Der Grafiker, Sänger, Gitarrist und Texter der Punkrockband Muff Potter, Thorsten Nagelschmidt, ist auch ein Autor, der in seinem neuen Roman „Arbeit“ das sogenannte Nachtleben Berlins schildert, und zwar über die Erzählungen und Erfahrungen derer, die es am Leben halten. Dominik Irtenkauf hat das vielstimmige Buch mit Gewinn gelesen.

Thorsten Nagelschmidts Roman »Arbeit«

Die Nachtseiten von Arbeit

Thorsten Nagelschmidt (Screenshot)
Thorsten Nagelschmidt

Berlin bleibt die Stadt der Widersprüche. Auf der einen Seite flirren die bunten Bilder eines kulturell prallen Lebens, das natürlich jetzt in der Corona-Epoche großteils darnieder liegt, auf der anderen Seite finden wir Menschen, die sich die Miete in hip gewordenen Vierteln nicht mehr leisten können, daher an den Rand ziehen. Eine eindrückliche Stadt- und Weltgeschichte spiegelt sich in den Bezirken und so bietet die Metropole eine Vielzahl an Anknüpfungspunkten für einen Roman. Thorsten Nagelschmidt wählt das Nachtleben, jedoch von der anderen Seite. Wer sorgt dafür, dass der Partybetrieb weitergeht, dass sich die Stadt „arm, aber sexy“ präsentieren kann? Wer arbeitet, während andere feiern?

Das Thema polarisiert. In der Lokalpresse findet bereits seit längerem ein Schlagabtausch zwischen Anwohnern und den Klubs statt. Für ein junges beziehungsweise junggebliebenes Publikum müssen die Klubs entsprechendes Programm bieten, häufig auf Kosten der Anwohner, die am Morgen das Kind zur Kita bringen und dann arbeiten gehen. Die Familien, aber auch Angestellten, wie Senioren plädieren für eine Nachtruhe, aus verständlichen Gründen. Wie gehen Touristen aus Übersee oder dem Rest Europas damit um? Wie der Teil der Freiberufler, die im Homeoffice den Arbeitstag um 11 Uhr oder erst nach Mittag beginnen lassen?

Berlin vertritt den Anspruch, alle Seelen auf ihrem Stadtgebiet gleichwertig glücklich zu machen. Zumindest, was das Freizeitverhalten angeht. Nagelschmidt erweitert den Blick, indem er den Alltag der verschiedenen Figuren berücksichtigt. Dafür begab er sich in die Milieus, führte über sechzig Interviews und allein die Auswertung solchen Materials verdient lobende Worte. Nagelschmidt führt die gewonnenen Informationen in eine flüssige Romanhandlung. Er findet hier die richtige Balance zwischen Information und Gequatsche. Und letzteres taucht in seinem 336-seitigen Buch häufig auf. Die Bezeichnung klingt auf den ersten Blick abschätzig, ist aber nicht so gemeint. Wie viele unserer täglichen Gespräche sind Smalltalk, Witze, Floskeln und Versicherungen? Wer bringt es fertig, in jedem seiner Gespräche Gehaltvolles über den eigenen Musikgeschmack, die neuesten Filme im Kino oder die Renovierung der eigenen Wohnung zu äußern? Indem Nagelschmidt großen Raum für das Nebensächliche in den Dialogen öffnet, entsteht ein lebendiges Bild der Hauptstadt. Vermeintlich Nebensächliches, muss man schnell ergänzen, denn gerade alltägliche Szenen definieren die Figuren. Zum Beispiel Sheriff, der im Hostel die Rezeption und die Mädchen-für-alles-eigentlich-Rolle übernimmt. Sein Abhängigkeitsverhältnis drückt er so aus:

„Sheriff klappt den Deckel hoch, setzt sich hin und presst raus, was er sich den Tag über aufgespart hat. Seine Form von Protest gegen die Verkettungen von Niederlagen, Dummheiten und Pech, die ihn zu Udos Lakaien degradiert haben.“ (S. 245)

Besagter Udo ist Chef des Hostels und war zusammen mit Sheriff in einem Biker-Klub. Sie betreiben ein Wettbüro. Nicht alles läuft legal ab. Schließlich geht es schief. Udo hält dicht und kommt in den Knast. Als Dank erhält er das Hostel, als er wieder aus dem Knast kommt. Sheriff arrangiert sich wie viele andere mit dem Beruf. Fatalismus findet man in Nagelschmidts Buch eigentlich an keiner Stelle. Doch ein Lobgesang auf die Arbeit ist der Roman auch nicht. Die Mühen der Pfandsammlerin Ingrid etwa, die sich ihre Strecke in Kinokarten denkt.

„An einem Hausgerüst an der Ecke endlich wieder Beute. Fünfmal Bier, zweimal Mate. Sie packt alles ein und stellt die Tasche auf die Ladefläche. Die Kinokarte bis zur Schlesischen, das wäre schön. Hat sie sich so angewöhnt, in Kinokarten rechnen, es gibt ihr Struktur, Struktur und Halt.“ (S. 279)

Ingrid führt tagsüber ein Antiquariat. Ihre Kundschaft ist nicht immer subtil gebildet. In einer Szene kommt eine junge Frau mit ihrem Vater ins Geschäft und verlangt nach einem Rainald-Goetz-Roman. Ingrid schaltet um: Statt auf Kundengespräch zu gehen, prüft sie misstrauisch die Eignung dieser Leserin für das verlangte Buch. Beziehungsweise macht sie das Buch der jungen Interessentin madig. Der Ausverkauf der Kultur – hier am Beispiel eines zeitgenössischen Autors, der häufig im popkulturellen Kontext genannt wird – oder präziser: Die (Selbst-)Ausbeutung der Kulturverkäuferinnen führt am Beispiel Ingrids zu Zynismus und einer paradoxen Situation. Das Angebot im Laden soll gar nicht über die Theke gehen, wenn der oder die Käufer*in sich als unwürdig erweisen. Der Kapitalismus interessiert sich in seiner reinen Form nicht für die Hintergründe der Konsumenten.

„Arbeit“ thematisiert die Absurditäten kapitalistischen Wirtschaftens an vielen Stellen. Durch die personale Maske kann ich mich der Lektüre öffnen oder verschließen, über die Personen urteilen, sie in meinen engeren Kreis nehmen oder aber auf Distanz halten. Jedoch zeigen sie alle, dass es nicht nur eine Dimension gesellschaftlichen Handelns gibt. Nicht wenige Figuren im Roman zeigen eine subtile Art von Humor. Angesichts der aufreibenden Arbeit in der Nacht mag diese Art Galgenhumor die letzte Kraft geben, so etwas durchzustehen. Auf ihren Idealismus angesprochen, versetzt Ingrid:

„‚Ich lese die Bücher von der Straße auf oder klaube sie aus den Wohnungen frisch Verstorbener, kriege sie hinterhergeworfen von überforderten Angehörigen, die nicht wissen, wohin mit alldem Schund. Kostet nichts. Ist auch fast nichts wert. Eigentlich Müll, Makulatur. Könnte man wegwerfen. Oder verbrennen, wie Sie sagen. Nebenbei handele ich mit Drogen. Das ist schonender für die Bandscheibe, und die Kilomargen sind auch besser.‘
Ingrid macht eine Kunstpause, dann lacht sie schallend los. Mit ein bisschen Verzögerung fällt auch ihr Gegenüber ein, erleichtert, dass das alles nur ein schlechter Scherz war – Dieses verrückte Kreuzberg!“ (S. 270)

Bei sozialrealistischer Literatur ist ein großes Thema immer wieder die Authentizität. In der Fiktion nimmt sich diese anders als im Leben aus. Da jedoch der Roman Menschen und eine Stadt in Deutschland, nämlich Berlin, behandelt, stellt sich beim Lesen durchaus die Frage, ob der Roman diese Stimmung oder Atmosphäre einfängt. Das tut er. Mehr noch: Er verbindet die Einzelszenen zu einem Kontext, wenn es auch nur der Umstand ist, dass die Menschen im selben Viertel leben, wohnen und arbeiten. Im öffentlichen Raum laufen sie sich unweigerlich über den Weg. Jedoch ergeben sich mehr Verbindungen als diese rein formellen. Und sei es nur, weil man im Späti seine Mate kauft oder beim Dealer des Vertrauens die Ration für die Nacht. Ein oszillierendes Porträt der Weltstadt, Schatten- und Sonnenseiten und manchmal ist es auch nur Glück, wer auf welcher Seite sitzen darf. Thorsten Nagelschmidt hakt nach und rückt Berlin damit in ein anderes Licht, ein Stroboskop, das schlafende Hunde aufweckt und das wacht hält. Zum Stroboskop wird das Buch, weil es verschiedene Milieus beleuchtet und dennoch die so beschienenen Figuren in andere Felder streut. Die Licht-Metapher bietet sich an, da die Nacht zentral im Roman ist. Die Figuren des Romans heben sich von der Nacht ab, weil sie nicht schlafen, sondern ihrer Tätigkeit nachgehen. Einige von ihnen sind nervös, gelinde gesagt, überdreht, aufgekratzt zuweilen. Szenen wie die Rettung einer verunglückten Essensfahrradbotin gehen unter die Haut. Man fragt sich: Welche Person kann eine Nacht mit solchen Einsätzen aushalten?

Durch die Vielzahl an Stimmen im Buch wird der Roman zu einer Art Vademecum, eine Medizin gegen die Hypes, den Stress, die Nervosität der Metropole. Das liest sich alles herrlich flüssig. Aber das Leben in Berlin wirkt nichtsdestotrotz zuweilen wie eine ausgequetschte Zitrone. Die Säure des immensen Verkehrs, die Verlorenheit manch übersehener Seele und das Gewicht eines Tages, der lange Fahrten durch das Stadtgebiet erzwang. Einige ‚Ausgequetschte‘ tauchen in dem Hostel im Roman auf. Oder werden von den Notfallsanitätern beziehungsweise Polizisten aufgesucht. Wenn das aber alles so schlimm ist, stellt sich die Frage: Warum bleibt ihr denn in der Stadt? Die Essenslieferantin aus Südamerika könnte das im Roman beantworten: Weil ich auf eine bessere Zukunft hoffe und die Stadt mich erstmal so annimmt, wie ich bin. Sprich: Der Spielraum für Scheitern ist größer. Aber zugleich wächst die Anfälligkeit gegenüber Selbstausbeutung. Vielleicht auch, weil man das einst erhoffte Glück nicht einfach aufgeben möchte, wie der Taxifahrer Bederitzky, der Schulden macht, um sich ein kleines Stück vom Traum zu erobern.

Nagelschmidts Roman zeichnet diese Laufbahnen nach und eröffnet auf diese Weise das Panorama einer Großstadt im Wandel. Stets jedoch aus dem Blinkwinkel der Einwohner – ohne die eine Stadt sinnlos ist. Leider vergessen das manche politischen und ökonomischen Kräfte nur allzu gern.

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erstellt am 25.9.2020
aktualisiert am 26.9.2020

Thorsten Nagelschmidt
Arbeit
Roman
Gebunden, 336 Seiten
ISBN 978-3-10-397411-9
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2020

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