Wie im richtigen Leben geht es in der Musik nicht nur dem Zeitpfeil entlang. Lang Vergessenes wird entdeckt und geschätzt, und Komponisten tanzen nicht unbedingt nach der Pfeife des Zeitgeistes: Thomas Rothschild stellt neue Aufnahmen auf CD mit der Musik von Bartók, Leistner-Mayer, Janáček, Bach, Byrd, Gibbons, Dieter Kaufmann und anderen Zeitgenossen vor.

Neue und alte Musik auf CDs

Evolution und Konstante

Eine nicht alltägliche Zusammenstellung: Zwischen den beiden „Klassikern“ der osteuropäischen Moderne, zwischen dem Ungarn Béla Bartók und dem Tschechen Leoš Janáček, ein lebender Komponist: Roland Leistner-Mayer, geboren 1945 im westböhmischen Kraslice, nahe Karlsbad, wo der Musikinstrumentenbau eine lange Tradition hat. Heute lebt er im bayrischen Brannenburg. Wie zahlreiche Komponisten seiner Generation, wandte er sich nach Anfängen unter dem Einfluss der so genannten „Darmstädter Schule“ einem freitonalen Idiom zu, das sich nicht zuletzt an eben Bartók und Janáček orientiert. Dieser typische Werdegang ist ein Beleg für die Erkenntnis, dass sich die Künste nicht geradlinig in eine bestimmte Richtung entwickeln, dass es keine ein für alle Mal erreichten Standards gibt, hinter die der Künstler nicht „zurückfallen“ dürfe. Eher gilt, was der Russe Tynjanov für die Evolution der Literatur festgestellt hat: Veränderung wird dadurch gewährleistet, dass Bestandteile der Peripherie ins Zentrum rücken und die dort befindlichen Elemente ersetzen. Dabei können diese Bestandteile durchaus älteren Ursprungs und ihrerseits vorübergehend durch bestimmte Elemente an die Peripherie gedrängt worden sein, wie etwa in den Jahren der Vorherrschaft der „abstrakten Kunst“ die gegenständliche Malerei.

Interpreten sind der Deutsche Burkhard Maiss, der sowohl Violine wie auch, bei Leistner-Mayer, Viola spielt, und die in Dresden und Berlin lehrende Koreanerin Ji-Yeoun You am Klavier. Schon die ersten Takte von Bartóks Sonate demonstrieren Maiss‘ einfühlsame und differenzierte Interpretation. Das Klavier nimmt sich zunächst zurück, anstatt sich in den Vordergrund zu drängen.

Sowohl Bartók, wie auch Janáček haben reichlich Anleihen gemacht bei der Volksmusik ihrer Heimatländer. Bei den hier ausgewählten Kompositionen gilt das allerdings eher für Janáček, überdeutlich im Thema des dritten Satzes seiner Sonate für Violine und Klavier, entstanden in den Jahren des Ersten Weltkriegs. Diese Sonate wurde übrigens in der Verfilmung von Milan Kunderas „Unerträglicher Leichtigkeit des Seins“ verwendet. Kundera ist bekanntlich ein großer Verehrer Janáčeks. Sein Vater war ein bedeutender Janáček-Forscher.

In Bartóks zweisätziger Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 Sz 76 von 1922, die sich, wohl nicht zuletzt wegen ihrer technischen Herausforderungen für den Geiger, längst einen festen Platz im Repertoire erobern konnte, scheinen die folkloristischen Anregungen in einer Weise transformiert, die sie der absoluten Musik anverwandeln. In der zweiten Hälfte des zweiten Satzes nehmen dann die Anklänge an die Folklore, an tänzerische rhythmische Muster zu, um wie ein Ersterben auszuklingen.

Die Bezeichnung „Ballada“ für den zweiten Satz von Janáčeks Sonate darf man wörtlich verstehen. Und Burkhard Maiss spielt sie auch im Geist von Dvořák und Smetana, mit ausschweifender Sanghaftigkeit, die einem Klischee von slawischer Melancholie zu entsprechen scheint. Im knapp fünfminütigen vierten Satz kommt die Qualität des Duos voll zur Geltung, wenn das Klavier fast pastoral mit der nervös tremolierenden Violine in einen Dialog eintritt.

Die Duo-Besetzung ist karg und nicht unbedingt für dramatische Ausbrüche prädestiniert. Umso erstaunlicher, welche ausufernde Emotionalität Maiss und You gerade aus dem viersätzigen, hier erstmals eingespielten Werk von Leistner-Mayer herausholen. Die erregten Rhythmen im Allegro agitato des vierten Satzes, der als Walzer beginnt, wechseln sich mit einem lyrischen, liedhaften Thema ab und gemahnen tatsächlich an Bartók. Insgesamt ist Leistner-Mayers Sonate, die längste auf der CD, gegenüber den Stücken von Bartók und Janáček durch den wärmeren Ton der Bratsche gekennzeichnet. Der Grundgestus dieser Komposition ist zärtlich, fast schmeichelnd und, wiederum im Vergleich zu Bartók und Janáček, harmonisch. Auch Ji-Yeoun You besticht streckenweise durch einen sanften Anschlag, durch Legato-Bögen in den langsamen Sätzen. Dann wiederum überlässt sie die Melodieführung der gefühlsintensiven Viola.

Die CD von Maiss und You ist auf einem jener kleinen Labels erschienen, die im Schatten der Großkonzerne dafür sorgen, dass es neben dem stromlinienförmigen Angebot für den Mehrheitsgeschmack immer noch Provokation, Entdeckung und Überraschung jenseits kommerzieller Erwägungen gibt. Es heißt TYXart, ist bei Regensburg beheimatet und besteht nun seit acht Jahren.

Auf diesem Label wurde auch eine CD der Pianistin Alexandra Sostmann veröffentlicht, die Stücke der Renaissance- und Barockkomponisten Bach, Byrd und Gibbons mit zeitgenössischer Musik kombiniert, und zwar nicht chronologisch, sondern im Wechselschritt. Auf Johann Sebastian Bachs dreistimmiges Ricercar, mit dem sein „Musikalisches Opfer“ eröffnet wird, folgen zwei Kompositionen zum Stichwort „Gebet“, von zwei Briten, dem 1952 geborenen Oliver Knussen und dem 1944 geborenen John Tavener, die, obwohl ihre Schöpfer fast Zeitgenossen sind, musikalisch Welten auseinander liegen.

Weiter geht es mit einem Landsmann der beiden, der allerdings 400 Jahre zuvor gelebt hat, mit William Byrd und, ganz ungeistlich, mit Tänzen, einer Pavane und einer Galliarde. Alexandra Sostmann lässt hier das Klavier fast wie ein Cembalo klingen. Die daran anschließende Ersteinspielung von Markus Horn, Jahrgang 1972, knüpft ausdrücklich an Byrd an.

Danach erklingt ein kurzes Stück von John Tavener mit dem witzigen Titel „In memory of my two cats“. Im Gegensatz zum hymnisch getragenen „Lord‘s Prayer“, dem „Vaterunser“, hat diese schlichte Etüde im Miniformat den Charakter eines Kinderlieds. Nach „China Gates“, einem für die Minimal Music charakteristischen Werk von John Adams, dem Komponisten der erfolgreichen Opern „Nixon in China“, „The Death of Klinghoffer“ und „Doctor Atomic“, spielt Alexandra Sostmann eine weitere Pavane mit Galliarde, diesmal von Orlando Gibbons. Und einmal mehr klingt Sostmanns Steinway, als würden die Saiten gezupft und nicht mit Hämmerchen angeschlagen. Danach kommt eine dritte Komposition von John Tavener und eine Erstaufnahme eines vierteiligen Stücks des in Hamburg lehrenden Chinesen Xiaoyong Chen, ehe der Bogen des Konzeptalbums mit dem sechsstimmigen Ricercar aus dem „Musikalischen Opfer“ geschlossen wird. Bei Xiaoyong Chen wird das Klavier übrigens, im Kontrast zu den Aufnahmen alter Musik, zu einem Perkussionsinstrument, dem die Pianistin erstaunliche klangliche Varianten entlockt.

So anregend und intelligent die Zusammenstellung von Alexandra Sostmanns CD ist, regt sich nach deren Ende doch der Wunsch, das komplette „Musikalische Opfer“ mit dieser Pianistin zu hören. Das gibt es bei TYXart in einer Version vom Ensemble Barockin' mit Francis Jacob am Cembalo.

Zu den zeitgenössischen Komponisten im Katalog von TYXart zählt auch der Österreicher Dieter Kaufmann. Der hat zu Gedichten von Ingeborg Bachmann ein „Oratorium gegen die Gewalt“ für Sopran, Sprecherin, Violine, Klavier, Streichquintett, Terzett, 24-stimmigen gemischten Chor und Streichorchester geschrieben, das zusammen mit drei weiteren Kompositionen auf einer CD mit dem sehr aktuell klingenden Titel „es kommen härtere Tage“ erschienen ist.

Kaufmanns Werk ist stets auf der Suche nach neuen Möglichkeiten des Komponierens, also im eigentlichen Wortsinn experimentell, wobei sich zwei gegensätzliche Schwerpunkte ausmachen lassen: die Auslotung der Möglichkeiten von Elektronik und, zusammen mit seiner Frau Gunda König, die Einbeziehung des Szenischen in Form eines Musiktheaters jenseits der Oper. Der Reiz des 1968 uraufgeführten Oratoriums, das den Übertitel „EVOCATION“ trägt, besteht im Kontrast der einzelnen Stimmen, in dem heterogenen, sich aneinander reibenden Material, das sich wieder zu einem Ganzen fügt. Es erinnert an den frühen Krzysztof Penderecki, aber auch an die „Freedom Now Suite“ von Max Roach mit der Sängerin Abbey Lincoln.

In der vorliegenden Version des dreisätzigen „CONCERTOMOBIL“ von 1972 trifft die Solovioline, kraftvoll gespielt von Elena Denisova, auf ein Streichorchester und elektroakustische Zuspielungen, die dem Stück einen bruitistischen Charakter verleihen. Eine andere Möglichkeit der Elektronik nützt Kaufmann in der Ersteinspielung von „PAGANIHILISMO“, indem er ein Motiv von Paganini, eingeführt auf der Solovioline, durch „512 geklonte Geiger“ vervielfacht und verfremdet. Ebenfalls erstmals aufgenommen wurde „ELENA EN FACE“, das Elena Denisova gewidmet ist und Zeugnis ablegt von Kaufmanns humoristischer Seite.

Wenn manche Komponisten unserer Gegenwart dem radikalen Avantgardismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der unmittelbaren Nachkriegszeit abgeschworen haben, so verfolgt Kaufmann deren Weg unbeirrt weiter. Peripherie und Zentrum tauschen ihre Position. Der Zuhörer muss sich nicht zwischen ihnen entscheiden. Musik kennt kein Dogma.

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erstellt am 18.9.2020
aktualisiert am 18.9.2020

Duo Maiss You
Bartók – Leistner-Mayer – Janáček
Werke für Violine|Bratsche & Klavier (Album Vol. 2)
CD
TXA19130
TYXart, 2020

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Alexandra Sostmann
Bach, Byrd, Gibbons + Contemporary Music
CD
TXA20145
TYXart, 2020

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Ingeborg Bachmann – Dieter Kaufmann
es kommen härtere Tage
(rough days may come)
Mit: Evocation – Oratorium gegen die Gewalt (nach Gedichten von Ingeborg Bachmann)
Concertomobil für Violine, Streichorchester & elektroakustische Zuspielungen op. 18; Paganihilismo für Solovioline & 512 geklonte Geiger op. 77; Elena en Face für Violine & Kammerorchester op. 132
CD
TXA14039
TYXart, 2014

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