Der kanadische Psychologe Steven Taylor hat ein rundum informatives Sachbuch über die Pandemie geschrieben, und zwar vor dem COVID-19-Ausbruch. Das englische Original wurde 2019 veröffentlicht, jetzt ist die deutsche Übersetzung erschienen. Wie Paul-Hermann Gruner beschreibt, steht darin schon alles, was danach geschah – und zwar schnörkellos und angenehm unideologisch.

Steven Taylors psychosoziale Analyse der Pandemie

Parolen, Psyche und Pandemie

Steven Taylor (Foto: Steven Taylor)
Steven Taylor

Nein, dieser Autor hat nicht spekuliert auf einen guten Absatz seines Buches. Er wollte nicht der erste sein mit einer wissenschaftlichen Studie zur Psychologie von COVID-19. Weil – er schreibt schon seit Jahrzehnten über Pandemien als Professor und klinischer Psychologe an der Universität von Vancouver im kanadischen British Columbia. Sein Fleiß in der wissenschaftlichen Bearbeitung von Angststörungen etwa und sein umsichtiges interdisziplinäres Herangehen an den Kontext von Biologie, Sozialpsychologie, Verhaltensforschung und Gesellschaftspolitik geben seinem Ruf Kontur.

Mit seinem jüngsten Buch hat Taylor also nicht schlicht Glück. Das Buch kommt nur exakt zum korrekten Zeitpunkt. Die deutsche Übersetzung sogar zum noch passenderen. Taylor macht klar: Schon lange vor dem neuartigen Coronavirus wurden Szenarien für die Bekämpfung von Pandemien entworfen. Aber psychologischen und emotionalen Wirkungen und Nebenwirkungen wurde dabei schmerzlich wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Mit der Zielsetzung, diese Lücke zur psychosozialen Dimension einer Pandemie zu schließen, erschien im Herbst 2019 die englischsprachige Originalausgabe des Buches – nur wenige Wochen vor dem Ausbruch von COVID-19 im chinesischen Wuhan.

Wichtig: Die rund 140 Seiten Kerngehalt des Buches kommen wohltuend schnörkellos, konkret, komprimiert und angenehm unideologisch zur Sache. Fast dreißig Seiten Literaturbezüge machen zudem klar, dass hier nicht ein Sachbuch-Schnellschuss kreiert, sondern die Quintessenz einer langen wissenschaftlichen Beschäftigung zum Themenfeld vorgelegt wird. Die deutsche Übersetzung zeigt nur Schwächen, wenn es um die zeitgeisttypisch gedankenlose Übernahme englischer Begriffe geht: „Social Distancing“ muss im Deutschen sorgfältig übertragen werden – nicht soziale Distanz, sondern körperliche Distanz ist gemeint. Und nicht alle Begriffe muss man (Beispiel „Superspreader“) wie scharfkantige Steine in den Feinsand des Deutschen werfen.

Inhaltlich bringt Taylor alles auf den Tisch, was uns seit drei Monaten in Europa quält, prägt, vorantreibt, beschäftigt. Vom Überblick, wie es überhaupt zu Pandemien kommt, widmet sich Taylor dann der gesamten Phalanx des Ablaufes: Risiko- und Krisenkommunikation, Hygienepraktiken, Abstandsregeln, Maskenpflicht, Jagd nach Wundermitteln und Impfstoffen, Ängste und Unsicherheit, Hamsterkäufe, Panikattacken, Verschwörungstheorien, Kritik an Medien, die Ausbreitung von falschen Nachrichten über soziale Netzwerke, Ableitung von Aggression über Sündenbocksuche, prototypischen Fremdenhass und Stigmatisierung.

Der historische Pandemie-Überblick offenbart, dass das aktuelle globale Erregungsplateau in Sachen Ansteckungsgefahr und Mortalität von COVID-19 eingeordnet werden muss. Die berühmteste unter den Pandemien, die Beulenpest (1346-1353), tötete weltweit schätzungsweise 50 Millionen Menschen (bei einer Weltbevölkerung von rund 350 Millionen), die Spanische Grippe (1918-1920) kostete weltweit nach dem Ersten Weltkrieg zwischen 35 und 100 Millionen Menschen das Leben. Manchen tötete die Spanische Grippe rasend schnell. Zahlreiche Berichte künden davon, dass Menschen, die am Morgen kränklich aufwachten am Abend gestorben waren. Andere starben einen langen und qualvollen Tod vor allem durch Blutungen an den Schleimhäuten. Dies alles lässt die helle Aufregung, die COVID-19 hervorrief und -ruft, in einem anderen Licht erscheinen.

Taylor differenziert gesundheitliche, wirtschaftliche, psychische und soziale Kosten, zeigt jedoch in einem auf unsere digitale Zeit fokussierten Kapitel die Gefahren auf, die sich medial erstmals zeigen in der Menschheitsgeschichte. Alles nach der Markteinführung des Smartphones stellt sich anders dar als davor: Medien und regierungsamtliche Informationswege stehen in scharfer Konkurrenz zu mehreren Plattformen der (a)sozialen Medien. Diese produzieren Gegenwelten und Gegendarstellungen, die wiederum gegen sachliche Falsifikationen staunenswert resistent sind. Das Kapitel zum „Spreading“ der alternativen Gefahrendeutungen und handfesten Verschwörungstheorien wirkt – wiewohl vor COVID-19 verfasst – wie ein brandaktueller Beitrag zur Zweischneidigkeit der digitalen Moderne.

Taylor zitiert seinen Kollegen Walker (2016) und dessen damalige Projektion wie folgt: „Wenn die nächste Pandemie aufschlägt …, wird eine Explosion von Milliarden Texten, Tweets, E-Mails, Blogs, Fotos und Videos über die Computer und Mobiltelefone auf der Erde hinwegfegen“. Taylor zitiert wissenschaftliche Studien, die nachweisen, dass 20 bis 30 Prozent aller You-Tube-Videos über Infektionskrankheiten falsche oder irreführende Informationen enthalten. Damit wird der spezifische Umgang mit einer Technik zu einem schwerwiegenden psychosozialen Problem, das seinerseits einige Aspekte der globalen gesundheitlichen Krise nachhaltig in den Schatten stellt. Taylor zitiert auch seine deutsche Wissenschaftskollegin Katrin Weigmann, die 2018 feststellte: „Sich alle Verschwörungstheoretiker als Spinner vorzustellen ist nicht hilfreich – es gibt einfach zu viele davon.“

Symbol für Verschwörungstheoretiker: Der Aluhut (Foto: Tom Radetzki auf Unsplash)

Symbol für Verschwörungstheoretiker: Der Aluhut
Foto: Tom Radetzki auf Unsplash (https://unsplash.com/photos/idRpmZVNs30)

Taylors Buch will nicht malade machen, sondern aufbauen, ermutigen, Perspektiven zeigen. Er belässt es nie beim Aufzeigen von Defiziten oder Problemanalytik. Er zeigt mit – was noch einmal betont werden darf – unerschütterlicher Unaufgeregtheit auf, wie die gesamte Zivilgesellschaft, wie Parteien und Eliten in Politik, Medien und Wissenschaft der Infektion der Fake-News in fast allen Themenbereichen gegensteuern können. Kein schneller Vorgang, aber einer, bei dem sich Staat und Gesellschaft gegenüber twitternden Aufwieglern und reißerisch hetzenden Angstpropheten auf Facebook nicht die Butter vom Brot nehmen lassen dürfen. Zur Durchsetzung einer deeskalierenden und wahrheitsgetreuen Kriseninformation braucht es nicht nur Verantwortungsethik – im Sinne Max Webers, 1920 ein Pandemieopfer der Spanischen Grippe –, sondern vor allem einen langen Atem und Kommunikations-Selbstbewusstsein. Taylor wäre nicht Taylor, wenn er seine Empfehlungen nicht so abschließen würde: „Durchführbarkeit und Wirksamkeit solcher Vorschläge bleiben abzuwarten.“

„Die Pandemie als psychologische Herausforderung“ ist ein Buch zurzeit mit dem Nebennutzen einer Orientierung für künftige Zeiten. Sozusagen wissenschaftlich gestützte Für- und Vorsorge. Vorbildhaft.

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erstellt am 03.7.2020

Steven Taylor
Die Pandemie als psychologische Herausforderung
Ansätze für ein psychosoziales Krisenmanagement
aus dem Englischen von Jürgen Schröder
Broschur, 185 Seiten
ISBN: 978-3-8379-3035-1
Psychosozial-Verlag, Gießen 2020

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