Als die Armee angriff und die Anführer der Proteste jagte, gab es Todesopfer. Im ersten Kapitel der „Nächtlichen Erklärungen“ von Edem Awumey erinnert sich Ito Baraka an die Katastrophe auf dem Campus und an das Straflager.

Romanauszug von Edem Awumey

Nächtliche Erklärungen

1

Der Zug rast durch eine Landschaft, die trotz der Nachtstunde ausgebleicht wirkt. Die Nase gegen das Abteilfenster gedrückt, läßt Ito Baraka erneut eine Szene Revue passieren, die er schon seit Tagen ständig im Kopf hat. Sie endet in der Mitte seines Kellers, des Souterrains, das ihm als Wohnung dient: Er bleibt da stehen, hebt den Kopf und schaut prüfend auf den Kasten des Deckenventilators. Er untersucht ihn und sagt sich, daß ihm mangels eines Stricks auch abgeschnittene Hemdärmel genügen werden.

Er sieht sich den Kasten an, die roststarrenden Flügel, komplett unnütz am Himmel einer Ruine, und erinnert sich an sein Land und an einen verpatzten Frühling. Er hat nicht vergessen, wie am dritten Streiktag die Armee von der Regierung auf den Campus befohlen wurde. Jeeps besetzten das Gelände; drei Tage Überwachung des Trüppchens von halsstarrigen kleinen Intellektuellen. Am vierten Tag griff die Armee an und jagte die Anführer der Proteste. Eine schöne Jagd in wilder Natur: Leoparden hetzen Zebras, Peitschen schlagen, Knüppel zertrümmern im Vorbeigehen Schädeldecken, ein Rette-sich-wer-kann in den Gängen der Universitätsgebäude, abgetrennte Arme und Beine, Kämpfer scharen sich um ihren Genossen Neto, der sieht, wie sich die Schlinge immer enger um ihn zusammenzieht. Er hatte seinen Namen im Gedenken an sein großes Vorbild gewählt, den angolanischen Dichter und Revolutionär Agostinho Neto. Weil sie noch in einem Alter waren, in dem man Götter brauchte. Ito Baraka hat das alles viele Jahre später nicht vergessen; auf seinem Sofa zusammengekauert, sieht er die Szenen noch einmal, wie die Armee schließlich Neto in eine Ecke im dritten Stock des Universitätsgebäudes treibt. Links ein Fenster und dahinter ein durchgestrichener Himmel.

Ito Baraka möchte Schluß machen mit dieser Vergangenheit. Als er sich allein in seiner Wohnung befindet, stellt er sich die Szene des Selbstmords wieder vor. Dann sucht er seine Schere, um die Ärmel von den Hemden zu schneiden. Er muß nur noch eine Schlinge daraus machen und kann dann abtreten. Das ist die effektivste Methode, um die brutale Invasion dieser Bilder zu stoppen, der Bilder, die ihn so oft hinderten, die Augen zu schließen, jene Schlinge, die sich immer enger um Neto zusammenzog, als er in die Enge getrieben am Fenster stand in einem umzingelten Universitätsgebäude, ein Tritt von einem Stiefel, das Fenster explodiert in tausend schneidende Splitter. Der Film läuft mit Überschärfe vor Itos Augen ab. Draußen auf dem Campus richtet die Armee Netos Gesicht her, Faustschläge lassen seine Schläfen schwellen und die Augenbrauen aufplatzen, die Nase ist an der Wurzel gerissen. Die Armee hebt den jungen Mann hoch, er schaut in die zitternden Baumkronen über sich. Um das Universitätsgebäude die unerschütterliche Majestät der Eukalyptusbäume, abscheuliche Wolken, der Korridor und das Fenster schwimmen darin, der undurchdringliche Himmel und Neto, der aus dem Fenster gestürzt wird. Ein heiserer Aufschrei, der Schrei dieses kleinen Scheißers von einem Anführer, der auf das harte Ocker im Hof der Universität stürzt, eine Blutlache um seinen Kopf, der Heiligenschein des Märtyrers mit den geweiteten Pupillen. Ito Baraka erinnert sich, er stand mit anderen aufständischen Studenten um den sich in Krämpfen windenden Körper ihres Kameraden, ein Totentanz zitterte durch dessen Glieder, Soldaten die weiterhin die Korridore der Universität nach schwarzen Schafen absuchten. »Ein Taxi!« schrie ein Mädchen aus der Gruppe um den Halbtoten, dessen Körper seinen Tanz auf dem Boden mit dem Knacken eines antiken Tonarms in der Auslaufrille beendete.

Und Ito und die anderen starrten nur hilflos auf den aus dem Fenster Gestürzten, die Blutlache wurde zur Pfütze, und die Lippen des Toten murmelten unzusammenhängende Worte, Beschreibungen der ersten Schritte im Jenseits, ganz frisch für die, die, wenigstens für den Moment, am Leben blieben. Jemand pfiff, die Armee war auf dem Rückzug, das Taxi fanden sie zwanzig Minuten später, die Flure des Krankenhauses voller Marionetten mit verrenkten Gliedern. »Legt ihn dorthin«, zischte ihnen ein Weißkittel zwischen den Zähnen zu, und um Mitternacht kam endlich ein Arzt, der den Kopf schüttelte, als er den Unglücklichen sah. Ito dachte an die Puppe, den kleinen Kerl aus Lumpen, den seine Mutter für ihn mit ihrer Singer-Nähmaschine gemacht hatte, seinen ersten Spielkameraden, den er lange an einem Arm hinter sich hergezogen hatte, obwohl seine Mutter ihn warnte: »Wenn du ihm den Arm abreißt, kann ich ihn nicht schnell genug wieder annähen, und er muß sterben.« Und als der Arzt erst in diesem Moment kam, fragte er sich, wie man wissen konnte, ob die Skalpelle und Scheren nicht zu spät eingriffen, um Neto noch zu retten.

Der Arzt schickte sie weg und schloß sich mit dem Toten in einem Operationssaal ein. Als sie am nächsten Morgen wiederkamen, erklärte man ihnen: »Man muß abwarten, er ist noch immer im Operationssaal.« Und in den nächsten Stunden hieß es dann: »Er wird reanimiert«, am dritten Tag: »Er liegt im Koma«, und wochenlang immer »Koma«, bis man ihnen schließlich mit irgendeiner undurchsichtigen Begründung jeden weiteren Besuch untersagte. Irgendwas wie, es wäre nur noch die engere Familie zugelassen. Ito Baraka weiß nicht, was aus dem jungen Mann geworden ist. In diesem Jahr gelang es kaum, die Toten, Verletzten und Verschwundenen auf dem Campus zu zählen; Ordnung und Angst hielten wieder Einzug in die Hörsäle mit den zersplitterten Fenstern.

Ito Baraka probt in seinem Keller die Schlußszene. Er wirft einen Blick auf den Ventilator da oben, stellt sich auf sein quietschendes Sofa. Wegen der gebrochenen Federn kann er kaum das Gleichgewicht halten. Er wirft das Seil, das sich in den Flügeln des Apparats verfängt, und zieht daran. Und was jetzt? Aus dem Ende, das er in den Händen hält, die Schlinge knoten? Da spürt er die Hand seines Freundes Koli Lem, sie ergreift seinen Arm in einer Zelle jenes Lagers, in dem sie festgehalten wurden. Eine schöne Schlinge, geknüpft von den langen Fingern Kolis, die sich in seine Haut bohren. Dabei flüstert Koli: »Nur ruhig, wir werden hier rauskommen, und durch das, was du erlebt hast, wirst du zu einem großen Schriftsteller, du wirst ein Alexander Solschenizyn.«

Ja, versichert ihm Koli auf ihrer Todesstation irgendwo im Herzen einer Savanne unter dem unbarmherzigen Brennen der Sonne. Ito Baraka wird ein berühmter und leider schmerzerfüllter Schriftsteller sein, der wie für seine Figuren auch für sich selbst das Ende wählt. Er wird den Zeitpunkt und die Waffe und einen letzten Gedanken wählen, und dann wird er auf dem Gipfel seines Ruhms in seinem Souterrain verrecken, in jener Behausung, die gleichzeitig das Grab der Sonne ist. In ihrem Tropengefängnis murmelte Koli Lem weiter: »Du wirst Yukio Mishima sein!« Das ist das Zeitalter der Strafkolonie, das Jahrhundert des ganzen Wahnsinns und des Scheiterns, das, von dem Ito Baraka in einem Buch zu erzählen versucht, seinem letzten, mit allem, was ihm an Blut und flüchtigem Erinnern bleibt.

In dem Zug, der ihn von Québec, wo er vor einem teilnahmslosen Publikum gelesen hat, zurückbringt, drängt sich das Gesicht seines Mithäftlings immer wieder auf; Koli fährt ungerührt fort: »Du wirst García Lorca sein !« Ja, das wird Ito sein – aber in welcher Zukunft? Ein charismatischer Künstler oder einfach ein Typ, der stört, und in einer heiteren Morgenröte auf einem kahlen Hof wird er wie García Lorca seinen letzten Anzug tragen, die Nadelstreifen des Dandys. Man schichtet seine Bücher an einer Wand auf, stellt ihn davor und exekutiert ihn.

Auszug aus

Edem Awumey: „Nächtliche Erklärungen“ (Kapitel 1)
Übersetzer: Stefan Weidle
Mit der freundlichen Genehmigung des Weidle Verlags Bonn.

Siehe auch

Gespräch mit Stefan Weidle, Übersetzer und Verleger
(das Gespräch führte Eric Giebel)

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erstellt am 14.9.2020
aktualisiert am 15.9.2020

Edem Awumey, Foto: Jean-Marc Carisse
Edem Awumey, Foto: Jean-Marc Carisse

Edem Awumey wurde 1975 in Lomé, Togo, geboren. Explication de la nuit, so der Originaltitel von Nächtliche Erklärungen, ist sein vierter Roman. Er erschien 2013 in Kanada und wurde bereits ins Englische übersetzt. Edem Awumey lebt in Vieux-Hull bei Ottawa. Er ist zum internationalen literaturfestival berlin 2020 (aktuell verschoben auf 2021) eingeladen worden.

Buchcover Edem Awumey: „Nächtliche Erklärungen“, Umschlaggestaltung Benoît Tremsal, Weidle Verlag

Edem Awumey
Nächtliche Erklärungen
Roman
Aus dem Französischen von Stefan Weidle
Umschlag: Benoît Tremsal
Broschur, fadengeheftet, 208 Seiten
ISBN: 978-3-938803-97-4
Weidle Verlag, Bonn 2020

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