Um Werke der Neuen Musik zu singen, war immer ein Spezialistenchor vonnöten, geschulte Sängerinnen und Sänger, die neben ihrer hohen Qualifikation auch die Bereitschaft für das Neue mitbrachten. Das zeichnet bis heute die SCHOLA HEIDELBERG aus, die mit dem ensemble aisthesis Werke von Luigi Nono und Salvatore Sciarrino auf CD herausbrachte. Ernst August Klötzke weiß sie zu schätzen.

CD: Werke von Nono und Sciarrino mit der SCHOLA HEIDELBERG

Von einer attischen Vase

Mit der CD „PAROLE e Testi“ verbinden die SCHOLA HEIDELBERG und das ensemble aisthesis unter der Leitung von Walter Nußbaum Chor- und Ensemblewerke der Komponisten Luigi Nono und Salvatore Sciarrino.

Luigi Nono (Video-Screenshot)
Luigi Nono

Beider Musik ist geprägt von der italienischen Gesangstradition, die einen frühen Höhepunkt in der Renaissance und dem folgenden Übergang zum Barockzeitalter markiert. Im Œuvre sowohl Nonos als auch Sciarrinos finden sich unter der Oberfläche Verweise auf diese Blütezeit der italienischen Madrigalkunst, die sich in fein gesponnen linearen Verläufen zeigt, deren Zusammenwirken hier wie dort immer wieder erstaunliche Ausprägungen des Polyphonen als über die Summe beteiligter Einzelstimmen qualitativ Hinausweisendes zeigt.

Der Ältere, Luigi Nono, ist sowohl mit seinem damals bahnbrechenden Ensemblewerk „Polifonica – Monodia – Ritmica“ von 1951 in der rekonstruierten Originalversion vertreten, als auch mit seinem neun Jahre später entstandenen Gesang für acht Soli „Sarà dolce tacere“. Als Bonus Track wurde die Aufnahme der gekürzten Uraufführung von 1951 unter der Leitung von Hermann Scherchen beigefügt.

Salvatore Sciarrino (Video-Screenshot)
Salvatore Sciarrino

Den Jüngeren, Salvatore Sciarrino, repräsentieren zwei reine Vokalwerke, nämlich „L`alibi della parole“ für vier Stimmen von 1994 und die siebenstimmigen „Tre canti senza pietre“, die er 1999 geschrieben hat.

Durchweg zeigt sich die hohe gesangliche Qualität der SCHOLA HEIDELBERG, der das Niveau des ensemble aisthesis in nichts nachsteht. Die fein ausdifferenzierten Partituren finden in dieser Einspielung kongeniale Interpreten.

Schon zu Beginn der ersten Nummer aus Sciarrinos „L´Alibi della parole“ wird das große Ausdrucksspektrum der Gesangssolisten deutlich, denen es gelingt, auch so schwierige (weil verbrauchte) Atemklänge und Übergänge zum Singen in einer Feinheit zu gestalten, die sie von jeglichem kompositorischen Klischee befreit. Sciarrino komponiert die Texte, deren Entstehungszeit ca. 2.000 Jahre umfasst, nicht nur mit dem Blick auf ihre Inhalte, sondern auch unter Hinzunahme ihrer jeweiligen Gestalt(ung). Sehr verschieden sind die Vertonungen, die auf der Inschrift auf einer attischen Vase, einem Fragment von Petrarca und zwei visuellen Gedichten aus der Feder des 1931 geborenen brasilianischen Lyrikers Augusto de Campos basieren. Den vier Stücken gemeinsam ist das Luftige ihres Erscheinens, dies wird in der vorliegenden Aufnahme erfreulich deutlich.

Eine andere Perspektive zeigt Sciarrino in seinen „Tre canti senza pietra“. Fast wie verkleinerte Monolithe wirken überwiegend die „Klangbilder“ (Sciarrino), die damit einhergehende Gefahr der Vereinzelung umgehen die Solisten der SCHOLA HEIDELBERG, und so spannt sich ein wohl durchgestalteter dramaturgischer Bogen über die komponierten Textfragmente von Michel Serres, Isabel Stengers und Edgard Gunzig, die Sciarrino zusammengestellt hat.

Luigi Nonos „Polifonica – Monodia – Ritmica“ zeigt sich in der Interpretation ihrer Urfassung als ein atmender Instrumentalgesang, der so gar nichts gemein hat mit der Fassung der Uraufführung, die zum Vergleich als Bonus Track beigefügt ist. Sehr gut durchhörbar musiziert das ensemble aisthesis die unterschiedlichen emotionalen Verdichtungsgrade der Komposition, die dadurch ein wirklicher Gesang wird, dessen Körperlichkeit das Werk zugleich zeitlos und erfrischend gegenwärtig macht. Gleiches gilt auch für den „Canto per otto soli“, dem Gedichte von Cesare Pavese zu Grunde liegen. Auch hier zeigt sich die SCHOLA HEIDELBERG von ihrer besten Seite. Die Feinheit der sehr schwer umzusetzenden Partitur, deren Farbigkeit sich gleich einem Kaleidoskop dauernd wandelt, wird mit einer Klarheit interpretiert, die atemberaubend ist: es grüßen di Lasso, Monteverdi und Gesualdo.

Auch das zweisprachige Booklet (englisch/deutsch) ist qualitativ wertvoll. Darin finden sich hilfreiche Texte, mit denen eine reflektierende Annäherung an die Kompositionen das Hören erweitert. Dies sind sowohl Originaltexte der Komponisten, als auch Essays zum Umfeld der Werke und der Aufnahmen von J. Marc Reichow und Jan Kopp.

Kurzum: eine schöne CD!

Von der CD „PAROLE e Testi“: Nono, Luigi, „Polifonica – Monodia – Ritmica“ (SCHOLA HEIDELBERG)

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erstellt am 08.9.2020
aktualisiert am 13.9.2020

SCHOLA HEIDELBERG
PAROLE e Testi
Mit Werken von Salvatore Sciarrino (geb. 1947)
und Luigi Nono (1924-1990).

Mitwirkende: Schola Heidelberg, Ensemble Aisthesis, Walter Nußbaum und im Bonus Track „Polifonica – Monodia – Ritmica“ Musiker des Orchesters vom Staatstheater Darmstadt unter Hermann Scherchen (Aufnahme von 1951).
CD, 2019
DIVOX, CDX-21701, DDD

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