Der Opernbetrieb ist für die auf, unter und hinter der Bühne Tätigen unter Corona-Bedingungen extrem schwierig zu handhaben. Von der Umstellung des Spielplans auf kurze, möglichst wenige Menschen an einem Ort versammelnde Stücke respektive gekürzte Fassungen ganz zu schweigen. Für das Publikum tut sich allerdings die Chance auf, die eigene Haltung zum bisher selbstverständlichen Kultur-Konsum zu überprüfen. Andrea Richter verspürte bei einem Abend in der Oper Frankfurt tiefe Dankbarkeit dafür, dass es sie überhaupt gibt.

Oper „The Medium“ in Frankfurt

Die Rückkehr des lebendigen Klangs

Zu meinem zehnten Geburtstag bekam ich eine Plattenaufnahme von Peter und der Wolf geschenkt und lernte die Klänge und Namen von Instrumenten zu unterscheiden. Dabei stellte sich ein großes Problem heraus: Ich mochte lebendige Katzen nicht, aber den Klang der der Katze zugeordneten Klarinette. Enten mochte ich, nicht aber die der Ente zugeordnete Oboe. Sie quäkte mir zu sehr. Der musikalische Streit zwischen Vogel und Ente schrillte dermaßen in meinen Ohren, dass meine lebenslange Antipathie das Instrument traf, obwohl ich im Laufe der Zeit einräumen musste, dass es auch seine recht guten Seiten haben kann. Doch für mich nie so zu Herzen gehend wie die Klangschwestern Flöte oder Klarinette.

Und dann, am vergangenen Donnerstag passierte es: Ich saß lange vor Vorstellungsbeginn im noch fast leeren Publikumsraum, blätterte im Programmheft und versuchte mir eine Vorstellung davon zu machen, was mich erwartete. Da passierte es: eine Oboe erklang. Eine Tonleiter, noch eine Tonleiter. Terz- und Quintsprünge und wieder eine Tonleiter. Kurze Phrasen. Einspielen. Niemals zuvor hätte ich diesem Klingen eine positive Seite abgewinnen können. Und jetzt? Wie glücklich war ich, sie zu hören. Live und lebendig schwebten die Töne durch den Saal. Für mich die ersten Lebend-Töne aus einem Orchestergraben seit jenem Freitag, den 13. März 2020, als das Kulturleben in den Lockdown ging. Ausgerechnet eine Oboe quäkte nun das Signal der Auferstehung. Und da war es, dieses riesengroße Gefühl der Dankbarkeit, sie hören zu dürfen. Ich habe sie demütig um Entschuldigung gebeten und ihr die Freundschaft angeboten, die sie hoffentlich mit der Instrumenten eigenen Großzügigkeit annehmen wird.

Diese Dankbarkeit, gepaart mit der Hochachtung für Kunst, Künstler und deren Organisatoren, hielt an. Beginnend bei der sinnhaften Zusammenstellung der Werke in dieser Zeit, in der eine Pandemie geisterhaft und die gewohnte Wirklichkeit aushebelnd die ganze Welt überzieht und vielen den Tod bringt .

Der Herrenchor der Oper Frankfurt singt mit Mund-Nasen-Schutz.
Foto: © Barbara Aumüller

Den Auftakt machte Franz Schuberts Gesang der Geister über den Wassern D 714 für Männerchor und tiefe Streicher, sprich zwei Celli und ein Kontrabass (fantastisch). Auf der Bühne regungslose Männer in Fräcken, in geordnetem Reihenabstand und mit schwarzen Atemschutzmasken sangen den Goethe-Text. „Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser. Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind“, lautet das Ende. Requiem-Stimmung.

Die folgenden Vier Gesänge op. 17 für Frauenchor, zwei Hörner und Harfe von Johannes Brahms können und wollen diese Atmosphäre nicht ändern. Die Damen in langen schwarzen Kleidern, ebenfalls mit schwarzen Atemschutzmasken, dem sichtbarsten, allgegenwärtigen Zeichen unserer Angst vor dem Tod. Und genau um den geht es in allen vier Liedern, der durch den kompositorisch geschickten Einsatz und das exzellente Bespielen von Harfe und Hörnern über allem Leben liegt.

Der 1958 uraufgeführten und dem großen Vorbild Bela Bartok gewidmeten Trauermusik für Streichorchester von Witold Lutosławski gelingt das, was der Komponist bezweckte: „Ich wünsche nicht einzunehmen, sondern Kontakt aufzunehmen zu denen, die im Tiefsten ihrer Seele genauso empfinden wie ich.“ Das dürften derzeit all diejenigen sein, die um einst geliebte Menschen und Daseinsformen – unter anderem um die vielen verpassten Stunden in Opernhäusern und Konzertsälen – trauern, diejenigen, die generell verunsichert sind und Angst vor der Zukunft haben. Auch um den Fortbestand der reichhaltigen und vielfältigen Kultur in unserem Land.

Oper „The Medium” in Frankfurt: Dshamilja Kaiser als Madame Flora.
Foto: © Barbara Aumüller

In der Oper The Medium von Gian Carlo Menotti glaubt Flora (Claire Barnett-Jones), eine geschäftstüchtige Frau, die mit Séancen trauernden Menschen vermeintlich den Kontakt zu Verstorbenen ermöglicht, alles unter Kontrolle zu haben. Bis sich ihr plötzlich eine kalte Hand um den Hals legt. Sie beschuldigt und verprügelt den stummen Toby, den ihre Tochter Monica (Angela Vallone) verteidigt. Sie beginnt zu saufen, Stimmen zu hören, verliert sukzessive jede Beziehung zu ihrem bisherigen Dasein und wird schließlich zur Mörderin. Einen passenderen Inhalt für die Symbolisierung der allgemeinen Verunsicherung gibt es wohl kaum. Die kalte Hand des Schicksals legt sich derzeit in Form von Pandemie, Klimawandel, Flüchtlingsbewegungen, Rassismus, Fanatismus, Lügen sowie aus diesem Gemisch resultierenden Revolten, Morden und Kriegen um den Hals der Welt. Irreales und Reales sind manchmal schwer zu trennen, machen manchen Angst bis hin zum Wahnsinn. Menotti hat zu diesem Szenario den perfekten Soundtrack geschrieben.

Oper „The Medium” in Frankfurt: Madame Flora (Dshamilja Kaiser) beschuldigt Toby (Marek Löcker).
Foto: © Barbara Aumüller

Die Oper stand bereits im vergangenen Jahr auf dem Spielplan. Ihre volle Wirkung hat aber erst dieses Jahr angesichts der Ereignisse auf mich durchgeschlagen. Vielleicht auch wegen des klug gewählten Schubert-Brahms-Lutosławski-Vorspiels. Vielleicht auch wegen meines unbedingten Willens, mich endlich, endlich wieder dem lebendigen Klang hingeben zu wollen und berühren zu lassen. Wahrscheinlich wegen des Zusammenspiels dieser beiden Komponenten, angereichert durch die mit jedem Ton wachsende Dankbarkeit es erleben zu dürfen. Weil es eben nicht selbstverständlich ist, Kultur in ihrer besten Form live serviert zu bekommen.

Vorstellungen

25. September, 1., 4., 8., 10., 17. Oktober 2020

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erstellt am 22.9.2020
aktualisiert am 22.9.2020

Szenenbild aus der Oper „The Medium” in Frankfurt. V.l.n.r.: Marek Löcker (Toby) und Dshamilja Kaiser (Madame Flora).
Foto: © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt

The Medium

Tragödie in zwei Akten von Gian Carlo Menotti
Neu kombiniert mit Kompositionen für Chor und Orchester von Franz Schubert, Johannes Brahms und Witold Lutosławski.

Premiere 13. September 2020 im Großen Haus

Musikalische Leitung: Sebastian Weigle
Inszenierung: Hans Walter Richter
Bühnenbild: Kaspar Glarner
Kostüme: Cornelia Schmidt
Licht: Jan Hartmann
Dramaturgie: Mareike Wink
Chor: Tilman Michael

Besetzung: Flora: Dshamilja Kaiser, Monica: Gloria Rehm, Mrs. Gobineau: Barbara Zechmeister, Mr. Gobineau: Simon Neal, Mrs. Nolan: Kelsey Lauritano, Toby: Marek Löcker
Chor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Oper Frankfurt