In der Tracht einer Krankenschwester holte Anne Sinclairs Großmutter in einer Ambulanz des Roten Kreuzes ihren Mann aus dem Lager am Rande von Compiègne, in das er Anfang der 40er Jahre deportiert worden war. Die Autorin ging der Geschichte nach, stieß auf Unstimmigkeiten, aber auch auf das Schicksal vieler anderer jüdischer Gefangenen auf ihrem letzten Weg. Jutta Roitsch wünscht sich, dass ihr Buch „La rafle des notables“ ins Deutsche übersetzt wird.

Anne Sinclairs bewegende Spurensuche im Lager Compiègne

Ankunft »Auschwitz am 30. März 1942 um 5 Uhr 33«

Anne Sinclair, 2020 (Screenshot)
Anne Sinclair, 2020

In einer der raren Quellen stieß Anne Sinclair, geborene Anne-Élise Schwartz, auf den Fahrplan des Konvois 767: Abfahrt vom Bahnhof Bourget-Drancy am 27. März 1942 zwischen 12 und 17 Uhr, Ankunft in Compiègne um 18.40, Abfahrt nach einer Stunde. Ankunft in Auschwitz drei Tage später um halb sechs Uhr morgens. Auf der Liste der über 500 Deportierten fand Anne Sinclair den Namen ihres Großvaters Leonce Schwartz nicht. Sie suchte weiter nach ihm.

Über siebzig Jahre nach der Massenverhaftung von 1000 „einflussreichen Juden“ (so die Anordnung aus Berlin) in Paris am 12. Dezember 1941 beginnt die prominente französische Journalistin und Autorin einer Familiengeschichte nachzuspüren, die sie seit ihrer Kindheit begleitet, aber auch verfolgt. Entstanden ist ein schmales, eher unscheinbares Buch von knapp über hundert Seiten: „La rafle des notables“. Es ist nicht die historische Aufarbeitung eines bitteren, in Deutschland kaum bekannten Kapitels aus der deutschen Besatzungszeit. Anne Sinclair ist Betroffene, denn es geht um die Verhaftung ihres Großvaters unter den Augen des Vichy-Regimes, seine Deportation in das Lager Royallieu am Rande von Compiègne, seine psychische und physische Vernichtung durch die Wehrmacht und SS. Und es geht um die schmerzliche Korrektur einer „Familiensage“, wie Sinclair es nennt. Danach habe ihre Großmutter Marguerite, verkleidet als Krankenschwester in einer Ambulanz des Roten Kreuzes, ihren Mann aus dem Lager befreit. Diese Tat der wagemutigen Großmutter habe niemand in der Familie je hinterfragt. Auch sie, die Journalistin, nicht, die die Geschichte über ihren Großvater mütterlicherseits, den berühmten Galeristen und Kunstsammler Paul Rosenberg, in „21, rue La Boétie“ aufschrieb (in Deutsch unter dem unfassbar harmlosen Titel „Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine“).

Leonce Schwartz war nicht berühmt. Er floh auch nicht aus Frankreich nach der deutschen Besetzung wie Rosenberg, er arbeitete nicht in der Résistance wie sein Sohn und Sinclairs Vater Joseph-Robert. Er war ein kleiner Unternehmer, der in Paris belgische Spitzen verkaufte. Er führte das bürgerliche Leben eines säkularen jüdischen Franzosen. Die einzigen beiden vergilbten Fotos, die Anne Sinclair von ihrem Großvater hat, zeigen einen gutaussehenden Mann in den Sechzigern mit Weste, Einstecktuch und kleinem Schnauzbart. Als er im Morgengrauen des 12. Dezember von französischen Polizisten und deutschen Feldgendarmen aus dem Bett geholt wurde, durfte er in aller Eile ein kleines Köfferchen packen und maximal 300 Francs einstecken. Niemand begründet, niemand fragte. Niemand wehrte sich oder versuchte zu fliehen, niemand protestierte. Die Vichy-Regierung hielt still, bei den Notablen, dann bei den Zehntausenden anderen.

Mit Leonce Schwartz wurden an diesem frostig-kalten Dezembermorgen 743 Franzosen aus dem gehobenen jüdischen Bürgertum verhaftet; Intellektuelle, Künstler, Rechtsanwälte, Unternehmer, Kaufleute, Ärzte, ehemalige Regierungsmitglieder oder Militärs, darunter hoch dekorierte aus dem „grande guerre“. Zusätzlich griffen die Deutschen wahllos 300 weitere Juden auf, die in Paris Zuflucht gesucht hatten: die aus Berlin gewünschte Zahl von 1000 musste schließlich erfüllt werden. Sie wurden in Busse gestopft, dann in einen Zug und landeten nicht in Drancy, dem berüchtigsten Sammellager (in einem von Le Corbusier entworfenen Rohbau), sondern am Bahnhof Compiègne. Von dort, mitten in der Nacht, liefen die Männer, angetrieben und geschlagen von den Feldgendarmen, vier Kilometer bis zum Lager Royallieu, einem großen, alten Kasernengelände. Bereits seit 1940 internierten die Deutschen im „Frontstalag 122“ französische und englische Kriegsgefangene, dann im Lager A 3000 politische Häftlinge aus Frankreich, vor allem Kommunisten, im Lager B eine unbekannte Zahl von Russen, „weiße und rote“, wie Sinclair schreibt, die in Frankreich Asyl gefunden hatten. Und schließlich weitab das Lager C, das „Lager der Juden“, in dem die Notablen eigentlich nur kurz bleiben sollten, denn die Güterwagen in Richtung Osten und die Todeslager standen bereit. Doch am 24. Dezember, am Heiligabend, erhielten die Lagerkommandanten ein Geheimtelegramm aus Berlin, dass das deutsche Zugsystem in dieser Weihnachtszeit so überlastet sei, dass die 1000 französischen Juden nicht abtransportiert werden könnten. Den Wortlaut des Telegramms fand Sinclair in den Aufzeichnungen eines Überlebenden (Georges Wellers). Die Überlastung des deutschen Zugsystems sollte noch dauern, aber das Todesurteil über die Notablen war längst gefallen. Die Lagerverwaltung ging mit Verachtung, Brutalität und kaltem Zynismus über sie hinweg, ließ sie verhungern, verdursten, erfrieren, löschte die menschliche Persönlichkeit aus: „une sorte de Progrom à froid“ (ein Zitat von Roger Gompel).

Das Internierungslager Compiègne-Royallieu 1941 (Quelle: www.memoirevive.org)

Das Internierungslager Compiègne-Royallieu 1941 (Quelle: www.memoirevive.org)

Anne Sinclair geht jeder Spur nach, fährt in die Orte des Grauens, entdeckt jedoch in den wenigen Büchern und Dokumenten, die Überlebende über die Zeit im Lager C verfasst haben, keinen Hinweis auf ihren Großvater. Dafür erinnert sie an einige Notable mit Namen, die in Frankreich Klang hatten (René Blum, Roger und Pierre Masse, Robert Dreyfus) und gibt ihnen ein Stück Würde zurück. Sie sucht die ehemaligen Wohnorte der Ermordeten, die Straßennamen und Hausnummern sind für Anne Sinclair das, was hierzulande die Stolpersteine sind. Sie schreibt ohne Pathos, bewegend setzt sie kleine Denkmäler gegen das Vergessen.

Den Namen Leonce Schwartz findet sie auch in der heutigen Erinnerungsstätte in Royallieu nicht, sondern in einer Liste eines Militärkrankenhauses, in das ihr todkranker Großvater vor dem Transport der Übrigen nach Auschwitz verlegt worden war. Die Legende ihrer heldenhaften Großmutter zerbröselt. Das Rote Kreuz hat das Lager C nie betreten dürfen.

Anne Sinclair hat das Buch ihren beiden Söhnen und ihren Enkeln gewidmet. Es ist ihm zu wünschen, dass es einen deutschen Verlag findet, gegen das Vergessen der hiesigen Söhne, Töchter und Enkel.

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erstellt am 14.7.2020
aktualisiert am 16.7.2020

Buchcover „La rafle des notables“, Anne Sinclair

Anne Sinclair
La rafle des notables
in französischer Sprache
Broschiert, 128 Seiten
ISBN/EAN: 978-2246824138
Verlag Grasset, Paris 2020

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