Er folgt einer ganz eigenen Logik, die ihm die Sprache anbietet. Tadeusz Dąbrowski, der polnische Lyriker mit dem hintergründigen Humor, war im Januar 2020 zu Gast beim Festival der Weltliteratur Poetica zum Thema Widerstand. Elnas Nazem gibt einen Überblick.

Die ungewöhnlichen Bilder des Dichters Tadeusz Dąbrowski

Der hirnsaugende Moskito aus Zypern

Tadeusz Dąbrowski, 2015 (Foto: Rafal Komorowski, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42036838)
Tadeusz Dabrowski (Foto: Rafal Komorowski)

Die Mücke und die Moschee müssen irgendwie miteinander zusammenhängen, so der polnische Schriftsteller und Dichter Tadeusz Dąbrowski. Aus diesem Gedanken entstand einer seiner originellsten und komischsten Texte, den er im Rahmen der Poetica in Köln vortrug. Dort berichtete er auch von einer Angeltour in Zürich, wo er nach Würmern suchte und eine Goldkette fand, woraus er folgerte, dass es sich ebenso mit Gedichten abspiele. Die Sprache habe ihre eigene Gravitation und das Gedicht sei wie die Katze: sie kommt, wann sie will, aber nicht, wenn wir sie rufen. So stößt man manchmal auf der Suche nach Würmern auf Gold. Und durchaus erweist sich Tadeusz Dąbrowski als Alchemist, der die Sprache meisterhaft zu Gold transmutiert in dem Gedichtband Die Bäume spielen Wald sowie in seinem Debütroman Eine Liebe in New York.

Das Festival der Weltliteratur Poetica in Köln führte im Januar 2020 viele inspirierende Autoren aus allen Winkeln der Welt zusammen – ein Konglomerat verschiedener Sprachen, Bilder und Perspektiven. Das Thema in diesem Jahr: Widerstand. The Art of Resistance. Wer herausstach: Tadeusz Dąbrowski.

Mosquito

Die Mücke, mit der ich im selben Hotel-
zimmer lebe, lässt mich zuerst nicht einschlafen,
und dann stört sie regelmäßig meinen exotischen
Schlaf. Ich strecke die Wade unter der Decke hervor, damit
sie trinken kann und endlich Ruhe gibt, doch sie
hat sich den Kopf ausgesucht, und wenn sie nur könnte,
würde sie mir das Hirn aussaugen. Ich erinnere mich
an die Mücke, als ich am Spätnachmittag
das Klagen der Muezzine im türkischen Teil
der Stadt höre. Zugleich beobachte ich eine Hummel,
die, den heiligen Gesang parodierend, Stoff
schmuggelt und ihren dicken Hintern in Sommerfarben
unter der Nase des Militärs, über den Stacheldraht hinweg.

(aus: „Die Bäume spielen Wald“)

Die Parodie der Hummel kommt so ironisch und leichtfüßig daher, dass man zwischen Weinen und Lachen feststeckt. Die politische Dimension ergibt sich wie beiläufig. Das Gedicht entstand in Nikosia, der seit 1974 geteilten Hauptstadt Zyperns. Die Moschee und die Mücke müssen irgendwie miteinander zusammenhängen – so Tadeusz Dąbrowski –, stecke doch das Wort Mosque im Wort Mosquito. Einen solchen Vergleich zu ziehen, überhaupt ein solches Gedicht zu schreiben – sei es auch augenzwinkernd – ist mutig, wo wir doch in Zeiten leben, in der eine übertriebene politische Korrektheit auf der einen Seite sowie religiöser und politischer Fanatismus auf der anderen Seite jede Form von Auseinandersetzung überschattet. Gerade in Polen hat die Zensur Tradition; erinnert sei nur an die Konfiszierung der Werke von Czesław Miłosz – einer der Schlüsselfiguren der polnischen Literaturgeschichte – durch die Kommunisten 1951 und dem Veröffentlichungsverbot bis 1980. Noch heute verklagt die katholische Kirche Künstler, sobald sie einen Hauch von Blasphemie wittert, und immer wieder versucht die PiS-Regierung, gegen missliebige Künstler vorzugehen. Gleichwohl stellt Tadeusz Dąbrowski klar, Politik und Kunst zu trennen. Die Hummel könne die Ideologie auch umgehen und müsse nicht unmittelbar gegen den Autoritarismus ankämpfen. Er ist der Meinung, dass ein Dichter, der gegen das System kämpft, kein Dichter, sondern ein Politiker sei.

Vielleicht hat diese Haltung ihre Wurzeln in der verheerenden Geschichte Polens, in der die Dichter häufig eine lehrende oder überwachende Rolle einnahmen, weil öffentliche Institutionen entweder fehlten oder nicht vertrauenswürdig waren. Mittlerweile haben sich die Dichter zwar von dieser Verpflichtung gelöst, doch entbrennen immer wieder Diskussionen über Form und Funktion der Lyrik. Der 1979 geborene Tadeusz Dąbrowski gehört zu einer Generation von Dichtern im Übergang. Er bricht mit der literarischen Tradition und bleibt zugleich in ihr verhaftet. Der Mosquito ist nicht die Botschaft eines Systemkritikers, sondern gibt den Blick frei durch die Brille eines maximal ironischen Beobachters. Im Rahmen der Poetica steht er nicht für den politischen Widerstand, sondern für das Widersprüchliche, das Widerstehen und die inneren wie äußeren Widerstände.

Auf dem Papier projiziert und vermehrt sich Tadeusz Dąbrowski. Mit einigen seiner Doppelgänger möchte er aber nie mehr etwas zu tun haben. Bei der Projektion findet er sich auch im Anderen wieder – meist im Fragilen. So ist er mal eine Ratte, die ihre Identität verleugnen soll, ein Fisch am Haken oder eine gigantische Krabbe im Netz.

Warum ist es gerade dieser Winternachmittag,
es gab ja tausend ähnliche, der sich in mir meldet:
Da ich, im Wettkampf mit der Nacht, die schon begonnen hat,
den Wald am Horizont abzubrennen, zwischen Schneewehen
und nackten schwarzen, im Frost knarrenden Bäumen,
ins Mantra der Angelrolle vertieft, den Blick
auf die Früchte des Weißdorns geheftet, die mit dem Westen
kollaborieren, ein Reißen spüre und kurz darauf sehe,
wie über dem Wasser des verschlammten Kanals
mit fettem Bauch ein Hecht schwebt wie eine betrunkene
Barockhure über dem Tisch im Wirtshaus, Warum
kommt gerade dieser Nachmittag, da ich noch nicht wusste,
was Barock ist und schon gar nicht eine Hure, zu mir hinterrücks,
unter einer dicken fischschuppenfarbenen Eisschicht hervor.
Unter dem Eis sehe ich mich selbst, aber sicher bin ich nicht.

Tadeusz Dąbrowski betont, dass seine Texte von einer tragischen und romantischen Ironie geprägt sind, sich aber nicht verlieren sollen im Zynismus der Postmoderne.

Mit ungewöhnlichen Bildern und einer klaren Sprache eröffnet er Zweifel, Brüche und den Ruin als existentiell und komisch zugleich.

Mit der Dichtung ist es so: Du schwimmst ins Meer hinaus,
wirfst Netze aus, ziehst sie durch Millionen
Tonnen Wasser und fängst schließlich eine gigantische Krabbe,
die dir ähnlich ist, die sagt: Kannst du nicht,
verdammt, woanders fischen?

Im März 2019 erschien sein Debütroman mit dem misslungen übersetzten Titel Eine Liebe in New York (Schöffling Verlag). Damit belegt Tadeusz Dąbrowski, dass er auch Prosa beherrscht. Er schreibt über eine zufällige Begegnung des polnischen Stipendiaten Tad mit Megan, einer Studentin mit derart intensiv blauen Augen, „dass ich sie in einem Film oder auf einem Foto für den reinsten Kitsch gehalten hätte […]“.

In dieser unsicheren Verbindung findet der Protagonist so etwas wie Halt und entkommt für kurze Zeit der Bedeutungslosigkeit.

„Wolltest du immer schon schreiben?“ […] und es klang genauso tragikomisch, als hätte sie gesagt: “kann man mit einem Hirntumor leben?“

[…] Jedenfalls wäre ich fast Arzt geworden, ich habe schon für die Aufnahmeprüfung gelernt, aber eine Woche davor habe ich mich anders entschieden und Philosophie studiert. Und ich habe dann immer mehr geschrieben, vielleicht aus dem Schuldgefühl heraus, dass ich nichts für die Menschen tue. Ob du es glaubst oder nicht, ich kann’s heute kaum glauben, aber ich bin vor der Medizin ins Schreiben geflüchtet, weil ich kein Blut sehen konnte.“

„Hör auf, es gibt mehr Ärzte als Dichter auf der Welt, und ich glaube daran, dass man mit einem Gedicht auch jemandem helfen kann, manchmal hilft Kunst mehr als eine Tablette, sie kann Leben retten, obwohl man auch ohne sie auskommt und ihr Fehlen manchmal gar nicht bemerkt. Ist das logisch, was ich sage?“

„Logisch nicht, aber schön, furchtbar schön.“, antwortete ich und legte meine Stirn an ihre Schläfe.

Video des Auftaktes (1/3) zur poetica 6, »Widerstände«, mit Jan Wagner, Xi Chuan, Agi Mishol, Tadeusz Dąbrowski u. a.

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erstellt am 01.9.2020
aktualisiert am 02.9.2020

Tadeusz Dabrowski auf der poetica 6 in Köln, 2020 (Screenshot)

Tadeusz Dąbrowski auf der poetica in Köln, 2020
Foto: Screenshot / poetica 6, Festival für Weltliteratur, https://www.poetica.uni-koeln.de/poetica-6

Buchcover „Eine Liebe in New York“, Tadeusz Dąbrowski

Tadeusz Dąbrowski
Eine Liebe in New York
Roman
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Gebunden mit Lesebändchen, 144 Seiten
ISBN: 978-3-89561-467-5
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Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Fester Einband, 104 Seiten
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Hanser Verlag, 2014

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