Jürgen Schadeberg verschlug es nach dem Krieg in die Fotoabteilung der Deutschen Presseagentur in Hamburg, wo er zum Fotografen ausgebildet wurde. Drei Jahre später folgte er der Mutter nach Südafrika, wo er mit eindrücklichen Bildern zum bedeutenden Chronisten der Apartheid wurde. Cornelia Wilß porträtiert den großen Fotografen, der am 29. August im Alter von 89 Jahren gestorben ist.

Zum Tode des Fotografen Jürgen Schadeberg

Das Leben fotografieren

Aufgeschlagen liegt der umfangreiche Bildband Jürgen Schadeberg mit einer Auswahl seiner Schwarz-Weiß-Fotos auf dem Schreibtisch. Fast sechzig Jahre fotografisches Wirken blättern sich auf, die Einblicke in das große fotografische Erbe geben, das der Dokumentarfotograf hinterlässt: von den Anfängen des Schwarzen Widerstandes gegen die Apartheid in Südafrika, über den Mauerbau in Berlin, die Depression in Großbritanniens Norden, das London der Siebziger- und Achtzigerjahre bis zum neuen Südafrika.

Weg aus Deutschland

Jürgen Schadeberg wurde 1931 im Berliner Westen in der Gegend von Halensee geboren. Im Alter sprach er, der in vielen Ländern gelebt und gearbeitet hatten, oft von seiner Geburtsstadt Berlin. Berlin, betonte er, habe er nie vergessen. In seiner 2017 erschienenen Autobiografie The Way I See It (Picador Africa) erinnert sich der berühmte Fotograf an seine Kindheit und Jugend im Bezirk Charlottenburg. Das Naziregime sei allgegenwärtig gewesen; viele Nächte verbringt er mit seiner Mutter im Luftschutzkeller des Wohnblocks am Kurfürstendamm. Als Sohn einer alleinerziehenden Schauspielerin war er oft sich selbst überlassen und unternahm einsame Streifzüge durch die vom Krieg gezeichnete Stadt. Seine Gabe zu beobachten und seine Freude am Anekdotischen, gepaart mit einem Hang zu trotziger Ironie, wie sein Freund, der Filmautor Peter Heller sagt, zeigte sich schon in frühen Jahren. Sein erstes bedeutsames Bild, das er im Alter von zwölf Jahren macht, zeigt eine Gruppe von Leuten, die 1942 in einem Luftschutzkeller Schutz suchen und einem Herrn Schultze, der Akkordeon spielte, lauschten. „Manchmal nahm ich mein Grammofon dorthin mit und spielte Platten von Louis Armstrong, um die Stimmung etwas aufzuheitern, doch die Jazzmusik stieß auf wenig Begeisterung“. Das müssen kurze Moment des Glücks gewesen sein, während in unmittelbarer Nähe Bomben einschlugen. Jürgen Schadeberg hatte ein Gespür für den „perfekten“ Moment schon in jungen Jahren. Viel später wird er seinen Student*innen erklären, dass man als Fotograf „ein Foto sieht“. „Wenn man fotografieren will, muss man lernen zu sehen.“

1947 emigrierte die Mutter mit ihrem neuen Mann nach Südafrika und schickt den Sohn in Ungewissheit nach Hamburg. Schadeberg lernt sein Handwerk in der Fotoabteilung der Deutschen Presseagentur im Mittelweg; der in Frankfurt am Main geborene journalistische Reisefotograf Walther Benser wurde sein Mentor; er hat – wie sein Schüler Schadeberg – Zeit seines Lebens mit der Leica fotografiert. 2018 wird Jürgen Schadeberg siebenundachtzigjährig mit dem “Leica Hall of Fame Award“ gewürdigt. Die Auszeichnung bekommen herausragende Fotografen, die „mit ihren Bildern „die Welt berührt und mit ihrem Blick auf die Welt etwas bewegt haben“.

Der junge Schadeberg ist ein Kriegskind der lost generation. Er hat bald genug von Hamburg und will weg aus Deutschland. Die Entscheidung fiel im Juni 1950, als Schadeberg auf einem Dampfer von Southhampton nach Kapstadt reiste. An einem kalten Wintermorgen, schreibt er in seinen Memoiren, kam er in Johannesburg an, wo seine Mutter inzwischen lebte. Im Gepäck seine berühmte Leica-Kamera, die er immer dabeihaben wird und um den Hals trägt. Eine kleine, handliche Kamera, die es dem Fotografen erlaubt, unauffällig seine Aufnahmen zu machen.

Der Münchner Dokumentarfilmer Peter Heller ist Schadeberg oft begegnet. In seinem Film „Schadeberg Schwarz-Weiß“ (2009) führt er durch die Bilderwelten des Meisterfotografen in die Geschichte der Apartheid und des Widerstandes gegen den Rassismus in Südafrika in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. In einer Szene erzählt Schadeberg, wie er nach seiner Ankunft auf Arbeitssuche ging, wegen seiner kleinen Leica zunächst belächelt wurde. “Nun, wenn Sie mit dieser Miniaturkamera nach Südafrika kommen, haben Sie nicht die geringste Hoffnung, jemals einen Job zu bekommen …“ Es ist anders gekommen. Eine Anstellung fand Schadeberg bei der kleinen Redaktion der später legendär gewordenen Zeitschrift Drum, einem illustrierten Magazin, das neu gegründet und vor allem von Schwarzen gelesen wurde und einen emanzipatorischen Anspruch hatte. Schadeberg wurde Chef-Fotograf, Bild-Redakteur und künstlerischer Leiter. „Damals gab es keine Fotografen, keine schwarzen Fotografen. Das hieß, dass ich nun alleine herumrennen musste, überall, und machte die ganze Fotografie für ‚Drum‘.“ Die Zeitschrift konzentrierte sich auf Reportagen und Fotografien, verband Kultur mit Politik und hielt Schlüsselmomente des schwarzen Widerstands in Südafrika fest. Schadeberg arbeitete damals häufig mit dem Journalisten Henry Nxumalo zusammen, „Mr. Drum“, der als Sportjournalist begonnen hatte, aus der Musikszene berichtete und dann als investigativer Journalist die unmenschlichen Bedingungen im Apartheidregime aufdeckte und später ermordet wurde.

Dokumentarfilm „Schadeberg Schwarz Weiß“ von Peter Heller, 2009: Zum Ansehen bitte untenstehenden Link zu YouTube anklicken!

„Schadeberg Schwarz Weiß“
‒ ein Fotograf in Südafrika. (59 Min.)

Dokumentarfilm von Peter Heller, www.filmkraft.de, 2009
 
 
Zum Ansehen des Dokumentarfilms auf YouTube bitte diesen Link anwählen

Im Film von Peter Heller sitzen Jürgen Schadeberg und Sylvester Stein, der ehemalige Chefredakteur von Drum, beieinander und erinnern sich. „Die Idee von Drum war es, mit den Schwarzen zu kommunizieren, die aus Südafrika stammten, die keine eigene Zeitschrift hatten, keine richtige Zeitschrift. (…) Es war eine Art der Kommunikation, eine Art, miteinander zu kommunizieren, um tatsächlich eine Form des Verstehens zu schaffen, eine moderne Art der Kommunikation zu jener Zeit.“ Schadeberg hat in seiner Zeit bei Drum mit vielen schwarzen Fotografen zusammengearbeitet, die er unterstützt und gefördert hat, darunter auch den bekannten Fotodokumentaristen Peter Magubane. Von ihm kamen, schreibt der Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Robert von Lucius, der lange in Johannesburg gelebt und gearbeitet hat, „wegweisende Fotografien, die etwa Folter oder Misshandlungen Schwarzer in Gefängnissen zeigten“. Ein anderer wichtiger Fotograf aus dieser Zeit war Bob Gosani.

Chronist der Apartheid

Den charismatischen Nelson Mandela traf der junge Fotograf das erste Mal im Dezember 1951, Mandela war damals Präsident des ANC Youth League. Die Bilder des jungen selbstbewussten Anwalts in seinem Anwaltsbüro in Johannesburg gingen um die Welt. 1958 hält Schadeberg den Moment fest, als Nelson Mandela wegen Landesverrats vor Gericht steht. Jahrzehnte später begleitet er Mandela, vier Jahre nach dessen Freilassung auf die Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt. Dort war Mandela als Häftling 466/64 sechsundzwanzig Jahre lang festgehalten worden. Nun kehrte er als Friedensnobelpreisträger und Politiker, der 1994 mit dem ANC die Wahlen in Südafrika gewonnen hat, zum Ort seiner Gefangenschaft zurück. Das Bild, das Schadeberg von Nelson Mandela macht, der in seiner ehemaligen Zelle steht und in sich gekehrt wirkt, hat sich als zeitgeschichtliches Dokument in die Weltgeschichte eingeschrieben. „Mandela war sich seiner selbst sicher. Und ich schuf eine Atmosphäre des Friedens und der Entspannung, und ich glaube, das kann man auf den Fotos sehen.“

Jürgen Schadeberg porträtierte neben dem ANC-Führer Mandela wichtige Persönlichkeiten der Anti-Apartheid-Bewegung wie James Moroka, Walter Sisulu, Yusuf Dadoo und andere … Seine Aufnahmen von der Trauerfeier für die Opfer, die beim Massaker von Sharpeville von Polizisten erschossen wurden, als die Menschen am 21. März 1960 gegen die verhassten Passgesetze demonstrieren wollten, finden weltweit Verbreitung.

Buchumschlag von Jürgen Schadebergs Autobiografie „The Way I See It“, 2017

Der Stadtteil Sophiatown mit seiner flirrenden Szene übte einen starken Sog auf den jungen Schadeberg aus. Dort pulsierte das Leben. Das weiße städtische Leben in Johannesburg langweilte ihn eher. In Sophiatown hatte sich eine neue städtische Kultur der schwarzen Bevölkerungsmehrheit herausgebildet. Berühmte Künstler, Literaten und Musiker lebten hier – Jürgen Schadeberg war fasziniert: Mode, Swing und Tanzen im „Ritz“, harte Jungs in Boxhallen, unverfälschter Sound, und vor allem der Jazz. Schadeberg fing diese lässige Atmosphäre kunstvoll mit der Leica ein. Peter Heller hatte Jürgen Schadeberg über Denis Goldberg, den kürzlich verstorbenen weißen Anti-Apartheid-Kämpfer kennengelernt. Schadeberg, sagt er, habe immer eine besonderen Bezug zur Musik gehabt und sei ein Fachmann für Jazz in Südafrika gewesen. Er kannte sie alle, die Bluessängerin Dolly Rathebe, die später berühmte Miriam Makeba, den Saxofonisten Kippie Moeketsi, den Trompeter Hugh Masekela… Die Schönheit dieser Art des Jazz, den die talentierten Musiker feierten, mochte Schadeberg in seiner Rauheit. In Jazz, Blues & Swing (2007) setzte er später mit seinen Fotografien der großen Künstlern und Künstlerinnen der Musikszene Südafrikas über sechs Jahrzehnen hinweg ein Denkmal.

1955 machte das Apartheidregime dem liberalen Flair Sophiatowns ein jähes Ende; Schadeberg hat den Abriss und die Zwangsumsiedlung seiner Bewohner*innen in seinen Fotografien abgelichtet.

Sophia Town: Fotoübersicht von Jürgen Schadebergs Website. Weitere Fotogalerien von Jürgen Schadeberg:
www.jurgenschadeberg.com/galleries/galleries.htm

Voices from the Land

Befragt von einer jungen Journalistin in Südafrika, das er 1964 verlassen hatte und wohin er zwanzig Jahre später zurückgekehrt war, antwortet er auf die Frage, wie es sich anfühle, Teil einer solchen unglaublichen Bewegung wie der Anti-Apartheid-Bewegung zu sein: “Nun, ich weiß nicht, ob ich wirklich ein Teil davon war – ich habe es beobachtet.“ Schadeberg wurde, sagt Peter Heller, „von den Leuten respektiert“. Er hat gern „provoziert, war unangepasst und hatte aber beste Beziehungen zu Afrikanerinnen und Afrikanern. Er war einer unter Gleichen“.

„Als wir in den Slums waren, spürte ich, dass die Leute ihn mochten. Da war so eine Herzlichkeit, ein Vertrauensverhältnis. Er kam immer wieder zu Leuten, hatte sich auf die Begegnung vorbereitet und sich an das erinnert, was ihm die Leute vor Jahren gesagt hatten. Er sprach lange mit den Leuten und dokumentierte, wie sie lebten, wie es ihnen ging.“ Schadeberg habe Zugang zu Lebensorten in Townships, zum Beispiel in Kliptown, und Squatters in und um Johannesburg gehabt, die für Weiße auch heute noch zu betreten, ein Tabu sei. „Er konnte Türen öffnen“. Oft besuchte er Menschen mehrmals in ihrem Leben und versucht, in dem er sie wieder fotografierte, „eine Geschichte, die in der Vergangenheit war, wieder in die Gegenwart zu bringen“. Das sei eine komplizierte, doppelte Geschichte, meint er. „Ich muss ich sie zum Teil dann manchmal hier und da beeinflussen.“ Im Band Voices from the Land (Pretoria 2005) zeigt Jürgen Schadeberg in einer sozialdokumentarischen Arbeit die harte Realität der von der Öffentlichkeit vernachlässigten Arbeits- und Lebensbedingungen von Landarbeitern auf südafrikanischen Farmen. Auch in anderen Arbeiten aus seiner späteren Schaffenszeit scheut er nicht davor zurück, Elend, Gewalt und Armut zu dokumentieren. Dort wo das ihm begegnete. „Ich sehe mich nicht als eine Person, die eine Mission hat, Leuten irgendetwas beizubringen. Ich fotografiere das Leben“, sagt Schadeberg in dem sehenswerten Film von Peter Heller. „Mein Interesse in der Fotografie ist hauptsächlich das Tägliche, das Gewöhnliche, das Langweilige, das uns jeden Tag begegnet, aber das wir nicht mehr sehen, da es täglich ist, da es langweilig ist, da es vergessen ist und das interessiert mich mehr als alles andere.“

Jürgen Schadeberg zeigt seine Fotos. (Foto: Peter Heller)

Jürgen Schadeberg zeigt seine Fotos.
Foto: Peter Heller

Unterwegs

1964 ging Schadeberg nach London, lebt später in New York und in Frankreich. In den Sechziger- und Siebzigerjahren arbeitete er als freier Fotojournalist in Europa und Amerika für verschiedene renommierte Zeitschriften. Er bereiste afrikanische Länder, Lesotho, Kongo, fotografiert (allerdings schon 1959) die Kultur des Tanzes der San in der Kalahari Wüste in Botswana. Die Fotografien aus der späteren Zeit stellen eine Mischung aus sozialdokumentarischer Arbeit und einigen modernistischen, abstrakten Bildern dar. Er unterrichtete als Dozent, unter anderen an der New School in New York, der Central School of Art & Design in London und der Kunsthochschule in Hamburg. Während dieser Zeit kuratierte er mehrere große Ausstellungen. Mit seiner Frau, der Kunsthistorikerin und Filmproduzentin Claudia, die er in London kennengelernt hatte, veröffentlichte er zahlreiche Fotobände und produzierte Dokumentarfilme, u. a. für den BBC. (https://www.jurgenschadeberg.com/). Erwähnt werden soll hier sein Film Have You Seen Drum Recently? von 1989, der anhand von Fotos aus den Drum-Archiven die Geschichte der Zeitschrift erzählt und ihren Beitrag zum kulturellen und politischen Leben Südafrikas dokumentiert. Schadebergs Fotos wurden bei zahlreichen Ausstellungen gewürdigt, ein umfassender Werkkatalog gewann mehrere Preise. Sein Lebenswerk wurde unter anderem in dem 2004 erschienenen Film Drum – Wahrheit um jeden Preis (2004) gewürdigt.

Jürgen Schadeberg studierte einige Jahre lang Malerei. Manche seinen Fotografien erinnern an die Komposition von Gemälden, perfekt ausgeleuchtet, exakt fokussiert auf das Motiv, das er festhalten will. Er hatte immer eine genaue Vorstellung von dem Foto im Kopf, bevor er auf den Auslöser drückte. Das war es wohl, was er meinte, wenn er davon sprach, mit „dem Auge ein Foto zu sehen“.

Noch im hohen Alter war er auf der Suche nach neuen Herausforderungen. So plante er, sagt Peter Heller, der ihn 2019 an seinem letzten Lebensort La Drova im südspanischen Bergdorf besucht hatte, einen Jeep zu kaufen, um verlassene Dörfer in den Bergen zu Spanien zu fotografieren. Und wenn er, Schadeberg, dorthin humpeln müsse. Dieses Vorhaben konnte er nicht mehr verwirklichen. Am 29. August ist der große Fotograf Jürgen Schadeberg im Alter von 89 Jahren gestorben.

Video-Interview: „Jürgen Schadeberg & Nelson Mandela“, 9:40 Min. (2016)

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erstellt am 04.9.2020
aktualisiert am 04.9.2020

Jürgen Schadeberg, 1931 – 2020 (Video-Screenshot)

Jürgen Schadeberg (1931 – 2020)
In seinem Haus in Spanien, 2014 (Video-Screenshot)

Jürgen Schadeberg vor einem seiner berühmten Porträts von Nelson Mandela – und wie immer begleitet von seiner Leica-Kamera.
Foto: Peter Heller

Jürgen Schadeberg
The Way I See It ‒ A Memoir
Autobiografie, in englischer Sprache
Taschenbuch, 480 Seiten
ISBN: 978-1770105294
Picador Africa, 2017