Im Gedächtnis geblieben ist vor allem seine Leistung als Mitinitiator der einflussreichen Sonderbundausstellung 1912. Das in Vergessenheit geratene malerische Werk August Deussers wird gerade wiederentdeckt. Isa Bickmann hat sich mit seinem kuratorischen und künstlerischen Schaffen befasst und stellt ihn vor.

Künstlerporträt

August Deusser (1870-1942)

In einem Selbstporträt von 1911 zeigt sich der Künstler in einem blauen Anzug mit Krawatte und wirft dem Betrachter einen ernsten, aufmerksamen Blick durch seine Brille zu. Hier steht ein selbstbewusster Künstler, staatlich, aufrecht, der weiß, was er will. Geboren 1870 in Köln als Sohn eines Kaufmanns fühlt sich August Deusser schon früh zum Künstler berufen. Nach einer Lehre als Dekorationsmaler nimmt er zusätzlich Abendkurse an den Gewerblichen Fachschulen der Stadt Köln. Zwanzigjährig geht er zur Königlich-Preußischen Kunstakademie in Düsseldorf und wird ebenda 1895 Meisterschüler bei dem Historienmaler Peter Janssen. Er malt in dieser Gattung, ganz dem zeitgenössischen deutschen Kunstgeschmack gemäß und hat damit Erfolg. Möglich, dass die – auch über seinen Lehrer vermittelte – gute Auftragslage kurz nach dem Studium seine künstlerische Entwicklung bremst, wie wohl auch die Heirat mit der Malerin und Industriellentochter Elisabeth Eugenie Albert aus Biebrich am Rhein 1901, die ihn fortan finanziell unabhängig von Aufträgen machen wird.

In den ersten Jahren bis 1900 widmet er sich vor allem dem Sujet der Reiterbilder, immer wieder Kürassiere, Offiziere, Soldaten werden sein Motiv, und immer wieder Pferde. Die Pferdedarstellung ist eine Fingerübung, die seit Leonardo da Vinci bis zum Ende des 19. Jahrhunderts viele Künstler einsetzten. An der Darstellung eines Pferdes konnten sie ihre Meisterschaft beweisen. Doch bei Deusser geht dies noch über das akademische Motiv hinaus: Er scheint geradezu besessen vom Pferd, wobei das Tier stets statisch bleibt und er Mühe hat, „über die Liebe hinauszukommen“, wie Perdita Rösch, Rilke zitierend, schreibt. Die Autorin hat übrigens dem Scheitern Deussers am Beispiel der Pferdedarstellung im jüngsten Katalogbuch eine erhellende Analyse gewidmet.

Die akademische Malerei in Düsseldorf gilt an der Wende zum 20. Jahrhundert als rückständig. „Jetzt heißt akademisch: zopfig“, bringt Max Liebermann 1896 dies treffend auf den Punkt. Der Stachel mit dem Vorwurf der Provinzialität sitzt tief im Fleisch der Düsseldorfer Künstler, so erwacht der Kulturpolitiker Deusser, der auch ein Netzwerker ist und Mitglied in diversen Künstlergemeinschaften wird bis hin zu dem von Max Liebermann gegründeten Deutschen Künstlerbund. Mit den Kollegen Clarenbach, Bretz, Ophey, Schmur, den beiden Sohn-Rethels und Joseph Maria Olbrich (der bald darauf stirbt) gründet er 1908 die Gruppe „Weißer Nessel“. Der Name verweist darauf, dass sie auf weiß bespannten Wänden ausstellen, eine Art Vorläufer des „White Cube“. 1909 bildet die Gruppe den Sonderbund und stellt in der Kunsthalle Düsseldorf gemeinsam mit den Franzosen Cézanne, Monet, Rodin, Renoir, Seurat, Signac, Sisley, Vuillard und van Gogh aus. Der „Sonderbund Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler“, wie er nun heißt, gewinnt Karl Ernst Osthaus, Mäzen und Museumsgründer in Hagen, als 1. Vorsitzenden. Alfred Flechtheim wird Schatzmeister. 1910 bei der 2. Sonderbund-Ausstellung ist Deusser nicht nur beteiligter Künstler, sondern auch Jurymitglied. Wieder wird neben Jawlensky, Kandinsky und Picasso die französische Avantgarde ausgestellt. Max Liebermann bekommt die Ehrenmitgliedschaft. Auch Elisabeth Deusser ist mit drei Stillleben (Katalog S. 23) dabei.

„Der Kölner Dom“, 1911 (August Deusser, Öl auf Leinwand, 58,5 cm x 52,0 cm, WVD-Nr. 113, DBZ-Nr. 287)

„Der Kölner Dom“, 1911
Öl auf Leinwand, 58,5 cm x 52,0 cm
Foto: Deusser-Stiftung

1911 findet die dritte Sonderbundausstellung statt. Unter einigen deutschen Künstlern (u. a. auch bei Käthe Kollwitz) führte die starke Einbindung der französischen Künstler zur Kritik an dem „innigen Anschluß an die jüngsten Pariser Extravagisten“ (zit. nach Kat. S. 28). Die Ausstellung 1912 dann, die nun in Köln stattfindet, vereinigt die neuen Avantgardebewegungen Blauer Reiter und Brücke, Cézanne, Gauguin, Kokoschka, Munch, Picasso – das gesamte Who‘s who der europäisch-deutschen Avantgarde – und wird damit zum Vorbild der legendären Armory Show 1913 in New York. Präsentiert werden 124 Van-Gogh-Werke und ist damit ungemein wichtig für die zukünftige Rezeption des Künstlers, wie die jüngste Ausstellung im Städelmuseum vermitteln konnte. Neu ist es, die Werke der Deutschen und Franzosen gegenüberzustellen und nicht mehr, wie vorher üblich, die Nationen voneinander zu trennen (Kat. S. 20).

„Die Familie Deusser“, 1910
Öl auf Leinwand, 117,0 cm x 149,5 cm
Kasteel Arcen, Dauerleihgabe der Deusser-Stiftung seit 2015

Der Kontakt zu der internationalen Avantgarde-Malerei in ihrer gesamten Bandbreite hinterlässt Spuren in Deussers Werk. Seine Malweise löst sich von der impressionistischen Lichtmalerei und entwickelt sich zu einer starken Farbsprache. Ein Familienbildnis von 1910 entsteht ganz im Sinne der Nabis, doch ein Vergleich mit Maurice Denis intimen Familienbildnissen zeigt, dass es formal viel steifer wirkt. Cézannes Landschaften hinterlassen deutliche Spuren. In den Getreidefeldern hallt van Goghs Arleser Süden nach. Den Stadtlandschaften mit vom bläulichen Dunst umhüllten Kölner Dom ist das Studium der Monetschen Kathedrale von Rouen anzumerken. Hier zeigt Deusser sein malerisches Können. Man gewinnt den Eindruck, er saugt vieles auf, aber er entwickelt nicht wirklich etwas Eigenes. Er malt einen gotischen Kirchenraum, der die Cézanneschen Wurzeln des Kubismus übersetzt, aber nicht kubistisch wird. Das seltsame Bild „Zwei Kürassieroffiziere mit Flugzeug (Schulhebung)“ von 1918/26, in dem im Gegeneinander zweier Zeitalter, die Kürassiere und das Flugzeug als Beteiligte des Krieges auftreten, aber den Krieg selbst nicht sichtbar werden lassen, steht eher einer akademischen Figuration nahe.

August Deusser: „Gotischer Kirchenraum“, 1913 – 1917 (Foto: Deusser-Stiftung)

„Gotischer Kirchenraum“, 1913 – 1917
Öl auf Leinwand, 72,5 cm x 61,5 cm
Foto: Deusser-Stiftung

August Deusser: „Zwei Kürassieroffiziere mit Flugzeug (Schulhebung)“, 1918/26 (Foto: Deusser-Stiftung)

„Zwei Kürassieroffiziere mit Flugzeug (Schulhebung)“, 1918/26
Öl auf Leinwand, 175,0 cm x 165,0 cm
Foto: Deusser-Stiftung

Deusser zieht sich aus seinem kulturpolitischen Engagement zurück. Mit 47 Jahren wird er 1917 Professor für Historienmalerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Er erwirbt Schloss Arcen unweit Venlo in Limburg an der Maas, restauriert es, richtet sich ein Atelier ein und forstet den Wald auf. Hier hängen heute wieder seine Werke als Leihgabe.

So ist Deussers künstlerisches Werk ein Zeugnis jener von den Sezessionen geprägten Jahre, die den Weg vom Impressionismus bis zum Expressionismus markieren. Deussers Stilwechsel spiegeln dies wider. Doch den Schritt in die Abstraktion wollte er nicht mehr mitgehen. Im Herzen scheint er Akademiker geblieben zu sein. Eines der letzten Bilder ist eine Flusslandschaft. Sie entstand 1925. Er hat sich danach noch an einigen Ausstellungen beteiligt. Das Klima an der Maas bekommt ihm nicht mehr, er reist in die Schweiz, nach Konstanz, nach Italien und Ägypten. Gern gesehener Gast ist der Mann, dem man das Wesen einer rheinischen Frohnatur nachsagt, in der Bar des Düsseldorfer Parkhotels. Er fördert mäzenatisch notleidende Künstler, fungiert als Kunstberater der Sammlung seiner Schwiegermutter und sammelt selbst, u. a. erwirbt er 1909 auf der Sonderbund-Ausstellung Paul Cézannes “Femme à la robe grenat”, das heute in The Art Institute of Chicago hängt. 1942 verstirbt August Deusser in Konstanz.

Die 1972 in Zürich gegründete Antonie Deusser-Stiftung hat Deussers gesamtes OEuvre online gestellt und kümmert sich als Verwalterin vorbildlich um das Werk, was die jüngsten Ausstellungen und die bei Hatje-Cantz erschienende Publikation (an der man die in Achtpunktschrift recht klein gesetzten Texte kritisieren kann) belegen.

Nach der Städtischen Wessenberg-Galerie in Konstanz ist die Ausstellung „August Deusser. Kunst für immer – und für immer Kunst!“ noch bis zum 13. September im Museum Goch am Niederrhein zu sehen.

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erstellt am 29.7.2020
aktualisiert am 03.8.2020

„Selbstbildnis im blauen Rock“, 1911
(Selbstbildnis 1911, Selbstporträt III)
Öl auf Leinwand, 73,5 cm x 50,0 cm
Foto: Deusser-Stiftung

Ausstellung

August Deusser

Kunst für immer – und immer für Kunst!

28. Juni 2020 – 13. September 2020

Museum Goch am Niederrhein

Katalog

Dirk Boll (Hrsg.)
August Deusser.
Kunst für immer – und immer für Kunst!

Der Katalog erschien anlässlich der Ausstellungen in der Städtischen Wessenberg-Galerie, Konstanz (30.11.2019–19.4.2020) und im Museum Goch am Niederrhein (28.6.2020–13.9.2020).

Texte von Kerstin Bitar, Dirk Boll, Florian Illies, Perdita Rösch, Nicole Roth, Jasmin Schöne, Barbara Stark.
Gebunden, 232 Seiten, 184 Abb.
ISBN 978-3-7757-4612-0
Hatje Cantz Verlag, 2019

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