Der dänische Literaturkritiker, Philosoph und Schriftsteller Georg Brandes (1842–1927), der die Hauptströmungen der Literatur des 19. Jahrhunderts beschrieb, Bücher über Nietzsche, Ibsen, Anatol France, Voltaire und Caesar publizierte und die skandinavische Literatur förderte, gründete mit seinem Bruder und anderen Schriftstellern 1884 auch die dänische Zeitung ‚Politiken’, das Organ des europäischen Flügels der liberalen Partei ‚Venstre’. In den Auszügen aus seinem Beitrag für die ‚Weltbühne’ vom 23. Juni 1925 geht er den Gründen für das zerfallende Europa nach.

Rück-Blick: Vor 95 Jahren

Das heutige Europa

Von Georg Brandes

1

Europa trat in das zwanzigste Jahrhundert ein, mit einer Neigung ohnegleichen, sich Illusionen hinzugeben. In allen Ländern glaubte man Das, was man wünschte.
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Schiller schrieb am Schluß des 18. Jahrhunderts die folgende Strophe, die uns trotz Beethovens wunderbarer Musik unglaublich abgeschmackt vorkommt:

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder, überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.

Der Kuß an die ganze Welt ist unmöglich und unappetitlich, die Umarmung der Millionen so unmöglich wie sentimental, das Sternenzelt unmöglich, auch nur als Gleichnis; an den liebenden Vater, der darüber wohnen sollte, wäre etwas kindisch zu glauben. Schiller selbst tat es nur, wenn er schrieb.
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Die Völker Europas und Amerikas hatten zwar eine Art von Kultur. Sie hatten aber zugleich eine Presse, und es war sehr schwierig, eine Kultur im Verein mit einer so gestalteten Presse zu bewahren.
Die deutsche Presse ist wohl eine der besten der Welt. Politisch nicht besonders scharfsichtig, ist sie kulturell sehr fortgeschritten. Sie hat sich auch selbst stets für kulturell sehr hochstehend gehalten.
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Die Presse hat nur ausnahmsweise zum Weltkrieg gehetzt. Doch ohne die europäische Presse wäre der Weltkrieg unmöglich gewesen.
Die Völker waren 1914 im Allgemeinen friedliebend; doch ihre Triebe waren kriegerisch, und es war leicht, durch die Presse die kriegerischen Triebe zu erwecken.
Die Presse war selten bestochen, aber überall sehr abhängig von den Auswärtigen Ämtern, und sie brauchte, um gefährlich zu werden, nur patriotisch zu sein. Sie war es, und sie ist es. Patriotismus und Weltfrieden vertragen sich nicht.
Dazu kam, daß just alle Völker Ziele hatten, die sich ohne den Krieg nicht verwirklichen ließen.
Rußland begehrte den Besitz von Konstantinopel. Griechenland wollte Konstantinopel besetzen. Bulgarien wollte Herr von Konstantinopel sein. Großbritannien wollte die Durchfahrt durch die Dardanellen beherrschen.
Dies eine Beispiel zeigt, wie entfernt von einer Zufriedenheit mit der bestehenden Ordnung man war.
Ferner wußte Jedermann, daß Frankreich darauf ausging, Elsaß und Lothringen zurückzugewinnen. Eine Menge deutscher Schriftsteller machten kein Hehl aus ihrer Begierde, Frankreichs afrikanische Kolonien zu erobern. England wollte seine Herrschaft von Kairo bis Kapstadt ausdehnen.
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2

Von Europa hat sich die Selbstvergötterung nach Amerika verpflanzt, und diese Selbstvergötterung trägt hier, wie überall, das Gepräge des Nationalismus, obwohl kein Staat der Welt – die Schweiz allein ausgenommen – weniger national erscheinen dürfte, da die Bevölkerung sich aus den verschiedensten Ländern rekrutiert hat. Amerika gibt jedoch gegenwärtig, durch seinen Unwillen gegen alles Fremde und durch die Aussperrung jeglichen fremden Elements, für Europa ein nationales Muster ab. In Nordamerika wird von den wahrhaft Nationalen Protestantismus gefordert – in Polen Katholizismus.
In Europa wie in Amerika gewinnt der römische Katholizismus außerdem immer mehr Boden, auch im geistigen Leben.
Die drei Hauptmächte unsrer Tage in Europa sind: Nationalismus, Katholizismus und ein recht gutmütiger Sozialismus.
Das politische Ideal der Volksfreiheit, dem das 19. Jahrhundert teils aufrichtig, teils wenigstens mit den Lippen huldigte, ist dahin. In den konservativ regierten Ländern ist die Volksfreiheit von der Diktatur verdrängt. In dem revolutionären Rußland sowie in der Ukraine und in Georgien, die von Rußland unterworfen sind, gibt es weder Freiheit für die einzelne Persönlichkeit, noch für die Presse. Die ganze Erziehung ist kommunistisch und der Freiheit feindlich.
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3

Schon vor dem Weltkrieg war Frankreich sehr empfindlich. Es gab schon damals im Auswärtigen Amt Leute, deren Beruf darin bestand, jeder der Regierung ungünstige Äußerung eines Ausländers zu widerlegen.
Nach dem Weltkrieg hat sich diese Verletzbarkeit entwickelt wie bei einem Hautlosen. Die Forderung, anerkannt und bewundert zu werden, ist ins Krankhafte gestiegen, desto höher, je mehr die Währung sinkt.
Jeder, der die Richtigkeit der französischen Politik des Augenblicks bezweifelt, wird sofort zum Feinde Frankreichs gestempelt, und hat er vorher kein Hehl daraus gemacht, was er der französischen Zivilisation schuldig ist, so gilt er jetzt als Renegat.
Meiner Ansicht nach hat sich Frankreich ebenso wie Polen durch diese Haltung nicht wenig geschadet. Die wahren Freunde und Kenner des Volkes und der Gesellschaft haben seit Jahren geschwiegen, da sie das Gefühl hatten, nicht ein wahres Wort sagen zu können, ohne mißverstanden zu werden. Wie selbst ein großer Künstler gern die Kritik wahrer Freunde über seine Leistung hört und bisweilen dadurch etwas lernt, so auch ein Volk. Von jeglicher Kritik abzuschrecken, indem man sie im voraus als gehässig stempelt, ist unpolitisch.
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4

Europa ist auf dem Rücken des göttlichen Stieres über ein Meer von Unglück geschwommen. Das kann doch unmöglich denkende Geister zwingen, einem barbarischen Optimismus zu huldigen oder sich einfangen zu lassen in eines der Systeme, die von den als Staatsmänner vermummten Politikern des Tages ausgeheckt sind.
Unzweifelhaft ist eine der traurigsten Folgen des Weltkrieges die, daß in allen Hauptländern die Besten der Jugend, die Zukunftsreichsten gestorben oder verkrüppelt sind.
Das erklärt zum Teil die traurige Herrschaft der Mittelmäßigkeit. Aber nur zum Teil. Das Hauptunglück ist nicht das negative: die Vernichtung des Bessern – sondern: die positive Lähmung der Selbständigkeit. Das Hauptunglück ist die Mediokratie, die bleierne Gewalt, die das Große und Klare unterdrückt und dafür die rachitische Religiosität, die hysterische Traumwelt und die sterile Unklarheit vergöttert.
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Intelligenz ist in Mißkredit geraten. Das Unkontrollierbare wird gepriesen. Auf Kosten der Intelligenz werden Intuition und Instinkt verherrlicht von Menschen, die keine Instinkte haben, oder deren Instinkt die Sicherheit des Insekts besitzt, das in die Flamme fliegt, Menschen, die selbst jeder Intuition bar sind, so bar, daß sie glauben, man habe jemals ohne Intuition eine wissenschaftliche Wahrheit gefunden.
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Man weiß so gut wie ich, besser als ich, daß die Sanierung Oesterreichs nicht weit geführt. Man hat alles Andre versäumen müssen, um die finanzielle Rekonstruktion zu erreichen. Es hat keine Kohlen, keine Rohstoffe, die sich exportieren lassen. Es hat 2000 000 Arbeitslose, jeder sechste Arbeiter ist unbeschäftigt.
Finanziell ist Oesterreich rekonstruiert worden, oekonomisch und sozial liegt Alles im Argen.
Man erlaubt nicht Oesterreich die Selbstbestimmung, die das Resultat des Friedens sein sollte. Soviel ich verstehe, sind die Oesterreicher sehr leidenschaftslos in Sachen des Anschlusses an Deutschland. Ein Anschluß an die Donau-Staaten kommt bei deren Haß und Unwillen nicht in Frage.
Bleibt also als bester Ausweg eine Annäherung an Ungarn, wenn beide Länder sie wünschen, was nicht unwahrscheinlich ist.
Die Zeit nationaler Isolation sollte eigentlich für Oesterreich vorüber sein.
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5

Leider sind die Hoffnungen auf den Weltfrieden, die Rolland und Ghandi hegen, im Augenblick nicht sehr aussichtsreich.
Allmählich hat man von beiden Seiten, von allen Seiten, so Vieles zu rächen bekommen, daß die Zukunft trübe aussieht.
Vermutlich wird jedoch die nächste Entscheidung nicht auf europäischem Boden fallen. Europa! Existiert dieser Begriff noch? Die Annäherung zwischen Rußland und Japan hat ganz neue Perspektiven eröffnet.
Die stärkste Stimme ist nicht mehr die Stimme Europas. Vielleicht ist es nur noch die erste Stimme: Europa ist Diskant geworden.
Hoffen wir, daß unsern Nachkommen ein Europa bewahrt werde.

aus:
„Das heutige Europa“ von Georg Brandes, in: Die Weltbühne. XXI. Jahrgang, Nummer 25 vom 23. Juni 1925; Nachdruck: Die Weltbühne Bd. 21, 1925, Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978, S. 909ff

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erstellt am 17.8.2020
aktualisiert am 17.8.2020

Die Bücher in Bibliotheken können sehr lange stehen. Sie sind unser kulturelles Gedächtnis, das weit hinter und über unsere Erinnerung hinausgeht. Sie können nichts vergessen und ermöglichen, was Alexander Kluge einmal das Gespräch über die Jahrhunderte genannt hat.

Hier sammeln sich Berichte, Kommentare, Erzählungen, Essays – Fundstücke aus einer zurückliegenden Zeit, die möglicherweise gar nicht vergangen ist und so in unsere Gegenwart hineingreift..

Georg Brandes

Georg Brandes (1842-1927), Fotografie von Ludwik Szaciński, etwa 1886, Gemeinfrei

Georg Brandes (1842‒1927)
Fotografie von Ludwik Szaciński, etwa 1886, Gemeinfrei
Quelle: http://www.kb.dk/imageService/w1024/online_master_arkiv_6/non-archival/Images/BILLED/2008/Billede/kendis/ke002593.jpg, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11792099