Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zeigt bis zum 15. November 2020 die Ausstellung „Frank Walter. Eine Retrospektive“. Ursula Grünenwald befasst sich mit der kuratorischen Inszenierung.

Frankfurter Retrospektive für Frank Walter (1926-2009) im MMK

Eine unabgeschlossene Unterhaltung

Die im Mai aufgeflammten Proteste der weltweiten „Black Lives Matter“-Bewegung rahmen die aktuelle Ausstellung „Frank Walter. Eine Retrospektive“ im Frankfurter Museum für Moderne Kunst und zeigen ihre gesellschaftspolitische Relevanz. Die posthume Präsentation des weitgehend unbekannten Künstlers aus der Karibik wirkt wie ein Statement gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund von Hautfarbe und Herkunft, deren Anfänge in der Kolonialzeit liegen. Kuratiert von der Direktorin des Museums, Susanne Pfeffer, wird das Werk des auf Antigua geborenen Frank Walter (1926–2009) im Dialog mit jüngeren künstlerischen Positionen gezeigt, die den Auswirkungen des Kolonialismus bis in die Gegenwart hinein nachgehen.

Suche nach künstlerischer und persönlicher Identität

Zuallererst fällt die Vielfalt der Formate und Medien auf, mit denen sich der Autodidakt Walter beschäftigte. Er malte und zeichnete, stellte Holzskulpturen her, komponierte und war literarisch tätig. Von den rund 5.500 Werken aus seinem Nachlass sind im MMK an die vierhundert zu sehen. Sie zeugen von einem unbändigen Schaffensdrang, aber auch von einer ins Extreme reichenden Suche nach kultureller und persönlicher Identität.

Walters kleinformatige Landschaftsbilder, Porträts und Straßenszenen bestechen durch eine Kombination gedeckter Rot-, Grün- und Blautöne. Darunter mischen sich Ansichten, in denen strahlende Farben dominieren.

Abb. 1 (links): Frank Walter, Ohne Titel, o. J.
Abb. 2 (mittig): Frank Walter, Ohne Titel (Self-Portrait), o. J.
Abb.3 (rechts): Frank Walter, Ohne Titel, o. J.
Fotos: Axel Schneider

Wiederholt hat sich der Künstler mit der Küste als Grenzregion zwischen Land und Meer beschäftigt. Daneben ist es der zeitliche Übergang zwischen Tag und Nacht, der ihn interessiert. Walters Landschaften zeichnen sich durch eine radikale Verflachung des Bildraumes und hohe Farbintensität aus. Häufig verstellen monochrome Flächen den Blick in die Ferne. Der Pinselstrich bleibt auf den leicht transparenten Flächen sichtbar und verleiht den Bildern etwas Momenthaftes. Stellenweise scheint der Untergrund durch. Der Künstler akzentuiert die medialen Besonderheiten von Malerei und löst sich von einer rein motivbezogenen Darstellung. Eine Gleichzeitigkeit von Figuration und Abstraktion kennzeichnet Walters künstlerische Handschrift.

In einem Selbstporträt in Öl auf Karton stellt sich der Künstler im Halbprofil und mit weißer Haut dar. Zahlreiche autobiographische Notizen Walters zeugen von seiner intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Hautfarbe und familiären Abstammung. Als er sich 1953 nach ersten beruflichen Erfolgen in der antiguanischen Zuckerindustrie für eine Ausbildung in Europa entscheidet, leitet ihn auch das Interesse, die Kultur seiner englischen und deutschen Ahnen kennenzulernen. Doch statt im britischen Mutterland willkommen geheißen zu werden, ist er rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Wie andere Einwanderer von den westindischen Inseln, die sogenannte Windrush-Generation, trifft er auf die Ressentiments der Einheimischen. Walter, der sich als Gelegenheitsarbeiter verdingt, erleidet wiederholt psychische Zusammenbrüche und kehrt früher als geplant in die Karibik zurück.

Die Arbeiten verlocken zu immer neuen Assoziationen mit schon Gesehenem. Vergleiche mit Outsider-Kunst und volkstümlicher Malerei liegen nahe. Doch auch zahlreiche andere Referenzen sind vorstellbar, wie die Beiträge des begleitenden Katalogs zeigen, die leider manchen werknahen Beleg vermissen lassen. Lesenswert ist der Text der US-amerikanischen Kunsthistorikerin Krista Thomson, die Walters Aneignung der romantischen Rückenfigur für die Darstellung seiner karibischen Realität beschreibt und damit die Interpretation des Werkes um eine transkulturelle Perspektive bereichert.

Gerne wüsste man, weshalb Walter in Europa kein künstlerischer Erfolg vergönnt war: Hatte er überhaupt Kontakt zu Künstlerkollegen? Immerhin besuchte er zwischen 1956 und 1958 mehrfach das Rheinland. Doch könnten die stilistischen Differenzen zur damaligen Kunstszene in Deutschland und Europa kaum größer sein, denkt man an die Künstlergruppe ZERO, die 1958 in Düsseldorf gegründet wurde. Hat Walter während seiner Zeit in Europa Kunstausstellungen besucht? Welche Bücher, möglicherweise Kunstbücher, hat er in der öffentlichen Bibliothek von Leeds gelesen, die er häufig aufsuchte? Und was motivierte ihn nach seiner Rückkehr nach Antigua, sich politisch zu betätigen und für ein öffentliches Amt zu kandidieren? Man wünscht sich für das Werk von Walter ein Set an Forschungsfragen, das weniger Künstlerpersönlichkeit und europäische Vorbilder in den Blick nimmt, sondern den vielfältigen kulturellen und politischen Verflechtungen nachgeht, in die Walters Schaffen eingebunden war. Eben darauf zielt auch der indische Kunsthistoriker Partha Mitter ab, wenn er in seinem Aufsatz „Decentering Modernism. Art History and Avant-Garde from the Periphery“ von „Pathology of Influence“ spricht. Die akademische Kunstgeschichte würde nichtwestliche Positionen häufig auf europäische Vorbilder und Konzepte zurückführen, lautet Mitters Kritik. Kunsthistoriker*innen wie Monica Juneja arbeiten deshalb an einer transkulturellen Neuausrichtung des Faches. Christian Kravagna weist in seinen Studien zur „Transmoderne“ auf die engen Verflechtungen von künstlerischen und antikolonialen Bewegungen im 20. Jahrhundert hin. Hieran schließt Pfeffers kuratorisches Konzept an, das keine Einflüsse nachzeichnet, sondern auf künstlerische Begegnungen und ein großzügiges Raum- und Farbkonzept setzt. Die Wandfarben der Ausstellungsräume korrespondieren mit den Gemälden und lassen die Bedeutung von Farbe im Werk Walters hervortreten. Zugleich ergänzen die parallel präsentierten Arbeiten mehrheitlich jüngerer Künstler*innen Walters Auseinandersetzung mit kolonialen und postkolonialen Fragen.

Postkoloniale Kontinuitäten

Das heimliche Kraftzentrum der Ausstellung ist John Akomfrahs Videoarbeit „The Unfinished Conversation“ von 2012. In einer Bilderflut, die auf drei großformatigen Leinwänden zu sehen ist, führt der Videokünstler Macht und Elend des britischen Empire vor Augen. Im Mittelpunkt steht die Figur Stuart Halls, der, selbst aus der Karibik kommend, nach einem Studium in Oxford seine bahnbrechenden Studien zu kultureller Identität entfaltet und die „Cultural Studies“ begründet hat. Szenen aus Politik und Kultur mischen sich mit Landschaftsaufnahmen, privaten Fotografien, Sequenzen aus Radiosendungen und Interviews. Der erst 2014 verstorbene Hall kommentiert seine Gegenwart – und damit unweigerlich auch die Walters – mit der ihm eigenen analytischen Schärfe und Sensitivität. Walters künstlerischen Versuche fügen sich mit Akomfrah in einen Kosmos gesellschaftlicher und postkolonialer Verwerfungen nach dem zweiten Weltkrieg ein.

Abb. 4: John Akomfrah, „The Unfinished Conversation”, 2012 (Video Still)
© Smoking Dog Films, Courtesy the artist and Lisson Gallery

Über ihre Diskriminierung als Schwarze Frau berichtet die US-amerikanische Künstlerin Howardena Pindell in dem 12-minütigen Video „Free, White and 21“ von 1980. Während Pindell Episoden aus ihrer Schul- und Universitätslaufbahn schildert, verhüllt sie minutenlang ihren Kopf mit weißen Binden, so dass sie als gesichtsloses, anonymes Wesen erscheint. Dass hier eine biographisch argumentierende Position aus den USA gezeigt wird, irritiert ein wenig, denn auch wenn sich Phänomene der Diskriminierung in den USA und der Karibik ähneln, bestehen doch immense machtpolitische und ressourcenbedingte Differenzen zwischen den beiden Regionen. Gleichwohl bringt Pindell ein Thema auf den Punkt, das Walter quälte: Die Bedeutung dunkler Haut in einer von Weißen dominierten Welt.

Abb. 5: Howardena Pindell, „Free, White and 21“, 1980. (Foto: Axel Schneider)

Abb. 5: Howardena Pindell, „Free, White and 21“, 1980. Foto: Axel Schneider

Abb. 6: Frank Walter, Ausstellungsansicht im MMK – Museum für Moderne Kunst.
Foto: Axel Schneider

Vorstellbar ist, dass sich der Künstler auch als Studiofotograf mit der Frage der Hautfarbe befasste. Die von ihm hergestellten Pass- und Familienaufnahmen sind in der Ausstellung in einem eigenen Raum zu sehen. So charmant es ist, verblichene Fotos aus einem anderen Kulturkreis zu betrachten, stellt sich beim Betrachten doch die Frage, ob Walter mit dieser Inszenierung einverstanden gewesen wäre. Hätte er akzeptiert, dass sein künstlerisches Werk neben seinem Broterwerb präsentiert wird? Nicht zuletzt kann das Nebeneinander von künstlerischer und Alltagspraxis als anthropologische und exotisierende Geste missverstanden werden.

Die in diesem Jahr entstandene Rauminstallation „Matières premières“ der Künstlerin Kapwani Kiwanga übersetzt die koloniale Zuckerproduktion, die den Sklavenhandel befeuerte, in den musealen Kontext. Von der Decke herabhängende hellgrau-beige Papierbahnen aus Zuckerrohrfasern bewegen sich sacht beim Durchqueren des Raumes. Vereinzelt werden sie dort, wo sie auf dem Boden aufliegen, von flachen Metallobjekten beschwert, die aus den Klingen von Macheten hergestellt wurden. Die Arbeit ruft die historische Kolonialwirtschaft ebenso in Erinnerung wie die bis heute damit verbundenen ökologischen und ökonomischen Probleme in den Ländern des Globalen Südens.

Abb. 7: Kapwani Kiwanga, „Matières premières“, 2020
© VG Bild-Kunst, Bonn, 2020, Foto: Axel Schneider

Ein Remake von Marcel Broodthaers Installation „L’Entrée de l’exposition (Catalogue–Catalogus)“ von 1974 empfängt die Besucher*innen gleich am Eingang der Ausstellung. 23 eingetopfte Palmen säumen den Weg vom Foyer bis in die Haupthalle, in der, äußerst effektvoll, nur ein Gemälde von Walter hängt. Für Broodthaers, der sich intensiv mit der bürgerlichen Institution des Museums befasst hat, ist die Palme der Inbegriff europäischer Salonkultur, die exotische Exponate integrierte, gesellschaftliche, ökonomische, und kulturelle Hierarchien jedoch ausblendete. Bis man die Arbeit dem belgischen Künstler zuordnet, kann man sie leicht für einen Versuch halten, karibisches Flair in dem postmodernen Museumsbau zu verbreiten. Man sieht sich unversehens mit eigenen Klischees konfrontiert und lernt zugleich die reizvolle Unentschiedenheit des kuratorischen Konzepts kennen, das kritische Positionen in einem ästhetisch ansprechenden Ambiente in Szene setzt.

Abb.8: Marcel Broodthaers, „L’Entrée de l’exposition (Catalogue–Catalogus)“, 1974 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2020, Foto: Axel Schneider

Abb.8: Marcel Broodthaers, „L’Entrée de l’exposition (Catalogue–Catalogus)“, 1974
© VG Bild-Kunst, Bonn, 2020, Foto: Axel Schneider

The Unfinished Conversation

Die Ausstellung führt in äußerst ansprechender Weise vor Augen, auf welchen historischen Kontinuitäten rassistische Dispositive gründen und welche Auswirkungen koloniale Gewalt bis heute entfaltet. Auch die Reglementierungen, denen Kunstschaffende wie Walter ohne entsprechende Ressourcen und Netzwerke ausgesetzt waren und sind, werden anschaulich.

Was die Ausstellung ungemein sehenswert macht, ist der Umstand, dass Walter das gesamte Haus zur Verfügung gestellt wird und sein Werk in Dialog zu nachfolgenden Künstlergenerationen treten kann. Gerade diese Sehangebote bieten Stoff für angeregte Diskussionen. Wie wäre es deshalb, das Dialogische auch im Ausstellungstitel zu betonen und nicht von Retrospektive zu sprechen, sondern mit Akomfrah von „The Unfinished Conversation“?

Siehe weiter

www.frankwalter.org

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare


Pollmeier - ( 23-09-2020 08:51:44 )
Ein ausgezeichneter Beitrag zur Ausstellung, mit Hinweisen, die in der Ausstellung wesentlich fehlen.

Kommentar eintragen









erstellt am 07.9.2020
aktualisiert am 10.9.2020

Booklet-Cover zur Ausstellung „FRANK WALTER. Eine Retrospektive“, 2020 im MMK

Plakat „FRANK WALTER. Eine Retrospektive“
Frank Walter, Ohne Titel, o. J., Foto: Axel Schneider

Ausstellung in Frankfurt

FRANK WALTER. Eine Retrospektive

Im Dialog mit John Akomfrah, Khalik Allah, Kader Attia, Marcel Broodthaers, Julien Creuzet, Birgit Hein, Isaac Julien, Kapwani Kiwanga, Carolyn Lazard, Julia Phillips, Howardena Pindell, Rosemarie Trockel.

16. Mai – 15. November 2020

MMK – Museum für Moderne Kunst

Booklet der Ausstellung „FRANK WALTER“

Katalog / Begleitbuch
Katalog-Cover Ausstellung „FRANK WALTER. Eine Retrospektive“, Abb.: Frank Walter, Ohne Titel, o. J., Foto: Axel Schneider

Susanne Pfeffer (Hg.)
FRANK WALTER. Eine Retrospektive

Editor. Beratung: Barbara Paca
Mit Beiträgen v. Precious Okoyomon, Barbara Paca, Susanne Pfeffer, Cord Riechelmann, Gilane Tawadros, Krista Thompson, Frank Walter.
Softcover, 424 Seiten, 548 Abb.
ISBN: 978-3-96098-825-0
Koenig Books, Köln/London 2020

Katalog bestellen