Eine Kurtisane, die Tochter eines Polizeispitzels, war Modell für ein Gemälde, das ein Herzog aus erzieherischen Motiven seiner jungen Frau schenken will. Stefana Sabin bespricht den historischen Roman „La Fenice“, den Lea Singer über eine starke Frau und die venezianische Gesellschaft des 16. Jahrhunderts geschrieben hat.

Wie eine Venezianische Kurtisane zu Titians Venus wurde

Lea Singers Roman »La Fenice«

Lea Singer / Eva Gesine Baur, 2015 (Video-Screenshot)
Lea Singer / Eva Gesine Baur, 2015

Mit Biographien über Charlotte Schiller und Emanuel Schikaneder ist Eva Gesine Baur Lob als Sachbuchautorin bekannt geworden, aber mit historischen Romanen über Künstler und Musiker wie Caspar David Friedrich, die sie unter dem Pseudonym Lea Singer veröffentlicht hat, hat sie sich ein solides Renommee erschrieben. In ihrem neuen Roman zeichnet Lea Singer ein Gesellschaftsbild Venedigs im 16. Jahrhundert und erzählt die Überlebensgeschichte einer starken Frau.

In den Uffizien in Florenz hängt eines der bekanntesten Gemälde von Tizian: Venus von Urbino. Um 1538 entstanden, zeigt das Gemälde eine nackte junge Frau, die lässig auf einem Bett liegt und den Betrachter schmunzelnd anblickt. Sie trägt einen Ring, einen Armreif und Ohrringen, ihr blondes Haar ist gelöst und fließt in weichen Wellen auf ihre rechte Schulter, in ihrer rechten Hand hält sie ein Rosenbouquet, mit der linken Hand berührt sie ihre Scham, die gewissermaßen im Zentrum der Komposition ist. Am Fuß des Bettes liegt ein schlafender Hund, rechts im Hintergrund sind zwei Frauen mit Kleidern und Kleiderkästen beschäftigt. Tizian zeigt die Göttin in einem häuslichen Ambiente und reduziert die mythologischen Konnotationen auf kleine Details: das Rosenbouquet (die Blume der Venus), das Hündchen (Treue), die Perle des Ohrrings (Reinheit). Tatsächlich wurde das Gemälde als Gleichnis auf die Ehe (weil der Kleiderkasten als Ehetruhe mit der Aussteuer interpretiert werden kann) und auch als Darstellung weiblicher Sexualität. Jedenfalls wurde das Gemälde von Guidobaldo II Della Rovere, Herzog von Urbino, als „modello educativo“, als erzieherisches Beispiel, für seine sehr junge Frau Giulia da Varano in Auftrag gegeben. Das ist deshalb besonders pikant, weil die Frau, die Tizian Model gestanden hat und zufällig auch Giulia hieß, eine berühmte Kurtisane war.

„Venus von Urbino“ von Tizian, 1538
Öl auf Leinwand, 119 × 165 cm, Uffizien
Foto: The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM),
distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202.
Gemeinfrei (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=159580)

Ihre Geschichte erzählt Lea Singer in ihrem neuesten historischen Roman. Es ist eine schreckliche und zugleich eine großartige Geschichte: die Geschichte der jungen Kurtisane Giulia del Moro, genannt La Zaffetta (weil sie die Tochter eines zaffo, eines Polizeispitzels, war), die Furchtbares (über)lebt und – so die Suggestion des Romantitels – aus der Asche wiederaufersteht.

La Zaffetta verkehrte im Künstlermilieu um Pietro Aretino und Tizian, so dass Singer auch die Kulturszene Venedigs im 16. Jahrhundert zeichnet, und sie hatte hochangesehene Liebhaber, so dass auch ein Gesellschaftsbild entsteht. Ein von der Zaffetta abgewiesener Liebhaber aus der venezianischen Gesellschaftselite, Lorenzo Venier, war es denn auch, der sie durch eine gezielte Gruppenvergewaltigung abstrafen ließ und die Tat in einem Pamphlet der sogenannten letteratura puttanesca (wörtlich: ‚Hurenliteratur‘) beschrieb. Dieses Pamphlet, Il Trentino della Zaffetta, ist eines von vielen Dokumenten, auf denen Lea Singers Romanhandlung gründet.

Das dokumentarisch Gefundene reichert Singer mit fiktional Erfundenem an und erzählt die Überlebensgeschichte einer Frau, die Ohnmacht in Macht verwandelt. „Ich war nicht vorbereitet auf eine Laufbahn als Märtyrerin und wollte sie auf keinen Fall verfolgen“, bekennt sie. Denn statt den physischen und psychischen Verletzungen der an ihr verübten Gewalttat zu erliegen, kehrte La Zaffetta ins mondäne Leben zurück. „Jetzt war mehr als ein halbes Jahr vergangen, anzusehen war mir nicht das Geringste. Die Erinnerung schien auch bei den Venezianern zu verblassen.“ So kehrte sie in Aretinos Salon zurück, nahm ihr Kurtisanenleben wieder auf, wählte ihre Liebhaber mit grösstem Bedacht und stieg gesellschaftlich auf – und als Tizians Mädchen im Pelz und seine Venus von Urbino wurde sie berühmt.

Tizian: Selbstbildnis 1550–1562 (Foto: Gemeinfrei. Gemäldegalerie Berlin)
Tizian: Selbstbildnis 1550–1562

Indem Singer die Zaffetta als Icherzählerin einsetzt, verleiht sie den Ortsbeschreibungen eine besondere Glaubwürdigkeit und gewinnt dem historischen Geschehen eine aktuelle Dimension ab, ohne ins Anachronistische oder Feministische zu verfallen. Die Hauptfiguren, Aretino und Tizian, wirken in ihrem Gehabe ebenso überzeugend wie die Nebenfiguren, Lorenzo Venier oder Ippolito de Medici. Und La Zaffetta wächst im Verlauf der Handlung über die erzählte Zeit hinaus zu einer mächtigen Gestalt. So gelingt Singer eine moderne Geschichte auf historischem Hintergrund.

Siehe weiter

Kommentar Lea Singers zu den historischen Details in La Fenice, PDF, Kampa Verlag (mit Abbildungen der erwähnten Gemälde u. Quellenverzeichnis)

Siehe auch

Buchkritik: Dantes „Commedia“ in deutscher Prosa

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erstellt am 12.9.2020
aktualisiert am 14.9.2020

Lea Singer
La Fenice
Roman
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-311-10027-0
Kampa Verlag, Zürich 2020

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