Er kam in Lomé, der Hauptstadt Togos, zur Welt, studierte in Frankreich und lebt im kanadischen Québec. Der Schriftsteller Edem Awumey hat in seinem letzten Roman „Nächtliche Erklärungen“, der im diktatorisch regierten Togo seinen Anfang nimmt, Unsägliches zur Sprache gebracht. Eric Giebel hat darüber mit dem Übersetzer und Verleger Stefan Weidle gesprochen.

Gespräch mit dem Übersetzer und Verleger Stefan Weidle

Lebensthema Exil

Eric Giebel: Es ist ein sehr erfreuliches literarisches Ereignis des so schwierigen COVID-19-Jahres 2020, den Roman Explication de la nuit des kanadisch-togoischen Autors Edem Awumey nun in deutscher Sprache lesen zu können. Wie verwundert sind Sie, dass Ihr Antrag auf Übersetzungsförderung durch das Canada Council for the Arts abgelehnt wurde? Wie sehr trifft es Sie als Übersetzer des Buches, dem die Anerkennung eines Herzensprojektes verwehrt wurde, und wie sehr als Verleger, der ein zusätzliches finanzielles Risiko eingehen muss, um das zu realisieren, was ihm wichtig ist?

Stefan Weidle: Es trifft mich schon, wenn auch mehr finanziell als persönlich. Da ist der Autor der Leidtragende, denn es geht ja darum, dass sein Buch nicht gefördert wird, er nicht Teil des kanadischen Gastlandauftritts ist, nicht der Delegation der kanadischen Autoren in Frankfurt angehören wird. Dieses Jahr ohnehin nicht, aber nächstes Jahr ebensowenig. Über die Gründe der Ablehnung kann man nur spekulieren, ich nehme aber an, dass sie politischer Natur sind und etwas mit der Figur der Kimi Blue, der Freundin des Erzählers mit indianischen Wurzeln, zu tun haben.

Finanziell ist es freilich ein Schlag ins Kontor. Ich wusste, dass dieses Buch kein Bestseller wird, dafür ist es zu tiefgründig, hart und literarisch zugleich. Deshalb hatte ich darauf spekuliert, die Übersetzungsförderung in den Druck stecken zu können, wie das in anderen Fällen schon funktioniert hat. Sonst hätte ich den Ladenpreis höher ansetzen müssen. Übrigens sind wir, soweit ich weiß, der einzige Independent-Verlag, dem dieses Schicksal zuteil wurde. Zwar ein Alleinstellungsmerkmal, aber eines, auf das ich durchaus verzichten könnte.

Schon in der Exposition des Romans wird überdeutlich: Der Autor bedient sich einer Sprache großer Präsenz, die unmittelbar wirkt und sich auf die Lesenden überträgt. (Habe das Buch in einem Rutsch bis in die Nachtstunden hinein gelesen.) Es ist die Geschichte des Protagonisten Ito Baraka, der keine Zeit zu verlieren hat, einer, der keine Zukunft mehr hat, einer, der schon gestorben ist. Ich musste unwillkürlich an Hervé Guiberts Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat (Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel) denken. Im Schlussteil findet sich dort der Satz: „Ich stecke in der Scheiße.“ Es ist ein Satz, der sich auch durch Awumeys Roman zieht. Welchen Reiz hatte es für Sie, der Spur der Exkremente von Lomé bis in die Nähe von Ottawa zu folgen?

Die Exkremente spielen eine untergeordnete Rolle und die allein auf der Metaphernebene. Damit kam ich ohne weiteres klar. Mich hat die unauflösliche Bindung des Erzählers an das Land, aus dem er stammt, fasziniert. Der Großteil der Bücher unseres Verlags beschäftigt sich mit Exil, das ist so etwas wie unser Lebensthema. Wir publizieren Erzählungen über Menschen, die nicht dort leben dürfen, wo sie aufgewachsen sind. Zuletzt waren es in Shenaz Patels Die Stille von Chagos die Einwohner der Chagos-Inseln, die aus ihren Häusern deportiert wurden, als eine Militärbasis auf der Hauptinsel Diego Garcia errichtet wurde. Oder Mustafa Khalifa (Das Schneckenhaus), der Syrien verlassen musste, auch für Helen Wolff gilt das. Ich habe den Eindruck, dass dieses Thema immer relevanter wird, und es ist wichtig, sich in die Exilierten hineinversetzen zu können. Dazu taugt die Form des Romans ausgezeichnet: „Der Roman ist die Wissenschaft vom Leben“, sagt Heimito von Doderer. Und wer wollte diesem gewaltbereiten Choleriker und Wutologen widersprechen?

Ich stelle mir vor, dass Sie große Freude beim Übersetzen hatten. Doch das Naiv-Subversive der Studentengruppe um Ito, die sich vorgenommen hat, Becketts Endspiel als Metapher für die Zustände in Togo unter Diktator Gnassingbé Eyadéma zur Aufführung zu bringen, weicht der Angst und der rohen Gewalt, mit der das Militär gegen die Bevölkerung vorgeht. Wie ist es Ihnen bei der Übersetzung ergangen? Steckt man Sätze, die Folter und Mord benennen, einfach weg oder hängt der Schauer und die Scham, die sich bei mir als Leser eingestellt hat, nach und behindert ein zügiges Abarbeiten des Textes?

Ja, einen so gewandten, vielseitigen und kreativen Autor übersetzen zu dürfen, ist eine große Freude. Wobei ausgerechnet Endspiel nicht unproblematisch war: Das Stück heißt im Original Fin de partie und meint etwa das Endspiel in einer Schachpartie, nicht aber das, was unsere fußballverliebte Sprache nahelegt. Ich habe selbstverständlich die klassische Übersetzung der Tophovens herangezogen, musste aber an einer Stelle „Ende der Partie“ schreiben, hier:

Ich betrachte die Wand.
Die Wand ! Und was siehst du da,
auf deiner Wand? …
Nackte Leiber?
Ich sehe mein Licht, das stirbt.
Das Licht ist in uns.
Ende der Partie
für Gummiknüppel und Knobelbecher.

Die letzten drei Zeilen sind von Edem Awumey. „Endspiel“ hätte hier schlicht nicht gepasst. Ansonsten aber hatte ich Glück, ich musste nicht mal aus einem Nebensatz einen Hauptsatz machen oder umgekehrt.

Die Kapitel aus dem Straflager waren emotional nicht leicht zu übersetzen, da leidet man als Übersetzer mit. Und übrigens mehr noch beim Korrekturlesen, wenn man das Ganze wahrnimmt. Das Übersetzen selbst hat ja auch einen technischen Aspekt, man schlägt Wörter nach, achtet auf den Satzbau, auf die Melodie etc. Das fällt dann beim Überarbeiten weg, und man sieht sich dem Romangeschehen ausgeliefert. Es gibt einen Druckfehler in einem Buch von uns, der sich der Tatsache verdankt, dass ich an der Stelle bei jedem Lesen Tränen in den Augen hatte.

Übrigens war für mich das Busen-Kapitel am schlimmsten. Darin beschreibt Awumey das Schicksal junger Mädchen, die für die Diktatur tanzen müssen und hinterher von den Funktionären missbraucht werden und elend zugrunde gehen. Er wählt das Bild ihrer Brüste zur Verdeutlichung des Niedergangs. Das ist so schonungslos hart und wahr, ein so nacktes Erzählen, aus dem freilich eine tiefe Empathie herausleuchtet, dass ich es fast nicht geschafft habe, das so ins Deutsche zu bringen. Einen Satz habe ich gar ausgelassen, aber mein gestrenger Lektor Benoît Tremsal hat's gemerkt, und nach längerem Zögern habe ich ihn dann doch eingefügt.

Ich unterdrücke den Reflex, nachzufragen, welcher Satz es war. Das hätte etwas Voyeuristisches. An einer anderen Stelle des Romans wird die deutsche Kolonialzeit in Togo erwähnt. Koli, der Alte, mit dem sich Ito im Gefängnis anfreundet, erinnert an den Eisenbahnbau, der durch die versklavte Bevölkerung in sengender Hitze unter Peitschenhieben der Deutschen vorangetrieben wurde. Später kamen Engländer und Franzosen, die Kommandosprache änderte sich, das Schicksal der Menschen nicht. Wo steht Ihrer Meinung nach Deutschland 2020 bezüglich der Aufarbeitung seiner Verbrechen während der Kolonialzeit?

Darüber kann ich nicht viel sagen. Und würde die Frage auch erweitern wollen: Wo steht Europa in dieser Sache? Hat es Sinn, wenn da ein Land aufs andere schaut und sagt: Wir waren besser oder Wir waren weniger schlimm? Wir haben zuletzt ein Buch zum portugiesischen Kolonialismus in Mosambik publiziert (Isabela Figueiredo: Roter Staub), da wurde mir das Ausmaß der Gewalt wieder deutlich. Deutschland hatte das Glück, den Ersten Weltkrieg zu verlieren, danach war Schluss mit den Kolonien. Aber deshalb waren die Deutschen kein Haar besser, sie durften nur nicht weitermachen.

Kimi Blue ist Mitglied der Algonquin First Nation. Der Blick Awumeys auf die kanadischen Indigenen gerät ebenso schonungslos wie jener auf seine togoische Heimat: Arbeitslosigkeit, Alkohol, Drogen, Sinnleere. Hinter dem Strahlen der Strahlemänner drängt das Leid an die Oberfläche. Die Menschen wollen mit dem Kopf raus aus der Scheiße, wenigstens das, um kurz Atem zu schöpfen, „rare Zwischenräume“. Dieses Bild passt wohl nicht in die Imagekampagnen der Politiker, gleich, ob in Togo oder in Kanada, gleich, ob in der Diktatur oder in der Demokratie?

Nicht wirklich. Es ist ein Kanada, das ich nicht kannte oder kenne, ich war nur zweimal dort, und das ist lange her. Und in Togo war ich nie, kenne nur Mali, ein so wunderbares Land, dessen Musik mich immer begleitet – in das man aber nicht mehr reisen kann. Dort, in Bamako, Ségou und Timbuktu, habe ich mich vor vielen Jahren in das afrikanische Französisch eingehört. Man spürt jederzeit die Wahrheit in Awumeys Blick auf die Dinge, als hätte man ihm beim Versuch wegzusehen die Augenlider abgeschnitten – wie sein Geschöpf Koli Lem in die Sonne starren musste, bis er blind war. In einem Interview über den Roman sagte Awumey: „Als ich ihn geschrieben hatte, ging es mir besser.“ Vermutlich wollte Kanada auch deshalb das Buch nicht fördern. Immerhin aber hat das Internationale Literaturfestival Berlin die Qualitäten des Autors erkannt und ihn eingeladen. Schon für diesen September, aber das musste natürlich verschoben werden; so wird er im nächsten Jahr nach Berlin kommen, und dann haben wir schon einen zweiten Roman von ihm publiziert, Les pieds sales – wir suchen derzeit nach einem deutschen Titel, der nicht sofort an HC Strache denken lässt. Es ist ein wunderbarer, beinahe mythischer Roman über die Suche eines jungen Mannes nach seinem Vater, mit dem gemeinsam er aus seinem Dorf weggegangen ist, den er später aber verloren hat. Jetzt sucht er ihn in Paris.

Nach Aka Morchiladzes Der Filmvorführer bespreche ich mit Nächtliche Erklärungen das zweite Buches Ihres Verlages, das von einer großen Männerfreundschaft zwischen einem Jungen und einem Alten erzählt. Dort Beso und Islam Sultanow, hier nun Ito und Koli Lem. Gibt es für Sie einen besonderen Grund, solchen Konstellationen Raum zu geben und diese Geschichten zu verlegen?

Das ist Zufall. Aber sind es nicht oft die Beziehungen zwischen Alt und Jung, die große Literatur auf den Weg bringen? Ob familiärer oder freundschaftlicher Natur ist da nicht so wichtig. Denken Sie nur an den wohl bedeutendsten Roman unserer Zeit, Das achte Leben (für Brilka) von Nino Haratischwili. Aber Sie haben recht, zwischen den beiden Figurenkonstellationen gibt es erstaunliche Parallelen, das hatte ich selbst nicht bemerkt.

Nun ist die Frankfurter Buchmesse 2020 als physischer Auftritt abgesagt worden …

Ja, wir hätten auch nicht wirklich einen wichtigen Anlass gehabt, zur Messe zu fahren, weil wir schon vor zwei Jahren den exzellenten Schokoladenkuchen zur 25. Teilnahme bekommen haben. Aber wir werden sicher an den digitalen Formaten partizipieren, vielleicht können wir gar ein Gespräch mit Edem Awumey aufnehmen lassen. Es gibt auf YouTube einiges von ihm zu sehen, was schon sehr neugierig macht. Und die Zusammenarbeit mit ihm war wunderbar, jede Frage des Übersetzers wurde postwendend beantwortet. Ich freue mich mächtig darauf, ihn persönlich kennenzulernen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Eric Giebel.

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erstellt am 14.9.2020
aktualisiert am 15.9.2020

Stefan Weidle, Foto: Weidle Verlag | Privat
Stefan Weidle, Foto: Weidle Verlag | Privat

Stefan Weidle gründete 1993 den Weidle Verlag, einen Literatur- und Kunstverlag mit Sitz in Bonn.

www.weidleverlag.de

Buchcover Edem Awumey: „Nächtliche Erklärungen“, Umschlaggestaltung Benoît Tremsal, Weidle Verlag

Edem Awumey
Nächtliche Erklärungen
Roman
Aus dem Französischen von Stefan Weidle
Umschlag: Benoît Tremsal
Broschur, fadengeheftet, 208 Seiten
ISBN: 978-3-938803-97-4
Weidle Verlag, Bonn 2020

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