Einige seiner Texte sind von der Band „The Plastic People of the Universe“ vertont worden, die genauso aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist, wie er selbst: Der tschechische Dichter und Philosoph Egon Bondy führte ein bewegtes Leben. Er war als Lyriker bekannt, im Prager Untergrund aktiv, wechselte zwischen Protest, Verrat, Widerstand und Exil. Thomas Rothschild erinnert an die starke Persönlichkeit des Poeten Bondy.

Zur Person: Egon Bondy

Der Dichterphilosoph aus Prag

Peter Handke hat mit seinem jüngsten Theaterstück, das eben bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde, den vergessenen Tschechen Zdeněk Adamec in Erinnerung gerufen. Hier soll von einem anderen zu Unrecht vergessenen Tschechen die Rede sein, der in diesem Jahr 90 geworden wäre und 2007 verstorben ist.

Ein Kriterium, nach dem man die philosophischen Schulen und Richtungen einteilen könnte, wäre jenes der Nähe zu angrenzenden Disziplinen. Dem Versuch, das Denken über die sogenannten „letzten Fragen“ den exakten Wissenschaften anzugleichen, also zum Zwecke der Eindeutigkeit Mathematisierung und Formalisierung anzustreben, stehen Tendenzen gegenüber, die Philosophie den Künsten, insbesondere der Literatur anzunähern und somit Poesie, ästhetische Qualität zu gewinnen, freilich notwendig verbunden mit Mehrdeutigkeit. Dass diese zweite Richtung in den totalitären Polizeistaaten des Warschauer Pakts verbreitet war, hat sicher mit der politischen Situation, insbesondere auch mit der Zensur, gegen die Mehrdeutigkeit ein historisch bewährtes Mittel ist, zu tun. Man denke an den Polen Leszek Kolakowski oder den Tschechen Ivan Sviták. In diesen Kontext könnte man auch Egon Bondy stellen. Die Konzeption der Doppelbegabung würde der Tatsache nicht gerecht, dass bei ihm philosophisches und dichterisches Werk nur in einzelnen Arbeiten unverbunden nebeneinander stehen, meist aber eine Synthese bilden. Bondys philosophische Überlegungen und Erkenntnisse werden eher in poetische, häufig auch humoristische Formen gekleidet, als dass er, wie es die deutsche Tradition liebt, Dichtung mit Tiefsinn anstrebte. Dabei scheut er den Stilbruch nicht, das Nebeneinander von abstrakter und plebejischer Sprache, von existentiellen und ganz und gar persönlichen Motiven. Ähnlich wie bei Sviták, sind seine Liebesgedichte oft philosophische Gedichte und umgekehrt.

Die Anfänge von Bondys Schreibaktivitäten reichen in die vierziger Jahre zurück. Seine ersten Buchpublikationen, in der relativ liberalen Zeit unmittelbar vor dem Prager Frühling, waren allerdings rein philosophischer Natur. Wie weit Bondys Interessen reichen, mag die Tatsache erhellen, dass er zwischen 1991 und 1995 Publikationen zur indischen, zur chinesischen, zur antiken und zur mittelalterlich-christlichen Philosophie veröffentlicht hat. Die Biographie des 1930 in Prag Geborenen bringt es mit sich, dass er sich auch immer wieder mit dem Marxismus auseinander setzte. Dabei signalisiert schon der Name die oppositionelle Haltung, die Zivilcourage und zugleich den Glauben an die zumindest symbolische Macht des Wortes. Das für Tschechen unmissverständlich jüdische Pseudonym gab sich Zbyněk Fišer nämlich als Protest gegen den Antisemitismus in seiner sich sozialistisch nennenden Heimat.

Egon Bondy an seinem Schreibtisch (Screenshot)
Egon Bondy an seinem Schreibtisch

1981 kam Egon Bondys 1974 geschriebener utopischer Roman „Die Invaliden Geschwister“ erstmals im verdienstvollen Exilverlag 68 Publishers von Josef Škvorecký heraus. Martin Machovec schreibt im Nachwort zu Bondys pikareskem Roman „Reise durch das Böhmen unserer Väter“, dass „‘Die Invaliden Geschwister' seinerzeit zu einer Art 'programmatischer Erklärung' oder 'Bibel' der tschechischen Untergrundkultur wurden und die Vision eines 'fröhlichen Ghettos' der Enterbten, die dieses Werk bietet, die Vision des Sinns der Arbeit und des Lebens unter Bedingungen, die scheinbar jeglichen Sinn ausschließen – ungeachtet dessen, dass sie auf der Ebene eines Traums, eines Märchens (mit seinem ganzen unerlässlichen Arsenal) oder im wahrsten Sinn des Wortes auf der Ebene des Mythos oder der Utopie verabreicht wird – als sehr konkret und realistisch empfunden wurde“.

Bondy hat danach weitere neun Bände mit Prosa und Dramatik veröffentlicht. Gleich der Anfang der „Invaliden Geschwister“ erinnert an Bohumil Hrabal, mit dem Bondy seit langem befreundet war und mit dem er gelegentlich auch die Technik des „Bafelns“, des ausschweifenden, scheinbar naiven Plauderns teilt. Mit Hrabal gemeinsam hat Bondy auch einen schlitzohrigen Witz. Entschiedener aber als Hrabal nutzt er Verfahren des Surrealismus und des Absurden. Man könnte auch an englische Traditionen von Swift bis Edward Lear denken. In einzelnen Werken findet man auch thematische oder formale Verwandtschaften – ich spreche nicht von Einflüssen – mit Milan Kundera, Vladimir Vojnovič, Fasil Iskander, Danilo Kiš oder György Konrád. Schwieriger erscheint es, in Bondys Werk die Nähe zu den amerikanischen Beatniks zu entdecken, die Martin Machovec suggeriert. Bondys Humor und Ironie sind entschieden europäisch, und auch die Zerstörung überlieferter ästhetischer Konventionen war in der Nachkriegsliteratur kein ausschließlich amerikanisches Phänomen. Der „freie Raum des kulturellen Untergrunds“, den Bondy laut Machovec programmatisch nützt, ist mit dem amerikanischen Underground kaum vergleichbar, und die „eschatologische Weltsicht“, sowie die Verbindung von Intimem mit Politischem und Transzendentem, die Machovec als tertium comparationis nennt, sind nicht spezifisch für die Beat-Literatur. Ebenso gut ließen sich Traditionen anführen von Rozanov und Zamjatin oder in der Lyrik von den russischen Symbolisten bis zu Chlebnikov, Majakovskij oder auch Benn. Bondys Prosa kommt, stärker als jene von Hrabal, aus dem Kopf, nicht aus der Beobachtung und Erinnerung. Als charakteristisch kann ein kurzer Absatz gelten, der plötzlich nach etwa zwei Dritteln des Romans auftaucht:

„An dieser Stelle kann ein jeder selbst hinzufügen, was es dort wohl noch so alles gab. Denn was immer ihm auch einfällt, es gehört dorthin und es war auch ganz gewiss dort gewesen. Deshalb lassen wir hier einen freien Platz.“

Hurtig purzeln in dem Roman Zeiten und Kulturen durcheinander. Bondy nutzt Wirklichkeitspartikel als literarische Elemente – so kommt er in seinem Roman namentlich auch selbst vor –, er parodiert Formen der Sprachverwendung bis hin zum sich verselbständigenden Sprachspiel.

Egon Bondys lyrische Produktion, die zwischen 1968 und 1990 nur im Ausland und im tschechoslowakischen Untergrund erscheinen konnte, umfasst neun Bände einer zwischen 1991 und 1993 erschienenen Werkausgabe. Martin Machovec erwähnt bereits 1992 mehrere Dutzend Gedichtsammlungen, mehr als zwanzig Prosaarbeiten, eine Reihe philosophischer und politologischer Studien und dreizehn Bände aus dem Gebiet der Philosophiegeschichte. Bei Bondy reichen die Gedichtformen in teils freirhythmischen, teils gereimten Versen mit regelmäßigem Metrum von umfangreichen Versepen über Zyklen bis hin zu Einzeilern, die oft aphoristischen oder scheinbar banalen Charakter haben. Lange Passagen des achtzigseitigen Poems „Naivität“ etwa sind nichts anderes als eine philosophische Schrift mit Zeilenbruch. Andere Gedichte wiederum stehen in der europäischen Tradition des Nonsens – etwa dieses:

Was hatte Baudelaire es leichter!
Haschisch damals erreicht' er

Und was macht Robespierre?

Sitzt auf wackligen Equipagen
Schmerzen ihn beide Visagen

1965 schrieb sich Egon Bondy sein eigenes Epitaph:

Auf Leben und Tod stets schiss er
Hierorts liegt der Zbyněk Fišer

Schon 1954 schrieb Bondy ein Gedicht, das in der Form eines Programms daherkommt, in einer Pointe endet, die man, je nach Temperament, als pessimistisch oder zynisch interpretieren mag, und das dann, bei zweiter Überlegung, doch als Liebeserklärung an Philosophie und Dichtung zu verstehen ist.

Sowohl Philosophie wie auch Poesie
sind alle beide die gleiche Kanaille
Der Mensch befasst sich mit ihnen
nur weil er auf der Welt nichts Besseres zu arbeiten hat
Besser als sich wie ein Tier vor allem zu fürchten
Ist es sich daraus einen unnützen Spaß zu machen

Aber manchmal tritt euch das wie eine Kuh:
dass die einzige nützliche und gesunde Arbeit
ist sich mit allen Fähigkeiten und Kräften darum zu bemühen
dass sich auch der letzte homo sapiens aufhängen möge

1974 schrieb Bondy den folgenden Vierzeiler:

LEUTE DIE BONDY KENNEN
werden nicht gleich einfach etwas anderes lesen
Denn wo zeigt sich in solcher Schönheit
unser Dasein?

Was ließe sich da noch hinzufügen?

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erstellt am 19.8.2020
aktualisiert am 19.8.2020

Egon Bondy (1930-2007)

Egon Bondy (1930‒2007)
Geburtsname: Zbyněk Fišer