In der Holzverkleidung von Konzertsälen sei die Musik einiger Jahrhunderte aufbewahrt, hört man von Wundergläubigen. Was aber ist los, wenn, wie gegenwärtig, im Saal nichts los ist? Sind die Pausen dann auch im Holzarchiv zu finden? Achim Heidenreich hat über das große Schweigen in unseren Konzertsälen nachgedacht und gleich ein paar Programmideen mitgegeben.

Nachdenken über das große Schweigen in unseren Konzertsälen

Stille ist nur ein Wort

Achim Heidenreich
Achim Heidenreich

Nein, in den zurzeit leider leeren Konzertsälen erklingt nicht John Cages fast siebzig Jahre altes Tacet-Stück „4:33“, weil in ihnen nichts gespielt würde. Diesen Pennälerwitz kann man sich angesichts der immensen Bedrohung durch Corona wahrlich sparen. Das wäre auch – soviel Werktreue muss sein – ein ziemliches Missverständnis. Gerade für diese Komposition in drei Sätzen, bei der ein Pianist stumm vor dem Klavier sitzt und dreimal nicht Klavier spielt, braucht es die Choreographie des Konzertauftritts im belebten Raum, also den eintretenden Interpreten und ein Publikum in freudiger Erwartung einer künstlerischen Setzung, die da wäre Klavierklang durch fingerfertigen Tastendruck.

Der Klang bleibt also bei „4:33“ (Titel gleich Dauer des Stücks in Minuten und Sekunden) aus, die Erwartung im möglichst ahnungslosen Publikum allerdings steigt. Schließlich lauschen alle, was der Sitznachbar vor und nach dem Bonbon auspacken sonst noch so treibt oder was der Konzertraum je nach Verglasungsart von der Welt da draußen akustisch durchdringen lässt.

Wir aber müssen uns in Zeiten wie diesen wacker in Geduld üben, bis wir endlich wieder den konkreten Klang im „Nu der Ewigkeit“ (Karlheinz Stockhausen) erleben können, sprich: bis Interpreten und Publikum in der Einheit von Raum, Zeit und Klangbewegung wieder beieinander sitzen. Was bis dahin durchs Internet oder über Antenne in unsere guten Stuben, also aufs Handy, dringt, ist, mit Verlaub, eigentlich Lautsprechermusik, weil sie aus einem Lautsprecher kommt.

Was uns das Beispiel „4:33“ aber deutlich vor Ohren führt, ist jene innigste Verbindung zwischen Interpreten und Zuhörern, wie sie nur das gemeinsame Nachlauschen im Konzertsaal herstellen kann – übrigens ein durch und durch demokratischer Ort, wie Paul Bekker bereits 1917 über die Vergesellschaftung von Klang ebenda anhand der Sinfonie einleuchtend darlegte: Im Hör- und Aufführungsakt sind alle gleich, weil dann Musik vergesellschaftet wird.

Musiker werden selbst zu Zuhörern, sobald sie den letzten Klang intoniert haben. Der baut sich bauchig im Raum auf und verklingt sodann ganz sacht – wie alle Klänge am Schluss einer Komposition. Die Musik wird naturgemäß immer leiser, egal, mit welcher Verve der Klang herausgeschleudert wurde. Es ist nur eine Frage der Zeit. An dieser Stelle ersparen wir uns einen Exkurs über die wenig Demut vor dem Werk ausstrahlende Geste mancher Streicherensembles, die nach der letzten Intonation eines Werks ihre Bögen derart heroisch in die Luft strecken, als hätte man ein Standbild aus einem Mantel- und Degenfilm vor sich.

Der Schluss jedoch ist der fragilste Moment der Interpretation. Das wird durch diese unangebrachte Geste konterkariert und zerstört einen gewissermaßen magischen Moment.

Denn näher als im Verklingen und gemeinsamen Nachlauschen eines Werks nach der letzten Intonation können Musiker und Publikum in ihrer Wahrnehmung nicht beieinander sein. Die Musiker verharren zuhörend in ihrer finalen Spielhaltung, das Publikum begreift, dass es gemeinsam mit den Musikern Berge bestiegen oder endlose Räume durchstreift hat, je nach Epoche. Die jetzt gemeinsame Spannung im Raum löst sich nun bestenfalls in philosophische Heiterkeit auf, genannt Applaus. Oder um es mit Odo Marquard zu sagen: “Um sich selber auszuhalten, brauchen Menschen die Leichtigkeit.“ Applaus nach Werken von Rang gibt ihnen diese Leichtigkeit. Sie ist notwendig, um nach existentieller Erfahrung durch Musik wieder ins Freie treten zu können, aber anders, als man ins Konzert hineingegangen ist. Musik bewerkstelligt gerade dadurch keine Transzendenz auf dem Weg vom sogenannten Irdischen nach Sonstwohin, sondern sie liefert Kontingenz, Verbundenheit mit der Welt. Applaus ist dafür die richtige Handreichung. Zu Applaudieren ist keine sinnentleerte Konvention, was nach Ernst Bloch Spießigkeit bedeuten würde, sondern eine „Üblichkeit“ (Marquard), in der sich noch einmal die Dringlichkeit des Werks und die entstandene Konzentration der Musiker und Zuhörer spiegelt und sich bestenfalls in Freude, Erkenntnis und einem großen Gemeinschaftsgefühl im Konzertsaal, in dem alle im Akt des Hörens gleich sind, auflöst.

Womit aber sollte ein Werk, etwa ein Streichquartett, kompositorisch beendet werden, damit genau das geschieht? Lucas Fels, seit 2006 Violoncellist des weltberühmten Arditti Quartet, den wir über Videoanruf bei seiner Familie in Freiburg antreffen, weil auch seine Formation von Konzertausfällen drastisch betroffen ist, treibt die Frage „Wie-Schlussmachen?“ seit langem um, und er verweist spontan auf ein berühmtes Beispiel: György Ligeti. Dessen zweites Streichquartett mache es den Interpreten leicht, zu Zuhörern wie das Publikum zu werden. Ligeti hat für jeden Satz eine exakt festgelegte Generalpause als mitkomponierte Stille an den Schluss gesetzt. „Senza tempo: Silenzia assoluta ca. 10 sec.“ Das ist strikt einzuhalten. Sonst wäre es wohl ein anderes Stück? Das Video auf Youtube mit dem Arditti Quartet wird wie mit der Stoppuhr gemessen und noch innerhalb der Haltung der Musiker während der Generalpause nach exakt zehn Sekunden rasch ausgeblendet. Szenisch hätte man sich die Auflösung der Spielhaltung und damit einen üblichen Werkschluss erst durch das Absinken der Bögen gewünscht, um genau diese innige Verbindung zwischen Interpreten und Publikum zumindest zu symbolisieren. So wirkt die exemplarische Interpretation etwas abgebrochen.

Die mitkomponierte Stille am Schluss: Video des 2. Streichquartetts von György Ligeti, interpretiert vom Arditti Quartet.

Lucas Fels und der britische Komponist Brian Ferneyhough sinnierten bei einem gemeinsamen Frühstück 2008 während der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik über das Schlussmachen. Ferneyhough, eine Art graue Eminenz am Ort des Gründungsmythos der Neuen Musik nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa, hat auf die Frage nach Werkschlüssen eine ebenso simple wie einleuchtende Antwort gefunden. Bei dem Verfechter einer um 1990 Neue Komplexität genannten Kompositionsweise – gefühlt wird jeder Ton dreimal komponiert – überrascht das einigermaßen. Demnach gibt es für Ferneyhough fünf Arten beispielsweise eine Streichquartettkomposition zu beenden: Es klingt leise aus (fade out), ein wuchtiger Akkord bringt ein heroisches Ende, eine klimaxartige Struktur bricht plötzlich ab (kann auch leise sein), manche Stücke haben gar keinen Anfang oder ein Ende, weil sie gewissermaßen Ausschnitte eines großen Musikstroms sein wollen, und schließlich seien manche Stücke, wie Ferneyhough meint, so vollkommen, dass man gar nicht von Anfang und Schluss sprechen könnte, wie etwa bei Anton Weberns sechster Bagatelle (1911), Dauer: 30 Sekunden.

Anton Webern: Sechs Bagatellen, Op. 9., aufgeführt durch das Nightingale String Quartet 2011.

Tatsächlich sind Weberns Bagatellen die schönste Nebensache der Welt, dank ihrer aphoristischen Formvollendung, um die es hier geht. Um aber Webern adäquat als Publikum auch hören zu können, bedürfte es allerdings eines schalldichten Raums, damit alle Nuancen aus Stille und Intonation wahrgenommen werden können, wie der Musikphilosoph Heinz Klaus Metzger einmal anmerkte. Den kann aber selbst John Cages „4:33“ nicht bieten, und das ist gut so! Denn mit Publikum raschelt und rauscht es im belebten Konzertsaal vor und während der Darbietung doch ziemlich. Schlecht für Webern?

Nur im Konzertsaal wird Musik vergesellschaftet, denn hier begegnet sich die Zivilgesellschaft. Wenn wir applaudieren, können wir diesem gar nicht einmal so kleinen Rezeptionswunder immer wieder gewahr werden. Und das werden wir nach der großen, ungewollten Stille! Freuen wir uns also auf Werke wie etwa “Silence, to be Beaten“ von Wolfgang Rihm.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 06.7.2020
aktualisiert am 07.7.2020

Die Sekunden nach dem Ende eines Konzertes: Das Arditti Quartet hält hier inne.
(2. Streichquartett von György Ligeti)