Manchmal schreibt eben ein Marktschreier die Überschriften, selbst in Medien, die sich selbst für seriös halten. Dass die Spaßgesellschaft nun passé sei, entnehmen sie der SINUS-Jugendstudie 2020. Ob die Erhebung das hergibt und ob sie in Relation zur letzten Befragung überhaupt vergleichbar ist, hat Jutta Roitsch untersucht.

Die Sinus-Jugendstudie 2020 und ihre (vor)schnellen Deutungen

Spaß muss sein, im normalen Leben

Endlich kamen die Lockerungen, und auf den öffentlichen Plätzen tummelten sich Jugendliche, aber vor allem junge Männer und Frauen in den Zwanzigern, mit und ohne Mundschutz. Sie feierten ausgiebig, laut und trunken: Corona war gestern. Bis die Polizei kam. Und dann die neue SINUS-Jugendstudie 2020: „Wie ticken Jugendliche?“.„Party war gestern“ verkündete die Tagesschau am 23. Juli. Die „Zeit online“ und die FAZ begrüßten freudig die neue Ernsthaftigkeit der Jugendlichen und im Boulevardstil hieß es in der Kölnischen Rundschau: „Tschüss Spaßgesellschaft, hallo Ernsthaftigkeit“. Selten klafften die tagespolitischen Bilder und die Pressemitteilung zu einer über 600 Seiten langen Studie weiter auseinander.

In ihrem rund dreiseitigen Fazit für die Öffentlichkeit und Medien schreiben die Autoren um Marc Calmbach und Bodo Flaig tatsächlich zu den jugendlichen Lebenswelten von heute: „Die ehemals so jugendtypische hedonistische Mentalität ist weiter auf dem Rückzug und wandelt sich: Jugendliche Lifestyleszenen, Party, Fun und Action verlieren an Bedeutung“. Die neue deutsche Spaßgesellschaft sei endgültig vorbei. „Die Jugendlichen betrachten die Welt und ihre Probleme ernsthaft und realistisch, sind aber gleichzeitig – anders als das überkommene Bild vom jugendlichem Aufbruch und Überschwang – sehr besorgt und mitunter sogar ängstlich. Fast scheint es, als sei der Jugend der Spaß abhanden gekommen.“

Diese Zusammenfassung der „Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland“ (so der Untertitel der Studie) ist kühn. Und irritierend angesichts der partyrauschenden Ereignisse von Mallorca bis zur Berliner Hasenheide. Wie konnte das den Sinus-Forschern passieren, die seit 2008 alle vier Jahre jugendliche Milieus erforschen und dazu 72 Mädchen und Jungen aus bildungsfernen und bildungsnahen Familien mit unterschiedlicher Herkunft intensiv befragen, sie zu Hause besuchen und ihnen zur Vorbereitung „Hausarbeiten“ aufgeben? Die gründliche Vorbereitung und persönliche Befragung fand im vergangenen Jahr von Anfang März bis Juni statt, lange vor dem Ausbruch der Pandemie. Die im März 2020 geplante öffentliche Vorstellung verschob das Team in den Sommer, um kurzfristig im April und Mai eine halbstündige telefonische Befragung der Jugendlichen anzufügen: zu Corona, dem politischen Management und ihren Befindlichkeiten ohne Schule und Kontakte zu den Freundinnen und Freunden. Aus der Gruppe der beteiligten Teenager nahmen 50 an der schnellen Telefonaktion teil. Die Antworten, aus welchen Milieus auch immer, bleiben unscharf und sind geprägt von Unsicherheit nach dem Motto: Wir wissen nichts, die Politik wird es nach den Vorgaben der Wissenschaft schon richten. Die Schlagzeilen vom Ende der Spaßgesellschaft gibt dieses knapp vierzigseitige Sonderkapitel nicht her. Es ist eine sehr vorläufige Momentaufnahme, in der allenfalls das fast grenzenlose Zutrauen der Jugendlichen in die Vorgaben der Wissenschaftler und das Krisenmanagement der Politik überrascht.

Die Widersprüche zwischen den öffentlichen Bildern und den Befunden lassen sich erhellen durch einen vergleichenden Blick in die Studie aus dem Jahr 2012 und derjenigen aus diesem Jahr. Die Teenager, die vor neun Jahren im Mittelpunkt standen, gehören heute im wesentlichen zu den Gruppen, die am Ballermann feiern, illegale Parties in der Berliner Hasenheide veranstalten, nach dem Lockdown auf die öffentlichen Plätze strömen und ihr Recht auf Feiern, Genuss und überbordende Sinneslust demonstrieren. Dieser zur Schau gestellte Hedonismus zeichnete sich in der Jugendstudie 2012 ab. Vor allem bei den männlichen Jugendlichen.

Die unter 18-Jährigen, Jugendliche auf der Suche nach sich selbst, nach Orientierung und ihrer eigenen möglichen Zukunft, teilen die Forscher seit ihrer ersten Studie 2008 in sieben Lebenswelten. Vor acht Jahren waren dies: Konservativ-Bürgerliche, Materialistische Hedonisten, Prekäre, Sozialökologische, Adaptiv-Pragmatische, Expeditive und Experimentalistische Hedonisten. Keines dieser jugendlichen Milieus war wirklich dominant, zu den Sozialökologischen rechneten die Forscher damals zehn Prozent, zu den Pragmatischen 19 Prozent. Die Hedonisten waren mit 12 beziehungsweise 19 Prozent dabei, die vergleichsweise große Gruppe der Expeditiven mit 20 Prozent. Zu den Prekären zählten die Forscher vor acht Jahren sieben Prozent. Aufschlussreich war damals die Geschlechterverteilung: die vergleichsweise kleine Gruppe der Sozialökologischen beherrschten zu 70 Prozent die Mädchen (heute könnte dies ein Hinweis sein, warum sich an der Fridays for Future-Bewegung so viele junge Frauen von Anfang bis Mitte Zwanzig engagieren). Bei den Materialistischen Hedonisten kehrte sich das Verhältnis mit 60 Prozent Jungen um, auch bei den Experimentalistischen Hedonisten finden sich mit 54 Prozent überwiegend Jungen. (Bei den Prekären sind es 68 Prozent.) In der pragmatischen Mitte dominieren mit 61 Prozent die Mädchen.

2012: „Lebensweltenmodell U18, Geschlechterverteilung“ in der SINUS-Jugendstudie 2012

Die Expeditiven, die Experimentalistischen und die Materialistischen Hedonisten prägten damals mit sechzig Prozent die Bilder und das öffentliche Interesse. Ihnen schrieben die Sinus-Forscher die Action-, Fun- und Szeneorientierung zu: Das Partyleben im Hier und Jetzt, das Protzen mit Luxusklamotten (Experimentalisten, meist mit niedriger bis mittlerer Bildung; bildungsferne Materialisten) oder die lifestyleorientierten Networker auf der Suche nach unkonventionellen Erfahrungen (Expeditive, in der Regel sehr bildungsnah). Die selbstgemachten Fotos aus ihren Zimmern spiegelten die Lebenswelt dieser Jugendlichen: ein Fahrrad an der Wand, bunte Plakate, Bilder von sich selbst und mit anderen, trendiger Schnickschnack und eher beiläufig im ungeordneten Durcheinander ein Bildschirm.

Acht Jahre später haben sich die Lebenswelten der 14- bis 17-Jährigen offenkundig einschneidend verändert. Bei der Zahl sieben sind die Sinus-Forscherinnen und Forscher geblieben. Aber bei einem Vergleich der beiden Modell-Grafiken sticht ins Auge, wie sehr sich die Anteile in den Jugendmilieus verschoben haben. Die Teenager des Jahres 2019/2020 sind in die pragmatische und traditionell-bürgerliche Mitte gerückt. Und zwar auffallend deutlich, auch wenn die Berliner Forscherinnen und Forscher uns konkrete Fakten und Prozentanteile vorenthalten. Wie groß die Gruppe der „Adaptiv-Pragmatischen“ im Vergleich zu den anderen heute wirklich ist, erfährt man ebenso wenig wie das Geschlechterverhältnis innerhalb der Milieus. Das erschwert den Vergleich zwischen den Studien. Und macht das eigentlich erfahrene Team unnötig angreifbar, zumal es auch noch drei Milieus umbenennt. Die Forscherinnen und Forscher nennen es „präziser fassen“. Hedonisten tauchen nicht mehr auf: Sie werden zu „Konsum-Materialisten“. Die Sozialökologischen gehen in den „Postmateriellen“ auf und die „Konservativ-Bürgerlichen“ in den „Traditionell-Bürgerlichen“. „Präziser fassen“ oder Verzicht auf wertende Reizwörter?

2020: „Lebenswelten U18, Universelle Werte“ in der SINUS-Jugendstudie 2020

Ist der Verzicht auf Begriffe wie „Unterschicht“, „konservativ“ oder „sozialkritisch-alternativ“ ein Angebot an die buntgemischte Gruppe der Auftraggeber? Zu den Geldgebern gehören vom Deutschen Fußballbund bis zum Bund der Deutschen Katholischen Jugend oder der Bundeszentrale für politische Bildung auch die Barmer und die Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz. Die umfangreichen Kapitel „Gesundheit“, „Sport“ und „Politik“ erklären sich so, auch die für 14- bis 17-Jährige seltsame Frage, ob sie sich später einmal die Kirche als ihren Arbeitgeber vorstellen könnten.

Was aber treibt und prägt die deutliche Mehrheit der Jugendlichen? Was bewegt die vergleichsweise kleineren Milieus an den Rändern? Sind der Spaß, die Reisefreudigkeit und die Partylaune tatsächlich verflogen?

Symbol-Zeichnung Jugendzimmer aus der SINUS-Jugendstudie 2020
Jugendzimmer (SINUS-Jugendstudie 2020)

Auch in dieser Studie haben die Jugendlichen ihre Zimmer (sie haben alle ein eigenes!) fotografiert. Und bis hin zu den Postmateriellen (weltgewandte Teenage-Bohemiens mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn nach der Sinus-Kurzfassung) sieht es in den eigenen vier Wänden aufgeräumt, computerdominiert und insgesamt ziemlich brav-bürgerlich aus: dann und wann ein Klavier oder eine E-Gitarre, ein rückengerechter Bürostuhl, weiße Regale oder Schränke, im Mittelpunkt stets Bildschirme, Computer nebst Zubehör. Dazu passt, dass die Jugendlichen aller Milieus auf eine Frage in ihrem „Hausarbeitsheft“ eine Antwort geben: „Auf was könntest Du nicht verzichten im Leben?“ Eine 17-Jährige antwortet und schreibt in das Heft: „Auf Essen, Play Station, Mein Handy und Kaffee.“ Eine andere 15-Jährige notiert: „Ich könnte niemals in meinem Leben auf meine Familie, Freunde verzichten und auf das Handy.“ Ein 15-Jähriger fügt in diese Liste noch ein „mein“ Handy ein.

Die Aussagen aus der Lebenswelt der Pragmatischen, die sich ähnlich auch in den anderen Milieus finden, weisen auf die Verschiebungen in den letzten acht Jahren hin. In allen sieben Welten dreht sich der Alltag der Jugendlichen um Familie, Freundinnen und Freunde sowie die digitale Teilhabe über Handy oder Smartphone. Aber auch wenn das Wort „hedonistisch“ gestrichen wurde: „Rausgehen“, feiern , Geselligkeit, Spaß haben, zu Konzerten und Musikfestivals fahren, tanzen mit netten Menschen – das gehört zu den „coolen Dingen des Lebens“ (zum Beispiel bei den Postmateriellen). Nach einem Ende der Spaßgesellschaft hören sich diese Aussagen nicht an.

Dennoch durchzieht die Studie ein neuer Grundton: die Suche nach Orientierung und Halt in einem „normalen bürgerlichen Leben“ mit Familie und Freundeskreis. Die Jugendlichen reden viel über ihre Nähe zu ihren Eltern, vor allem der Mutter (sie wird oft als Vorbild genannt), über Wärme, Heimat, Nähe, Bodenständigkeit, Sicherheit und Vertrauen. Aber auch Leistung („Work hard, play hard“, so bei den Expeditiven), Selbstbestimmung oder ein Bedürfnis nach Rückzug und Zeit für sich („chillen“) fehlen nicht. Die Schule ist wichtig, aber nimmt zu viel Zeit in Anspruch, „nervt“ wegen der Anforderungen. Dennoch kennen diese Teenager den Wert der Abschlusszeugnisse, den Wert der Noten und einer Ausbildung, sei es Studium oder Lehre. Erstaunlich ähnlich sind über die Milieus hinweg die Vorstellungen von ihren zukünftigen privaten und beruflichen Lebenswegen: _„eine glückliche und feste Partnerschaft oder Ehe, Kinder, Haustiere, ein eigenes Haus oder eine Wohnung, ein guter Job und genug Geld, um sorgenfrei über die Runden zu kommen“. So fassen die Forscher und Forscherinnen die Aussagen zusammen. Alternative Zukunftskonzepte (Lifestyle ohne festen Wohnsitz oder Karriere über alles) verfolgten nur noch wenige Jugendliche.

Verblüfft registrierte das Sinus-Team auch, dass „Klimawandel“, Flüchtlinge, Krieg oder Kriminalität in der persönlichen Zukunftswelt der Jugendlichen nicht auftauchen. So schreiben sie: „Interessanterweise nennen die Jugendlichen den Klimawandel äußerst selten als Zukunftssorge, wenngleich er bei der Abfrage politischer Probleme als Megathema behandelt wurde.“

Die politischen Megathemen sind vorhanden und werden benannt, auch wenn sich die Mehrheit der Jugendlichen nicht für Politik interessiert. Aber ihr persönliches, „normales“ bürgerliches Leben ist davon nicht berührt.

In diese Befindlichkeit der Teenager von heute platzt die Corona-Pandemie. Und erschüttert die Bilder von der eigenen Zukunft, erschüttert vielleicht auch das Erleben zu Hause, in der Familie und im Freundeskreis. Die Pandemie stellt in Frage, was die Jugendlichen nicht in Frage stellen wollten: unter Umständen einschneidende Veränderungen im Zusammenleben, beim Feiern, beim Reisen, in der Schule, in der Ausbildung. Wo sie sich Sicherheit wünschten, erfahren sie Unsicherheit, vor allem in der Schule und in der Arbeitswelt. Sie erleben um sich herum Ängstlichkeit und viel, viel Abstand statt Nähe und Wärme. Sie sehen aber auch Sorglosigkeit und bewusste Regelverletzung. Das behütete Leben, in das sie sich eingewöhnt oder auch fast idyllisch eingeträumt hatten, ist durch eine unsichtbare Gefahr bedroht. Noch ein Jahr, noch zwei Jahre, wer weiß das schon.

Dieser Generation der Teenager, die gerade erst begonnen hatte, sich ein normales Leben zurechtzulegen, stehen ziemlich unnormale Zeiten bevor. Sie braucht mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit. Dies mit und durch die Jugendstudie 2020 zu erkennen, ist wichtiger als die Verkündung vom Ende der Spaßgesellschaft.

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erstellt am 06.9.2020
aktualisiert am 06.9.2020

Cover-Ausschnitt der Sinus-Jugendstudie 2020

„Wie ticken Jugendliche?“ wertet die SINUS-Jugendstudie auch im Jahr 2020 wieder aus.

Studie
Buchcover „SINUS-Jugendstudie 2020“, bpb

Marc Calmbach, Bodo Flaig, James Edwards, Heide Möller-Slawinski, Inga Borchard, Christoph Schleer
SINUS-Jugendstudie 2020:
Wie ticken Jugendliche?
Lebenswelten von Jugendlichen im Alter
von 14 bis 17 Jahren in Deutschland.
Studie des SINUS-Instituts, Heidelberg/Berlin.
624 Seiten
Schriftenreihe, Band-Nr. 10531
bpb/Bundeszentrale für politische Bildung,
Bonn 2020

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