Wie nur wenige der Philosophen war Hans Blumenberg auch ein philosophischer Schriftsteller. Er handelte nicht ab, sondern ließ die Leser ungewohnten Gedankengängen folgen und argumentierte vor ihren Augen. Der Philosoph Florian Arnold beschreibt zum 100. Geburtstag des 1996 Verstorbenen, worauf es dabei ankam.

Hans Blumenberg zum 100. Geburtstag

Blumenberg zum Beispiel

Es hat seinen eigenen Witz, einem Verstorbenem zum 100. Geburtstag zu gratulieren. Hans Blumenberg, der große Solitär der alten Bundes- und Gelehrtenrepublik, hätte sich am 13. Juli wohl einer Horde von Verehrerinnen und Verehrern erwehren müssen. Dabei hielt er es selbst zeitlebens für die eigentliche Kunst des Zweibeiners, sich im entscheidenden Moment wieder wegzuducken. Postum jedoch dürfte ihm durch die erweiterte Sichtbarkeit zugleich das größere Geschenk gemacht werden, als es die belassene Ruhe in einer klingellosen Bücherhöhle gewesen wäre. Und vielleicht besteht gerade hierin der eigentliche Witz einer öffentlichen Existenz: an publikem Ruhm zu gewinnen, was man an privatem Leben letztendlich einbüßt. Schaut man sich um, registriert man nicht nur ein anhaltendes, sondern sogar wachsendes Interesse an den Schriften und Zeugnissen dieses betulich Unsichtbaren. Kann man sagen: Er hat es geschafft, er hat sich überlebt?

Wie soll man diese etwas gespensterhafte Gestalt also ehren oder gar hochleben lassen, deren Entzug schon zu seiner Zeit wie ein sterblicher Aufschub eines unsterblichen Ruhms anmutete? – Das erste wäre wohl, unnötiges Pathos zu vermeiden. Was Blumenberg als einen der anregendsten und nicht bloß aufregendsten unserer literarischen Zeitgenossen erscheinen lässt, ist ein nüchterner Blick samt spitzer Feder. Das muss stilistisch nicht schon Sachzwang und argumentative Alternativlosigkeit bedeuten, wie man sich gelegentlich in Erinnerung rufen sollte. Im Gegenteil wird jede Lektüre seiner Schriften zu einer gedrängten Lektion in Rhetorik, jener Kunst des schnelleren Durchkommens auf schöneren Umwegen. Das wusste er vermutlich selbst, und Blumenberg, als eine der wenigen Gestalten mit einem zugleich ausreichenden Maß an Selbstdistanz, wird es auch an sich selbst geschätzt haben. Oder in einer seiner gekonnten, besonders charakteristischen Wendung: „Man ist nicht wichtig, zugegeben, aber nichts ist wichtiger als man.“

Aus dem Mund eines bereits Verstorbenen vernommen, könnte man diesen Ausspruch zugleich als einen Nachruf auf die noch Lebenden verstehen. Die Rede war von Nüchternheit und neben einem für Philosophen untypischen Mangel an Schwermut, was nicht schon Leichtsinn heißen muss, ist es eine gewisse thrakische Ironie, die sich auf unvergleichliche Weise gerade über die Absurditäten im Sternenhimmel über uns oder des moralischen Gesetzes in uns zu erheitern wusste. Der Grund hierfür ist jener Abgrund, in den zuletzt nicht nur Philosophen stürzen, während sie darüber hinweggehen wollen:

„Wir wissen, daß wir sterben müssen, aber wir glauben es nicht, weil wir es nicht denken können. […] Dieses Dilemma ist von der Art, daß es nach Mitteln der Substitution für das Undenkbare, der Nachhilfen fürs Unglaubliche, der Surrogate für die blasse Äußerlichkeit des Wissens verlangt. Es ist das Reich der absoluten Metaphorik im Zentrum, in der Kapitale, wo sich entscheidet, ob es überhaupt eine Chance für ein wenig mehr als das Wißbare gibt, das sich auf das immer Andere und die immer Anderen bezieht und den ausspart, dem es um sich selbst geht.“
[aus: Hans Blumenberg, „Höhlenausgänge“, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989, S. 11]

Blumenberg gebührend zu ehren, scheint also von vornherein nach mehr zu verlangen als den üblichen Gedenkriten kontingenter Kalendertage und -jahre, die uns scheinbar glauben machen wollen, dass es unbeschadet gewisser Ausfälle stets von selbst weitergeht. Zugegeben, gerade solche arithmetischen Fiktionen haben ihre eigene Symbolkraft, um den Absolutismus der Wirklichkeit zu bannen, einer Wirklichkeit, die nicht weniger zufällig in Sachen Leben und Ableben verfährt. Doch wird man Blumenbergs Klarsicht erst dadurch gerecht werden, wenn man das Undenkbare als solches, in seiner Unbegrifflichkeit, nicht vergisst, um sich im gleichen Zug dieser „Nachhilfen“ und „Surrogate“ als der eigentlichen Denkleistungen zu erinnern, die uns überhaupt weiterzumachen erlauben.

Nehmen wir darum ehrenhalber die Rede vom „Geburtstag“ einmal nicht uneigentlich, sondern ernster, gleichsam „metaphorischer“ als sie gemeint ist und übertragen sie statt auf „das immer Andere und die immer Anderen“, vielmehr auf uns und Blumenberg selbst, dann sehen wir uns geradezu in das Zentrum seiner geräumigen Gedankenwelt geworfen. Wo wir uns damit befinden, zeigt schon der Fundus der Zitate an, die vielleicht nicht zufällig dem letzten seiner Werke entstammen, den Höhlenausgängen. Sie weisen zugleich zurück auf die Geburt der Philosophie im Abendland. Platons berühmter Höhlenmythos dient seit jeher als Gleichnis für den Anfang und das Ende, das Leben und den Tod der Philosophie, jener Liebe zur Weisheit also, die sich stets nur unterwegs wissen wollte von den Schatten am Grund der lebensweltlichen Höhle ans wahre Licht einer blendenden Sonne.

Die Geschicke dieser initialen Aufklärungsbewegung sind vertrackt und führen im Ganzen vielleicht nirgendwohin. Folgt man dieser hermeneutischen Höhlenexpedition durch die Jahrtausende jedoch nur ein kleines Stück, meint man Blumenberg bald – wie sonst bei keiner seiner Bücherreisen – wiedererkennen zu können als den philosophischen Speläologen, der er schon immer war, als den Nischenkenner im kosmischen Bau, der mit seinen Lesern nochmals die Aufstiege und Abstiege der ihm innig vertrauten Geistesgeschichte absolviert. Es sind diese autobiographischen Züge eines abendländischen Bildungsgangs, die das Buch im Rückblick als ein persönliches Vermächtnis erscheinen lassen, mochte Blumenbergs eigener Weg auch an der Schwelle des Höhlenausgangs enden. Es ist die Metapher selbst der Höhle, die den menschlichen Lebenszeitraum zwischen Eingang und Ausgang, Natalität und Mortalität wie kaum ein anderes in ein rundes, geradezu kosmisches Bild zu fassen erlaubt, ein Bild, das uns bis heute gefangen hält. Es sind endlich, schenkt man Blumenbergs speläologischen Spekulationen Glauben, Höhlen einer ideenreichen Einbildungskraft – wie vom Schlage seiner eigenen.

Was das mit unserer Lebenswelt der Quarantänen und Blasen zu tun hat, wird spätestens dann klar, wenn man Blumenbergs Höhlenfährte einer Geistesgeschichte der Technik aufnimmt und in den digitalen Matrizen die uralten Geburtsgrotten unserer Weltkindschaft wiederkennt. Nicht erst seit der Neuzeit, geschweige denn seit heute, entfaltet sich die menschliche Natur im Spielraum ihrer Listen und Techniken. Blumenberg selbst hat seine Beschreibung des Menschen als eine Umschreibung unserer Welt- und Selbstverständnisse aus der gesicherten Selbstdistanz der Schriftkultur verfasst. Dass er mit Gedanken eines „Weltsimulators“ spielte, durchaus nicht abgetan, zeugt dabei nicht nur von privater Technik-Begeisterung, sondern der gebotenen Geistesgegenwart inmitten einer bereits durchtechnisierten Welt.

Gegenläufig hierzu ist zugleich bezeichnend, dass sein wachsendes Lebenswerk, aus einem analogen Nachlass alljährlich gespeist, heute gerade dort wieder zum Anlass lebhafter Diskussionen wird, wo es um die Frage des Menschseins im Sinne klassisch-gebildeter Humanität schon geschehen schien. In der Auseinandersetzung mit Blumenberg meldet sich ein europäisches Geschichtsbewusstsein erneut zu Wort, das im wilden Westen oder Osten der Digitalisierung kaum mehr Gehör findet. Es ist derjenige Ballast, der die heute abermals hochfliegenden, in metaphysische Himmel entweichenden Gedanken weniger beschwert als auf einem humanen, statt transhumanen Kurs hält. Die Unterscheidung zwischen Gespenstergeschichten eines davoneilenden Fortschritts und der Geistesgeschichte seiner kritischen Selbsteinholung bleibt nicht zuletzt dank Blumenberg weiterhin eine von Wissens-, nicht Glaubensfragen.

Das hat zuletzt weniger damit zu tun, dass die Betriebsamkeit in der Aufarbeitung der Geschichte und aller möglichen Geschichtchen abgenommen hätte, im Gegenteil. Auch mangelt es dem Zeitgeist nicht an Fabulierkünstlern gar in höchsten Ämtern. Doch was Blumenberg einer anhaltenden Lektüre würdig macht, ist etwas anderes: eine anschmiegsame Einbildungskraft und trennscharfe Urteilskraft mit Blick für die Übergänge und Übertragungen, die sich ansonsten unbemerkt und allzu rasch in Mythen und Utopien verwandeln. Dagegen, könnte man behaupten, hat Blumenberg eine neue Erzählgattung erfunden. Odo Marquard sprach bei Gelegenheit von „Problemkrimis“. Womöglich aber gab Blumenberg insgeheim eine bestimmte Tradition nur niemals auf und schrieb sie stattdessen gebührend weiter: den Bildungsroman des Geistes im Marsch durch die modernen Institutionen.

Wie seinerzeit Goethe zum Beispiel oder Hegel ist dies freilich mit der Aufforderung an seine Leserinnen und Leser verbunden, in seinem Gedenken Schritt halten zu wollen – weniger mit dem bloßen Tagesgeschehen als mit einem heute im besten Sinne unzeitgemäßen Zeitgeist. Und ist es so letztlich an uns, wäre dies wohl auch das geeignetste Geschenk, das sich Blumenberg zum Hundertsten machen ließe, um seine Gedanken auch in hundert Jahren noch in Gang zu halten. Wie ihn also ehren und hochleben lassen? Sagen wir es so: Blumenberg ist tot, es lebe Blumenberg!

Trailer zum Film „Hans Blumenberg, der unsichtbare Philosoph“, Film von Christoph Rüter, D 2018

Von Florian Arnold erscheint im Herbst 2020 beim Verlag Vittorio Klostermann „Die Architektur der Lebenswelt. Entwürfe nach der philosophischen Anthropologie Blumenbergs”.

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VG-Nummer: | erstellt am 12.7.2020
aktualisiert am 14.7.2020

Hans Blumenberg (1920-1996) Foto: © Peter Zollna/Suhrkamp Verlag

Hans Blumenberg (1920 – 1996)
Foto: © Peter Zollna/Suhrkamp Verlag

Das gesamte Werk von Hans Blumenberg erschien im Suhrkamp Verlag.

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