Seit März 2020 ist im Deutschen Architektur Museum Frankfurt die Ausstellung „Die Neue Heimat [1950–1982] – Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“ zu sehen. Darin wird die unrühmliche Geschichte des Gewerkschaftsunternehmens Neue Heimat als ‚sozialdemokratische’ dokumentiert. Martin Wentz, einstiger Stadtrat und Dezernent für Planung der Stadt Frankfurt am Main, hält die Darstellung für falsch.

Kritik der Ausstellung »Die Neue Heimat«, DAM Frankfurt

Umdeutung der Städtebaugeschichte?

Von Martin Wentz

Die seit März 2020 im Deutschen Architektur Museum (DAM) Frankfurt zu sehende Ausstellung „Die Neue Heimat [1950 – 1982] – Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“, übernommen vom Münchner Architekturmuseum, beschäftigt sich mit der Geschichte des Gewerkschaftsunternehmens Neue Heimat, der größten (Wohnungs-)Baugesellschaft im Nachkriegsdeutschland. Nachdem die Nazis nach 1933 die Wohnungsbaugesellschaften der Gewerkschaften enteignet und in die Deutsche Arbeitsfront integriert hatten, benannten sie diese 1939 in Neue Heimat um. Die Alliierten übertrugen nach 1950 die Neue Heimat Hamburg wieder dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), der in den Folgejahren alle gewerkschaftseigenen Bau- und Wohnungsgesellschaften in seinen Konzern Neue Heimat integrierte.

In der Zeit des Wiederaufbaus der Städte und der großen Wohnungsnot, den 50er und 60er Jahren, wuchs die Neue Heimat sehr schnell zu dem bedeutendsten deutschen Wohnungsbaukonzern. Quer durch die Bundesrepublik baute sie vorrangig neue Hochhaus-Trabantenstädte entsprechend den Maximen der städtebaulich-architektonischen Moderne des CIAM (internationale Treffen der Protagonisten der Moderne ab 1928) und der Charta von Athen (Le Corbusier 1933). In den folgenden Jahren erweiterte die Neue Heimat ihre Geschäftsfelder. Sie baute Kliniken, Shopping Center und investierte schließlich auch in großen Umfang im Ausland. Das Management der Neuen Heimat strahlte mit den Jahren omnipotente Hybris aus und wurde gleichzeitig korrupt. Durch einen Artikel im SPIEGEL flogen 1982 schließlich die Selbstbereicherungen von Vorständen der Neuen Heimat sowie die extrem hohen Verluste des Konzerns auf, ein Fiasko für den DGB. Die anschließende Abwicklung der Neuen Heimat dauerte noch einmal zwei Jahrzehnte.

Soweit ‒ knapp gefasst ‒ die desaströse Geschichte der einstmals glorreichen Neuen Heimat.

Es ist gut und auch erforderlich, dass die Geschichte der Neuen Heimat kuratorisch aufgearbeitet wird. Es ist auch richtig, wenn sich die daraus entwickelte Ausstellung vorrangig auf die, unter der Verantwortung der Neuen Heimat gebauten, neuen Trabantenstädte und Hochhaussiedlungen bezieht. Für ein Architekturmuseum ist es aber schon sehr eigenartig, wenn es bei diesen neuen Trabantenstädten und Hochhaussiedlungen vorrangig um die Verantwortung des Bauherrn, also der Neuen Heimat geht, die verantwortlichen Planer und Architekten der Moderne dagegen keine Rolle spielen. Der Gewerkschaftskonzern Neue Heimat fühlte sich wie der DGB nach der Nazizeit dem gesellschaftlichen Aufbruch der Moderne verpflichtet. Deshalb war es für die Verantwortlichen auch eine Selbstverständlichkeit, den Planern und Architekten der Moderne die Aufträge für die großen Bauprojekte zu geben. Und deren Ideologie, niedergeschrieben in der Charta von Athen, wurde dann auch im großen Stil umgesetzt.

Die Ausstellung nimmt sich aber weder die verantwortlichen Planer und Architekten kritisch zur Brust, noch die fachlichen Mängel des Städtebaus der Moderne, sondern ausschließlich den Bauherrn. Diese Überblendung der Verantwortlichkeit und der Fachkritik ist für ein Architekturmuseum schon sehr erstaunlich, da in der Regel in entsprechenden Ausstellungen vor allem die Leistungen der Planer und Architekten dokumentiert und bearbeitet werden und nur sehr selten die Bauherren eine wichtige Rolle spielen.

Warum also diese merkwürdige Zurückhaltung der Kuratoren gegenüber den Planern und Architekten, die doch unmittelbar diese sicher kritikwürdigen und heute teilweise als seelenlos und jeder Urbanität fernen Trabantenstädte und Hochhaussiedlungen zu verantworten haben? Seit bald dreißig Jahren führen wir in den Städten im Rahmen der Entwicklung neuer Stadtquartiere und Stadtteile bereits die Diskussion über den für Neuplanungen zu verantwortenden Städtebau, auch aus der tiefen Erkenntnis der teilweise katastrophalen Fehlentwicklungen der städtebaulich-architektonischen Moderne.

Kann man, oder besser, darf man also als fachlich-historisch ausgerichtetes Architekturmuseum eine Ausstellung über die Bauten der Neuen Heimat konzipieren, ohne zumindest die städtebaulichen Ziele der für die Bauten verantwortlichen Planer und Architekten kritisch ins Visier zu nehmen? Das Architekturmuseum München und auch das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt tun dies offensichtlich ohne Bedenken. Oder drücken sich die Kuratoren dieser Museen vor der komplexen Auseinandersetzung mit den Ideologien ihrer Kollegen der Moderne? Es ist natürlich viel einfacher, sich vordergründig mit dem pleite gegangenen, korrupten Bauherrn auseinander zu setzen. Dies aber hätte jedes (nichtarchitektonische) Museum sicher gleich gut tun können.

Ausschnitt des Katalogtitels zur Ausstellung "Die Neue Heimat (1950-1982)
Ausschnitt des Katalogtitels

Noch obskurer wird es mit dem Ausstellungstitel. In diesem heißt es: „Die Neue Heimat [1950 – 1982] – Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“. Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten? Nicht etwa eine Utopie der Planer der Moderne und ihrer Bauten? Oder wenigstens eine Utopie der Gewerkschaften und ihrer Bauten? Weder war die Neue Heimat eine sozialdemokratische Utopie, sie war schlicht ein gemeinnütziger gewerkschaftlicher Baukonzern, noch stellten die Bauten der Neuen Heimat eine sozialdemokratische Utopie dar. Sie waren vielmehr die gebaute Utopie der Planer und Architekten der Moderne und diese waren nach ihrem Selbstverständnis alles andere als Beauftragte der Sozialdemokratie. Warum wurde dann aber der Titel dieser Ausstellung in dieser Form gewählt? Welche Botschaft wollen das Münchner und das Frankfurter Architekturmuseum mit diesem Titel der Ausstellung dem Publikum vermitteln? Und warum verschärfen sie diese historisch falsche Botschaft noch dazu mit der Abbildung von drei kleinen Kindern in einer seelenlosen Hochhausbetonlandschaft auf dem Titelblatt des Katalogs?

In mehreren Schreiben und Mails habe ich versucht, mit den Direktoren des Frankfurter Architekturmuseums, Peter Schmal, und des Münchner Architekturmuseums, Prof. Andres Lepik, in einen fachlichen Diskurs zu den Hintergründen des Ausstellungstitels einzutreten. Es sollte doch eine fachlich-historische Begründung für diesen Ausstellungstitel geben, die ich möglicherweise bisher übersehen hatte. Beide Direktoren lehnten mir gegenüber allerdings eine Fachdiskussion oder eine fachlich-historische Aufklärung über die Hintergründe der Ausstellung und den Ausstellungstitel vehement ab.

Diese Haltung ist schwer zu verstehen. Es verwundert deshalb auch nicht hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass es im Kreis der Kuratoren erhebliche Bedenken gegen diesen Ausstellungstitel gegeben habe, es aber „von oben“ entschieden worden sei, aus „Marketing-Gründen“ diesen Titel festzulegen.

Es ist kaum zu glauben, wie der Wissenschaft und Historie verpflichtete Architekturmuseen mit einem Ausstellungstitel ein neues Framing der Planungsgeschichte der Moderne und deren Bauten am Beispiel der Neuen Heimat betreiben. Sie blenden mit dieser Ausstellung nicht nur die Verantwortung der Planer und Architekten der Moderne aus, sondern deklarieren im gleichen Zug die gebauten Hochhaustrabanten als sozialdemokratische Utopie, welche – siehe Neue Heimat – natürlich in Korruption und Bankrott führte. Die versuchte Ausrede, der Begriff „sozialdemokratisch“ habe dabei nichts mit der SPD zu tun, ist genauso falsch wie die Formulierung, „christdemokratisch“ hätte ja auch nichts mit der CDU zu tun.

Schade, dass die wichtige kritische Aufarbeitung der Geschichte der Neuen Heimat und ihrer Bautätigkeit im Zusammenhang mit der städtebaulich-architektonischen Moderne auf diesem Weg nur diskreditiert wird.

Prof. Dr. Martin Wentz, Dr. phil. nat., Physiker, DASL, AHK, 1989 bis 2001 Planungsdezernent sowie Baustadtrat der Stadt Frankfurt am Main, seit 1996 Lehrbeauftragter, Vertretungsprofessor, Honorarprofessor für Stadtplanung und Städtebau, zuletzt an der Universität Regensburg. 2001 Gründung des Planungsbüros Wentz & Co. GmbH. Mitglied in einer Vielzahl von Organisationen, Verbänden und Preisgerichten, z. B. dem „Immobilien Award“. 2009 bis 2019 Vizepräsident der IHK Frankfurt.

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Kommentare


Dieter Kaufmann - ( 13-08-2020 11:46:39 )
Hallo,

kann dem Kommentar von Martin Wentz nur heftig zustimmen. Diese eigentümliche Einengung ist absurd und eines Architekturmuseum nicht würdig.

Dr. Dieter Kaufmann
(Architekt und Arzt)

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erstellt am 11.8.2020
aktualisiert am 12.8.2020

Titel des Begleitbuches zur Ausstellung
„Die Neue Heimat (1950-1982) – Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“

Ausstellung in Frankfurt

Die Neue Heimat (1950-1982)

Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten
Eine Ausstellung in Kooperation mit dem Architekturmuseum der TUM und dem Hamburgischen Architekturarchiv.
Kuratoren: Hilde Strobl und Jonas Malzahn

14. März 2020 – 11. Oktober 2020

DAM – Deutsches Architekturmuseum

Begleitbuch

Andres Lepik, Hilde Strobl (Hg.)
Die Neue Heimat. 1950-1982.
Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten.
Hardcover, 236 S. mit 235 Abbildungen
ISBN: 978-3-95553-476-9
Edition Detail, München 2019

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