Das Rote Meer findet sich auch im Schwarzwald, insbesondere, wenn Rossinis selten aufgeführte Oper „Moïse“ in Bad Wildbad aufgeführt wird. Das beim Festival „Rossini in Wildbad“ aufgenommene Werk ist als Box mit drei CDs erschienen. Und Thomas Rothschild hat sich das klingende Drama angehört.

CD-Box: Rossinis Oper »Moïse«

Rossini alttestamentarisch

Gioachino Rossini, 1865. (Foto: Gemeinfrei, Fotografie von Étienne Carjat)
Gioachino Rossini, 1865

Rossini-Fans pilgern alljährlich nach Pesaro, wo ein Festival seit 1980 dem beliebten italienischen Komponisten huldigt, der hier geboren wurde. Aber zunehmend konnte sich das neun Jahr später gegründete Festival Rossini in Wildbad als ernst zu nehmende Konkurrenz profilieren. Bad Wildbad? Rossini hat hier 1856 einen Kuraufenthalt absolviert. Na bitte, Grund genug.

2018 wurde in Wildbad die Oper „Moïse“ aufgeführt, und nun liegt sie als Box auf 3 CDs vor. Gespielt wurde die ungekürzte französischsprachige Pariser Fassung von 1827. „Moïse“, mit vollem Titel „Moïse et Pharaon ou le Passage de la mer Rouge“, gehört nicht zu Rossinis viel gespielten Opern. Sie rangiert der Zahl der Inszenierungen und Aufführungen nach deutlich hinter „Il barbiere di Sevilla“, „La cenerentola“ oder „L'italiana in Algeri“. Aber spätestens bei dem Chor „Oh jour heureux, jour solenel!“ schlagen einem vertraute Töne entgegen. Das ist der vitale Rossini, der Ohrwurm-Produzent, den wir kennen und lieben. Das ist der Vorzug von spezialisierten Festivals: Sie müssen, wenn sie Jahr für Jahr etwas anbieten wollen, auch auf die weniger bekannten Werke zurückgreifen, selbst bei Rossini, der weitaus mehr Opern hinterlassen hat als etwa Mozart. Immerhin hat sich auch Jürgen Flimm 2009 bei den Salzburger Festspielen Rossinis „Moïse“ vorgenommen.

Rossinis Librettisten Luigi Balocchi und Étienne de Jouy fügen nach damaliger Gepflogenheit der alttestamentarischen Geschichte vom Auszug der Juden aus Ägypten das Dilemma von Moses’ (Alexey Birkus) Nichte Anaï (Elisa Balbo) hinzu, die sich gegen ihre Liebe zu Aménophis (Randall Bills), dem Sohn des Pharao (Luca Dall‘Amico), für die Treue zu ihrem Glauben und zu ihrem Volk entscheidet, wofür sich Aménophis rächt. Man fühlt sich an die populäre „Aida“ erinnert.

Chor und Orchester holt sich das Wildbader Festival, wohl auch aus budgetären Gründen, aus Osteuropa. Was für Salzburg die Wiener und für das Festspielhaus Baden-Baden die Berliner Philharmoniker, sind für den Kurort im nördlichen Schwarzwald die Virtuosi Brunenses, also auf gut Deutsch: die Brünner Virtuosen, der Górecki Kammerchor kommt aus Krakau.

Brunnenhalle der Neuen Trinkhalle Bad Wildbad. Foto: Andreas Praefcke, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4397598
Trinkhalle Bad Wildbad

Was man auf der CD nicht sieht, ist die Trinkhalle in Bad Wildbad, in der die Oper zur Aufführung kam, ein eher schmuckloser Funktionsbau mit bis zu 800 Sitzplätzen und einer relativ schmalen Bühne. In der Aufzeichnung klingen Orchester und Sänger „größer“, kraftvoll. Sie berechtigen den Untertitel, den sich Rossini in Wildbad 2001 gegeben hat: Belcanto Opera Festival.

Die Oper endet mit dem nicht nur frommen Bibellesern vertrauten Durchzug der Juden durch das Rote Meer – ein Stoff, der es Rossini und seinen Interpreten gestattet, ihre ganze dramatische Power zu demonstrieren. Eine Vorwegnahme von tonmalerischem Monumentalismus. Was Cecil B. DeMille hundert Jahre später für den Film getan hat, vollbrachte Rossini für die Oper.

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erstellt am 07.9.2020
aktualisiert am 07.9.2020

Gioachino Rossini
Moïse
(Version von 1827)

Liveaufnahme aus der Trinkhalle Bad Wildbad 2018
Künstler: Alexey Birkus, Luca Dall'Amico, Randall Bills, Patrick Kabongo Mubenga, Silvia Dalla Benetta, Albane Carrere, Górecki Kammerchor Krakau, Virtuosi Brunensis, Fabrizio Maria Carminati
3 CDs / CD-Box
Label: Naxos, 2020

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