Die Relevanz des Virus haben die Salzburger Festspiele 2020 dermaßen relativiert, dass endlich das Wichtigste im Licht der Öffentlichkeit erscheint. Thomas Rothschild wollte dort seinem Beruf nachgehen, doch die Festspielleitung hatte anderes vorgesehen.

Salzburger Festspiele 2020 während der Corona-Krise

Salzburger Wette

Wenn die Salzburger Festspiele ohne eine Häufung von Covid-19-Fällen zu Ende gehen, haben sie Glück gehabt. Dann haben sie bewiesen, dass man hundert Mal bei Rot die Straße überqueren kann, ohne überfahren zu werden, dass man 22 Jahre lang ein Kernkraftwerk betreiben kann, ohne dass es explodiert.

Und was ergibt sich daraus? Die von der Hofberichterstattung der Lokalmedien und den Salzburger Geschäftsleuten dankbar aufgenommenen Präventionsmaßnahmen jedenfalls sind Schmu und haben mit der tatsächlichen Wirklichkeit so viel zu tun wie Trumps Klima-Fantasien. Die Schachbrettsitzordnung ist eine Schimäre, die, jedenfalls auf den billigeren Balkon- und Rangplätzen der weniger wertvollen Menschen, weder im Landestheater, noch im Haus für Mozart eingehalten wird. Über Reihen hinweg sitzen Zuschauer hintereinander und blasen ihren Vordermännern und -frauen ihren hoffentlich tröpfchenfreien warmen Atem ins Genick. Und die Künstler? Die reichen einander zur Verneigung die Hände und verzichten nicht einmal auf den Wangenkuss. „Lascia la spina“? Vielleicht. Nicht aber Lascia la mano.

Wie dem auch sei: Der Geist der Salzburger Festspiele hat den Angriff der Viren unbeschadet überlebt. In der „Süddeutschen Zeitung“ rapportiert Christine Dössel, was ihr ein zuverlässiger Zeuge anvertraut hat: dass es die „besten“ Wiener Schnitzel beim Döllerer gibt (mit Erdäpfelsalat & hausgemachten Preiselbeeren: € 24,50) und im Café Bazar, so der Architekt Stephan Braunfels, den „weltbesten Apfelstrudel“ (nebbich – Braunfels war offenbar nie beim Wirt z‘Neuhausen). Das tröstet über den bedauerlichen Umstand hinweg, dass Sunnyi Melles zur Premiere von „Elektra“ „in einem pinkfarbenen Trachtenkleid ohne jeden Zierrat“ erschienen ist. Nur die Münchner Modedesignerin Susanne Wiebe findet, wie wir ebenfalls aus der „Süddeutschen“ erfahren, „die diesjährige Couture-Nachlässigkeit ein ‚No-Go‘“. Na ja, im nächsten Jahr wird auch dieser Mangel überwunden sein. Dann gilt wieder, was die Münchner Informantin heuer vermisst: „Das internationale Top-Publikum treibt die Standards an.“ Immerhin hat der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen mitten im Corona-Wirbel für den Literaturnobelpreisträger Peter Handke ein Abendessen im Hotel Sacher gegeben, wo das Schnitzel und der Apfelstrudel offenbar nicht ganz so gut sind. Handke kompensiert die Bundespräsidenten-Speisung auf Steuerzahlerkosten, wie uns Christine Dössel wiederum mitteilt, mit einem Backhendl im Bristol. Was will man mehr. Kann es eine würdigere Versöhnung zwischen Festspielnoblesse und Handke-Trotzigkeit geben?

Das Menetekel haben die Salzburger Festspiele übrigens vor Augen. Die beliebte Konditorei Niemetz, unmittelbar neben dem Kartenbüro der Festspiele, hat noch vor der Corona-Bedrohung nach mehr als 30 Jahren geschlossen. An der Stelle des ehemaligen Kult-Cafés deprimiert jetzt abschreckende Ödnis. Die Präsidentin Helga Rabl-Stadler plant für die Zukunft ein Festspielzentrum in den früheren Räumen von Punschkrapfen und Topfenstrudel. Dürfen wir das als Versprechen werten, dass sie das mehrmals angekündigte Ende ihrer Regentschaft verschieben, ihren Vertrag ein weiteres Mal verlängern und uns nicht mit Xenia Hausners Porträt im obersten Stockwerk des Hauses für Mozart als Wallfahrtsort allein zurücklassen wird?

Werbeplakat von William Kentridge für die Salzburger Festspiele 2020
Foto-ID: #106907, William Kentridge, *1955, Johannesburg / Südafrika. Drawing for Second-hand Reading, 2013/2019 © SF/Luigi Caputo

Den Dienst an der runden Zahl, der das Nachdenken über sinnstiftende Zusammenhänge dem Kalender opfert, die pompöse Hundertjahrfeier hat das Virus den Salzburger Festspielen also verdorben. Die Opern, Theaterstücke und Konzerte sowie die Partys, bei denen Menschen zuhauf aufeinandertreffen, mussten so radikal reduziert werden, dass die Besonderheit gegenüber den Vorjahren im Minus statt im Plus besteht und der Eindruck von Resten jenen von Zuschlag ersetzt.

Die Salzburger Festspiele bedauerten im Vorfeld ganz besonders, „in diesem Jahr der Pandemie und trotz Ihrer langjährigen Festspieletreue mitteilen zu müssen, dass es diesen Sommer nicht möglich sein wird, Ihnen Pressekarten zur Verfügung zu stellen“. Weiter wurde dem unterzeichneten Kritiker beschieden: „Die gute Nachricht ist, dass wir Pressetexte und Podcasts mit Interviews sowie Pressetexte produzieren, die wir allen Journalisten zur freien Verwendung in ihren Medien zur Verfügung stellen.“ Eine sonderbare Vorstellung von einer kritischen Öffentlichkeit, in der die Medien anstelle von Besprechungen durch leibhaftig anwesende Journalisten von den Veranstaltern produzierte Pressetexte veröffentlichen.

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erstellt am 21.8.2020
aktualisiert am 21.8.2020

100 Jahre Salzburger Festspiele: Das Logo auf der Website www.salzburgerfestspiele.at (Screenshot)

100 Jahre Salzburger Festspiele
Das Logo auf der Website www.salzburgerfestspiele.at (Screenshot)

100 Jahre Salzburger Festspiele

18. Juli — 30. August 2020

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