Die Stellung der Künstler in der jeweiligen Gesellschaft zeigt sich während der Covid-19-Krise besonders deutlich. In Indien gibt es keine Institutionen, die den Künstlern bei plötzlicher Arbeitslosigkeit unter die Arme greift. Clair Lüdenbach hat sich bei einem Musiker, einer Schriftstellerin und Aktivistin und einer bildenden Künstlerin in Indien nach ihren Erfahrungen in den letzten Monaten erkundigt.
Zum Auftakt ein Gespräch mit dem Sitaristen Purbayan Chatterjee, der in Mumbai lebt und zu den prominentesten Musikern der Gegenwart gehört.

Clair Lüdenbach im Gespräch mit dem Sitaristen Purbayan Chatterjee

Die Gesetze der Natur

Clair Lüdenbach: Wann wurde Dir klar, was die Pandemie und der lock down für Dich und andere Musiker bedeutet?

Purbayan Chatterjee: Das ist eine interessante Geschichte. Wir sollten im März ein Konzert in China spielen. Ungefähr im Januar hörten wir zum ersten Mal vom Corona-Virus. Wir beobachteten die Situation, und ich dachte, wir haben jetzt Januar und im März wird alles wieder o.k. sein. Dann kontaktierten uns die Organisatoren und sagten uns, dass sie das Konzert auf nächstes Jahr verschieben wollten. Dann hatte ich ein Konzert in Singapur, auch das wurde abgesagt. Langsam wurde uns klar, was das bedeutet, und auch Indien bekam den lock down. Wir alle dachten, das geht jetzt ein paar Wochen so und dann haben wir unser normales Leben zurück. Aber allmählich wurde uns klar, das bleibt so vielleicht für acht oder neun Monate. Es gibt keinen Lebensunterhalt, keine Konzerte, keine Arbeit und da wir freischaffend sind und kein Gehalt bekommen, müssen wir uns mit dieser Realität abfinden.

In Indien begann der lock down sehr spät, weil die Pandemie dort erst viel später als in anderen asiatischen Ländern auftrat.

Er begann am 21. März, und es gibt einen Grund dafür. Bei uns gab es am Anfang kaum Infektionen, ungefähr fünf Fälle in Kerala. Und deshalb gab es keinen lock down. Und ehrlich gesagt, der lock down war bisher nicht wirklich hilfreich, denn die Zahlen sind unabhängig davon gestiegen. Ich habe einen großen Respekt vor Deutschland, wie man da den lock down handhabte. Und natürlich gab es viele Tote, wie zum Beispiel in Italien. Aber ich glaube, das ist unvermeidlich. Das ist ein Neustart der Natur, und man kann die Gesetze der Natur nicht umgehen. Man muss sich ihnen beugen. Die Leute gerieten in Panik. Es gibt auch einen großen Gruppendruck, ein Land fängt an, und andere folgen. Und jetzt – Mitte Juni – öffnen wir langsam hier in Mumbai. Aber ich habe gehört, dass Chennai wieder zumacht. Mehr Menschen sterben durch Hunger als am Corona-Virus. Ich persönlich finde, es ist sehr dumm, einfach alles zu schließen. Man muss das Gesundheitssystem aufstocken und Gebiete abgrenzen. Das wurde anfangs auch alles gemacht, aber nicht richtig ausgeführt.

Was heißt das für die Konzertveranstaltungen?

Es sind für einige Monate keine Konzerte erlaubt. Aber wir haben die digitalen Medien für uns entdeckt. Und ich bin froh sagen zu können, dass wir viele digitale Konzerte veranstalten. Ich habe mit anderen eine Band gegründet, die „Live and in sync“. Wir Musiker aus allen Teilen der Welt spielen in Sync., spielen gemeinsam, und mit Gottes Hilfe haben wir etwas Arbeit. Zudem habe ich meine digitale Präsenz verstärkt und sicher ein dutzend Videos gemacht, in denen ich mit verschiedenen Künstlern aus unterschiedlichen Genres zusammenarbeite. Ich versuche, präsent, fokussiert und positiv zu bleiben. Es geht nicht nur ums Geld, obwohl das auch wichtig ist. Ich kann nur noch mal meinen großen Respekt vor der deutschen Regierung aussprechen und davor, wie Angela Merkel die Situation handhabt. Sie leistet eine hervorragende Arbeit, davon sollte Indien etwas lernen. Es ist beschämend für Indien, dass niemand etwas für die Künstler tut. Niemand! Gestern veranstaltete ich das Projekt „Music for healing“ für notleidende Künstler und musste feststellen, dass es keine Aktion in ganz Indien gibt, die sich um notleidende Künstler kümmert. Alle sammeln für Mädchen oder Arbeitsmigranten, ja die hungern, sie haben kein Dach über dem Kopf, aber die Musiker hungern auch. Das gilt für viele Künstler aller Art. In Indien betrachtet man Künstler nicht als Teil der Gesellschaft. Das ist ein sehr trauriger Zustand. Ich glaube, wir haben noch einen langen Weg vor uns, bis wir eine wirklich zivilisierte Nation sind, die ihre Künstler respektiert – ebenso wie jeden Teil der Gesellschaft.

Wenn Ihr online Konzerte macht, gibt es dafür auch Geld?

Ja, wir bekommen Geld. Wir machen Konzerte für Firmen. Wir spielen zum Beispiel für Samsung, für eine digitale Produkt-Präsentation, und dafür werden wir bezahlt. Ich habe mich mit einer Ticket-Plattform zusammen getan, und darüber können wir Tickets verkaufen für unsere digitalen Shows. Und ich gebe Meisterklassen, dafür kaufen Leute auch Tickets.

Das ist großartig.

Ja, nachdem ich all das gesagt habe, muss ich auch sagen: Das ist nicht einfach. Ich arbeite wie ein Sklave 12 bis 13 Stunden am Tag, um all die Projekte am Leben zu halten.

Ja, ich kann das über Facebook verfolgen und bin beeindruckt von Deinem unglaublichen Arbeitspensum.

Ich versuche, ein Beispiel zu geben. So habe ich auch das Projekt Musician Digistage aufgebaut. Das ist eigentlich für mich gedacht, aber ich mache das auch für die gesamte Musikergemeinschaft. Ich will, dass sich die Gemeinschaft zusammenschließt, denn die klassischen Musiker bilden keine Gemeinschaft, das muss ich leider sagen. Die klassischen Musiker sind nur mit sich selbst beschäftigt und ihrem eigenen Ego: Ich bin wichtig, ich habe ein Anrecht auf bestimmte Privilegien. Diese Haltung schadet der gesamten Gemeinschaft. Deshalb versuche ich, alle zusammen zu bringen. Ich bin sehr dankbar, denn für die Aktion „Music for healing“ kamen elf der besten Musiker zusammen.

Musikvideo mit Purbayan Chatterjee auf dem YouTube-Channel ‚Musician's DigiStage‘:„Satyagraha“

Ja, ich habe das gehört und war sehr beeindruckt. Was ist nun mit den großen Konzertveranstaltern? Jetzt im Sommer gibt es keine Veranstaltungen; das kommt allen sehr entgegen, aber was passiert im Winter?

Ich glaube, sie hoffen, dass sie im November oder Dezember wieder alles öffnen können. Auch ich hoffe, dass alles wieder im November/Dezember offen ist, denn es ist nicht das gleiche, digital oder vor einem Publikum aufzutreten. Es geht nicht nur ums Geld, sondern auch darum, um eine Verbindung zum Publikum aufzunehmen.

Ja, diese Situation haben wir hier auch.

Ich bete, damit weltweit die Gemeinschaft der Musiker sich zusammenfindet, um sich gegenseitig zu unterstützen. Vielleicht finden sich Fonds, die helfen und uns unterstützen.

Was geschieht aber bei all diesen Online-Aktivitäten mit dem kreativen Potential? Bleibt Dir noch Zeit „musikalische Kreativität“ zu entwickeln?

So wie ich arbeite, ist das alles eins. Ich liebe es, auf den Punkt immer dabei zu sein. Für mich ist das eine beständige Dopamin Suche. Ich bin so verliebt in den kreativen Prozess, nicht nur auf der Sitar – die liegt immer bereit hier auf meinem Schoß – dazu gehört ebenso die ständige Suche nach den besten digitalen Möglichkeiten, auch die, wie ich ein Video mache. Die Technologie ist ein Teil des kreativen Prozesses. Das ist es, was ich liebe. Es geht mir darum: Wie kann ich morgen mit Hilfe der Technologie etwas anders machen, wie kann ich die Kluft zwischen Dir und mir überwinden? Wie kann ich Dir näher kommen, so dass Du das Gefühl hast, ich lebe in Deinem Wohnzimmer? Für mich ist das ebenso kreativ wie mein Instrument zu spielen. Ich bin ganz glücklich in meinem Umfeld. Und ich arbeite in verschiedenen Genres. Ich versuche, verschiedenartige Melodien hervorzubringen. Das bin ich. Ich bewege mich gerne in verschiedenen musikalischen Räumen.

Wird diese Erfahrung einen Einfluss auf die späteren Konzertgeschehen haben?

Ja, einige Leute werden durch die jetzige Situation über den Rand fallen. Das ist traurig. Kürzlich hat sich ein junger Schauspieler umgebracht. Es ist eine Situation, in der die Leute in einer seelisch schwierigen Situation sind. Mich macht es glücklich, wenn ich 20 Stunden am Tag arbeite. Es ist wohl ein Selbstschutz-Mechanismus. Es zwingt mich, nicht die Medien zu verfolgen, nicht die Nachrichten zu sehen oder Twitter zu verfolgen. Ich halte mich von schlechten Nachrichten fern. Ich versuche, mich nur informiert zu halten über das, was jetzt wichtig ist. Wenn wir rausgehen, dann verwenden wir Desinfektionsmittel, tragen Handschuhe und Masken. Das ist alles, was wir tun können. Ich muss mein Leben leben und Musik machen. Wenn ich für eine Studioaufnahme morgen gefragt werde, dann muss ich das machen. Und ich muss das eventuelle Risiko tragen.

Es sind also wieder Studios geöffnet?

Ja, Studios sind wieder offen. Aber ich habe auch ein eigenes Studio hier zu Hause.

Du bist mit einer Frau verheiratet, die auch Musikerin ist, aber in einem etwas anderen Genre. Was macht sie in dieser Zeit?

Ja, sie singt in vielen Filmen und singt Ghaselen. Es ist das Gleiche, es gibt auch für sie keine Konzerte. Ich bin gesegnet, dass ich mit einer Künstlerin verheiratet bin, die die Lage versteht. Wir sitzen im gleichen Boot. Wenn ein Künstler mit einem Banker oder was auch immer verheiratet ist, dann hat er Glück, weil wenigstens einer einen Job hat. In unserem Fall sind wir eine geistige Einheit und arbeiten beide sehr hart. So können wir etwas Geld verdienen. Aber wir werden auch von unserer Familie unterstützt. Wir können es schaffen, aber es ist nicht einfach, ganz sicher nicht.

Musikvideo von Purbayan Chatterjees YouTube-Channel: „ANTAR – The Transformation | Purbayan Chatterjee | Kaushiki Chakraborty | Feat. – Stephen Devassy“

Die Fragen stellte Clair Lüdenbach.

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erstellt am 08.7.2020

Purbayan Chatterjee
Über den Künstler

Purbayan Chatterjee wurde 1976 in Kalkutta geboren. Sein Vater, der Sitarist Partha Chatterjee war sein wichtigster Lehrer. Neben der indischen klassischen Musik arbeitet er häufig genreübergreifend mit Musikern aus der Jazz- und Popmusik.

www.purbayan.com