Zehn Fragen an Phyllis Kiehl

Was steht außer dem Computer, der Schreibmaschine, dem Schreibblock oder dem Diktiergerät noch auf Ihrem Schreibtisch?

Phyllis Kiehl: Vieles. Eine Kupferschale aus den 50ern, in der ein Stück Treibholz liegt und mein „Papier d’Armenie“ – ein mit Duftessenz getränktes Heftchen, aus dem man einzelne Streifen ausreißt und anzündet. Macht ordentlich duftenden Qualm. Rechter Hand ein Spiegeltablett, darauf mein Lieblingsparfüm von Serge Lutens, etwas Schmuck, ein goldenes Pillendöschen meiner Großmutter, ein sehr kleines Schaf. Ein spindelförmiges Stück Lava, das meine Mutter auf einem ihrer zahlreichen Ritte im Wüstensand ausgegraben hat. Ein fingerlanger Schutzengel, ungebrannter Ton, diskret dort abgestellt von einem scheidenden Lover. Ein persischer Mörser samt Stößel, nicht größer als die Kuppe meines Daumens, zum Pulverisieren von Safranfäden. Eine winzige Schreibmaschine aus Messing mit Spitzerfunktion. Ein altes Döschen meines verstorbenen Vaters, Inhalt geheim. Ein silbernes Kaninchen, hohl mit Klingeling von innen, daran ein Beißring. Hab’ ich früher selbst draufgebissen, leider aus Elfenbein.

Was tun Sie am liebsten, wenn Sie nicht schreiben?

Bäume ausreißen.

Gibt es ein Heilmittel gegen Schreibblockaden?

Freihändig an Mülltonnen pinkeln. Joggen. Offline onanieren. Öffentlich ankündigen, dass man schreiben wird und worüber und wann der Text erscheint. Gegenstände als Stillleben arrangieren, die zum Vorhaben passen. Früher schrieb ich in akuten Fällen über das Nichtschreibenkönnen, heute bevorzuge ich Listen mit willkürlich fließenden, möglichst suggestiven Wörtern, die ich mit Assoziationen paare oder mit Zeichnungen. Aber eine großherzig ausgelebte Libido gibt noch immer den besten Schub.

Wo sammeln Sie Ideen für Ihre Texte?

In meinem Memoire. In Chatverläufen mit ausgewählten Personen. Im Bilderarchiv. In Zeichnungen.

Welche fünf Bücher möchten Sie nicht missen in Ihrer Bibliothek?

Fünf meiner langjährigen Begleiterinnen sind:
Chimamanda Ngozi Adichie mit „Half of a yellow sun“
Hanya Yanagihara mit „A little Life“
Margaret Atwood mit „Oryx and Crake“
Riccarda Junge mit „Die letzten warmen Tage“
Barry Stevens mit „Don’t push the river“

Welches Buch oder welchen Autor oder welche Autorin können Sie nicht ausstehen?

Thilo Sarrazin.

Welchen Autor oder welche Autorin beneiden Sie und warum?

Ich beneide Miranda July und Aimee Bender um ihre wundervoll schrägen Einfälle. Elfriede Jelinek beneide ich um die Art, wie sie ihr eigener Maßstab geworden ist. Alban Nikolai Herbst beneide ich um sein stilistisches und phantastisches Repertoire und seine ungeheure Belesenheit.

Wer oder was hat Sie zum Schreiben gezwungen?

Neugier, große Lust am Ausgreifen, an der Sprache. Und Bedrängnis. Ich scheue vor sozialer Interaktion oft zurück, auch wenn man’s mir nicht anmerkt. Schreibend kann ich die Vermischung mit der Welt genüsslicher angehen.

Kann Bildende Kunst zum Schreiben anregen – wenn ja, an welche Künstler oder Künstlerin denken Sie dabei?

Unbedingt regt bildende Kunst zum Schreiben an! Allen voran für mich prägend war Louise Bourgeois. Auch Miranda July. Jenny Holzer. Marina Abramowic. Die Arbeit von Anna Oppermann hat mich schon auf Ideen gebracht und einiges von Tracey Emin. Matthew Barney hat mich über Jahre schwer beeindruckt, Christoph Schlingensief auch. Grundsätzlich regen mich Menschen an, die Selbsterfindung als Teil ihrer künstlerischen Arbeit begreifen.

Mit welcher Autorin oder mit welchem Autor würden Sie gerne einen trinken gehen?

Ich grüble noch …

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erstellt am 06.9.2020
aktualisiert am 11.9.2020

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Phyllis Kiehl

Zeichnung: © Phyllis Kiehl

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