Heimat ist ja nicht nur Idylle oder gar Scholle. Sie ist auch eine Chiffre für Geborgenheit, das Gegenteil des Unheimlichen. Menschen, die sich gezwungen sahen, ihre alte Heimat zu verlassen und bei uns eine neue suchen, stoßen oft auf erhebliche Probleme. Von der Online-Diskussion „Deutschland, Deine Heimat“, moderiert von FAZ-Redakteur Daniel Deckers, an der neben dem Sozialaktivisten Ali Can der Bundestagspräsident a. D. Wolfgang Thierse teilnahm, berichtet Doris Stickler.

Die Diskussion »Deutschland, Deine Heimat«

Der Kampf um Geborgenheit

Wenn Ali Can mit fremden Menschen spricht, weiß er genau, was sie ihn früher oder später fragen: „Woher kommen Sie?“ Antwortet er Gießen, wo er aufgewachsen ist und nach dem Abitur studierte, wird in der Regel mit „Und wo kommen sie wirklich her“ nachgehakt. Die meisten würden das nicht abwertend verstehen, räumte er bei der im Internet übertragenen Diskussion „Deutschland, Deine Heimat“ ein. „Ich habe ja auch einen ausländischen Namen und sehe anders aus.“

Ali Can (Video-Screenshot der Online-Diskussion „Deutschland, Deine Heimat“)
Ali Can

Mit solchen Sätzen werde aber eine „ständige subtile Ausgrenzung“, eine „Trennung zwischen wir und die“ transportiert. „Diese Erfahrungen hindern Menschen daran, hier anzukommen“, ist sich Ali Can gewiss. „Obwohl sie hier leben, zur Schule und zur Arbeit gehen, werden sie migrantisch gelesen.“ Resigniert hat der 26-jährige dennoch nicht und hofft: „Vielleicht werden Leute wie ich irgendwann einfach als Deutsche gesehen.“

Um dies voranzutreiben, gab er kurz vor dem Examen sein Lehramtsstudium für Deutsch und Ethik auf. Auslöser waren die Hetztiraden gegen Geflüchtete, die Pegida und die AfD in Umlauf brachten. 2016 entschloss sich Ali Can Sozialaktivist zu werden, gründete den Verein „Interkultureller Frieden“ und richtete die „Hotline für besorgte Bürger“ ein. In dem gleichnamigen Buch mit dem Untertitel „Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens“? hielt er seine hierbei gewonnenen Erfahrungen fest.

Vor zwei Jahren rief Ali Can dann die Twitterkampagne #MeTwo ins Leben. Über zehntausend Menschen mit Migrationshintergrund haben unter dem Hashtag bereits ihre Erlebnisse mit dem alltäglichen Rassismus geschildert. Zudem brachte er in Essen das „VielRespektZentrum“ auf den Weg, das sich der Förderung eines respektvollen Miteinanders verschreibt. Auch mit dem Begriff Heimat setzt er sich eingehend auseinander.

Bei der Online-Diskussion, zu der die Evangelische Akademie Frankfurt, die Frankfurter Allgemeine Zeitung F.A.Z., der Hessische Rundfunk und die Katholische Akademie Rabanus Maurus eingeladen hatten, plädierte Ali Can für ein „neues Heimatverständnis“. Es brauche ein „Konzept, das mehrere Heimaten umfasst und auf gemeinsamen Werten und Beziehungen beruht“. Wie das aussehen kann, führt er in seinem 2019 erschienenen Buch „Mehr als eine Heimat. Wie ich Deutschsein neu definiere“ aus.

Durch seine kurdisch-alevitischen Eltern, die mit ihm 1995 aus der Südosttürkei nach Deutschland flohen, habe er bezüglich Heimat „zwei Seelen in meiner Brust“. Wie ihm ergehe es hierzulande vielen Menschen, weiß Ali Can. Sie begriffen Deutschland als Heimat und fühlten sich zugleich einer weiteren Sprache und Kultur verbunden. Aus diesem Grund werde ihnen „ständig vermittelt, sie gehören nicht dazu“, erlebten sie „faktische Nachteile bei der Suche nach einer Wohnung oder einem Job“.

Dabei sei das deutsche „Grundgesetz ein Freiheitsversprechen, das es ermöglicht, mehrere Heimaten zu haben“, erinnerte Ali Can. Der Duden gestehe dem Wort Heimat inzwischen ebenfalls einen Plural zu. Das Problem beginne, wenn Menschen Heimat allein über ihre eigenen Vorstellungen definieren. Um in dieser Hinsicht den Horizont zu erweitern, habe er das VielRespektZentrum gegründet.

Dessen Projekte und Seminare setzten auf die „Kraft des Gesprächs und der Begegnung“, erklärte Ali Can, der die Begrenztheit der Angebote nur allzu gut kennt. „Was mache ich mit Leuten, die mir das Existenzrecht abstreiten und Flüchtlinge lieber ertrinken sehen wollen. Wie kann ich mit ihnen reden, geschweige denn streiten?“, fragte er mit Blick auf entsprechende Äußerungen aus den Reihen der AfD.

Wolfgang Thierse (Video-Screenshot der Online-Diskussion „Deutschland, Deine Heimat“)
Wolfgang Thierse

In dem „extrem großen Abgrenzungsbedürfnis“ der Rechtspopulisten sieht der frühere Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, eine enorme Gefahr. Gerade in einer pluralen Gesellschaft, die „keine Idylle, sondern voller Konflikte“ ist, sei „Toleranz eine Überlebensnotwendigkeit“. Damit meine er „keine Laissez-faire-Haltung, sondern die Auseinandersetzung mit den Existenzansprüchen des und der anderen“.

Vor diesem Hintergrund hält es Wolfgang Thierse für „ratsam, den Streit um den Begriff Heimat anzunehmen“. Zumal die meisten Bürger darunter etwas anderes verstünden, als die „Ideologen von Pegida und AfD“. „Für die große Mehrheit ist Heimat kein Begriff des rechten Randes, sondern ein kultureller Raum, der für Geborgenheit, geografische Regionen und Hoffnung auf Zukunft steht.“

„Letztlich sind Bürgerinitiativen, soziale Initiativen oder die Friday for future-Bewegung alle Erscheinungsformen des Kampfes um Heimat“, ist der SPD-Politiker überzeugt. Dass Heimat seit einigen Jahren zum Gegenstand von Debatten geworden ist, führt er vor allem auf „Globalisierung, Transformationsprozesse und Migrationsbewegungen“ zurück. „Dadurch ist das Bedürfnis nach neuen und alten Vergewisserungen gestiegen.“

Umso größer sind für Wolfgang Thierse die Herausforderungen bei der Integration. „Die Leute sollen hier heimisch werden, die Einheimischen aber das eigene Land nicht als fremd empfinden. Das ist eine konfliktreiche Aufgabe, der wir nicht entgehen können“, hob er bei der von FAZ-Redakteur Daniel Deckers moderierten Diskussion hervor. Bisweilen erinnere ihn die Situation an die Zeiten nach der Wende, als sich manche Bürger der früheren DDR fremd im eigenen Lande fühlten.

„Es ist daher wichtig, dass alle die gleichen Chancen für Teilhabe und Sicherheit erhalten“, findet Wolfgang Thierse, der „Integration als Teil der deutschen Geschichte“ sieht. Der geografischen Lage wegen hätten schon immer Einflüsse aus West, Ost, Nord und Süd das Land geprägt. „Deutschland besitzt eine große Kulturgeschichte der Integration.“

Gegen Ende der Diskussion, die im Vorfeld des 3. Ökumenischen Kirchentags 2021 den Schlusspunkt einer fünfteilige Reihe über „Zukunftsfragen von Kirche und Gesellschaft“ setzte, wies Akademiedirektor Thorsten Latzel noch auf den „utopischen Charakter von Heimat“ hin. In der Bibel sei vom „wandernden Gottesvolk“ die Rede, das über „keine bleibende Stadt“ verfügt. In diesem Sinne betrachtet der Theologe Heimat als „urmenschlichen Wunsch, der immer eine offene Stelle bleiben wird“.

Video der Online-Diskussion vom 22. Juni 2020.
Siehe auch: https://www.youtube.com/watch?v=TWMQGYWPOHI
Quelle: YouTube-Kanal der Evangelischen Akademie Frankfurt am Main

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erstellt am 31.8.2020
aktualisiert am 31.8.2020

Online-Diskussion „Deutschland, Deine Heimat“, moderiert von FAZ-Redakteur Daniel Deckers, mit dem Sozialaktivisten und Buchautor Ali Can sowie dem Bundestagspräsident a. D. Wolfgang Thierse

Online-Diskussion „Deutschland, Deine Heimat“ am 22. Juni 2020.
Links oben: Thorsten Latzel, Evangelische Akademie Frankfurt. Rechts oben: Daniel Deckers, FAZ-Redakteur. Links unten: Ali Can, Sozialaktivist und Buchautor. Rechts unten: Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a. D.