Zu den vielen Kulturzeitschriften, nach denen man in Buchhandlungen und Presseläden fragen muss, gehört das Literaturmagazin WORTSCHAU. Mit ihren Themenheften wendet es sich von den oberflächlichen politisch-sozialen Aufregungen ab und den Reichtümern der Poesie und der Prosa zu. Bernd Leukert stellt die bemerkenswerte Zeitschrift vor.

ZEIT:GEIST – Zeitschriftenschau

Für Neugierige

Menschen:Bilder; Zuflucht/ Orte; Vorhang auf!; Mein Tier, mein Wildtier, mein Einhorn; Paris. So heißen die Themen der letzten Hefte.

Das Literaturmagazin WORTSCHAU erscheint seit 2007 – mittlerweile dreimal im Jahr. Es wird herausgegeben von der Lyrikerin und Malerin Johanna Hansen (Redaktion Düsseldorf) und dem Verleger Wolfgang Allinger (Redaktion Neustadt/Weinstraße). Beide bringen sich auch als Autoren in die Zeitschrift ein.

Sie nimmt Erzählung, Essay, Abhandlung, Geschichte, Kurzgeschichte, Lyrik, Novelle, Prosa, Kurzprosa, Satire auf und versteht sich als Medium „für Gegenwartsliteratur, in dem poetische Luftsprünge ebenso Platz haben wie tiefschürfende Essays.“

Jede Ausgabe ist von Werken einer Künstlerin oder einem Künstler durchzogen, also mit deren oder dessen Fotos, Zeichnungen oder Grafiken bestückt. Auch bekommt in jeder Nummer eine Poetin oder ein Poet eine ausführliche Präsentation, die Lyrik, Prosa und Gespräch mit einbezieht. So finden sich in den letzten Heften Foren für Julietta Fix, Sascha Kokot und Kathrin Niemela.

Trotz der thematischen Vorgaben wirkt so ein Heft abwechslungsreich. Die ganze Palette der Möglichkeiten, die die Kurzerzählung aufweist, wird bespielt; literarische Bezüge werden nicht vermieden. Das Layout ist großzügig gehalten, die Texte können sich ausbreiten und bekommen Atem.

Die WORTSCHAU ist etwas für Neugierige, für Menschen, die die Überraschung nicht fürchten und etwas von der zeitgenössischen Erfahrung wissen möchten, die in der gegenwärtigen Literatur aufgehoben ist. Dabei sind die ausgewählten Beiträge anspruchsvoll und zumeist von unaufdringlicher Kunstfertigkeit. Und immer wieder finden sich darin herrliche Stücke wie das Gedicht „Unter uns“ von der Lyrikerin und verdienstvollen Herausgeberin der Netzzeitung „fixpoetry“, Julietta Fix:

Unter uns ist das Leben.
Das Klirren der Gläser,
das Klappern der Teller,
ein Lachen, ein komisches
Meckern, Streit, das Stampfen
von Füßen, Furzen und
quälendes Stöhnen, ein Lied,
ein laufender Wasserhahn,
der Duft von Kaffee durch
die Ritzen, röchelnder Husten,
gellendes Schreien, Musik,
Stimmengewirr, das Schweigen
der Nacht, ein Rascheln und
Zurren, Türen, die schlagen,
ein Rennen und Fallen, ein
pfeifender Kessel, das Klingen
der Glocke, ein piepender
Vogel. Wir liegen mit dem
Ohr auf dem Boden und leben
mit.

Im übrigen läßt sich auch bei den Prosastücken, die auch Übersetzungen aus dem Lettischen und Amerikanischen mit einbeziehen, eine Tendenz zur Poetisierung lesen: Die Grenzen lösen sich auf. Aber kein Jugendlichkeitskult ist auszumachen oder andere trendversessenen Tendenzen; in der Textauswahl und der Gestaltung herrschen Gelassenheit und gutes Selbstverständnis.

Und das sei noch erwähnt: Eine gelungene Sammlung von Erzählungen erschien schon 2008 im kleinformatigen Buchformat „Wanthologie 1. Die Anthologie der WORTSCHAU“. Ein Buch, das man bei sich trägt. Das Schönste aber ist, daß es die WORTSCHAU überhaupt gibt, eine Zeitschrift für Gegenwartsliteratur, mit der gewöhnlich weder Staat, noch Profit zu machen ist. Sie existiert, weil die Beteiligten das wollen. Und das gehört zur Basis unserer Kultur.

Einer der exemplarischen Beiträge im rotgewandeten Paris-Heft (Nr. 35) ist ein Gedicht der 1973 in Regensburg geborenen Kathrin Niemala, „theorie von allem“:

Nachts die straße entlang
auf deiner Fahrradstange,
allesformel zwischen deinen armen,
nachts, rue saint-sabin

wir hatten uns die dämmerung geliehen,
nahmen uns sterne und cirren,
ein spältchen mond,
und als du gingst,
sah ich die welt in deinem rücklicht glühen

nachts die straße entlang
strahlte der asphalt

Literaturhinweis

Wortschau 2008, Wanthologie 1, DeKi Verlag, ISBN 978-3-937143-32-3

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 25.8.2020
aktualisiert am 26.8.2020

Es gibt sie noch, die gedruckten Kulturzeitschriften. Doch muss man sie wegen ihrer relativ kleinen Auflagen zumeist im großen Angebot der gewerblichen Publikationen suchen. In loser Folge werden in Faust-Kultur solche Zeitschriften vorgestellt, um sie sichtbar zu machen.

Literaturzeitschrift WORTSCHAU
WORTSCHAU

www.wortschau.com

Ein Einzelheft kostet 8,- € plus Versandkosten
.