Wer behindert ist, kann vielfach nicht am normalen Leben teilnehmen. Aber weil der Mensch ein Mensch ist, finden Bedürfnisse, Teilnahme und Teilhabe statt. In Susanne Konrads Buch „Walzer mit Mr. Spock“ verlieben sich junge Frauen in Menschen mit Handicap. Brigitte Bee empfiehlt das Buch.

Buchkritik

»Walzer mit Mr. Spock«

Von Brigitte Bee

Susanne Konrad (Foto: Michael Kleinespel)
Susanne Konrad (Foto: M. Kleinespel)

Seid realistisch, verlangt das Unmögliche! So könnte der Untertitel dieses Buches von Susanne Konrad lauten. Ist es denn ganz unmöglich, von einem anderen Planeten zu sein und doch gesellschaftlich anerkannt und integriert zu leben? Der Science-Fiction-Held Mr. Spock hat das geschafft.

Susanne Konrad erzählt Liebesgeschichten, die aufrütteln und das Nach-Denken besonders spannend machen. Sie schreibt, was üblicherweise verschwiegen wird. Ihre sachte daherkommenden Geschichten sind mit explosivem Material bestückt. Es geht um Liebesbeziehungen zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen. Aber es geht nicht nur um Liebe, sondern um Verletzbarkeit, Scham, Egoismus, um Menschenwürde, um Rechte und die Hoffnung auf soziale Inklusion, Hier werden Grenzen aufgezeigt und neu ausgelotet.

Junge Frauen verlieben sich: in ihren Psychiater, in einen Obdachlosen, in einen schwerstbehinderten jungen Mann. Unsicherheit bei allen Beteiligten wird ebenso spürbar wie die Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit, sexueller Erfüllung. Sie sind auf der Suche nach Vorbildern für ein richtiges Handeln. Modelle werden erprobt, wie solche Beziehungskonstellationen trotz allem gelingen könnten. Das mögliche Scheitern wird in Kauf genommen.

Verortet sind diese Geschichten im Frankfurt der 70er und 80er Jahre. „Der Muff von tausend Jahren“, die bürgerlichen „spießigen“ Verhaltensformen kamen da auf den Prüfstand. Es war die Zeit der Antipsychiatriebewegung, der antiautoritären Erziehung, der sexuellen Liberalisierung, des Einreißens der Klassenschranken.

Susanne Konrad legt den Finger in die Wunden. Denn Vieles liegt noch immer im Argen. Hier wird all dies nicht plakativ, nicht polemisch proklamiert, sondern in Einzelschicksalen erlebbar gemacht.

Die Protagonisten sind sich ihrer Rechte oft ebenso unsicher wie ihrer Gefühle, Wünsche und Fähigkeiten und doch entstehen auf vorsichtige Weise alternative Lebensmodelle, deren Chancen auf gesellschaftliche Akzeptanz nicht sehr groß sind. Das unmöglich Erscheinende wird möglich. Der Walzer mit Mr. Spock gelingt. Alle Geschichten haben ein vorläufiges Happy-End.

Brigitte Bee ist Autorin, Diplompädagogin und Dozentin für kreatives Schreiben. Bis 2012 in Frankfurt/M., nun in Bad Orb. Seit 1982 schreibt sie vorwiegend Lyrik, aber auch Prosa und veröffentlicht in Zeitschriften, Anthologien, im Hörfunk, bei Bühnen- und Videoperformances sowie in Büchern, u. a. bei Araki Verlag, Cocon Verlag.

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Kommentare


cartoonjami - ( 04-08-2020 05:00:26 )
Gute Buchbesprechung. Lob für seltene Themen abseits des Mainstreams. Es lautet: nicht plakativ, nicht polemisch, mich hätte noch interessiert, wie es sprachlich gelöst wurde.

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erstellt am 02.8.2020
aktualisiert am 02.8.2020

Buchcover Susanne Conrad: Walzer mit Mr. Spock (Coverfoto: Gabriele Cuscino)

Susanne Konrad
Walzer mit Mr. Spock
Taschenbuch, 152 Seiten
ISBN: 978-3-946112-53-2
Edition Federleicht, Frankfurt 2020

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