus Zeitgründen ist er darauf angewiesen, Erfahrungen zu erlesen. Das geht schneller als auf die eigene Lebenserfahrung zu warten. Zudem ist es reflektierter. Von den Eltern kommen keine Anregungen, sie sind gleichermaßen liberal und passiv, als wüssten sie, dass ihr Sohn auch ohne ihre Förderung seine vorbestimmte Rolle erfüllen wird. Eine Kindheit ist das nicht. Aber Kindheit ist auch nicht das Thema.

Eine ungewöhnliche Beziehung beginnt. Wie er heißen möchte, legt der Sohn selbst fest. Laut und deutlich nennt er seinen Namen, sogar zweisprachig. „Ich heiße Bärel. Bärchen.“ Ohne Verwunderung wird der Name von den Eltern akzeptiert.

Tag der Zäsur: Klara begegnet im Park der hochschwangeren Lagerleiterin Liliput. Sofort sind alle Erinnerungen präsent, die vielen Hungertage, an denen es gar nichts zu essen gab, weil Liliput das Essensgeld der Häftlinge für rauschende Feste mit anderen Nazischergen verprasste. Jede einzelne Grausamkeit ist Klara augenblicklich präsent. Dieser Sadistin in Frankfurt zu begegnen, ist für Klara ein Schock. Nach ihrer überstürzten Rückkehr in die Wohnung starrt sie nur noch vor sich hin, schweigt, beginnt zu verwahrlosen, sie isst nicht, schläft nicht. Sie ignoriert ihren kleinen Sohn.

Leon Bromberger, außer sich vor Sorge, rüttelt sie auf: Für Bärel solle sie aufschreiben, was sie erlebte. Die ganze Geschichte. Sonst werde ihr das Kind weggenommen. Klara schreibt, wenn der Kleine schläft. Bärel schliefe nicht, wenn sie nicht schriebe.

Es geht Klara besser, seit sie schreibt. Ihr Papierverbrauch ist enorm. Bärel achtet stets auf seine Mutter und begleitet sie auf allen Wegen. Der Papierverkäufer bewundert die schöne Klara und versucht, Bärel zu bestechen. Aber Bärel ist unbestechlich. Die Indizien der Bestechungsversuche, zumeist Süßigkeiten, werden von Bärel durch gezielte Maßnahmen oral beseitigt.

Als Leon vorschlägt, nach Amerika auszuwandern, widerspricht Klara vehement. Ihre ablehnenden Worte sind Bärel immer gewärtig: „Wir, die Scheerit haplejta, der traurige Rest der Geretteten, tragen die Beweislast für ihre Verbrechen … Wir tragen die Verantwortung für die Folgen nicht aufgeklärter Verbrechen.“

Bärel nimmt sich vor, eines Tages das Vermächtnis der Mutter zu erfüllen. Er ist sich sicher: Ihm wird die Lagerleiterin nicht entkommen.

Psychologische Deutungsmuster auf den Roman anzuwenden, will wohl überlegt sein, denn es gibt keine Patienten, nur Protagonisten. Zudem enthält der Roman alles, was man wissen möchte: Auch insofern wäre die Anwendung vorgefertigter Auslegware obsolet. Denn eines steht fest: Autoren schreiben im Dialog mit ihren impliziten Lesern. Wie es scheint, werden diese Leser von Bärel explizit herausgefordert.

Es wäre müßig, darüber nachzudenken, ob Bärel wirklich glücklich ist. Längst wissen wir: „The pursuit of happiness just seems a bore“ (Mick Jagger). Themen und Fragen, die unter der Rubrik „Stuss und Schmonzes“ subsummieren, z. B. das Recht auf individuelle Glückssuche oder die Frage nach dem Sinn des Lebens, führen zu nichts.

Der Sinn des Lebens besteht für Bärel darin zu leben. Bärel ist ein Mensch. Er liebt, wird geliebt und gebraucht.

Bärel versinnbildlicht die Kunst – er ist ein Kunstwerk – und wer sich auf ihn einlässt, erkennt seine literarische Wahrheit. Gäbe es Bärel nicht, wäre Klaras und Leons Geschichte nicht erzählt, sondern vergessen worden oder hätte mit ihrer ganzen Schwere an der Vergangenheit geklebt. Mit einem Adressaten wie Bärel, der eine Zukunft hat und aus der Gegenwart kommt, weist Klaras und Leons Geschichte über die Vergangenheit hinaus und verbindet sich mit der Hoffnung, dass sich ein Vorschein auf eine bessere Welt zu erkennen gibt: „Es wird wieder Tag“, immer und immer wieder. So oder so.

Dr. Rita Obermann ist Literaturwissenschaftlerin und Komparatistin. Sie beschäftigt sich mit Literatur von der Aufklärung bis zur Postmoderne sowie Aspekten der Gegenwartsliteratur.

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erstellt am 27.9.2020
aktualisiert am 02.10.2020

Minka Pradelski
Es wird wieder Tag
Roman
Hardcover, 384 Seiten
ISBN: 978-3627002770
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 2020

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