Mit Neid blicken die Künstler in den Nachbarländern Deutschlands auf die Hilfsprogramme, mit denen ihren Kolleginnen und Kollegen in der Not beigestanden wird, die die Covid-19-Krise ausgelöst hat. Da die Kultur bei uns Ländersache ist und jedes Bundesland seine Förderung unterschiedlich gestaltet, ergeben sich, näher besehen, Leerstellen. Die Frankfurter Künstlerin Line Krom hat die Situation in Berlin und in Hessen verglichen.

Förderprogramme

Künstler*innen in Coronazeiten

Berlin oder Hessen, wo sind Künstler*innen in Coronazeiten finanziell besser dran?

Von Line Krom

Als bildende Künstlerin mit Wohnsitz in der Banken-Metropole Frankfurt interessiert mich die Auswirkung von ökonomischen Konzepten auf Ästhetik und Geschmacksurteile schon lange. Für das Online-Feuilleton Faust Kultur, das seine Leser*innen in Berlin und Hessen weiß, wage ich einen Vergleich der Corona-Künstlerförderung aus der Perspektive einer bildenden Künstlerin.

Kulturpolitik ist Ländersache – zum Leidwesen der Kunstschaffenden, denn der Wohnsitz entscheidet über den Zugang zu öffentlichen Geldern. Den meisten Künstler*innen war diese Problematik schon vor Corona klar, doch die neue Krise verschärft die ungleichen Existenzbedingungen der Kreativen. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie haben die einzelnen Bundesländer mit verschiedenen Strategien versucht auf die Bedürfnisse ihrer Künstler*innen zu antworten. Es zeigt sich deutlich, dass die kreative Existenz unterschiedlich definiert wird.

Coronahilfe ist Wirtschaftshilfe

Ganz allgemein zielten die Coronahilfsmaßnahmen auf Wirtschaftsförderung während und unmittelbar nach dem Lockdown ab. Ziel der Soforthilfen war es, Wirtschaftsakteure durch Bezuschussung der Betriebskosten zu unterstützen. Eine Pauschale in Abhängigkeit zur Unternehmensgröße konnte von den verschiedenen Wirtschaftsakteuren abgerufen werden. Diese vom Bund finanzierte Soforthilfe umfasste keine Lebenshaltungskosten oder gar ein Äquivalent zu Lohnfortzahlungen, also dem Unternehmer*innenlohn, sondern ausschließlich Betriebskosten. Einige Bundesländer wählten hier einen eigenen Weg und ergänzten die Soforthilfen um die Lebenshaltungskosten bzw. den Unternehmer*innenlohn. Die Berliner Soforthilfe konnte von Solo- und Kleinstselbstständigen auch für die Sicherung der persönlichen Existenzsicherung sowie der Deckung privater Lebenshaltungskosten genutzt werden. Im Gegensatz zur Bundeshilfe, die nur für betriebswirtschaftliche Ausgaben genutzt werden konnte. Das wirtschaftspolitische Ziel im Stadtstaat Berlin war eine möglichst schnelle und unbürokratische Hilfe. Keine Extra-Würste, ohne Auswahlverfahren und Juryentscheidungen, die die Auszahlung unnötig in die Länge gezogen hätten, teilt mir Daniel Bartsch, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Kultur und Europa mit.

„Das Programm Soforthilfe II hat einen Zuschuss für Soloselbstständige, Freiberufler*innen und Unternehmen aller Branchen bis 5 bzw. 10 Beschäftigte mit Wohnsitz bzw. Betriebsstätte in Berlin ermöglicht. Im Rahmen der Soforthilfe II konnten Soloselbständige, Freiberufler*innen und Unternehmen bis 5 Beschäftigte bis zu 9.000 Euro (…) beantragen. Zwischen dem 27. März 2020 und 01. April 2020 konnten zudem 5.000 Euro aus Landesmitteln zur Deckung von Einnahmeausfällen beantragt werden.“ (Kultur trotz(t) Corona. Kulturpolitik des Landes Berlin. Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Version 1.0 | Stand 05.06.20)
Es handelt sich um Förderung, die, sofern sie den Förderrichtlinien entspricht, nicht zurückgezahlt werden muss.

Doch die Realität ist komplexer als Förderprogramme gestrickt sind. Aus diesem Grund ist die Erfolgsgeschichte der verschiedenen Phasen der Soforthilfe-Programme auch in Berlin zwiespältig. Beispielsweise wurden auf Bundesebene nur ein Bruchteil der Soforthilfen in Anspruch genommen: „Von 50 bewilligten Milliarden wurden bis zum Stichtag, dem 30. Juni 2020, nur 13,5 Milliarden Euro zur Auszahlung bewilligt.“ (Quelle: n-tv, 14.7.2020) Da die Soforthilfe-Programme in unterschiedlichen Phasen entwickelt wurden, war auch bei den Berliner Antragsteller*innen die Verunsicherung groß. Aus diesem Grund haben bereits Anfang Juni über 10.000 Antragsteller*innen mehr als 72 Millionen Euro zurückerstattet“, berichtet die TAZ.

Coronahilfe in Hessen

In Hessen war die Soforthilfe ausschließlich für Betriebskosten konzipiert. Da viele bildende Künstler*innen ohnehin nur geringe Ausgaben haben, lohnte sich ein Antrag in der Regel nicht. Während Künstler*innen in Berlin weiter ihrem autonomen Künstlerleben nachgehen konnten, bedeutete dies für kreative Hess*innen, den Gang zum Jobcenter und der damit verbundenen Verpflichtung dem Arbeitsmarkt aktiv zur Verfügung zu stehen, d. h. nicht mehr Künstler*in, sondern Arbeitssuchende zu sein. Eine bittere Kröte, die man trotz prekärer Existenz nur in Ausnahmefällen schlucken möchte. Darüber hinaus ist jede Künstlerexistenz individuell eingerichtet, so stand beispielsweise Wohneigentum, eine private Altersabsicherung, die Fortsetzung einiger weniger Honorartätigkeiten, ein studierendes Kind im eigenen Haushalt usw. dem Zugang zur vereinfachten Grundsicherung in der Alltagspraxis im Wege.

Die hessische Landesregierung entschloss sich, parallel zum Zugang zur vereinfachten Grundsicherung ein Programm zu entwickeln, das sowohl die Corona-Krise im Blick hat, aber auch den Weg in das „Neue Normal“ für Kunstschaffende und Kulturinstitutionen eruieren soll. „Hessen kulturell neu eröffnen“ ist in 3 Phasen gegliedert: „sofort helfen“ für Veranstalter, „Übergang meistern“, das bildende Künstler*innen direkt mit einem Arbeitsstipendium adressiert und „innovativ neu eröffnen“, ein Projektstipendium für Künstler*innen.

Vorstellung der neuen Arbeitstipendien durch die hessische Kulturministerin
Vorstellung der Arbeitsstipendien

Seit 1. Juni können Künstler*innen mit Wohnsitz in Hessen einmalig 2.000 € beantragen. Zugegeben keine Summe, mit der man unternehmerisch große Sprünge machen kann, aber das Bewerbungsverfahren für das sogenannte Arbeitsstipendium ist im Vergleich zu konventionellen Stipendienbewerbungen stark vereinfacht. Eine kurze Beschreibung der eigenen künstlerischen Arbeit von circa 300 Wörtern, Meldebescheinigung/Pass über den Wohnsitz in Hessen und ein Nachweis über die Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse müssen für den Antrag eingereicht werden. Das war’s.

Überzeugend gelungen ist an diesem Vergabeverfahren, dass es im Unterschied zu sonst üblichen Verfahren eher administrativ verwaltet wird, also nicht juriert und auf künstlerische Exzellenz ausgelegt wird.

Die Künstlersozialkassen-Mitgliedschaft (KSK) als K.O.-Kriterium ist dagegen weit weniger gelungen, denn ein Großteil der professionell arbeitenden Kunstschaffenden wird durch dieses Kriterium ausgeschlossen. Administrativ erleichtert die Orientierung an der in der KSK gemeldeten Kreativen natürlich die Budgetierung des Volumens für das Arbeitsstipendium. Darüber hinaus ist der Kontrolle der wirtschaftlichen Produktivität mit diesem Verfahren auch genüge getan. Denn in die KSK kommt nur, wer als Kunstschaffende*r mindestens 3.900 Euro pro Jahr mit seiner Kunst erwirtschaftet. Allerdings sind die Aufnahmekriterien in die KSK seit langem Zündstoff: Zahlreiche professionelle Kunstschaffende sind trotz der vielen Vorteile nicht Mitglieder der KSK bzw. haben von vornherein keine Zugangsmöglichkeit. Während Schauspieler*innen nicht Mitglied werden können, hat die KSK mit Theaterpädagogen*innen kein Problem; bildende Künstler*innen können Mitglied werden, aber keine Kunstpädagogen*innen. Viele Kriterien entsprechen somit nicht den realen, wirtschaftlichen Existenzbedingungen der kreativen Szene.

Dennoch lässt sich festhalten, auch wenn sich zahlreiche Künstler*innen nicht auf das Arbeitsstipendium bewerben können, so ist es doch prinzipiell nicht schlecht gestaltet, denn man kann sich mit einem Projekt bewerben, an dem man ohnehin arbeitet. Die Bewertung durch eine Jury entfällt, die Förderung wird laut Angaben des Ministeriums nicht mit der Grundsicherung verrechnet und Kostenplanung oder Einnahmeausfälle müssen nicht dargestellt werden – somit ist der Aufwand für die Bewerbung gering. Also los, Hessen*innen, bewerbt euch! Bewerben kann man sich noch bis zum 15. September.

Des Weiteren gibt es in Hessen ein sogenanntes „Projektstipendium“. Mit insgesamt 9,5 Millionen Euro werden bildende Künstler*innen, Künstler*innen-Gruppen und Kultur-Start-ups gefördert. Zwischen dem 10. und 23. August können sich Einzelkünstler*innen um eine Projektförderung in Höhe von 5.000 Euro bewerben. 1.000 Stipendien werden ausgeschrieben. Auch hier gilt wieder der Erstwohnsitz in Hessen, aber eine KSK-Mitgliedschaft ist diesmal nicht Voraussetzung. Der Erhalt eines Arbeitsstipendiums schließt eine Bewerbung für ein Projektstipendium nicht aus. Lebenslauf und eine knappe Projektbeschreibung sind für die Bewerbung notwendig. Alle künstlerischen Sparten sind zugelassen. Das Projekt sollte sich mit den veränderten Bedingungen und Erfahrungen von Kunstschaffenden in der Corona- und Post-Corona-Zeit auseinandersetzen. Eine Fachjury wählt die Künstler*innen bzw. Projekte aus.

Keine spezielle Corona-Künstler*innen-Hilfe in Berlin?

Etwas verwundert darüber, dass die Kulturhauptstadt Berlin über keine derartigen Impulse verfügt, frage ich bei Daniel Bartsch, dem Pressesprecher der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa nach. Eine spezielle Künstler*innenförderung sei schon auf dem Weg, bald werden die Details zum Bewerbungsverfahren bekannt gegeben. Vorher möchte man sich noch mit den künstlerischen Interessenverbänden absprechen, um die Kriterien für die Zielgruppe zu optimieren. Denn möglichst viele sollen die Gelder ja auch tatsächlich abrufen. Was bereits bekannt ist: Es geht um 18 Millionen Euro, die in Form von 2.000 Stipendien à 9.000 Euro für die Zielgruppe der Künstler*innen und Kurator*innen vorgesehen sind. Des Weiteren ist ein Volumen von 7 Millionen Euro für künstlerische Projekte im Stadtraum bereitgestellt.

Bei der Vorstellung, eines der Künstlerstipendien von 9.000 Euro ergattern zu können, bildet sich in meinem Hals unweigerlich ein Kloß. Ich denke an das vom Bund Bildender Künstler (BBK) ermittelte Jahres-Durchschnittseinkommen einer bildenden Künstlerin: 8.400 Euro. Das Berliner Künstler*innen-Stipendium ist für 6 Monate gerechnet und orientiert sich an einer wirtschaftlich realistischen Kalkulation. Aber die 9.000 Euro sind nicht für mich, keine Chance, da ich ja in Frankfurt wohne. Ich beginne zu träumen: Künstler*innen in Berlin leben auf der Insel der Seligen …

Kulturschaffende sind noch häufig von Veranstaltungsabsagen betroffen (Screenshot)

Aber ich weiß, dass solche Phantasien mehr Fata Morgana als Realität sind, daher frage ich bei Kerstin Wiehe nach, die sich als Kulturmanagerin und eine der Sprecher*innen der „Koalition der Freien Szene Berlin“ vor Ort gut auskennt. Ich möchte wissen, wie die geplante Corona-Künstlerförderung in Berlin interpretiert wird. Kerstin Wiehe lacht bei meiner Formulierung. Ja, einerseits seien solch unternehmerisch realistisch orientierten Summen ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings sehen die Interessenverbände das Problem der Gerechtigkeit. Daher wünscht sie sich eine geringere Förderhöhe, im Gegenzug dafür aber eine größere Anzahl an Stipendien. Mit der Soforthilfe wurden nicht genügend Künstler*innen erreicht – die Hürde der Kriterien ist zu groß, besonders für neu zugezogene und nicht so bürokratisch erfahrene Künstler*innen. Daher fordert Kerstin Wiehe in den Vergabekriterien einen festgelegten Anteil für Kunstschaffende, die bislang noch keinerlei Corona-Förderung erhalten haben. Ein anderer wichtiger Kritikpunkt sind die Sparten im Allgemeinen, denn viele der Kunstschaffenden arbeiten interdisziplinär und können sich daher oftmals nicht bewerben.

Zwei Bundesländer, zwei Strategien der Corona-Künstlerförderung

Was lerne ich aus meinem Vergleich? Zum einen lassen sich die beiden Programme nicht gut miteinander vergleichen, sie sind zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden und verfolgen daher zunächst einmal unterschiedliche Strategien.

Soforthilfe, die bildende Künstler*innen als wirtschaftliche Akteure interpretiert, ist schwierig, aber ein Bonbon für diejenigen, die marktorientiertes Handeln als Prämisse haben.

Um nochmal die unter ökonomischen Faktoren betrachtete traurige Studie des BBK von 2018 zu bemühen: Nicht einmal die Hälfte der bildenden Künstler*innen arbeitet kostendeckend. Gut leben von ihrer Kunst können gerade einmal 4% aller befragten Künstler*innen (BBK Mitteilungen 2/2018).

Komplizierte Auswahlverfahren in Krisenzeiten sind tabu, das haben beide Landesregierungen erkannt und versucht zu lösen. Das Arbeitsstipendium in Hessen ist .zwar für professionell arbeitende Künstler*innen nicht besonders hoch dotiert, glänzt aber durch sein unkompliziertes Antragsverfahren. KSK-Mitgliedschaft als K.O.-Kriterium ist ein No-Go, zumal das Problem existiert, dass zahlreiche der professionell arbeitenden Kunstschaffenden nicht Mitglieder sind. Wenn es um unkomplizierte Hilfe in der Krise gehen soll, haben das andere Bundesländer, wie beispielsweise Rheinland-Pfalz, sinnvoller gelöst. Hier kann künstlerische Professionalität durch Ausstellungstätigkeit oder einen Hochschulabschluss in dem entsprechenden Bereich nachgewiesen werden.

Die Projektstipendien als ein reflexives Verfahren der einzigartigen durchlebten Zeit und als aktivierendes Instrument für Folgeimpulse ergeben Sinn. Bedauerlich ist natürlich, dass das hessische Stipendium die künstlerische Leistung im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbranchen gering vergütet. Positiv ist das vereinfachte Antragsverfahren; was die Jury daraus macht, bleibt abzuwarten. Wie sich die Lage in Berlin im Hinblick auf die Forderungen der Koalition der Freien Szene entwickelt, bleibt abzuwarten.

Bedauerlich im Hinblick auf die Corona-Künstlerförderung ist die verpasste Chance auf Nachhaltigkeit künstlerischer Tätigkeit im Allgemeinen – aber man kann von Krisenförderung wohl auch kaum erwarten, dass sie das löst, was jahrzehntelang verpasst wurde.

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erstellt am 04.8.2020
aktualisiert am 05.8.2020

Über die Autorin

Line Krom ist bildende Künstlerin. Sie studierte Kunst- und Kulturwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt, Bildende Kunst am Wimbledon College of Art in London und der Universität der Künste in Berlin. Sie absolvierte eine Weiterbildung im Bereich Kulturmanagement.
Krom war mehrfach Residenzkünstlerin und zeigte Arbeiten in zahlreichen nationalen und internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen. Sie arbeitet als freie Kuratorin und seit 2014 als Dozentin im Bereich Kunstvermittlung, Kulturelle Bildung und Kulturmanagement an verschiedenen Universitäten.

www.linekrom.com