Es gibt Psychologen wie Paul Ekman, die gleich Lügendetektoren auf zwei Beinen aus unwillkürlichen Bewegungen der Gesichtsmuskeln ihres Gegenübers sofort schließen können, ob dieser die Wahrheit sagt. Von 2009/dt. 2010 bis 2011 lief die amerikanische TV-Serie „Lie to me“ – „Belüge mich“, die sich auf die Erkenntnisse Ekmans berief und mit ihm zusammen produziert wurde. Walter H. Krämer beschreibt, was da vorging.

Die TV-Serie „Belüge mich“

Eine gekräuselte Nase

Ausgangspunkt und Hintergrund der Serie „Lie to me“ (Belüge mich) sind wissenschaftliche Erkenntnisse des Psychologen Paul Ekman aus der Emotions- und Gesichtserforschung. Seine ethnologischen Studien – u. a. auf Papua-Neuguinea – zur Universalität emotionaler Gesichtsausdrücke sind für die Serie von besonderer Bedeutung. Insgesamt sieben dieser unabhängig vom ethnischen und kulturellen Hintergrund universell gültigen und nicht kontrollierbaren Empfindungen konnte Paul Ekman beim Menschen nachweisen. Diese sieben Empfindungen sind: Ärger, Verachtung, Überraschung, Freude, Angst, Ekel und Trauer.

In der Serie übernehmen Dr. Carl Lightman (gespielt von Tim Roth) und seine Kolleg*innen Dr. Gillian Foster (gespielt von Kelli Williams), Eli Loker (gespielt von Brendan Hines) und Ria Torres (gespielt von Monica Raymund) als „Lightman Group“ Aufträge von lokalen oder staatlichen Strafverfolgungsbehörden. Sie untersuchen dabei neben der Körpersprache insbesondere unwillkürliche Bewegungen der Gesichtsmuskeln (Mikroexpressionen), die auf eine wahre und unterdrückte Emotionslage hindeuten.

Damit können sie herausfinden, ob die befragte Person lügt oder die Wahrheit sagt und so in vielen Fällen die Strafverfolgungsbehörden dabei unterstützen, Justizirrtümer zu vermeiden oder Hintergründiges ans Licht (Nomen est Omen – Lightman) zu bringen.

Ein für die Serie typische und für die Zuschauer*innen erhellender Teil der Darstellung sind kurz eingeblendete Szenen oder Bilder, in denen Elemente der Körpersprache von Personen auf einen Gemütszustand hinweisen und diese dann gleichartigen Bildern oder Szenen von Personen aus Politik, Wirtschaft und Kultur gegenübergestellt werden, bei denen diese entweder gelogen oder später überführt wurden – so beispielsweise Richard Nixon in der Watergate-Affäre, Bill Clinton in der Lewinsky-Affäre und George W. Bush bei seiner Begründung für den Irakkrieg.

Deutscher Trailer zur Serie „Lie to me – Season 1“
Quelle: YouTube-Channel von „FOX Heimkino“

Neben der wissenschaftlichen Seite, die insbesondere in der ersten Staffel sehr zum Verständnis für die Zuschauer*innen ausführlich vorgeführt und erläutert wird, ist die persönliche Ebene der Figuren und ihre Beziehungen untereinander innerhalb und außerhalb der Bürogemeinschaft ein weiterer entscheidender Faktor für die Serie, die eben nicht nur vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse spannende Fälle, sondern auch melodramatische Elemente enthält und so das Interesse der Zuschauer*innen an den Personen und deren weiterer Entwicklung befördert.

Auslöser für das Interesse von Carl Lightman an der Erforschung von Mikroausdrücken war der Selbstmord seiner Mutter. Er fühlte sich schuldig, weil er die Anzeichen dafür nicht rechtzeitig erkennen konnte. Das sollte ihm nie wieder passieren. Dies weist auf eine Besonderheit und auch Schwierigkeit im Umgang mit den Arbeitskollegen und Familienmitgliedern hin – sollte man jedes Anzeichen von Lüge gleich mitteilen und den Partner damit konfrontieren? Besonders gegenüber seiner Kollegin Foster hält er sich zurück, obwohl immer wieder ersichtlich ist, dass sie von ihrem Ehemann angelogen wird. Dessen Unaufrichtigkeit strapaziert ihre Vereinbarung mit ihrem Geschäftspartner, die professionellen Fähigkeiten nicht im Privatleben einzusetzen.

Nach Jahren intensiven Trainings erkennt Lightman mittlerweile mit beeindruckender Präzision und im Bruchteil einer Sekunde, ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht. Da schnellen etwa die Augenbrauen hoch, eine Nase kräuselt sich oder die fächerförmigen Falten am Augenrand werden sichtbar.

Wie Gefühle Entscheidungen beeinflussen können, wird in der Szene besonders deutlich, in der ein Vertreter seinen tragbaren Lügendetektor anpreist als neueste Errungenschaft mit absolut sicheren Ergebnissen. Kaum stellt eine attraktive Frau die gleichen Fragen wie vorher ein sturer Beamter, reagiert der Lügendetektor auf andere Art und Weise und „überführt“ den Probanden der Lüge. Womit einmal mehr der Einfluss von Emotionen auf unsere Körperreaktionen deutlich wird und wir nicht allein der Technik vertrauen sollten. In einem anderen Fall sediert Lightman seine Probandin mit Valium, damit diese den Lügendetektor erfolgreich überlisten kann.

„Emotions have signals, they are not silent. Thoughts are silent!“ – fasst der Psychologe Dr. Paul Ekman den Ausgangspunkt seiner langjährigen Forschung und zugleich die Grundidee der Serie „Lie to me“ zusammen.

Innerhalb kurzer Zeit können die Mitarbeiter*innen der Lightman Group feststellen, ob eine Person die Wahrheit sagt oder etwas verbergen will. Dabei wird wie selbstverständlich auch die Geschichte und das Umfeld eines möglichen Täters untersucht. Und um ein möglichst umfassendes und vollständiges Bild des Verdächtigen zu bekommen, werden Videoaufnahmen der Befragungen, Schwankungen in der Stimmlage und Veränderungen der Handschrift sorgfältig und ausführlich analysiert.

Paul Ekman, 2016 (Foto: Momopuppycat - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=54340906)
Paul Ekman (2016)

Die Figur des Dr. Carl Lightman ist in Grundzügen an Dr. Ekman angelehnt. Einige Episoden beziehen sich dabei auch auf Ekmans Erfahrungen im wahren Leben. Beispielsweise unterrichtete er tatsächlich FBI-Agenten darin, zu erkennen, wie man Verbrechen im letzten Moment verhindern kann. Auch Forschungsreisen nach Papua-Neuguinea hatte der „echte“ Wissenschaftler 1967 und 1968 unternommen, um die Mimik eines zurückgezogenen Stammes zu studieren.

Der Produzent der Serie, David Nevins, versprach dem Wissenschaftler Dr. Ekman 2009, er dürfte jedes Skript vor dem Dreh lesen und Verbesserungsvorschläge machen – was dieser auch dankbar annahm. Drehbuchautor Sam Baumer betont, dass Dr. Ekmans Erkenntnisse und Vorgehensweisen die Serie stark inspiriert hätten und sein Feedback zum Drehbuch unglaublich wertvoll gewesen sei: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, die Serie ohne ihn zu drehen.“

Dr. Ekman kommentierte seit Ausstrahlung der Serie 2009 jede einzelne Folge und bewertete sie kritisch aus Sicht der Wissenschaft: Welche Gesichtssignale angesprochen werden, wie die Interpretation ausfällt – und wie er diese aus seiner persönlichen Erfahrung beurteilt.

Folgt man den Geschichten der Serie, so lernt man mit der Zeit, dass es eindeutige emotionale Signale gibt, die bei entsprechender Begabung oder Erarbeitung von einem Gegenüber erkannt werden können. Gleichzeitig erfährt man, dass Versuche, die eigene Mimik beim Lügen zu kontrollieren, mit großer Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt sind: das Unterbewusstsein ist einem stets um den Bruchteil einer Sekunde voraus.

50 Muskeln verändern das Gesicht zu ständig wechselnden Ausdrücken. Diese Ausdrücke sind der Spiegel unserer Gefühle (Ärger, Verachtung, Überraschung, Freude, Angst, Ekel und Trauer) und zeichnen sich meist ganz unbewusst in unserem Gesicht ab und können vom geschulten Auge erkannt werden. Für den Bruchteil einer Sekunde verrät das Gesicht alles – mit einer zuckenden Augenbraue oder einem flatternden Lid. Diese sogenannte Mikromimik dauert oft lediglich 0,05 Sekunden. Es gibt Naturtalente, die sie trotzdem sehen und richtig interpretieren. Menschen mit dieser Begabung sind aber selten: Nur drei von 1.000 Menschen können das. In der Serie ist dies Ria Torres. Alle anderen müssen sich diese Fähigkeit durch jahrelanges Training hart erarbeiten.

Paul Ekman beschreibt sein „Facial Action Coding System“ (FACS)
Quelle: Paul Ekman Group

Das Serienformat überzeugt insgesamt sowohl durch die Bandbreite der Fälle, als auch durch die einsetzende Selbstbeobachtung der Zuschauer*innen.

Gleichwohl sind Aussagen und Forschungsergebnisse von Paul Ekman unter Wissenschaftlern umstritten. So häuften sich beispielsweise in den letzten Jahren empirische Befunde, die gegen die Universalität des Ekman-Modells sprechen, zumindest was die Fähigkeit zur Decodierung der Affekte von Menschen anderer Kulturkreise betrifft. Trotz alledem – eine Serie die lohnt, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Anmerkung

„Lie to me“ (Belüge mich) wurde erstmals am 21. Januar 2009 in den USA ausgestrahlt. Die deutschsprachige Erstausstrahlung erfolgte 2010. Mittlerweile ist die Serie nur noch auf DVD erhältlich oder über den Streamingdienst amazon.de prime zu sehen. Der amerikanische Produktionssender Fox stellte die Serie nach drei Staffeln und 48 Episoden im Mai 2011 ein. Eine vierte Staffel ist nicht mehr geplant.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare


Maja Nemere - ( 30-07-2020 04:55:07 )
gelb

Kommentar eintragen









erstellt am 20.7.2020

Serie
Lie To Me
Thriller / TV-Serie
Sprache: Deutsch, Englisch
FSK: ab 16 freigegeben

15 DVDs, 1980 Min.
ASIN: B008MFXJDK
FOX TV, USA 2009-2011

DVD-Box bestellen

Serie bei Amazon Prime sehen

Buchcover „Gefühle lesen“, Paul Ekman

Paul Ekman
Gefühle lesen
Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren
Softcover, 397 Seiten
ISBN: 978-3-662-53238-6
Springer Verlag, Heidelberg 2010

Buch bestellen