Hegel und die Natur. Das ist ein kurzes Kapitel. Denn des Menschen Geist, der von der Herausforderung lebt, findet diese nicht in der Natur. Das war die Botschaft der Berge, die der junge, als Hauslehrer angestellte Hegel während einer Alpenwanderung mit Kollegen vernahm, aber deren Auswirkung auf seine eigene Philosophie er nicht ahnen konnte. Otto A. Böhmer beschreibt den bedeutsamen Natur-Vorgang.

Wie Hegel zum Philosophen wurde

Der Geist in den Alpen

Eleusis. – An Hölderlin. –
Um mich, in mir wohnt Ruhe. Der geschäft'gen Menschen
Nie müde Sorge schläft. Sie geben Freiheit
Und Muße mir. Dank dir, du meine
Befreierin, o Nacht! – Mit weißem Nebelflor
Umzieht der Mond die ungewissen Grenzen
Der fernen Hügel. Freundlich blinkt der helle Streif
Des Sees herüber.
Des Tages langweil'gen Lärmen fernt Erinnerung,
Als lägen Jahre zwischen ihm und jetzt.
Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,
Und der entfloh'nen Tage Lust …

Ein Dichter, so scheint es, wendet sich hier im Gedicht an einen anderen Dichter, den wir wohl kennen: an Friedrich Hölderlin. Der Dichter jedoch, der im Gedicht das altgriechische Eleusis, den sagenumwobenen Ort der eleusinischen Mysterien, beschwört, ist gar kein Dichter, sondern ein angehender Philosoph: Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Wir schreiben das Jahr 1796: Hegel befindet sich auf einem Landgut bei Bern und ist dort als Hauslehrer tätig. Er hat die Söhne des wohlhabenden Berner Patriziers Carl Friedrich Steiger von Tschugg zu unterrichten und erledigt diese Aufgabe zur weitgehenden Zufriedenheit des Hausherrn, der seinen Hauslehrer ansonsten so behandelt, wie man die meisten Hauslehrer jener Zeit behandelt, nämlich herablassend und mäßig freundlich. Hegels Arbeitgeber war möglicherweise sogar noch ein wenig herablassender als andere, denn er litt unter schlechter Laune, seitdem er bei dem Versuch, in den Rat der Stadt Bern gewählt zu werden, überraschenderweise gescheitert war. Die Stimmung auf dem idyllischen, im Schweizer Jura zwischen Neuenburger und Bieler See gelegenen Landgut Tschugg ist also eher kühl, und der Hauslehrer muß sich selbst bei Stimmung halten, was ihm einigermaßen schwer fällt. Hegels Freund Hölderlin, dem das Gedicht Eleusis übersandt wird, hält sich derweil in Frankfurt am Main auf, wo er sich ebenfalls als Hauslehrer betätigt – was, wie wir wissen, eine Übung ist, die viele Intellektuelle jener Zeit zu bewältigen haben, denn der Stand des Hauslehrers dient als eine Art Durchlauferhitzer für all jene Dichter und Denker, die sich, aus ökonomischen Gründen, noch nicht in der Lage sehen, von den Erträgen ihres Dichtens und Denkens zu leben. Hölderlin scheint allerdings glücklicher zu sein als Hegel, den er seinerzeit während des gemeinsamen Studiums im nachmals berühmten Tübinger Stift kennengelernt hat: Er, Hölderlin, ist bei der Frankfurter Kaufmannsfamilie Gontard untergebracht, von der ihm im besonderen Maße Susette Gontard, die Dame des Hauses, gefällt, die er dann, kurzentschlossen, zu seiner großen, lebenssprengenden Liebe erklärt, an der er später – das ist allerdings eine andere Geschichte – ebenso scheitert wie an den Anforderungen eines bewußten, realitätsverhafteten Lebens. Hegel hat Heimweh nach Deutschland, das ihm weniger als Land etwas bedeutet, sondern als Heimstatt seiner Freunde. Hölderlin stellt ihm, zunächst allerdings eher vage, eine Hauslehrerstelle in Frankfurt in Aussicht; Einzelheiten müßten allerdings noch geklärt werden, und das letzte, hoffentlich positive Wort sei noch nicht gesprochen. Hegel muß also erst einmal alleine zurechtkommen, und er wird dadurch veranlaßt, in sich hineinzuhorchen –, innezuhalten und das bisher Erreichte, das nicht viel ist, in einer Weise zu deuten, daß sich daraus neue, womöglich sogar richtungsweisende Schlüsse ziehen lassen. Dazu gehört auch der Blick zurück in die eigene Geschichte.

Die Vorfahren der Hegels stammen aus der Steiermark und aus Kärnten. Einer heißt Johannes Hegel, ist Kannengießer und Genußtrinker; er bringt es zum Bürgermeister von Großbottwar, wo heute noch ordentlich Wein getrunken wird. Die Hegels treten als gestandene Leute auf, sie sind Pfarrer, Schreiber und Advokaten. Die Familie ist verzweigt und gediegen, von Genialität keine Spur, zumindest dringt nichts nach außen. Das gilt für Hegels Großvater, der sich als Amtmann in Altensteig im Schwarzwald betätigt, das gilt für seinen Vater Georg Ludwig Hegel, der Rentkammersekretär ist und Ende September 1769 eine junge Frau mit dem richtungsweisenden Namen Maria Magdalena Fromme heiratet.

Als Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 27. August 1770 in Stuttgart geboren wird, setzt er die Familientradition fort: Auch er gibt sich äußerlich bieder, hegt seinen Genius im Verborgenen, ja, er hat große Mühe, ihn überhaupt zu finden. Nachdem er ihn aber gefunden hat, hält er sich mit ihm zur Arbeit an; die große Idee braucht nur einen Wurf, ist seine Überzeugung, sie muß jedoch ständig gehegt und gepflegt werden. Auch im Gedankenreich der Philosophie ist Vertrauen gut und Kontrolle besser. Hegel steigt in der Philosophie vom Außendienstmitarbeiter zum Aufsichtsratsvorsitzenden auf, dabei ändert er an sich nur das Nötigste, das Unabänderliche beläßt er im Zugzwang. Seine Geschichte mutet erst schwäbisch, dann deutsch an; woanders aber hätte sie sich nicht ergeben können. Was Hegel ausbreitet, ist ein Denkexempel, das nichts Geringeres wagt, als die Grenzen unseres armen Kopfes auszuloten. Dahinter, hinter den Grenzen, lauert entweder Gott oder der Wahnsinn oder gar Nichts oder nur die Großausgabe jenes Geistes, dem sich der Philosoph Hegel dienstverpflichtete. Er fing früh damit an, unscheinbar, redlich, nicht dumm; das alte Philosophen-Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ wollte er nicht spielen, alle sollten sehen, was er sah; dafür überging er die Ängste, verschwieg er die Zweifel, nahm er Selbstvergessenheit in Kauf.

Nach allem, was man von ihm zu wissen meint, war er ein fleißiger Schüler, unauffällig, gutwillig, bemüht, er schlug nicht über die Stränge. Etwas Ältliches soll er von Kindesbeinen an gehabt haben, heißt es, eine Verständigkeit, die man, gelegentlich, für überzogen hielt. Hegels Vater scheint seinen Ältesten so gesehen zu haben, wie ihn später die Biographen sahen; der Sohn wird frühzeitig zu einem erst ordentlichen, dann vielversprechenden Mitglied der Gesellschaft ausgebildet, wofür auch Privatlehrer Sorge tragen, die von Zeit zu Zeit mit herangezogen werden. Hegel hatte eine Kindheit, in der es wenig in Frage zu stellen gab. Das kann man positiv sehen; gerade Kinder leiden darunter, wenn sie sich zum Selbstverständlichen, der runden Einheit von Welt und Ich, auf einmal querstellen sollen. Hegels Scheu, gegen die Diktatur der Begriffe anzugehen, zu der er seine Philosophie lebenslang anhält, hat möglicherweise mit der Angst zu tun, aus einem Weltbild zu fallen, das sich in früher Geschlossenheit als vereinnahmend und harmoniefördernd erwiesen hatte; bricht man es auf, machen sich Verzweiflung und Zerrissenheit breit, die er in den Tiefen der Seele vermutet.

In Bern drängt sich Hegel die Erkenntnis auf, daß er zum Typus des Spätberufenen gehört. Der Spätberufene läßt sich mit allem, was er tut, Zeit; seine Langsamkeit scheint System zu haben. Was ein solcher Mensch zustande bringt, ist, wie man glauben möchte, bestenfalls solide, selten jedoch genial. Für die Genialität ist ein anderer Typus zuständig, der des jungen Genies, eines Überfliegers im Geiste, dem ganz einfach zufällt, was anderen, den weniger Bemittelten, sichtlich schwerfällt. Trotzdem sollte man den Spätberufenen, der von seinen Kritikern eher für einen Handwerker denn für einen Künstler gehalten wird, nicht unterschätzen; was er sich durch zähe Arbeit erwirbt, kann sehr wohl großartig sein und letztendlich als reife Leistung durchgehen, die für eine etwas andere Form der Genialität spricht. Während seines Studiums in Tübingen ist Hegel denn auch weniger durch großartige intellektuelle Leistungen aufgefallen, sondern durch Beharrlichkeit und eine gesellige Art, die bei seinen Kommilitonen gut ankam. Er galt als trinkfest, und wenn man etwas an ihm lobte, war es sein hintergründiger Humor.

Einer von Hegels ersten Biographen, der Philosoph Karl Rosenkranz, schreibt 1844:

“Man fand an ihm damals nichts besonders Geistreiches heraus. Seine Jugendbekannten in Schwaben waren erstaunt, als er sie später mit seinem Ruhm überraschte. Das hätten wir, hieß es, vom Hegel nimmer gedacht! – In den ritterlichen Künsten der Akademie blieb Hegel zurück. Er ritt zuweilen. Er trank …, namentlich während des Sommers 1790, wacker mit. Er fing … das Fechten an, gab es aber bald wieder auf. Zu manchen äußerlichen Hemmungen … kam noch eine Vernachlässigung des Anzugs. So sehr er daher auch mit jungen Damen zu verkehren liebte und so gut er bei ihnen seiner Gesinnung und geistigen Munterkeit wegen gelitten war, so wenig glückte es ihm doch bei ihnen … Wenn es anging, suchte Hegel mit den Damen ein Pfänderspiel zu arrangieren, wo ihm denn doch von holdem Munde auch ein Küßchen zu Teil werden mußte. Alle diese Umstände vereinigten sich, ihm eine etwas grämliche, schwerfällige Außenseite zu geben, ihn älter erscheinen zu lassen, als er war. Er bekam daher im Stift den Spitznamen: der alte Mann oder auch schlichtweg: Alter …”

Für die Genialität in Tübingen sorgen Freunde Hegels, der bereits erwähnte Hölderlin etwa und, allen voran, der spätere Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, den man allgemein für ein kaum älter werdendes Wunderkind von nahezu unbegrenzten Talenten hielt. Während einige seiner Studienkollegen bereits auf den Höhen der zeitgenössischen Philosophie wandelten, übte sich Hegel noch in aufmerksamer Zurückhaltung; bei Diskussionen hörte er lieber zu, als selber das Wort zu ergreifen, und er bewunderte die Belesenheit der jeweiligen Meinungsführer.

Nachdem Hegel ein zweijähriges Studium hinter sich gebracht hat, wird er 1790 zum Magister der Philosophie ernannt; drei Jahre später legt er sein theologisches Konsistorialexamen ab, das ihn dazu berechtigt, ein geistliches Amt anzustreben, wovon er jedoch Abstand nimmt. Das Abschlußzeugnis, das man Hegel ausstellt, entspricht zwar im großen und ganzen der listigen Unauffälligkeit, mit der er in Tübingen gewirkt hat, ist jedoch besser, als es Rudolf Haym, ein anderer Biograph Hegels, wahrhaben will, der zu dem Ergebnis kommt: “Seine Lehrer gaben ihm das Zeugnis mit auf den Weg, daß er ein Mensch mit guten Anlagen, aber mäßigem Fleiß und Wissen, ein schlechter Redner und ein Idiot in der Philosophie sei …”

Im Herbst 1793 tritt Hegel die Hauslehrerstelle in Bern an. Er hat keine andere Wahl gehabt und muß nun das Beste aus seiner Situation machen. Hegel gibt sich Mühe: Er ist ein ordentlicher, nur schwer in Begeisterung zu versetzender Lehrer; die Umstände, unter denen er zu arbeiten hat, tun ein Übriges, um seinen inneren Enthusiasmus klein zu halten. Was ihm stille Freude bereitet, sind nicht seine Schüler, die beiden braven Steiger-Söhne, sondern die üppig ausgestattete Bibliothek des Hausherrn, in der er, wenn es die Dienstzeiten gestatten, auch seinen privaten Studien nachgehen darf. So wird Hegel zu einem Leser, der sich, eher unsystematisch, ein Wissen anliest, aus dem er mehr machen will, als es das Hauslehrer-Dasein erlaubt. Ende August 1795 schreibt Hegel an Schelling:

“Ich bin nur ein Lehrling … Von meinen Arbeiten ist nicht der Mühe wert zu reden; vielleicht schicke ich Dir in einiger Zeit den Plan von etwas zu, das ich auszuarbeiten gedenke … Lebe wohl, antworte mir bald! Du kannst nicht glauben, wie wohl es mir tut, in meiner Einsamkeit von Dir und meinen andern Freunden von Zeit zu Zeit etwas zu hören.”

Die Einsamkeit des Lehrlings auf dem Wege zur Philosophie: Hegel hat seine Gründe, ein solches Bild für sich in Anspruch zu nehmen. Zum einen ist er ja, was sich auch gar nicht leugnen läßt, tatsächlich isoliert, abgeschnitten von den Diskussionszentren, die er kennt, und angewiesen auf einen regen brieflichen Gedankenaustausch; zum andern darf er sich, gemessen an den Fortschritten seiner ehemaligen Kommilitonen, über die man schöne Gerüchte in Umlauf hält, getrost wie ein Anfänger im Geiste vorkommen, dessen tastende Versuche zwar löblich sein mögen, zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht erwähnenswert sind.

Im Sommer 1796 unternimmt Hegel mit drei anderen, aus Sachsen stammenden Hauslehrern eine vierzehntägige Wanderung durch die Berner Ostalpen. Für seine Begleiter gilt dieser Marsch durch eine eindrucksvolle Landschaft als Urlaub; Hegel indes muß sich förmlich zwingen, an der Wanderung teilzunehmen. Er hat zur Natur keine Beziehung; der Naturschwärmerei, die in jenen Tagen immer mehr in Mode kommt, kann er nicht viel abgewinnen. Dennoch führt er ein Reisetagebuch, das seine Eindrücke festhält. Hegel, der, würde er heute noch leben, sicher kein Mitglied der Grünen geworden wäre, gibt sich Mühe, in Begeisterung zu geraten, aber es will nicht recht gelingen. Er ahnt noch nicht, daß die widerstreitenden Überlegungen, die in ihm kreisen, bereits einen stillen Erkenntnisprozeß in Gang gesetzt haben, aus dem ihm dann, eher beiläufig, eine Einsicht zufällt, die so zwingend wird, daß sie sich zur treibenden Kraft für sein Philosophieren aufwerfen kann. Die Wanderung der vier jungen Männer führt zunächst vom Thuner See aus in Richtung Grindelwald. Hegel befindet sich nun im Gebirge; er notiert unter dem Datum des 25. Juli:

“Von hier hat die Natur für einen Bewohner ebener Gegenden ein völlig verändertes Ansehen. Er befindet sich immer zwischen hohen, zum Teil grünen Bergen, und in der Ferne zeigen sich ihm die Spitzen von Schneebergen. Die Täler sind ganz eng, hier aus fetten Wiesen bestehend, die mit unzähligen Obst-, besonders Nuß- und Kirschbäumen besät sind und immer einen erfrischenden, anmutigen, ländlichen Anblick darbieten. Aber die Enge der Täler, wo ihm durch die Berge alle ferne Aussicht benommen wird, hat etwas Einengendes, Beängstigendes für ihn. Er sehnt sich immer nach Erweiterung, nach Ausdehnung, und sein Blick stößt immer an Felsen an.”

Auch die Gletscher vermögen Hegel nicht zu beeindrucken:

“Wir sahen … diese Gletscher nur in der Entfernung von einer halben Stunde, und ihr Anblick bietet weiter nichts Interessantes dar. Man kann es nur eine neue Art von Sehen nennen, die aber dem Geist schlechterdings keine weitere Beschäftigung gibt, als daß ihm etwa auffällt, sich in der stärksten Hitze des Sommers so nahe bei Eismassen zu befinden, die selbst in einer Tiefe, wo sie Kirschen, Nüsse und Korn zur Reife bringt, von ihr nur unbeträchtlich geschmelzt werden können. Nach unten ist das Eis sehr schmutzig und zum Teil ganz mit Kot überzogen, und wer eine breite, bergab gehende, kotige Straße, in der der Schnee angefangen hat, zu schmelzen, gesehen hat, kann sich von der Ansicht des unteren Teils der Gletscher … einen ziemlichen Begriff machen und zugleich gestehen, daß dieser Anblick weder etwas Großes noch Liebliches hat …”

Hegel hat, ohne dies zum jetzigen Zeitpunkt näher ausführen zu können, den Geist als seinen Schlüsselbegriff gewählt. Der Geist braucht Arbeit, er ist ständig in Bewegung, will diese Beweglichkeit am Anschauungsmaterial umsetzen, das sich ihm gegenüberstellt. Dafür aber taugt die Bergwelt ganz und gar nicht: Die Berge stehen da in ihrer steinernen Massigkeit, sie verdecken den Himmel, auch den Himmel des Geistes, der sich erst, wenn man ihm auf die Sprünge hilft, ins Unendliche ausspannt. Dem Wanderer Hegel dämmert die Einsicht, daß er den Geist, will er ihm Lebendigkeit und Gestaltungskraft belassen, aus den Naturgegebenheiten heraushalten muß. Geist und Natur nämlich, als elementare Bestandteile der Schöpfung, passen im Menschen, der ja selbst eine Art Zwitterwesen ist, das seine Kreatürlichkeit mit dem ihm zugewachsenen Denkvermögen in Einklang zu bringen hat, nicht recht zusammen; er sieht sich veranlaßt, in seiner Selbstbestimmung entweder das eine oder das andere Element stärker zu berücksichtigen. Hegel entscheidet sich für den Geist und gegen die Natur; diese Entscheidung fällt früh, und sie entspricht seinem persönlichen Naturell. Die Wirklichkeit sprengt die ihr zugemuteten Begriffe; sie läßt sich zwar verstehen, aber nicht bändigen. Bei genauerem Hinsehen erweist sich jeder Begriff als zu klein für das, was er fassen soll – immer überwiegt das Wirkliche, das Objektive. Hegel jedoch ist nicht bereit, einen solchen Schluß zu ziehen. Er hat sich, und dies scheint unverrückbar zu sein, auf die Seite des Geistes geschlagen: Die Natur, so wird er später dekretieren, ist für den Geist nur ein Durchgangsstadium; in ihr ist er außer sich und muß zu sich selbst zurückfinden.

Als die Wanderung endet, ist Hegel froh. Die ausgedehnte Bergtour hat ihm neben vielen Blasen an den Füßen vor allem eine Erkenntnis gebracht: Er ist kein Naturfreund und für die Berge nicht geschaffen. Das wußte er allerdings schon vorher; was er noch nicht wußte und nun weiß, ist, daß der von ihm so geschätzte Geist eine Freiheit braucht, die ihn über die Berge und alle sonstigen Hindernisse hinwegfliegen läßt. Ja, der Geist ist selbst diese Freiheit, er braucht Beschäftigung und Bewegung, die er an den Gebirgswänden nicht findet. Der Bergwanderer Hegel hat die Botschaft der Berge verstanden, sie bedarf der unnachgiebigen Widerlegung. Wenn das Überflugsrecht nicht gewährt wird, muß man es sich nehmen:

“Weder das Auge noch die Einbildungskraft finden auf diesen formlosen Massen irgendeinen Punkt, auf dem jenes mit Wohlgefallen ruhen, oder wo diese Beschäftigung oder ein Spiel finden könnte. Der Mineraloge allein findet Stoff, über die Revolution dieser Gebirge unzureichende Mutmaßungen zu wagen. Die Vernunft findet in dem Gedanken der Dauer dieser Berge oder in der Art von Erhabenheit, die man ihnen zuschreibt, nichts, das ihr imponiert, das ihr Staunen und Bewunderung abnötigte. Der Anblick dieser ewig toten Massen gab mir nichts als die einförmige und … langweilige Vorstellung: es ist so.”

Dieses Es ist so wird zu einem sowohl negativ wie positiv besetzten Satz der Hegelschen Philosophie. Es ist so: Das hat die Philosophie zu erkennen, der der alte Hegel keine Höhenflüge mehr zutrauen will. Es ist so: Das kann und darf der Philosophie nicht genügen, sofern sie sich an den lebendigen Geist hält, der vom Himmel herabkommt, sich in der öden und sperrigen Natur nicht zurecht findet, weshalb er sie eilig zurückläßt und erst im Denken, endgültig, zu sich selbst kommt.

Als Hegel sich dann später endgültig in der Philosophie eingehaust hat, mutet er ihr viel, ja er mutet ihr alles zu. Er dehnt ihren Erkenntnisanspruch auf einen Bereich aus, in dem sein berühmter Vorgänger Kant noch Zurückhaltung anempfohlen hatte: auf die Wirklichkeit, wie sie ist, wenn sie nicht durch das Denken betrachtet wird. Hegel wagt den Umkehrschluß: Die Wirklichkeit ist das Denken, zumindest macht das Denken ihr Wesentliches aus. Ohne das Denken ist die Wirklichkeit zwar vorhanden, aber sie wird nicht gewußt und zählt eigentlich nicht. Erst die vom Geist durchdrungene Wirklichkeit ist wahre und vernünftige Wirklichkeit. Bevor Hegel zu dem wurde, der er ist, hat er sich in einer Zwangsverschickung selbst finden müssen. Das geschah in den Berner Alpen, als er das massive Ungenügen “toter Gebirgsmassen” entdeckte und sich stattdessen lieber an den Geist hielt.

Hegel hat seiner Eigenzeit des Werdens und Reifens ein treues Andenken bewahrt; im Rückblick erschien sie ihm wie ein Gleichnis für die abgründige, aus der Nacht aufsteigende Selbstfindung, die jeder Mensch, ob er sich Philosoph nennen darf oder nicht, am eigenen Leibe zu durchstehen hat. An seinen Kollegen Windischmann schreibt er:

“Halten Sie sich für überzeugt, daß an Ihrem Gemütszustand … jene Arbeit teil hat, dieses Hinabsteigen in dunkle Regionen, wo sich nichts fest, bestimmt und sicher zeigt, … wo jeder Beginn eines Pfades wieder abbricht und ins Unbestimmbare ausläuft … Ich kenne aus eigner Erfahrung diese Stimmung des Gemüts oder vielmehr der Vernunft, wenn sie sich einmal mit Interesse und ihren Ahnungen in ein Chaos der Erscheinungen hineingemacht hat und wenn sie, des Ziels innerlich gewiß, noch nicht hindurch, noch nicht zur Klarheit und Detaillierung des Ganzen gekommen ist. Ich habe an dieser Hypochondrie ein paar Jahre bis zur Entkräftung gelitten; jeder Mensch hat wohl überhaupt einen solchen Wendungspunkt im Leben, den nächtlichen Punkt der Kontraktion seines Wesens, durch dessen Enge er hindurchgezwängt und zur Sicherheit seiner selbst befestigt und vergewissert wird.”

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erstellt am 04.8.2020
aktualisiert am 05.8.2020

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)
Bild: Fotografie eines gemalten Porträts (Maler: Ernst Hader, Fotograf: Sophus Williams). United States Library of Congress's Prints and Photographs division. Gemeinfrei (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12378026)