Wer waren Rose Schlösinger und Johanna Kirchner? Zwei Frauen aus Frankfurt, die unter Einsatz ihres Lebens Widerstand gegen den Faschismus leisteten und, wie andere Gleichgesinnte, in der ersten Hälfte der 1940er Jahre in Berlin-Plötzensee ermordet wurden. Elisabeth Abendroth erinnert – anlässlich der traditionellen Frankfurter Gedenkfeier zum Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 – an das Leben und Sterben der mutigen Frauen.

Erinnerung an zwei Frankfurter Widerstandskämpferinnen

»Werdet glücklich und seid tapfer«

Nur etwa hundert Zuhörer_innen konnten am 20. Juli 2020 an der traditonellen Frankfurter Feierstunde im Gedenken an das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 teilnehmen. Die Corona-Auflagen mussten auch hier selbstverständlich eingehalten werden. Kein „runder“ Jahrestag. Die Medienaufmerksamkeit hielt sich in Grenzen. Schade, dass das Interesse am Widerstand gegen Hitler nachlässt – in einer Gegenwart, in der Faschisten Demokrat_innen massiv bedrohen, rassistische, antisemitische, antikommunistische Attentate verüben, morden. In einer Gegenwart, in der der begründete Verdacht besteht, dass faschistische Kontakte bis in den Verfassungsschutz und in die hessische Polizei hineinreichen. Gerade in dieser Gegenwart ist es notwendig, an die zu Wenigen zu erinnern, die Hitler und den Nazis Widerstand entgegengesetzt haben. Wenn es überhaupt Vorbilder für ein demokratisches Deutschland gibt, dann die Frauen und Männer des antifaschistischen Widerstands.

Deshalb war es sehr angemessen, dass Stadtrat Jan Schneider in seiner Ansprache vor allem an Frankfurterinnen und Frankfurter erinnerte, die unter Gefahr für ihr eigenes Leben den Kampf gegen Hitler gewagt haben. Ganz besonders an Frauen aus Frankfurt, an die in den vergangenen Jahren in der Paulskirche niemand mehr erinnert hatte. Die Schauspielerin und wunderbare Vorleserin Ursula Illert las Texte von und über zwei Frankfurterinnen, die – im Gegensatz zu den meisten Protagonist_innen des 20. Juli 1944 – schon von Anbeginn an gegen Hitler gekämpft hatten. Zwei Frauen, die schon vor dem 20. Juli 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden sind. Zwei Frauen, an die in Frankfurt heute Straßennamen erinnern: Rose Schlösinger und Johanna Kirchner.

Im Frankfurter Nordend, am Haus der Münzenberger Straße 4 können aufmerksame Passanten im Vorbeigehen das Bronzerelief einer jungen Frau wahrnehmen, ein schmales Gesicht mit großen, wachen Augen. „Rose Schlösinger, geborene Ennenbach“, steht da. „Geboren 5. Oktober 1907 in Frankfurt am Main. Gestorben 5. Oktober 1943 in Berlin-Plötzensee.“ Wer war diese junge Frau, die so früh sterben musste?

Gedenktafel für Rose Schlösinger (1907-1943)

Rose Schlösinger war eine emanzipierte, sozial engagierte Frau, Tochter einer emanzipierten, sozial engagierten Mutter: Sophie Ennenbach, linke Sozialdemokratin, hatte schon 1911 den ersten internationalen Frauentag in Frankfurt organisiert, 1914 ließ sie sich von ihrem Mann scheiden. Die kleine Rose wuchs bei ihrer Mutter auf – und erlebte mit, wie diese nach der Trennung ihrer Eltern nach dem Ersten Weltkrieg die städtische Arbeitsvermittlungsstelle für Frauen aufbaute und zeitweise der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung angehörte. Nach der Mittleren Reife absolvierte Rose das Kindergärtnerinnenseminar in Gießen und arbeitete dann als Kindergärtnerin in Unterfranken. 1929 entschloss sie sich zum Studium an der gerade neu eingerichteten Frankfurter Wohlfahrtsschule. Ihr Praktikum als Sozialarbeiterin begann sie im Frankfurter Nordend, wo sie nun auch wieder wohnte, zusammen mit ihrer Mutter und ihrer 1932 geborenen Tochter Marianne, die einer kurzen Studentenehe entstammte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor Sophie Ennenbach 1933 wegen ihrer politischen Haltung ihre Stelle. Rose erhielt kurz darauf ebenfalls Arbeitsverbot. Um für den Unterhalt der Familie sorgen zu können, zog sie 1934 nach Chemnitz, wo sie keiner kannte. Sie bekam dort eine Stelle als Schreibkraft bei den Wandererwerken. Rose litt sehr unter dem erzwungenen Abschied vom geliebten Frankfurt, der sie zu der kleinen Erzählung anregte: „Die Schöne und die Häßliche“. „Die Schöne“ ist Frankfurt, „die Häßliche“ Chemnitz.

Rose und Bodo Schlösinger (Foto: Marianne Sideri-Heinemann)
Rose und Bodo Schlösinger

Im Juni 1939 heiratete Rose ihren Vetter Bodo Schlösinger, den sie sehr liebte und dem sie bald darauf nach Berlin folgte. Als Übersetzer für Englisch und Russisch wurde Bodo Schlösinger mit Kriegsbeginn beim Auswärtigen Amt eingesetzt, während seine Frau als Chefsekretärin in der Berliner Wandererzentrale arbeitete. Über Mildred Harnack, eine Englischdozentin von Bodo Schlösinger am Abendgymnasium, kamen die beiden in Kontakt zum Freundeskreis um Mildred und ihren Mann, den Ökonomen Arvid Harnack und Libertas Schulze-Boysen und deren Mann Harro, einen Luftwaffenoffizier. Rose und Bodo Schlösinger gehörten bald zum widerständigen Freundeskreis der vier.

Wie übrigens auch die Künstlerin Elisabeth Schumacher aus der Frankfurter jüdischen Familie Hohenemser und der Schriftsteller und Regisseur Adam Kuckhoff, der von 1917 bis 1920 am Frankfurter Neuen Theater als Dramaturg und von 1920 bis 1923 als Intendant des Frankfurter Künstlertheaters für Rhein und Main gearbeitet hatte. Auch Elisabeth Schumacher und Adam Kuckhoff sind in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden – im Dezember 1942 und im Februar 1943. Auch an sie erinnern in unserer Stadt Gedenktafeln: Elisabeth Schumachers Portrait finden Passant_innen auf einer Bronzetafel an ihrem zeitweiligen Wohnhaus im Kettenhofweg 46.

Beide Portraittafeln hat der Frankfurter Künstler Günter Maniewski gestaltet. Adam Kuckhoffs Name findet sich auf der von Clemens Strugalla gestalteten Gedenktafel für die Opfer des NS-Regimes, die an den Städtischen Bühnen zwischen den Eingängen von Schauspiel und Oper Frankfurt angebracht ist.

Gedenktafel für verfolgte Mitarbeiter der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main Foto: Institut für Stadtgeschichte

1940 wurde Bodo Schlösinger als Dolmetscher an die Front versetzt, zuerst nach Polen, dann an die „Ostfront“, wo er grauenvolle Übergriffe der deutschen Wehrmacht auf die russische Zivilbevölkerung miterlebte. Seine Berichte darüber gaben seiner Frau wahrscheinlich den letzten Anstoß, sich aktiv am Widerstand gegen das NS-Regime zu beteiligen. Spätestens im Frühjahr 1942 wurde Rose Schlösinger von Mildred Harnack eingeweiht in die Pläne der Schulze-Boysen-Harnack-Gruppe, eines vielfältigen Freundeskreises, der heute eher unter dem von der deutschen militärischen Abwehr erfundenen Namen „Rote Kapelle“ bekannt ist. Nach Flugblatt- und Klebezettelaktionen gegen Hitler arbeiteten Freund_innen aus der Gruppe daran, militärische Informationen an die Sowjetunion zu übermitteln, um den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion so schnell wie möglich zu beenden. Rose Schlösinger übermittelte Botschaften zwischen Arvid Harnack und Hans Coppi, einem jungen Kommunisten, der Funkkontakt mit der Sowjetunion aufzunehmen versuchte. – Hans Coppi wurde am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee ermordet, seine Frau Hilde gemeinsam mit Rose Schlösinger am 5. August 1943. Ihre Hinrichtung war kurz aufgeschoben worden, damit sie ihren am 27. November 1942 in der Haft geborenen Sohn stillen konnte.

Nach dem jetzigen historischen Forschungsstand erreichten die Funknachrichten ihre sowjetischen Adressaten nie. Doch das Oberkommando des Heeres fing im August 1942 einen Funkspruch auf und dechiffrierte ihn. Eine Verhaftungswelle folgte. 126 Mitglieder des Freundeskreises wurden festgenommen. 57 von ihnen starben einen gewaltsamen Tod. Am 18. September 1942 wurde auch Rose Schlösinger in ihrer Berliner Wohnung verhaftet. Nach einer zweitägigen Verhandlung vor dem Reichskriegsgericht wurde sie am 20. Januar 1943 wegen „Spionage“ zum Tod verurteilt. Als ihr Mann an der Front davon erfuhr, nahm er sich das Leben. Zusammen mit zwölf anderen Frauen der „Roten Kapelle“ wurde Rose Schlösinger am Abend des 5. August 1943 in Plötzensee hingerichtet. Es war ihr letzter Wunsch, dass ihre damals elf Jahre alte Tochter Marianne nichts vom schrecklichen Tod ihrer Mutter erfahren sollte. Erst an ihrem 18. Geburtstag erhielt Marianne einen Abschiedsbrief, den ihre Mutter an sie gerichtet hatte.

Im Kalten Krieg wurde die Erinnerung an die Widerstandskämpferin Rose Schlösinger ausgelöscht. In der Bundesrepublik wurden sie und ihre Mitstreiter_innen lange als kommunistische und sozialistische „Spione“ und „Vaterlandsverräter“ verunglimpft.

Als zu Beginn der neunziger Jahre am Haus in der Münzenberger Straße 4 die Gedenktafel für die mutige Rose Schlösinger enthüllt wurde, war ihre Tochter Marianne Sideri-Heinemann dabei. Marianne Sideri-Heinemann, die seit langem in Basel lebt, war in erster Ehe mit dem in diesem Jahr verstorbenen Schriftsteller Rolf Hochhuth verheiratet. Der hat die „Berliner Antigone“ über Rose Schlösingers Schicksal geschrieben und den Text seiner Frau gewidmet. Marianne Sideri-Heinemann hat aus der Ehe mit Rolf Hochhuth zwei Söhne. Sie hat vier Enkel. An ihre Söhne und ihre Enkel gibt sie das humanistische Vermächtnis ihrer Mutter weiter. Rose Schlösingers Tochter hat ihr Leben lang unter der Missachtung des mutigen Kampfes ihrer Mutter gegen die Nazis gelitten.

In ihrem Abschiedsbrief an ihre Tochter schrieb Rose Schlösinger:

„Und dann sollst Du Kinder haben – wenn man Dir Dein erstes Kind in den Arm legt, vielleicht denkst Du dann an mich, dass es auch ein Höhepunkt meines Lebens war, als ich Dich kleines rotes Bündel zum erstenmal hielt und dann denk an die Abende, als wir uns im Bett unterhielten über die vielen wichtigen Dinge des Lebens – ich versuchte Deine Fragen zu beantworten – und denk an die schönen drei Wochen an der See – an den Sonnenaufgang, und als wir am Strand barfuß von Bansin nach Ückeritz liefen, und als ich Dich auf dem Schlauch vor mir hertrieb, und als wir zusammen Bücher lasen – soviel Schönes hatten wir zusammen, mein Kind, das sollst Du alles auch noch einmal erleben und noch viel mehr. Und noch eins will ich Dir verraten: Wenn man sterben muss, tut einem jedes böse Wort leid, das man einem lieben Menschen gegeben hat; wenn man weiterleben dürfte, würde man sich das merken und sich viel besser beherrschen. Vielleicht kannst Du Dir das merken – Du machst Dir und anderen das Leben und später auch das Sterben leichter. Und sei froh, so oft Du kannst – jeder Tag ist kostbar, es ist schade um jede Minute, die man traurig zugebracht hat. Meine Liebe zu Dir soll Dich ein ganzes Leben lang begleiten. – Ich küsse Dich – und alle die lieb zu Dir sind. Leb wohl mein Liebes – bis zuletzt denkt mit größter Liebe an Dich Deine Mama“

Auch das Portrait von Johanna Kirchner, geborene Stunz, können wir in Frankfurt auf einer Bronzetafel sehen. Auch diese Tafel hat Clemens Strugalla gestaltet. Sie ist draußen an der Paulskirche angebracht und zeigt eine gestandene Frau, die weiß, was sie will.

Johanna Kirchner (1894-1944) Foto: Kunst im öffentlichen Raum
Johanna Kirchner (1894-1944)

„Johanna Kirchner. Geboren am 24.04.1894 in Frankfurt am Main. Hingerichtet am 9.06.1944 in Berlin-Plötzensee.“ steht auf der Tafel. Dazu die Worte: „Den Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern, die der Barbarei des Nationalsozialismus Widerstand entgegen setzten.“ Bei der Enthüllung der Tafel am 8. Mai 1992 waren Johanna Kirchners Töchter Lieselotte Schmidt und Inge Leetz und ihr Schwiegersohn Emil Schmidt anwesend. Sie alle drei waren ebenfalls im Widerstand gegen Hitler aktiv gewesen. Sie alle drei hatten ebenfalls im Gefängnis und im Zuchthaus gesessen. Lotte und Emil Schmidt und Inge Leetz sind schon lange tot. Inges Mann, der damals bereits verstorbene Widerstandskämpfer Arno Leetz, war ebenfalls wegen seiner widerständigen Haltung inhaftiert, gefoltert und zu Zuchthaus verurteilt worden.

Wer war Johanna Kirchner, die ihre Familie geprägt hat, die von vielen geliebt und verehrt und von allen nur „Hanna“ genannt wurde? Auch sie kam aus einer Frankfurter sozialdemokratischen Familie, der legendären sozialdemokratischen und später in Teilen kommunistischen Gründerfamilie Stunz, der auch der auch der 2004 verstorbene, sozialdemokratische Frankfurter Oberbürgermeister (1972–1977) Rudi Arndt und sein älterer Bruder, der 2013 verstorbene Gewerkschafter und Kommunist Günter Arndt, der schon als Junge wegen seiner antifaschistischen Haltung drangsaliert wurde, angehörten. Mit 14 Jahren schloss sich Hanna Stunz der Sozialistischen Arbeiter-Jugend an, mit 18 trat sie in die SPD ein. Sie war eng befreundet mit der Frankfurterin Lore Wolf, der langjährigen Sekretärin des früheren Höchster Bürgermeisters, danach Frankfurter, später Berliner Stadtkämmerers Bruno Asch, der sich am 15. Mai 1940 beim Einmarsch der deutschen Truppen im Amsterdamer Exil das Leben genommen hat. Johanna Kirchners Freundin Lore Wolf wurde Kommunistin. Das tat ihrer engen Zusammenarbeit im gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus keinen Abbruch. Auch an Bruno Asch und Lore Wolf erinnern in Frankfurt Gedenktafeln, an Bruno Aschs langjährigem Dienstort, dem Bolongaropalast und an Lore Wolfs langjährigem Wohnhaus in der Gerlachstraße 24 in Höchst.

Kurz nach der Geburt ihrer Tochter Lieselotte, die alle nur „Lotte“ nannten, heiratete Hanna Stunz 1913 den Sozialdemokraten Karl Kirchner. Während des Ersten Weltkriegs engagierte sich die Mutter von zwei Töchtern in Frankfurt in der kommunalen Wohlfahrtspflege und danach beim Aufbau der 1919 gegründeten Arbeiterwohlfahrt. Am wichtigsten war für sie, das Elend der Kinder in der entbehrungsreichen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und in den ökonomischen Krisen der Weimarer Republik zu lindern. Die Ehe mit dem Gewerkschafter, Kommunalbeamten und langjährigen Chef der SPD-Fraktion im Frankfurter Römer Karl Kirchner wurde geschieden. Von 1925 bis 1929 war Hanna in zweiter Ehe mit dem Volksschullehrer Paul Schmidt verheiratet. Aber Hanna und Karl blieben befreundet und arbeiteten politisch weiter zusammen.1926 wurde Johanna Kirchner hauptamtliche Funktionärin der Frankfurter SPD. Ab Ende der zwanziger Jahre kämpften Johanna Kirchner und Lore Wolf gemeinsam gegen die stärker werdende Nazi-Bewegung. Die Antifaschist_innen haben den Kampf verloren.

Schon 1933 musste Johanna Kirchner untertauchen. Sie hatte bei der Befreiung eines Nazigegners aus den Fängen der Gestapo mitgeholfen. Hanna flüchtete ins damals französische Saarland. Viele Hitlergegner fanden dort eine erste Zuflucht. Wie immer half Hanna Kirchner ihren Leidensgenossen. Sie leitete das Saarflüchtlingskomitee, schrieb Pläne und Berichte für den SPD-Exilvorstand, produzierte und verbreitete Flugblätter gegen die Nazis.1935 wurde das Saargebiet an das Deutsche Reich angeschlossen. Wieder musste Hanna fliehen, nach Forbach, Metz, schließlich nach Paris. Auch von hier aus unterstützte sie den Widerstand in Deutschland, in enger Zusammenarbeit mit der Résistance. Als Paris von deutschen Truppen besetzt wurde, tauchte Johanna Kirchner unter.

1942 wurde sie verraten, von der Vichy-Regierung verhaftet, an die Gestapo ausgeliefert und nach Deutschland zurückgebracht. Dort wurde sie wegen Landesverrats zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Familie atmete auf, wenigstens nicht der Tod! Aber 1944 wurde auf persönlichen Wunsch Hitlers das Verfahren gegen Johanna Schmidt, geschiedene Kirchner, geborene Stunz, vom Volksgerichtshof erneut aufgenommen. Wenige Tage nach ihrem fünfzigsten Geburtstag, am 20. April 1944, wurde das Urteil in die Todesstrafe umgewandelt. Am 9. Juni 1944 wurde Johanna Kirchner in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Von 1991 bis 1995 hat die Stadt Frankfurt am Main als einzige Stadt in Westdeutschland Überlebenden, die zwischen 1933 und 1945 Widerstand geleistet oder Verfolgten geholfen haben, mit der Johanna-Kirchner-Medaille gedankt. Auch Hannas Freundin Lore Wolf, ihre beiden Töchter, ihr Schwiegersohn und ihr Neffe Günter Arndt waren darunter. – Für Arno Leetz und auch für meinen Vater Wolfgang Abendroth, der mit Arno Leetz und Johanna Kirchner zusammen gearbeitet hat, kam dieser Dank zu spät. Wolfgang Abendroth, der fast seine gesamte Jugend in Frankfurt verbracht, seit den zwanziger Jahren bis zu seinem Kampf als griechischer Partisan gegen die Nazis gekämpft hat, inhaftiert und gefoltert wurde, ist 1985 in Frankfurt gestorben.– Fast alle mit der Johanna-Kirchner-Medaille Geehrten sind heute tot. Der letzte lebende Träger der Johanna Kirchner Medaille, der Saxophonist Emil Mangelsdorff, hatte am 2019 bei der Gedenkstunde zum 75. Jahrestag des 20. Julis zu Ehren der Gefährten im Widerstand in der Paulskirche musiziert.

Vor ihrer Hinrichtung schrieb Johanna Kirchner einen Abschiedsbrief an ihre Töchter:

„Liebe Lotte, liebe Inge und meine Herzlieben alle!

Dieser Brief bringt Euch meine letzten Grüße und Wünsche. Es muss geschieden sein. Meine ganze Liebe und mein Segen wird aber immer bei Euch sein. Ich gehe tapfer und unverzagt meinen letzten Gang. Meine letzte große Herzensbitte an Euch ist: seid auch tapfer und unverzagt. Lasst Euch von Leid nicht niederdrücken, denkt an das große Goethe-Wort 'Stirb und werde'.

(…) Weint nicht unnötig um mich. Denkt immer an unsere gemeinsame glückliche Vergangenheit und glaubt daran, dass meine Mutterliebe und mein Segen Euch allen eine bessere Zukunft bringen wird. Habt herzinnigen Dank für alle Eure Liebe. Ihr habt mich ja im Leben so glücklich gemacht.

(…) Bleibt immer in treuer Liebe und Kameradschaft verbunden. Diese Gewissheit Eurer treuen kameradschaftlichen Gemeinschaft ist eine so große Beruhigung für mich. Habt auch tausendmal Dank für alles, was Ihr für mich getan habt, ich weiß, die Verhältnisse waren stärker als Eure Liebe. Bitte, bitte, klagt nicht und weint nicht. Ich war glücklich, in Eurem letzten Brief – mit dem wundervollen Vergissmeinnicht – zu lesen, dass Ihr auch das Unabänderliche tapfer und gefasst tragen werdet. Eure Liebe und eure Tapferkeit sind mir Trost und Beruhigung in meiner letzten Stunde.

(…) Ich weiß, ich bin und bleibe immer Eure Mutsch und lebe immer in Eurer Erinnerung.

(…) Werdet glücklich und seid tapfer, es kommt eine bessere Zukunft für Euch, meine Liebe und mein Segen ist immerdar bei Euch. Lebt wohl.

Ich umarme und küsse Euch und drücke Euch an mein Herz und bleibe in Liebe immer Eure Mutsch. Alles Liebe, Gute und Herzliche für Euch alle, Ihr meine Herzallerliebsten.“

Ich denke, es gibt ein unsichtbares Band zwischen diesen klugen, warmherzigen Frauen, die in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter Einsatz ihres Lebens gegen die Nazis gekämpft haben, und Seda Basay-Yildiz, Anne Helm, Martina Renner, Janine Wissler und den anderen Frauen, die heute wegen ihres antifaschistischen Engagements massiv bedroht werden. Ein Grund mehr, an die mutigen Frauen von damals zu erinnern.

Siehe weiter

“Videos der Gedenkfeierlichkeiten am 19./20.07.2020, Gedenkstelle Berlin Plötzensee. (Quelle: „Stiftung 20. Juli 1944“)

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erstellt am 31.7.2020
aktualisiert am 06.8.2020

Die Widerstandskämpferinnen Rose Schlösinger und Johanna Kirchner auf Gedenktafeln in Frankfurt am Main.