Artur Beckers Familienroman „Drang nach Osten“ führt die Biographien mehrerer deutsch-polnischer Generationen zueinander. Zugleich bewegt er sich durch die Wechsellagerung zeitgeschichtlicher Sedimente, also auch machtpolitischer Bedrohungen und Parteilichkeiten, die in ihrer Ambivalenz die Charaktere formen. Bruno Arich-Gerz hat die Schichten des einfachen wie komplizierten Romans bewundernd gelesen.

Artur Beckers Roman »Drang nach Osten«

Téléscopage und Polonoia

Artur Becker (© Emanuela Danielewicz)
Artur Becker (© Emanuela Danielewicz)

Drang nach Osten, Artur Beckers bislang „eindrucksvollster Roman“ (Marta Kijowska in der F.A.Z.), will von vorne gelesen sein, um ihn von hinten her – da, wo erzählzeitlange Literatur wirkt, weil die erzählten Zeiten, Figuren und Konstellationen unvergesslich geworden sind – in seiner Tiefe zu verstehen.

Das klingt kompliziert und wohlfeil zugleich, und muss daher erklärt werden. In der Erzählung um den in Masuren geborenen und 1985 in die damalige BRD emigrierten Arthur Becker – der kleine Unterschied in der Vornamensschreibung markiert die durchlässige Grenze zwischen Hauptfigur und Autor – geht es weniger um den Spannungsbogen, der auf ein Whodunnit (oder, mit Brecht, auf ‚den Ausgang‘ und somit die Auflösung des säuberlich geschürzten Handlungsknotens) abzielt. Spannend ist vor allem der Gang selbst und damit alles, was sich im Kopf tut während des lesenden Laufs durch einen präzise die polnisch-deutschen Empfindsamkeiten und seit dem deutschen Überfall auf Polen 1939 auch aktuelle Empfindlichkeiten aufspießenden Roman. Drang nach Osten endet zwar mit einem Knalleffekt in der Gegenwart, der aber ist ein prophetisches Wagnis und hat sich inzwischen verdünnisiert, weil eine Pandemie stärker war als der im Roman skizzierte globale Showdown mit katholischen Nationalisten hier und islamistischen Horden dort.

So rückt zwangsläufig das Kompositionsprinzip in den Blick, das sich mit Julio Cortázar auf den Punkt bringen lässt, den Becker im Übrigen selbst an einer Stelle aufruft. ‚Ese libro es dos libros‘, heißt es zum Auftakt in Cortázars Rayuela, dem mutmaßlich bekanntesten und experimentellsten Erzähltext des Argentiniers: auf seine Weise enthalte sein Text viele Bücher, aber vor allem ist es zwei Bücher. Eines, das man automatisch liest, weil man das Lesen so erlernt hat, von vorne an bis hinten durch. Und ein anderes und vielleicht tieferes, das sich nur dann entbirgt, wenn man den Sprüngen und Verzahnungen auf die Schliche kommt. Tatsächlich verhält es sich ähnlich in Drang nach Osten.

Familie, Genealogie und Téléscopage, oder: Die zwei Bücher in Drang nach Osten

Artur Becker lässt seinen Protagonisten und Beinahe-Alter Ego Arthur Becker, der im Bremen der Gegenwart der universitären Kärrnerarbeit müde wird, als marxistisch sozialisierter und längst verhausschweinter Populärhistoriker über seine Heimat reüssiert und zwischen zwei Frauen l(i)ebt, die Geschichte seiner Großeltern aufschreiben, die 1945 in Ostpreußen Teil eines Kriegsende-bedingten Bevölkerungsaustauschs werden. Als Handlung in der Gegenwart und Buch im Buch über die eigene Familienvergangenheit scheidet Drang im Osten das eine vom anderen durch die von Simone Weil geborgten Leitunterscheidung ‚Schwerkraft‘ (die Gegenwartskapitel) und ‚Gnade‘ (die aus 1945ff). Wobei erst bei genauerer Lektüre auffällt, dass und wie ‚Schwerkraft‘ und ‚Gnade‘ ineinander überfließen und von einer strikten Trennung gewesener und aktueller Zeithintergründe nicht die Rede sein kann. Vielmehr wiederholen und verschieben sich szujets, weil sie sich nicht exakt datieren oder kartieren lassen, und Genregrenzen verschieben sich in einem mit: Ein Effekt, der wesentlich mit beiträgt zum kräftigen Nachhall, den der Roman nach dem Durchlauf durch die Leserin hinterlässt.

Drang nach Osten ist ein Buch, das insgeheim zwei enthält, weil es zum einen mit dem Anspruch antritt, die Familiengeschichte von Beckers Großelternquartett Irmgard und Jan sowie Renata und Ryszard zu schreiben. Diese vier kommen in einer ordnungsenthobenen ostpreußischen Zone im heutigen Bartoszyce und auf einem Hofgut in Galiny zusammen. Unter der Knute stalinistischer Weltkriegssieger wagen sie einen Neuanfang, während polnische Partisanen sich der doppelten Herausforderung stellen, aus dem Untergrund nach den deutschen Nazis auch den neuen kommunistischen Regenten zu trotzen, was sich als ein bisschen viel erweist und misslingt.

Zum anderen verblendet der Roman diese komplexe Hintergrundgeschichte mit der Gegenwartshandlung, indem er beide wie generationale Teleskopstangen ineinander verschiebt und Topoi, Figuren und ihre Motivationen, dazu Handlungsfäden sich wiederholen lässt, ohne in eins zu fallen und als identisch zu (miss)verstehen wären.

Arthur (mit ‚h‘) Beckers Großvater Ryszard hat eine Affäre mit der Sekretärin des von den Sowjets eingesetzten Lokalpotentaten Stanisław, so wie die Figur Arthur Becker selbst eine leidenschaftliche Liaison mit einer Germanistikprofessorin aus Warschau verbindet: Beides schildert der Autor Artur Becker verblüffend ähnlich, aber nicht als dasselbe. Der kleine aber feine Unterschied zwischen 1945 und heute, zwischen den ‚Schwerkraft‘- und den ‚Gnade‘-Kapiteln kristallisiert sich in der schillernden Ambivalenz des Stanisław, denn diese Figur tritt doppelt auf. Stanisław ist kalkulierter Doppelgänger in Drang nach Osten als einmal, 1945, der Onkel von Arthurs Großmutter Renata (S. 286) und zum anderen der Onkel von Arthur selbst (S. 14), der ihn in der Erzählgegenwart in den USA besucht und über seine Konversion weg vom überzeugten Stalinisten konsterniert ist.

An Stanisław hängt sich der Roman mit anderen Worten auf, die Figur ist der Nagel in seiner Textur und überführt die beiden Bücher, die Drang nach Osten ist, zu einer Erzählung, die keinen Realismus-Idealen folgt oder dokumentarisch sein möchte, sondern zugleich phantasmagorisch daherkommt mit ihren beiden gleich möglichen und ineinander verschobenen Auslegungen.

Polonoia, ein Wortspiel

Und doch hat alles, was zur Sprache kommt, eine ernste Grundierung im Heute des deutsch-polnischen Miteinanders, das ohne das Gestern – ohne die Teilungen Polens und die nazideutsche Besatzung, gefolgt vom gescheiterten volksrepublikpolnischen Projekt eines kommunistischen Staates bei gleichzeitiger Teilung Deutschlands – nicht zu denken ist. Die Grundierung ist dabei nicht nur ernst, sondern ausgesprochen komplex, und Artur Becker orchestriert diese Komplexität, die häufig widersprüchlich wirkt oder sich in den kleinen Verschwörungstheorien des Alltags verläuft, sorgfältig auf seine Figuren. Das Nichtwissen um die genauen Hintergründe dessen, was wer mit Macht und Hinterlist durchzusetzen versucht, koloriert bereits die ‚Gnade‘-Kapitel: so etwa, wenn Arthurs Großvater Ryszard mehrfach in die Fänge der Partisanen gerät und wieder freikommt, weil er insgeheim ein amerikanischer Spion sein könnte, der im Vorfeld eines sich bald darauf entspinnenden Kalten Kriegs gegen die machthabenden Kommunisten eingesetzt wird. Wirft der ominöse (Urgroß-)Onkel Stanisław seinem angeheirateten Neffen das nur vor, oder steckt mehr dahinter? Seiner Leserschaft klärt Becker es nicht endgültig auf und stempelt seinen Roman damit als ansatzweise paranoide Literatur.

Eine speziell polnische Ausprägung von Paranoia findet sich auch im Heute, Artur Becker muss sie nicht erst herbeierfinden. Die Regierung Tusk als Vorgängerkabinett der gegenwärtig regierenden PiS sei eine einzige translatio imperii der ehemals regierenden Kommunisten und Granden der Solidarność gewesen, lautet das aktuelle Verschwörungsnarrativ der Rechtkonservativen. Auf demokratisch umgefärbte rote Socken mit plötzlich neoliberaler Agenda hätten das Land nach 1989 bis zur Erlösung durch Kaczyńskis PiS im Griff gehabt und ein ländliches, ältliches und ärmliches Prekariat entstehen lassen, so die wohl verbreitetste Form von Polonoia der Gegenwart.

Fazit: Ein Buch

Wenn man durch ist mit der Lektüre, wird klar: Diesen Roman schüttelt sich keine/r so einfach aus den Knochen. Der komplexen Gemengelage von Empfindsamkeiten und Empfindungen im seit 1939 erneut und sehr speziell angesammelten deutsch-polnischen Verhältnis entspricht das nur auf den ersten Blick einfache Kompositionsprinzip. Die Sprünge zwischen ‚Schwerkraft‘ und ‚Gnade‘, den Zeitebenen der Nachkriegszeit und dem Heute, sind (ineinander) verwickelter, als es auf den ersten Blick scheint: Sie entsprechen aber exakt der komplizierten Melange aus Ansichten, Positionen und Positionierungen, die masurische Immigrierte und Emigrierte im Kommunismus und Postkommunismus einzunehmen in der Lage sind und waren. Artur Becker überführt diese Komplexität in eine literarische Form, sein Buch ist ein Dokument der Polonoia, das notwendigerweise mit Widersprüchen und Inkommensurabilität arbeitet; außerdem ist es ein (sein?) Familienroman.

Und am Ende ist es vor allem ein Buch, und nicht zwei oder viele. Die Kunst seines Lesens besteht darin, das zu erkennen und würdigen.

Artur Becker liest aus „Drang nach Osten“
Quelle: YouTube-Channel „Lesen im Lockdown“/hr-Kultur

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erstellt am 07.8.2020
aktualisiert am 09.8.2020

Buchcover „Drang nach Osten“, Artur Becker

Artur Becker
Drang nach Osten
Roman
Gebunden, 394 Seiten
ISBN 978-3-86337-119-7
Weissbooks.w, Frankfurt am Main 2019

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