Zehn Fragen an Herbert Jaumann

Was steht außer dem Computer, der Schreibmaschine, dem Schreibblock oder dem Diktiergerät noch auf Ihrem Schreibtisch?

Herbert Jaumann: Kugelschreiber, Stifte und viele andere Utensilien, zu erledigende Briefe usw., aber auch eine kleine sitzende Maitreya-Figur aus Korea, filigran gestaltet, aber aus schwerem Eisen; ich schreibe an einem separaten Tisch mit halbmondförmiger Platte, auf dem der Computer steht und Platz für Papiere und Bücher ist.

Was tun Sie am liebsten, wenn Sie nicht schreiben?

Lesen, nachdenken, mit anderen reden, an die Luft gehen.

Gibt es ein Heilmittel gegen Schreibblockaden?

‚Blockaden’ beim Versuch, einen Anfang zu finden: den Text nicht gleich perfekt formulieren wollen; nicht zu viel lesen vor dem Schreiben, lieber später nacharbeiten; oder auch abbrechen und etwas anderes machen. ‒ Aber die Erfahrungen und Ursachen können verschieden sein, andere klagen auch über Blockaden während des Schreibens oder bei der Suche nach einem geeigneten Schluss.

Wo sammeln Sie Ideen für Ihre Texte?

Aus Gedanken und anderen Texten, aus Gesprächen, Erinnerungen, Ereignissen, Konflikten ‒ vor allem: aus dem Studium der jeweiligen Sachverhalte.

Welche fünf Bücher möchten Sie nicht missen in Ihrer Bibliothek?

Adorno: „Minima Moralia“; Bayle: „Dictionnaire historique et critique“; Thomasius: „Monatsgespräche“; Karl Kraus: „Die Fackel“; Thomas Mann: „Lotte in Weimar“, „Die Tagebücher“; aber auch Erasmus, Thomas Morus und Hobbes, Montaigne und Molière, La Mettrie und Rousseau, Max Weber und Luhmann; schließlich Heimito von Doderer („Die Strudlhofstiege“), H. M. Enzensberger (Gedichte u. Essays), Brecht, Tucholsky, Canetti und Sebald ‒ fünf Bücher sind einfach zu wenig (braucht jemand eine Bibliothek, der sich auf fünf Lieblingsautoren beschränkt?).

Welches Buch oder welchen Autor oder welche Autorin können Sie nicht ausstehen?

Das französische Diskurs-Gefasel seit Foucault, den Derridadaisten und ihren Adepten auch in Deutschland; dazu die Schwadroneure von der ‚Postmoderne’ ‒ und überhaupt „jene abwärts fortgeschrittenen Zeitgenossen, / im Lauf nur lesend, weil der schwarze Fluch / sie antrieb, auf dem Laufenden zu sein“ (Karl Kraus).

Welchen Autor oder welche Autorin beneiden Sie und warum?

Beneiden nicht, aber bewundern: Ausnahmsweise einen (erheblich älteren) germanistischen Kollegen, Albrecht Schöne, von dessen Schriften jede Zeile vernünftig gedacht und anregend ist; und Noam Chomsky (womit ich mich ausdrücklich dem geschätzten Kollegen Rothschild anschließe).

Wer oder was hat Sie zum Schreiben gezwungen?

Niemand und nichts ‒ aber der Hauptantrieb dürfte etwas wie Selbstausdruck sein; an Wirkung auf lesende Zeitgenossen glaube ich weniger.

Kann Bildende Kunst zum Schreiben anregen – wenn ja, an welche Künstler oder Künstlerin denken Sie dabei?

Gewiss, vor allem Bilder (bevorzugt der Renaissance) und Plastiken.

Mit welcher Autorin oder mit welchem Autor würden Sie gerne einen trinken gehen?

Wenn möglich mit Eckhard Henscheid aus dem nahegelegenen Amberg.

Siehe auch:

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Kommentare


Dr. Ulrich Dittmann - ( 27-08-2020 10:32:14 )
Danke für das Jaumann-Interview!Eine Lesefreude für jeden Müller-Seidel-Doktoranden. Da leben Maßstäbe fort, die fürs Fach lebenswichtig bleiben.

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erstellt am 23.8.2020
aktualisiert am 09.10.2020

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Herbert Jaumann

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