Die bildende Kunst in Indien hat seit Anfang der 90er Jahre ‒ mit der Öffnung zum Westen ‒ einen großen Aufschwung erlebt. Mittlerweile sind indische Künstler ein Teil des internationalen Kunstmarkts. Mit dem Lockdown in Indien änderte sich das Leben der Künstler. Clair Lüdenbach sprach mit der in Bangalore lebenden Künstlerin Ayisha Abraham.

Clair Lüdenbach befragt die Künstlerin Ayisha Abraham

Wie auf einer neuen Leinwand

Clair Lüdenbach: Wie ist die Situation nach dem langen Lockdown für die bildenden Künstler? Gibt es Künstler, die von ihrer Arbeit leben müssen?

Ayisha Abraham: Viele tun das, wie zum Beispiel meine Freundin Sheila Gowda, die kürzlich in München den Maria Lassnig Preis bekam und dort eine große Ausstellung hat. Aber abgesehen davon, schon vorher zeichnete sich ein Einbruch auf dem Kunstmarkt ab. Das passierte international und in Indien. Die Künstler wurden schon vorher abhängiger von Museen oder privaten Geldquellen wie Stiftungen zum Beispiel, so habe ich das wahrgenommen. Das steht in Verbindung mit der indischen Ökonomie, die auch schon vorher im Sinkflug war. Und aus meiner Sicht nimmt man die Pandemie als eine Entschuldigung für den Niedergang auch auf dem Kunstmarkt. Aber das Boot schwankte schon vorher. So hatten viele Galerien schon vor Corona geschlossen und damit Einnahmequellen der Künstler vernichtet. Überhaupt gab es in Bangalore nie einen nennenswerten Kunstmarkt. Für meine eigene künstlerische Karriere arbeite ich in Teilzeit als Lehrerin. Dadurch habe ich die Freiheit, mich auf meine künstlerische Arbeit zu konzentrieren, wenn ich eine Ausstellung habe, oder ich kann mir für die Vorbereitung eine Auszeit nehmen. Für mich war diese Verdienstmöglichkeit sehr wichtig, ansonsten wäre ich von meinem Partner abhängig oder von Familienvermögen. Meine künstlerische Arbeit wird unterstützt durch gemeinnützige Organisationen und Sammler. Es gibt Organisationen, die einem vielleicht ein Stipendium geben könnten, aber es gibt keinen Markt, in den private Gelder fließen. Die Menschen versuchen, ein Gefühl dafür zu bekommen, was auf sie zukommt und wie sie das mit ihrem Leben in Einklang bringen. Wir bekommen zurzeit Berge von Bewerbungen für Lehrerjobs, um in Srishti, der Schule für Kunst, Design und Technologie, wo ich lehre, eine Stelle zu bekommen. Denn die Zuwendungen von Kunstinstitutionen werden zuerst gestrichen.

Das heißt, der Kunstbetrieb wird ausschließlich von privaten Geldgebern gesponsert? Von der Regierung kommt überhaupt keine Unterstützung?

Früher gab es das einmal, dass Ausstellungsräume von der Regierung finanziert wurden. Das war ein Modell aus der Nehruzeit, in der der Staat die Kultur unterstützte.

In Bangalore ist der Staat überhaupt nicht involviert?

Nicht wirklich. Es gibt ein paar Räume, die vom Staat unterhalten werden. Es gibt einige Preise, wie den Preis der Regierung, den Sheila Gowda bekommen hat. In Bangalore fallen die Künstler in einen leeren Raum zwischen privatem Geld und Regierung, weil die gemeinnützigen Organisationen der reichen IT Firmen ihr Geld lieber in soziale Projekte stecken, in Bildung oder sauberes Wasser etc. Sie sehen die Kunstwelt als einen elitären Ort, wo die Künstler Geld verdienen. Die Kunst wird als Ware angesehen.

Es gibt in Kerala eine Biennale, die von Künstlern organisiert wird. Die Regierung von Kerala hat den Wert dieser Biennale erkannt und viel Geld in diesen Event investiert. Denn sie erkannte, dass die Kunst etwas Lebenswichtiges ist und auch ein gutes Stimulans für den Tourismus. Besonders für eine Stadt wie Fort Cochin mit seinen vielen historischen Orten. Das lieferte den Hintergrund für viele Künstler, dort präsent zu sein. Das Schöne daran ist, dass es all diese historischen Handelsgebäude gibt, angefangen vom 13. Jahrhundert bis zu den britischen Teehandelshäusern aus dem 19. Jahrhundert. All diese großen kolonialen Hallen wurden in Galerien und Ausstellungsräume umgewandelt. Und dazwischen haben sich Galerien aus allen Teilen Indiens angesiedelt, die ihre geförderten Künstler präsentieren. Sie zahlen für den Transport der Kunstwerke, die Präsentation und sorgen für die Vermarktung. Das hat seit 2013 eine Dynamik erzeugt, weil sich dadurch auch viele junge Nachwuchskünstler und Designer davon angezogen fühlen. Ob diese Biennale dieses Jahr wieder stattfindet, ist noch nicht entschieden. Ich beobachte die Entwicklung. Es mag sein, dass sich der Kunstmarkt, wie er bisher existierte, nicht mehr erholt. Aber es könnte sein, dass sich andere Formen der Präsentation ergeben.

  Foto aus Ayisha Abrahams Arbeit „Night Shift“ (Collaboration w/ Dina Boswank), 2010. Block hinzufügen

Foto aus Ayisha Abrahams Arbeit „Night Shift“ (Collaboration w/ Dina Boswank), 2010.

Wie könnte so eine andere Form aussehen?

Das kann ich nicht sagen. Es könnten sich Kollektive herausbilden. In dieser Zeit wird über Demokratie, Freiheit, Klimawandel, all diese dringlichen Themen diskutiert. Covid-19 war für viele ein Vorwand für eine starke Überwachung der Bevölkerung und für die Unterdrückung von sozialen Aktivisten. Das fand zwar vorher schon statt, wurde aber verstärkt fortgeführt. Jedenfalls gab es keinen Gesinnungswechsel der Regierung.

Gibt es unter den Erfahrungen mit dem Lockdown auch positive Erfahrungen? Setzte das neue kreative Prozesse in Gang?

Was meine eigene kreative Erfahrung angeht, ja, denn ich brauchte nicht zur Arbeit und musste nicht ständig kommunikativ sein. Ich habe meine eigene Arbeit begonnen und konnte wie auf einer neuen, sauberen Tafel anfangen. Ich konnte Gedichte schreiben, ich habe gemalt und Keramik-Skulpturen gemacht. Wir haben diese schöne Dachterrasse, wo ich Gemüse anpflanze und mit Ton arbeite. Im Moment arbeite ich dort an Stoffskulpturen. Meine Gedanken und meine Kreativität sprudeln. Durch die Abwesenheit dieser regulären Jobverpflichtungen, die einen morgens um acht aus dem Haus rennen lässt, habe ich das Gefühl, als würde eine innere Leinwand vorbereitet. Man wird offener für neue, kreative Gedanken. Man ist mehr bei sich und dem, was man eigentlich möchte. Ich erlebe das als eine sehr kreative Zeit. Man hat auch immer wieder Phasen, in denen man ein schlechtes Gewissen hat, man fühlt sich schuldig angesichts all des Leids um einen herum.

Foto aus der Installation von Ayisha Abraham: „Recipes for comfort“.

Foto aus der Installation von Ayisha Abraham: „Recipes for comfort“.

Ist die Situation für manche Künstler eine lebensbedrohliche Situation?

Viele zeitgenössische Künstler, besonders in Karnataka, haben keine wohlhabenden Familien im Hintergrund. Ich glaube aber, viele von ihnen sind es gewöhnt, in prekären Verhältnissen zu leben. Doch ich glaube nicht, dass sie hungern. Es gibt immer irgendwoher Essen. Mein Freund Suresh Kumar lebt in einem Dorf und arbeitet an Kunstprojekten mit essbaren Pflanzen. Und er versucht, die Leute im Dorf davon zu überzeugen, diese essbaren Pflanzen anzubauen.

Ist er Künstler oder Biologe?

Er ist Künstler und versucht, seine Arbeit mit diesen Überlebensmöglichkeiten zu verbinden. Er hat diese Geldprobleme und führt einen Überlebenskampf. Außerdem fördert er Synergien zwischen Künstlern aus den Städten und denen aus den ländlichen Regionen, die dort in Kleinstädten Kunstschulen besuchen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Künstlern aus den Großstädten und solchen aus dem ländlichen Raum? Können die überhaupt Kunstschulen besuchen?

Doch, sie gehen in Kunstschulen. Aber die sind eher mittelmäßig oder Regierungseinrichtungen. Diese Künstler haben häufig auch ein anderes Kunstverständnis. Sie haben einen anderen Hintergrund.

Heißt das, sie kommen aus der Volkskunst?

Ja, möglicherweise. Bangalore ist für sie wie New York oder irgendeine andere Metropole. Viele von den Künstlern aus dem ländlichen Raum gehen davon aus, dass sie von ihrer Kunst nicht leben können. Sie leben von anderen Jobs.

Spielt vielleicht auf dem Lande die Großfamilie auch eine Rolle?

Das hat mich auch interessiert, ganz abgesehen von Covid. Was bringt ein Kind aus einer traditionellen Familie dazu, Künstler zu werden? Es ist manchmal die Reihenfolge der Geburt. Ist man das vierte Kind, dann hat es nicht die gleichen Verpflichtungen wie die älteren Geschwister.

Wird die Entscheidung, ein Künstler zu werden, überhaupt in einer traditionellen Familie respektiert?

Ich glaube, fast eher als in der Oberschicht. Die Oberschicht fragt, was willst Du mit Deinem Leben anfangen? Welchen Beruf willst Du erlernen? Das ist besonders für einen Jungen wichtig. Jedenfalls ist das meine Erfahrung, dass es in den traditionellen Familie eine geringere Erwartungshaltung gibt.

Kurzfilm von Ayisha Abraham: „I saw a god dance“

Die Fragen stellte Clair Lüdenbach.

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erstellt am 23.8.2020
aktualisiert am 25.8.2020

Ayisha Abraham
Über die Künstlerin

Ayisha Abraham, 1963 in London geboren, lebt und arbeitet in Bangalore. Sie ist Video-Künstlerin, realisiert Installationen und digitale Kurzfilme.
Abraham studierte bildende Kunst an der MS Universität in Baroda, Indien, sowie an der Rutgers Universität in New Jersey, USA, und nahm 1991-92 am unabhängigen Whitney Studienprogramm teil. Sie arbeitet als Beraterin für Video Kunst an der Srishti Schule für Kunst, Design und Technologie in Bangalore, Indien.

ayishabraham.wordpress.com

Gedicht von Ayisha Abraham zur Corona-Krise

Is it all for Real?

This morning I glimpsed 3 Mynas sitting
On a cable wire,
Swinging together, like ‘birds on a wire’
Lightly and as if in a frolic
Singing in low tones
All in a row
Facing out
They looked happy
And I can imagine why
They seemed to be free
(„I have tried in my way to be free“)

And I look out at them from behind the grill
Of my kitchen window, leaning against its counter,
Piled with vessels, some clean, some to be cleaned
Left over food placed in different containers
Uncut vegetables waiting for the next meal
Forks and knives and spoons and a grater lined up drying on a printed napkin
Clutter of this and that
Stainless steel, plastic, cloth, ceramic,
Those birds looked free to me
No clutter
Responding to the distant calls of other birds
(They can hear themselves now)

I have noticed that the bird song is stronger these days
The daily din of car horns and the incessant whistling trains have receded
Pottery Road is deserted and an unnatural quiet has descended
I no longer have to dread the long line of immobile cars waiting to pass under the quaint stone bridge at rush hour
Instead, the eerie silence has a strange quality,
Only to be broken by the occasional howl of a distressed street dog
Piercing through this soundless space around us

The bird calls, persist
Songs of the loud and of the soft,
Of the low and high pitched, of those in and out of tune
Ceaseless chatter

I think I even heard the koel cry, the one that used to frequent often
To sit on the branches of the Singapore Cherry tree,
‚Nei Pazham‘ in Tamil, a fruit like ghee, loved by the birds
And then Regency Taj, the adjacent building was constructed
The tree was the first to go
The building came up cheek by jowl, window-to-window, balcony-to-balcony
But wait, listen carefully, do I now hear it chant
COVID, COVID, COVID

Today the sky seemed bluer than I can remember it being in a long time.

It has been 14 days now
Of Self imposed quarantine
News filters in from all directions
Through the walls of other homes
The neighbours’
BBC World Service plays through the day from a speaker that sits on the dining table
Countless numbers relay forth like another kind of chant
Exponential growth and yet
Nothing can really seem logical
Even the word ‘surreal’ may not be appropriate
They are just numbers after all sans the flesh and blood, the lives lived,
The experiences had, the resilience built, the joys and pain,
Every day the count gets higher and higher,
Much like a game for a child to learn large numbers?

Voices carry a resonance of continuous Emergency
It is not like any ordinary Breaking News this
It wafts through rooms and corridors, balconies, storerooms and kitchens,
Through windows and doors, strong and thick walls
A narrative shared by all
Till all goes silent
Except for a nervous laugh and a call for the security man
A mother summoning her child
A husband and wife thinking aloud their morning chores, making lists for purchases
Endless conversations on cell phones to extended family and to those across continents
Zoom voices floating in an ethereal present
The connection that is the only connection
Disembodied in the age of social distancing

And now images haunt through the day and night
Of those who need to desperately get Home, stranded on deserted highways,
Hungry and thirsty, only a smooth paved road with no end in sight,
No vanishing point
No tree for shade
There is no kindness or sharing to be had
Except to retreat back to protected spaces of childhood
Even with no money or food or water
The cruelties of urban existence known too well, lived to the bone
Not to be trusted

Did we ever imagine ‚Collapse‘ would look like this?