Der Bürde, Kind der schweigenden Nazi-Generation zu sein, ist nicht zu entkommen. Die norwegische Performancekünstlerin und Autorin Wencke Mühleisen hat die Biographie ihres Vaters erforscht und dabei einen totalitären Bezug zu ihrer eigenen Vergangenheit gefunden – als ehemalige Kommunardin in Otto Muehls Psychosekte. Volker Breidecker hat ihr Buch „Du lebst ja auch für deine Überzeugung“ gelesen.

Wencke Mühleisen: »Du lebst ja auch für deine Überzeugung«

Meine zwei Väter, ich …

… und unsere gemeinsamen grenzüberschreitenden Jahre

Wencke Mühleisen (Screenshot)
Wencke Mühleisen

Wencke Mühleisen, in Norwegen lebende feministische Performancekünstlerin und ehemalige Aktivistin aus der gegenkulturellen Bewegung der 1970er Jahre, wird erschüttert von der Lektüre eines zufällig wiederentdeckten Briefs von der Hand ihres verstorbenen deutsch-slowenischen Vaters: „Ehre und Gewissen“, heißt es da, und die „Selbstachtung“ des einstigen Wehrmachtsoldaten, der für sein „Volk“ und seine „Überzeugung“ in den Krieg gezogen sei, erlaubten es nicht, „einen Neger“ als Familienmitglied zu akzeptieren und in sein Haus einzuladen. Gemeint war der dunkelhäutige Ehemann der Schwester der Adressatin. Bei ihr aber, die damals in der Kommune des Wiener Aktionskünstlers und späterhin rechtskräftig verurteilten Kinderschänders Otto Muehl lebte, glaubte der Vater genügend Verständnis für sein rassistisches Weltbild zu finden – denn: „Du lebst ja auch für deine Überzeugung gegen den Strom.“

Dem Schulterschluss über Generationen hinweg folgt ein joviales „Grüß mir den Guru Muehl und meine anderen Freunde und Freundinnen in der Kommune“. Anders hingegen hatte des Vaters norwegische Ehefrau bei einem Besuch der Tochter, die in der Hierarchie von Muehls Psychosekte AAO zeitweilig zur erwählten Favoritin und Bettgenossin des Meisters aufgestiegen war, in dem charismatischen Scharlatan mit sicherem Gespür einen „Klein-Hitler“ erkannt. Muehl agierte als unumschränkter Diktator über eine ihm treu ergebene Gefolgschaft von Zeloten in uniformen Latzhosen und mit rasierten Schädeln: Durch eine absonderliche Mischung aus theatralischen Selbstdarstellungen und ekstatischen Selbsterfahrungsritualen, psychoenergetischen Therapiemodellen wie Urschrei und Orgonomie hatte Muehl es verstanden, auch die emotionalen Energien seiner Anhängerschaft an sich und seine Person zu binden und in totales, ungeteiltes Engagement für eine Organisation zu verwandeln, die ihre Mitglieder aus allen Bindungen an die Außenwelt löste, um eine lückenlose Kontrolle über ihre Persönlichkeit und ihr Intimleben auszuüben: Die Verheißungen „befreiter Sexualität“ verpflichteten zu schrankenloser Promiskuität und verhinderten so die Entstehung stabiler Beziehungen, aus denen der Gemeinschaft und ihrem Führer, um dessen Gunst alle buhlten, eine bedrohliche Konkurrenz hätte erwachsen können.

Wencke Mühleisen war es nach vielen Jahren in der Großkommune „Friedrichshof“
– einer geschlossenen Siedlung an Wiens Peripherie – endlich gelungen, sich aus den psychoterroristischen Fängen dieser Organisation zu lösen. Deren anfangs noch antiautoritäre Inspirationen waren längst in das Gegenteil eines extremen Autoritarismus umgeschlagen. Auslöser für den Ausstieg war, dass man ihr auf Muehls Geheiß das Kind weggenommen hatte. Als gemeinschaftswidrig und entwicklungshemmend betrachtete Individualfixierungen sollten so verhindert werden.

Niemals aber wäre die Ich-Erzählerin von selbst auf den Gedanken gekommen, sich zu fragen, was sie womöglich mit ihrem Nazi-Vater gemeinsam hatte, damit angefangen, dass sich beide annähernd gleichaltrig „in den Dienst einer umwälzenden Vision“ gestellt hatten; oder inwiefern beide vom gleichen „Gift infiziert waren: der lüsternen Verachtung von Schwäche“ selbst in den trivialsten Machtspielen des Alltags, wo einer sich dem anderen nur deshalb überlegen fühlt, weil er „männliche“ Härte entweder selbst zu verkörpern weiß oder weil er sich der Gunst eines noch mächtigeren Leitwolfs teilhaftig zu sein glaubt.

Erst über die Erschütterung durch den wiedergefundenen Brief des Vaters und die dort hergestellten Verknüpfungen beider Biographien wird der Autorin allmählich bewusst, welch schwere Erblast ihr stets unnahbar stummer Soldatenvater, der sich in seine geradezu mystischen Erinnerungen an die ferngerückte Welt einer „intimen Männergemeinschaft“ auserwählter Krieger vollkommen eingekapselt hatte, auf sie als Nachkömmling abgeladen hat – mit Folgen, die ihre Seele zum Schauplatz eines fortgesetzten Dramas werden lassen, das auch all das weitertransportiert, was nie gesagt und worüber nie gesprochen wurde.

Nachdem sie den Brief des Vaters als eine postume Hinwendung an sie, als ein noch so unpassendes Angebot zum Gespräch annimmt, macht es sich die Autorin zur Aufgabe, die Geschichte ihres Vaters aufzudröseln. Sie reist dazu nach Österreich, Slowenien und Deutschland, befragt alle noch auffindbaren Verwandten, durchstöbert die Geschichtsbücher, liest, was sie über den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen des Nationalsozialismus lesen kann, geht schließlich in die Archive, um dort festzustellen, dass ihr Vater, außer Kriegsfreiwilliger, selbst ein Kriegsverbrecher war – nicht nur kraft Partizipation, so wie an der Belagerung von Leningrad und dem Aushungern der Bewohner, sondern auch als Akteur bei den Zwangsdeportationen der slowenischen Einwohnerschaft der Untersteiermark.

Im Untertitel des Buchs sind der eigene Vater und Otto Muehl lediglich durch ein Komma voneinander getrennt und zugleich – man könnte das Komma ja durchaus auch übersehen – bis zur annähernden Identität miteinander verbunden. Mühleisens Buch zeichnet sich aus durch eine reflektierte und schonungslose Selbstbefragung. Im Stream of consciousness von 64 erzählten Kapiteln plus einem Epilog verläuft die Recherche nach dem geliebten Nazi-Vater und die parallele Schilderung der Erfahrungen einer jungen Frau aus Muehls Kommune mal im sprunghaften Nebeneinander, mal im über eine imaginäre Mittelachse gespiegelten Nacheinander, oder es fließen beide Hauptströme auch mal ganz ineinander, wie im Strom des erinnerten Lebens auch.

Am stärksten ist das Buch da, wo Mühleisen den Verlauf ihrer Recherchen minutiös wiedergibt und wo sie alle selbstgemachten Erfahrungen mit der Mikrophysik des totalen Engagements für ein Zwangssystem, das seine Teilhaber und Anhänger vollkommen entmündigt und regredieren lässt, aus nüchterner Distanz prosaisch schildert. Am schwächsten ist es allerdings dort, wo die auktoriale Erzählerin das, was ihr entweder in Muehls Kommune oder in der primären Vaterbindung – den symbolhaft vollzogenen doppelten Vatermord eingeschlossen – emotional widerfahren ist und in der Erinnerung erneut widerfährt, vergeblich zu literarisieren bemüht ist, weil ihr dazu auch sprachlich doch nur wieder die allzu stereotypen Muster psychophysischer Selbstdarstellungstechniken zur Verfügung stehen.

Lesung und Interview mit Wencke Mühleisen zu ihrem Buch „Du lebst ja auch für deine Überzeugung“. Quelle: YouTube/Büchereien Wien

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erstellt am 27.8.2020
aktualisiert am 30.8.2020

Buchcover „Du lebst ja auch für deine Überzeugung“, Wencke Mühleisen

Wencke Mühleisen
Du lebst ja auch für deine Überzeugung
Mein Vater, Otto Muehl und die Verwandtschaft extremer Ideologien.
Aus dem Norwegischen von Sylvia Krall und Ina Kronenberger.
285 Seiten
ISBN: 978-3-552-05985-6
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2020

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