Zehn Fragen an Ellen Wagner

Was steht außer dem Computer, der Schreibmaschine, dem Schreibblock oder dem Diktiergerät noch auf Ihrem Schreibtisch?

Ellen Wagner: Sehr selten nutze ich einen Schreibtisch. Eigentlich eher dann, wenn eine Kulisse für einen Vortrag via Online-Videoplattform gefragt ist. Ansonsten steht auf dem Tisch, an dem ich schreibe – häufig handelt es sich um einen gebrauchsüblichen Küchentisch –, meist eine leere Kaffeetasse, die, vom Frühstück noch nach Stunden übriggeblieben, als allegorischer An- und Ausblick über mein Tun und Nicht-Tun wacht.

An „richtigen“ Schreibtischen bin ich hin und wieder auch zu Gast. Als besonders praktisches Accessoire in Erinnerung geblieben ist mir dabei ein funktionstüchtiger kleiner Modell-Gabelstapler, mit dem man, mit etwas Geduld und Fingerspitzengefühl, Post-its von einem ans andere Ende des Tisches transportieren konnte.

Was tun Sie am liebsten, wenn Sie nicht schreiben?

Auf dem Bauch liegen, die Arme zu beiden Seiten wegstrecken. Unmöglich, in dieser Haltung noch Stift oder Tastatur zu bedienen.

Gibt es ein Heilmittel gegen Schreibblockaden?

Alle beruflichen und privaten Termine für den nächsten Tag absagen und dann vor dem leeren Dokument durchhalten, bis sich was tut. Alternativ: Rigipswände verspachteln (wenn vorhanden); Hip Hop-Lyrics transkribieren; sich (dabei) ausreden, das Rad neu erfinden zu müssen.

Wo sammeln Sie Ideen für Ihre Texte?

Meist am Wegesrand der Texte selbst, wenn sie einmal losgegangen sind.

Welche fünf Bücher möchten Sie nicht missen in Ihrer Bibliothek?

Abgesehen von einer (leider vielsagend fragmenthaft gebliebenen) Benjamin-Gesamtausgabe sind dies teilweise auch Bücher, die nicht aus meiner eigenen, sondern aus fremden Bibliotheken stammen, deren Rückgabe ich aber stets rekordverdächtig hinauszuzögern verstand und verstehe. Dazu zählen z. B.:
– Mike Kelley: Catholic Tastes
– Wilhelm Genazino: Die Obdachlosigkeit der Fische
– Doris Lehmann: Historienmalerei in Wien
– Thomas Pynchon: Vineland

Welches Buch oder welchen Autor oder welche Autorin können Sie nicht ausstehen?

Es gibt nichts, was kategorisch nicht auf den Tisch kommt. Etwas anstrengend finde ich manchmal die großbuchstabierten, metaphorisch beladenen Thesen David Joselits, die beim Versuch des Zu-Ende-Denkens mit allerlei Problemen aufwarten.

Ebenso die konstruierte „Ich-ist-immer-ein-anderer“-Perspektive in Armen Avanessians „Miamification“. Der Autor schreibt hier über sich und seine Lebensgefährtin (mit der er während einer Schreibresidency auf dem Scooter durch die City cruist und sich in Hotelpools sneakt), immerfort von „du“ und „ihr“, was, als reflexives Moment gedacht, im „Pluralis Intellectualis“ das Private künstlich distanziert und gerade dadurch doch wieder betont. Mit der Zeit kann dies ziemlich nervtötend werden. Ich gehe davon aus, das soll so sein, deshalb lese ich (trotzdem [noch ein Stück]) weiter.

Welchen Autor oder welche Autorin beneiden Sie und warum?

Anerkennung empfinde ich allen Autor*innen gegenüber, die sich Unabhängigkeit bewahren und nicht (nur) für die eigene Sichtbarkeit schreiben. Außerdem für diejenigen Schreibenden, die im Merkur, der „Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken“, scharfsinnige Analysen mit ebenso, auch zwischen den Zeilen, treffender Sprache verbinden. Besonders aber darunter die Autorinnen, die es in wachsend geringer Anzahl dann doch immer wieder in einzelne Ausgaben schaffen.

Wer oder was hat Sie zum Schreiben gezwungen?

Jede Ausstellung, vor allem solche, von denen ich erst noch herausfinden muss oder möchte, wie ich sie finde. Im profanen Sinne aber auch: Mein E-Mail-Postfach, morgens zwischen 8 und 9.

Kann Bildende Kunst zum Schreiben anregen – wenn ja, an welche Künstler oder Künstlerin denken Sie dabei?

Ja. Sonst wäre mein Beruf sehr traurig. Im Augenblick z. B. Stanya Kahn. Aber eigentlich muss für die Kunst auch nicht alles ausgeschrieben werden. Im Geschriebenen Leerstellen zu lassen, die man selbst in diesem Augenblick nicht zu Ende führen kann, spricht vielleicht sogar für das besondere Anregungspotential eines Werks oder einer Position, das dem Schreiben, freundschaftlich und kollegial, auch mal seine Grenzen setzt.

Mit welcher Autorin oder mit welchem Autor würden Sie gerne einen trinken gehen?

Mit Walter Benjamin. In Marseille.

Siehe auch:

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erstellt am 10.7.2020
aktualisiert am 15.7.2020

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Ellen Wagner