Ausgerechnet Apoll entflammt sich bei Ovid als Phoebus, der Leuchtende, für die Nymphe Daphne. Die verwandelt sich auf der Flucht vor ihm zusehends in einen Lorbeerbaum und entfachte vermutlich so in der bengalischen Autorin Sumana Roy den Wunsch, ein Baum zu werden. Ihr Buch „Wie ich ein Baum wurde“, berichtet Clair Lüdenbach, bringt mühelos und märchenhaft Natur und Literatur in Einklang.

Sumana Roys Buch »Wie ich ein Baum wurde«

Der Traum vom Baum

Sumana Roy (Screenshot)
Sumana Roy

„Ich irrlichterte durch philosophische Diskussionen über die Zeit, bis mir eines Nachts in meinem schweißdurchtränkten Schlaf die Erleuchtung kam: Carpe diem, nutze den Tag – in der Gegenwart leben, das war Baumzeit, ein Leben ohne Sorgen um die Zukunft oder Sehnsucht nach der Vergangenheit.“ So entstand „im Tempo der Baumzeit“, wie die Autorin schreibt, ihr Buch „Wie ich ein Baum wurde“. Auf Deutsch ist dieses ungewöhnliche Naturkundebuch aus einer fernen Welt in der Übersetzung Grete Osterwalds erschienen. Sumana Roy ist in Bengalen aufgewachsen, einem indischen Bundesstaat, der reich an Wasser und Bäumen ist. In der Provinzstadt Siliguri, am Fuße des Himalayas, ist sie zu Hause. Die Natur Bengalens ist so vielfältig wie in keinem anderen Bundesstaat Indiens; vom Dschungel im Gangesdelta über mehrere Klimazonen bis hin zu den kahlen Höhen des Himalayas. Sumana Roy beschreibt ihre Ich-Erzählerin als eine Persönlichkeit, die schon als Kind sich mehr mit der Natur assoziierte als mit Menschen. Und je älter sie wurde, umso stärker wurde ihr Bedürfnis, den Zwängen des menschlichen Alltags und des Erwerbsstrebens zu entkommen. Die Bäume haben ein gleichmäßiges Leben, sind an Sonne und Licht, Tag und Nacht gebunden, die Natur gibt den Zyklus vor, dem jeder Baum nach seiner Weise folgt.

Der Prozess „Wie ich ein Baume wurde“ ist keine kontinuierlich erzählte Geschichte. Jedes Kapitel ist ein Essay über einen bestimmten Aspekt der Baumbetrachtung. Die Autorin durchforstet die indische Mythologie, die reich an Wäldern ist, in denen es von Göttern und ihren Geliebten oder Feinden nur so wimmelt. Im Kapitel „Kurze Geschichten der Schatten“ beginnt sie, als Kind, Schatten zu sammeln. Statt Mangos mit der Familie, sammelt sie die Schatten der Bäume, die sie malte, zählte und sich als dreidimensionale Wesen vorstellte. In dieser Phase war sie für Eltern und Lehrer eine Herausforderung. Um ihre These zu untermauern, dass Schatten durchaus als Lebewesen vorstellbar sind, holt sich Sumana Roy Beistand in Zeugnissen der Literatur. Sie berichtet über Alexander den Großen, dessen Pferd Bukephalos nichts mehr fürchtete als den eigenen Schatten. Dagegen hascht das Kleinkind nach dem Schatten wie nach etwas Essbarem. Für den, der in Indien lebt, ist jeder Schatten ein Glück, denn die Sonne ist unerbittlich und kann einen zermürben wie in unseren Breiten endlose Regentage.

Ein zentraler Teil des Buches ist der Naturliebe des Schriftstellers Rabindranath Tagore gewidmet. Der zog im frühen 20. Jahrhundert in eine Einsiedelei und gründete dort eine Schule. Seine enge Beziehung zur Natur ist in seinen zahllosen Gedichten und Liedern überliefert. In einer Vielzahl von Briefen an seine Familie gibt er Anweisungen, wie bestimmte Bäume und Pflanzen zu betreuen sind. Für Sumana Roy ist Tagore eine Geistesverwandter. So schreibt auch sie an ihre Pflanzenbetreuer aus der Ferne: „Meine Sorgen nehmen kein Ende – ähnlich denen einer arbeitenden Frau, die ihr Kind einer Tagesbetreuung überlassen muss. Darin sind wir verwandt, Rabindranath und ich.“

Die Transformation zu einem Baum ist auch die Beschreibung einer Flucht vor den Herausforderungen der Welt und der Tatsache, eine Frau zu sein. Schon im ersten Satz des Buches schreibt sie: „Zuerst war die Unterwäsche. Ich wollte ein Baum werden, weil Bäume keine Büstenhalter tragen.“ Ein ganzes Kapitel widmet Sumana Roy dem Sex mit einem Baum. Sie outet sich darin nicht als Liebhaberin eines Baumes, sondern stellt sich nur eingangs die Frage: „Würde ich mein Sexualleben vermissen, wenn ich mich in einen Baum verwandelte?“ Sie zitiert darauf eine Reihe Schriftsteller und Mythen, für die der Baum zum Traum- oder Ersatzpartner wird. Das informativste Kapitel erzählt vom „Neugierigen Botaniker“. Der Botaniker Jagadish Chandra Bose, ein Zeitgenosse und Freund Tagores, wollte wissen, ob Pflanzen miteinander kommunizieren. Dazu entwickelte er einen Resonanzrekorder, der auch als erstes Radio gelten kann. Tagore wies Bose auf die finanziellen Möglichkeiten dieser Erfindung hin, wenn er sie patentieren ließe. Aber Geld interessierte ihn nicht, und so wurde Guglielmo Marconi der Vater des Radios.

Die Ich-Erzählerin stammt aus einer internationalen, gebildeten Familie mit einer englischen Großmutter; ihre Liebe zur Natur verbindet sie selbst zwanglos mit ihrer Kenntnis der Weltliteratur von der Antike bis zur Gegenwart. Mit leichter Hand führt sie Baumgeschichten aus allen Kulturen als Zeugen einer bengalischen Mensch-Baumverwandlung zueinander. Auffällig viele Zeugnisse stammen von Autoren aus dem bengalischen Großbürgertum des frühen 20. Jahrhunderts, die damals eine Reformbewegung anführten mit dem Ziel, den Hinduismus vom Kastensystem und die Schulen von der Starre britischer Strukturen zu befreien. Diese Aufbruchsstimmung ging synchron mit den Reformbewegungen in Europa. In Indien wurden viele Absolventen der Tagoreschen Waldschule später berühmte Wissenschaftler und Künstler. Zu ihnen gehörte Sajyajit Ray, der weltweit als Filmemacher bekannt wurde. Die bengalische Natur steht in seinen Filmen häufig im Zentrum.

Blick ins Buch: Illustration von Pauline Altmann © Pauline Altmann/Matthes & Seitz Verlag

Blick ins Buch: Illustration von Pauline Altmann
© Pauline Altmann/Matthes & Seitz Verlag

Aus diesem reichen Fundus schöpft Sumana Roy zahlreiche Gleichnisse einer Symbiose zwischen Menschen und Pflanzen. Ein wichtiger Aspekt ihres Wunsches, ein Baum zu werden, ist es, sich von jeglicher Moral zu befreien. „Die Mittelschichtsmoral ist ein für Pflanzen folgenloses Universum“, schreibt sie im Kapitel „Wilde Männer und verlorene Mädchen“. Um sich in das ultimative Baumgefühl zu versetzen, lässt sich die Erzählerin im Wald aussetzen. Sie wollte einige Zeit als Einsiedlerin leben, was traditionell Männern vorbehalten war. „In einem Land mit einer Geschichte grauenhafter Gewalt gegen Frauen machten meine Angehörigen sich Sorgen um meine Sicherheit. Zuerst versuchte ich zu scherzen – was war besser, von einem Tiger gefressen oder von einem Mann getötet zu werden? Niemand lachte.“ Dieser Abschnitt des Buches erzählt vom Leben in der Waldeinsamkeit, vom Glück, dort zu sein und dem Scheitern an der Natur, weil ihr Körper dieser Herausforderung nicht gewachsen ist. Sumana Roy träumt von einer Natur, die, sich selbst überlassen, ganz nach ihrem eigenen Lebenszyklus gedeiht und sich je nach klimatischen Bedingungen selbst erneuert – wobei sie selbst ein Teil des Verwandlungsprozesses ist, in dem ihre Haut zur Baumrinde transformiert. Immer noch fehlt ihr aber die endgültige Bereitschaft, sich auf ein Baumleben einzulassen, bis sich eines Tages ein Vogel auf ihre Schulter setzt: „Ich weiß nichts über den Vogel, aber ich war mir sicher, dass ich endlich bereit war, ein Baum zu werden.“

Dieses traumhafte Sachbuch von Sumana Roy ist vor allem ungewöhnlich im Kontext des heutigen Indien, wo Hightech und Reichtum wichtiger sind als ein Prozess zurück zur Natur. In den letzten Jahrzehnten hat sich die indische Bevölkerung vervielfacht, wodurch der Mensch zur Bedrohung der Natur wurde. Gegen diesen Prozess schreibt Sumana Roy an und transformiert ihre Ich-Erzählerin in ein florales Wesen.

In Bengalen braucht man nur ein Samenkorn auf die Erde werfen, und in wenigen Jahren steht dort ein gigantischer Baum, alles gedeiht wie von selbst, deshalb kann auch ein Bauer gleichzeitig Künstler sein, so sagte man früher. Und wenn sie nicht gestorben sind, – so enden bei uns die Märchen. In Bengalen heißt es: „Meine Ge-schichte ist zu Ende, die Spinatblätter sind zusammengefallen und haben ihre Stiele eingerollt“.

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Kommentare


Ralf Walter - ( 25-07-2020 08:14:13 )
Hochinteressante Buchbesprechungen, die ich hier zum ersten mal gelesen habe.

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erstellt am 20.7.2020
aktualisiert am 21.7.2020

Buchcover „Wie ich ein Baum wurde“, Sumana Roy

Sumana Roy
Wie ich ein Baum wurde
Aus dem Englischen von Grete Osterwald
Mit Illustrationen von Pauline Altmann
Gebunden, 267 Seiten
ISBN: 978-3-95757-858-7
Reihe Naturkunden Bd. 63
Matthes & Seitz, Berlin 2020

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