Der gläubige Hindu nimmt eine Virusplage als Naturkatastrophe hin. Viele Künstler und der aufgeklärte Teil der indischen Gesellschaft sehen, wie die Pandemie von der Politik benutzt wird. Clair Lüdenbach sprach mit der Lyrikerin und Aktivistin Mamta Sagar aus Bengaluru.

Clair Lüdenbach befragt die Lyrikerin und Aktivistin Mamta Sagar

Verwerfungen der Gesellschaft

Clair Lüdenbach: Wann wurden Dir die Auswirkungen des Lockdowns klar? Was bedeutete das für Dich als Lyrikerin und Aktivistin?

Mamta Sagar: Vor dem Lockdown, das sollte man wissen, gab es in Indien viele Aktivitäten. Der Lockdown in Indien ist sehr verschieden vom Lockdown in anderen Ländern. Denn er ist auch politisch betrieben. Wir hatten vorher den CAA (Citizen amendment act / Gesetzesnovellierung zum Einbürgerungsrecht, wodurch moslemische Einwanderer ausgeschlossen bleiben sollen). Dadurch vereinte sich die gesamte Nation, um dagegen anzukämpfen. Ich kenne viele Aktivisten, Schriftsteller, Schauspieler und bildende Künstler, die wie ich in dieser Zeit aktiv waren. Ich komme aus dem Süden Indiens. Du weißt, es gibt eine sprachliche und kulturelle Trennung zwischen dem Norden und Süden Indiens. (Die Mehrheit der moslemischen Bevölkerung lebt im Norden.) Zu der Zeit traf ich mich mit einer Lyrikerin, die auf Tamil, einer anderen, die auf Malayalam schreibt und ich selbst auf Kannada. Wir kommen alle aus dem Süden d. h. Karnataka, Kerala und Tamil Nadu, und trafen uns, um auf dem Shahin Bagh (Stadtviertel von Delhi) zu demonstrieren. Wir fuhren nach Delhi und trafen Leute auf verschiedenen Protestkundgebungen in der Stadt. Wir sprachen mit Künstlern, Theaterleuten, gaben Interviews der BBC und sprachen mit der Presse. Über all das schrieben wir poetische Texte und trugen sie vor. In Shahin Bagh wollten wir auch lesen, aber dann bekamen wir von vielen Freunden die Nachricht: Verlasst den Ort sofort, die Polizei ist auf dem Weg, um den Protest niederzuschlagen. Wir folgten einer Einladung von Freunden, um unsere Lyrik-Performance vorzutragen. Gleichzeitig wurde der Protest blutig niedergeschlagen, und gleich darauf, wie aus dem Nichts, folgte der Lockdown. Durch diese Aktion starben Menschen. Ich bin nicht gegen den Lockdown, aber man muss die Maßnahmen ankündigen und die Gesundheitsfürsorge unterstützen. Aber wenn man das aus politischem Kalkül macht, dann ist das etwas völlig anderes. Bei dieser Aktion starben die Ärmsten, die Migranten. Das alles geht weiter bis heute.

Ich selbst betreue und kuratiere seit 2013 eine Lyrikveranstaltung, die einmal in der Woche im öffentlichen Raum, auf Plätzen, Märkten, Metro-Stationen und Straßenecken stattfindet. Alles ist kostenlos. Jetzt kündige ich über Facebook meine Veranstaltung an, und ich lade dazu Leute aus allen Teilen der Welt ein, ein Gedicht vorzutragen, das auch in Kannada – der Landessprache von Karnataka – übersetzt wird für diese Veranstaltung. Wir luden Lyriker ein, über die jeweilig politische Situation in ihrem Land zu sprechen oder über das Kastensystem, Gender und Queer Lyrik. Diese Online-Lyrik-Events erlauben mir, nicht nur weltweites Unrecht zu thematisieren, sondern auch meinen Protest gegen die CAA-Gesetzesanpassung fortzusetzen. Unsere Live-Performances hatten ein Publikum aus ganz Indien, nun, durch die Onlinepräsenz haben wir Zuschauer aus aller Welt. Zu unserer Gruppe gehören Leute aus allen Berufen und allen Ebenen der indischen Gesellschaft. Für uns sind Gedichte nicht nur Gedichte, sondern sind eine Gelegenheit, die Verwerfungen in der Gesellschaft auf eine verlangsamte Art zu betrachten.

Wenn man so offen online über Konflikte spricht, gibt es da auch negative Reaktionen, wie Hassmails? Das Internet ist ja auch ein gefährliches Medium.

Vor einigen Jahren, als eine prominente Journalistin hier in Bengaluru aus politischen Gründen ermordet wurde, habe ich ein Gedicht geschrieben. Dieses Gedicht ging viral und danach bekam ich viele Hassmails. Seit dieser Zeit werden wir beobachtet, das wissen wir.

Kann ein Schriftsteller in Indien von seiner literarischen Arbeit leben?

Nein, niemand kann von dieser Arbeit leben. Es ist sehr schwierig. Es sei denn, man kommt aus einer privilegierten Familie, einer Industriellenfamilie zum Beispiel, oder der Partner hat einen hochdotierten Job. Aber es ist unmöglich, vom Schreiben allein seinen Lebensunterhalt zu verdienen, schon gar nicht als Lyriker und Aktivist.

Aber das Beste an dieser Situation während der Corona-Krise ist, dass Online-Plattformen kostenlos sind. Dadurch melden sich Leute aus sehr entlegenen Orten. So schickte mir ein Lehrer, der in einer kleinen Schule irgendwo unterrichtet, seine Gedichte für Kinder. Die fand ich so großartig, dass ich sie einem Verlag schickte. Für Kinder gibt es viel zu wenig gute Literatur. Im Allgemeinen habe ich keine Zeit, mich um so was zu kümmern, weil ich ja auch arbeiten muss. Und nun haben wir plötzlich so viel Zeit. Man hält inne, ist stumm, betrachtet sich selbst, und ich schaute mir alle meine früheren Arbeiten an. Als junger Mensch habe ich alle indischen Klassiker rezitiert. Ich rezitiere jetzt nicht in der klassischen Tradition. Ich trage die Stücke als Rap vor, tanze dazu, all das habe ich angefangen. Dazu versuchte ich, die jungen Leute zu animieren, die alten Klassiker zu lesen. Die meinten aber, das ist in einer veralteten Kannada-Sprache. Ich sagte ihnen: Ihr versteht es nicht, ihr müsst es lernen wie ein Musikstück, und dann macht einen Rap daraus und tanzt oder was auch immer. Kleine Dinge, die wunderbar sind, geschehen jetzt.

Dann ist der Lockdown für euch eher ein Segen?

Ich würde es nicht als einen Segen bezeichnen. Denn wenn wir nach draußen gehen, dann sehen wir, was geschieht. Man sieht Leute, die auf der Straße sterben. Es ist so stressig zu sehen, was passiert, und man weiß nicht, wie man darauf durch das eigene Schreiben reagieren soll. Für mich dauert es eine lange Zeit, bis sich die Eindrücke gesetzt haben, und dann brauche ich sehr lange für ein Gedicht, auch wenn es nur sehr kurz ist. Meine Gedichte sind in allem präsent. Es braucht Zeit, um seine Gedanken zu ordnen, obwohl man so viel Zeit hat. Du selbst und Deine Gedanken sind in einem Lockdown. Es passieren so viele Katastrophen um einen herum. Diese Zeit der Krise wird vom Staat benutzt, um Menschen zu strafen. Studenten kommen ins Gefängnis, Journalisten werden verhaftet. Wie kann man in dieser Situation darauf reagieren? Diese Online-Lyriktreffen versuchen auf ihre Weise, auf das, was gerade geschieht, zu reagieren. Deshalb ist es keine glückliche Situation. Sie ist begleitet von so viel Wut und Spannungen. Während ich die Veranstaltungen vorbereite, teile ich die Geschehnisse mit anderen und spreche darüber. Zu Anfang kuratierte ich zwei Veranstaltungen und benutzte dazu ‚Zoom‘. Einer meiner Freunde, ein Aktivist für Tibet, er lebt in Daramsala, sagte mir, wenn ich Zoom verwende, dann kann man mich orten. Deshalb hörte ich auf, über Zoom zu kommunizieren. Jetzt verwende ich ‚Webex‘, damit können sich Lyriker aus aller Welt mit mir verbinden. Uns hat der Lockdown so viel Zeit zum Nachdenken gegeben und damit viel Kraft, um Widerstand demgegenüber zu leisten, was um einen herum passiert: entweder durch Lyrik oder durch die Organisation von Events, oder ganz einfach dadurch, dass man irgendwo sitzt und darüber nachdenkt, sensibel bleibt und zeigt, dass man besorgt ist.

Die Lyriker aus allen Teilen Indiens haben einen Brotberuf. Für manche mag es weitergehen, aber viele sind arbeitslos oder fürchten um ihre Jobs. Ist das auch ein Thema?

Ja, ich lehre und gehöre zur Fakultät für Kreatives Schreiben. Diese auf Kannada schreibenden Lyriker haben zum Teil eben erst die Universität verlassen und haben einen ersten Job. Und weil sie einen Job brauchen, akzeptieren sie es auch, für einen geringeren Lohn zu arbeiten. Sie arbeiten für kurze Zeit oder mit Zeitverträgen und hoffen, dann weiter bleiben zu können. Nun, im Lockdown, erhalten manche überhaupt kein Gehalt. Manche unserer Lyriker haben Prepaid-Internetzugänge, und weil sie wenig Geld haben, vermeiden sie, ins Netz zu gehen, damit sie für unser freitägliches Lyriktreffen genug Datenvolumen haben. Das sind kleine Dinge, aber sehr ernste Probleme, die einen sehr berühren.

Wie sieht die Zukunft aus? Jetzt, da der Lockdown gelockert wird, wenigstens mancherorts.

Ja, an manchen Orten. Aber die Institutionen haben noch nicht geöffnet. Wenn aber der Lockdown vorbei ist, dann wird es richtig schwierig. Meiner Ansicht nach wird es sehr, sehr schwierig.

Wer wird politisch der Gewinner, wer der Verlierer sein?

Es gibt keinen Gewinner oder Verlierer. Schon während des Lockdowns hat der Staat gezeigt, du kannst deine Stimme nicht erheben. Falls du etwas sagst, dann kommst du hinter Gitter. Das passiert jeden Tag. Schon jetzt sind die ohnehin schon an den Rand Gedrängten ganz gezielt noch stärker an den Rand gedrängt. Ich weiß nicht, was wir machen werden. Jetzt, wo man mit dem Slogan „Make in India“ für das Land wirbt, bringen wir Indien in so einen miserablen Zustand. Diese Entwicklung wird uns überall hin verfolgen, sogar bis in unsere vier Wände.

Das heißt, der Lockdown ist die Verwandlung in eine totale Diktatur?

Ganz genau. Das wird akribisch Schritt für Schritt umgesetzt. Das heißt nicht, dass wir verloren sind. Die Stimme des Widerstands wird immer zu hören sein. Aber die Zeiten werden härter. So viele benutzen Corona, insbesondere der Staat, um alle zu unterdrücken. Ich verstehe es nicht: Will er den Leuten helfen, oder will er sie töten?

Gibt es Organisationen, die den indischen Künstlern helfen möchten?

Keine Ahnung, ich weiß es wirklich nicht.

Der Staat bietet keine Hilfen an?

Ach, der Staat – sicherlich nicht. Wenn der Staat hilft, dann den Rechtsstehenden, die Bilder mit Szenen aus der Mahabharata oder Ramayana malen. Ich mache Witze. Warum auch sollten sie uns unterstützen, die können alles verhindern, was auch immer kommt. Wir müssen unser eigenes Unterstützungssystem aufbauen. Meine Lyriktreffen sind eine Möglichkeit.

Lyrik und Musik mit Mamta Sagar: „KSHNABINDU Hide & Seek“

Die Fragen stellte Clair Lüdenbach.

Gedicht von Mamta Sagar

Gedicht „Sorrow / Trauer“ von Mamta Sagar

Das Gedicht „Sorrow / Trauer“ von Mamta Sagar ist über den obigen Link zum Goethe Institut („Poets translating Poets“) in Originalsprache, einer deutschen und englischen Übersetzung sowie als Audio in Originalsprache zu finden. Die Übersetzungen stammen von Chitra Panikkar und Mamta Sagar.

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erstellt am 28.7.2020
aktualisiert am 29.7.2020

Mamta Sagar, Lyrikerin und Aktivistin
Foto: Amshu Chukki