In Edward Hoppers Bildern scheint das soziale Leben vor fahlen Farben eingefroren. Warum ziehen sie gerade deshalb unsere Aufmerksamkeit magisch auf sich? Thomas Rothschild hat die große Hopper-Ausstellung der Fondation Beyeler besucht, die in Kooperation mit dem Whitney Museum of American Art, New York, realisiert wurde.

Ausstellung der Fondation Beyeler, Basel

Edward Hopper

Edward Hopper. Foto: Harris & Ewing, photographer. Library of Congress Catalog: https://lccn.loc.gov/2016871478. Gemeinfrei (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67360053)
Edward Hopper (1937)

Er könnte als Kronzeuge für die gegenständliche Kunst aufgerufen werden. Er hat die Jahre der Vorherrschaft der so genannten abstrakten Kunst überlebt und zählt heute zu den wohl bekanntesten Künstlern, weit über den Kreis der Habitués hinaus. Einige seiner Bilder gehören zur Ikonografie der von den Vereinigten Staaten geprägten westlichen Welt. Sie graben sich ins Bewusstsein ein wie eine Primärerfahrung. Nicht sie werden zu einem Eindruck aus der äußeren Wirklichkeit in Bezug gesetzt, sondern ein Eindruck aus der Realität mutet an „wie ein Bild von Hopper“. Von diesen Bildern geht eine magische Suggestivität aus, der man sich kaum entziehen kann.

Edward Hoppers Bilder nehmen sich aus wie Szenen aus einem Theaterstück oder einem Film. Der österreichische Experimentalfilmer Gustav Deutsch hat sie 2013 tatsächlich in „Shirley–Visions of Reality“ (Link zum Trailer) auf faszinierende Weise ins andere Medium übertragen. Zugleich aber täuschen sie eine Erstarrung vor, die den Zeitkünsten allenfalls als Irritationsmoment implantiert werden kann. Auch wenn man ein Vorher und Nachher imaginieren mag, sind diese Bilder Zeugnisse des Stillstands und damit der Vereinsamung, der Isolation im Räumlichen wie im Zeitlichen. Es ist wohl dieser Aspekt, der die aktuelle Ausstellung der ambitionierten Fondation Beyeler in Basel wie für den Moment der Coronakrise geschaffen erscheinen lässt, so wenig das intendiert war. Was wiederum den Schluss erlaubt, dass das Lebensgefühl der Vereinsamung, der Isolation und der universellen Bedrohung, dessen inflationäre Artikulation die Pandemie ausgelöst hat, in unserer, der kapitalistischen Gesellschaft angelegt ist.

Die Schau von 65 größtenteils zum ersten Mal in Europa ausgestellten Werken hat einen Untertitel: „Ein neuer Blick auf Landschaft“. „Landschaft“ ist nicht unbedingt der Begriff, der einem zu Edward Hopper einfallen mag, zumal wenn man an sein am häufigsten reproduziertes Bild, an „Nighthawks“ denkt. Er bestimmt einen neuen Blick auch auf Hoppers Werk, schränkt ihn einerseits ein und verschärft zugleich die Fokussierung.

Edward Hopper, Lighthouse Hill, 1927
Öl auf Leinwand, 73.8 × 102.2 cm
Dallas Museum of Art, Schenkung Mr. und Mrs. Maurice Purnell
© Heirs of Josephine Hopper / 2019, ProLitteris, Zürich
Foto: Dallas Museum of Art, Photo by Brad Flowers

Landschaftsmalerei im engeren, traditionellen Verständnis entdeckt man, unter dem unübersehbaren Einfluss der französischen Malerei, die Hopper bei längeren Aufenthalten in Paris studieren konnte, in den zwanziger Jahren, ehe der Amerikaner, damals schon über vierzig Jahre alt, zu seinem eigenen charakteristischen Stil fand. Danach entwickelt er seine modifizierten Landschaften mit Eingriffen der menschlichen Zivilisation: Eisenbahnen, Schienen, Tankstellen. Sie halten sich eng an das konkret Sichtbare und scheinen doch metaphorisch aufgeladen. Die Vorliebe für geometrische Formen überbrückt die Differenz zwischen gegenständlicher und konstruktivistischer Kunst. Kennzeichnend für Hoppers Bilder sind die überdeutlichen (Schlag)schatten, wie sie beispielsweise in der Abendsonne von den einfachen Farmhäusern auf Cape Cod oder von Leuchttürmen geworfen werden.

Drei Jahrzehnte später malt Hopper „Road and Trees“, eine „nature morte“ im eigentlichen Wortsinn: Vor der Natur, den Bäumen, die wie erstarrt da stehen, zieht sich eine graue Straße schnurgerade quer durch die Bildfläche. Davor – also unten – wird sie durch einen Wiesenstreifen begrenzt.

Eine ganz andere Auffassung von Landschaft, die „Stadtlandschaft“, dokumentiert „The City“ von 1927. Eine imaginäre Kamera zeigt von oben, mit Blick nach links unten, ein paar Menschen auf einem typischen New Yorker Square mit vierstöckigen Brownstone Häusern und einem oben abgeschnittenen Hochhaus im Hintergrund. Dahinter erstreckt sich im Halbdunkel eine öde „Landschaft“.

Den bekannten Hopper mit seiner Nähe zum Szenischen zeigen „Cape Cod Morning“ von 1950 und „Gas“ von 1940. In diesen Bildern gibt es jeweils eine menschliche Figur. Aber wohin die Frau in „Cape Cod Morning“ so angestrengt schaut, bleibt dem Betrachter verborgen. Und die Haltung des scheinbar teilnahmslosen Mannes an der Tankstelle mag die Spuren eins ganzen Lebens verraten, aber sie bleibt ein Rätsel und somit ein Faszinosum.

Edward Hopper, Cape Cod Morning, 1950
Öl auf Leinwand, 86.7 × 102.3 cm
Smithsonian American Art Museum, Gift of the Sara Roby Foundation
© Heirs of Josephine Hopper / 2019, ProLitteris, Zürich
Foto: Smithsonian American Art Museum, Gene Young

Rätselhaft ist auch der Titel „Two Puritans“ für ein Bild von 1945, auf dem man zwei Häuser mit gleichmäßig halb herabgelassenen Jalousien hinter nackten Baumstämmen sieht. Sind die Häuser die Puritaner, oder sind es ihre Bewohner? Ist die Bezeichnung ironisch gemeint? Spöttisch? Oder doch eher melancholisch?

Ergänzt werden die großzügig gehängten Exponate durch Zeichnungen, die vergleichsweise flüchtig, skizzenartig wirken. An die Suggestivität von „Portrait of Orleans“ (1950) mit einer einsamen Frau an der Straßenkreuzung oder von „Second Story Sunlight“ (1960) mit seiner „Kadrierung“ und seiner „Lichtregie“ kommen sie allerdings nicht heran.

Edward Hopper, Portrait of Orleans, 1950
Öl auf Leinwand, 66 × 101.6 cm
Fine Arts Museums of San Francisco, Schenkung Jerrold und June Kingsley
© Heirs of Josephine Hopper / 2019, ProLitteris, Zürich
Foto: Randy Dodson, The Fine Arts Museums of San Francisco

Die ursprünglich bis zum 17. Mai geplante Ausstellung wurde bis zum 20. September 2020 verlängert.

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erstellt am 23.7.2020

Edward Hopper, Gas, 1940
Öl auf Leinwand, 66.7 × 102.2 cm
The Museum of Modern Art, New York, Mrs. Simon Guggenheim Fund. © Heirs of Josephine Hopper / 2019, ProLitteris, Zurich
© 2019 Digital image, The Museum of Modern Art, New York / Scala, Florence

Ausstellung in Basel

Edward Hopper

Ein neuer Blick auf Landschaft

26. Januar – 20. September 2020 (verlängert)

Fondation Beyeler, Riehen/Kanton Basel
In Kooperation mit dem Whitney Museum of American Art, New York.

Katalog zur Ausstellung
Katalog zur Ausstellung „Edward Hopper“ 2020, Fondation Beyeler

Ulf Küster für die Fondation Beyeler (Hg.)
Edward Hopper.
Ein Neuer Blick auf Landschaft
Katalog zur Ausstellung 2020, deutsch
Gebunden, 148 Seiten mit 110 Abb.
ISBN: 978-3-7757-4647-2
Hatje Cantz Verlag, 2020

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