Sprachlernen durch Theaterarbeit

Szenen aus Goethes »Iphigenie auf Tauris«

Die Regisseurin Barbara Englert hat mit Migrantinnen Szenen aus Goethes Schauspiel eingeübt. Der Kurzfilm dokumentiert das Sprachlernen durch Theaterarbeit in einer öffentlichen Aufführung.

Szenen aus „Iphigenie auf Tauris“ von Johann Wolfgang von Goethe from GFFB Frankfurt on Vimeo.

Bei der Probe
Bei der Probe

Der hier vorgestellte Kurzfilm zeigt Ihnen Szenen aus „Iphigenie auf Tauris“ von Johann Wolfgang von Goethe.

Der Regisseurin Barbara Englert ist es mit der Inszenierung gelungen, dass sich Frauen mit eingeschränkten deutschen Sprachkenntnissen in einem sehr kurzen zeitlichen Rahmen von wenigen Tagen und wenigen Stunden hochkomplexe Texte erarbeiten und diese auf der Bühne vor einem großen Publikum präsentieren können.

Die Szenen wurden von Teilnehmerinnen zweier Qualifizierungsprojekte der GFFB vor 350 Teilnehmer*innen eines Kongresses zur Berufsqualifizierenden Sprachförderung in der IHK Frankfurt am Main am 2. März 2020 öffentlich aufgeführt. Die Aufführung leistete einen konkreten und direkt erfahrbaren Beitrag, wie Sprachlernen durch Theaterarbeit gezielt gefördert werden kann.

Szenen aus IPHIGENIE AUF TAURIS von Johann Wolfgang von Goethe

4. Akt
Vierter Auftritt Iphigenie. Pylades.

PYLADES.
Wo ist sie? daß ich ihr mit schnellen Worten
Die frohe Botschaft unsrer Rettung bringe!
IPHIGENIE.
Du siehst mich hier voll Sorgen und Erwartung
Des sichern Trostes, den du mir versprichst.
PYLADES.
Dein Bruder ist geheilt!
IPHIGENIE.
Gesegnet seist du, und es möge nie
Von deiner Lippe, die so Gutes sprach,
Der Ton des Leidens und der Klage tönen!
PYLADES.
Ich bringe mehr als das;
Auch die Gefährten haben wir gefunden.
In einer Felsenbucht verbargen sie
Das Schiff und saßen traurig und erwartend.
Hast du dem Könige das kluge Wort
Vermelden lassen, das wir abgeredet?
IPHIGENIE.
Des Königs Bote kam, und wie du es
Mir in den Mund gelegt, so sagt' ich's ihm.
Er schien zu staunen und verlangte dringend,
Die seltne Feier erst dem Könige
Zu melden, seinen Willen zu vernehmen;
Und nun erwart' ich seine Wiederkehr.
PYLADES.
Weh uns! Erneuert schwebt nun die Gefahr
Um unsre Schläfe! Warum hast du nicht
Ins Priesterrecht dich weislich eingehüllt?
IPHIGENIE.
Als eine Hülle hab' ich's nie gebraucht.
PYLADES.
So wirst du, reine Seele, dich und uns
Zugrunde richten.
IPHIGENIE.
Verzeih! Wie leichte Wolken vor der Sonne,
So zieht mir vor der Seele leichte Sorge
Und Bangigkeit vorüber.
PYLADES.
Fürchte nicht!
Betrüglich schloß die Furcht mit der Gefahr
Ein enges Bündnis: beide sind Gesellen.
IPHIGENIE.
Die Sorge nenn' ich edel, die mich warnt,
Den König, der mein zweiter Vater ward,
Nicht tückisch zu betrügen, zu berauben.
PYLADES.
Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du.
IPHIGENIE.
Es ist derselbe, der mir Gutes tat.
PYLADES.
Das ist nicht Undank, was die Not gebeut.
IPHIGENIE.
Es bleibt wohl Undank; nur die Not entschuldigt's.
PYLADES.
Vor Göttern und vor Menschen dich gewiß.
IPHIGENIE.
Allein mein eigen Herz ist nicht befriedigt.
PYLADES.
Zu strenge Fordrung ist verborgner Stolz.
IPHIGENIE.
Ich untersuche nicht, ich fühle nur.
PYLADES.
Fühlst du dich recht, so mußt du dich verehren.
IPHIGENIE.
Ganz unbefleckt genießt sich nur das Herz.

5.Akt
Dritter Auftritt Iphigenie. Thoas.

THOAS.
Du schiebst das Opfer auf; sag' an, warum?
IPHIGENIE.
Ich hab' an Arkas alles klar erzählt.
THOAS.
Von dir möcht' ich es weiter noch vernehmen.
IPHIGENIE.
Die Göttin gibt dir Frist zur Überlegung.
THOAS.
Sie scheint dir selbst gelegen, diese Frist.
IPHIGENIE.
Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluß
Verhärtet ist, so solltest du nicht kommen!
Ein König, der Unmenschliches verlangt,
Findt Diener gnug, die gegen Gnad' und Lohn
Den halben Fluch der Tat begierig fassen;
THOAS.
Die heil'ge Lippe tönt ein wildes Lied.
IPHIGENIE
Hat denn zur unerhörten Tat der Mann
Allein das Recht? Drückt denn Unmögliches
Nur er an die gewalt'ge Heldenbrust?
Ist uns nichts übrig? Muß ein zartes Weib
Sich ihres angebornen Rechts entäußern,
Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen
Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute
Die Unterdrückung rächen?
Ja, vernimm, o König,
Es wird ein heimlicher Betrug geschmiedet:
Vergebens fragst du den Gefangnen nach;
Sie sind hinweg und suchen ihre Freunde,
Die mit dem Schiff am Ufer warten, auf.
Der ältste, den das Übel hier ergriffen
Und nun verlassen hat – es ist Orest,
Mein Bruder, und der andre sein Vertrauter,
Sein Jugendfreund, mit Namen Pylades.
Apoll schickt sie von Delphi diesem Ufer
Mit göttlichen Befehlen zu, das Bild
Dianens wegzurauben und zu ihm
Die Schwester hinzubringen, und dafür
Verspricht er dem von Furien Verfolgten,
Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung.
Und beide hab' ich nun, die Überbliebnen
Von Tantals Haus, in deine Hand gelegt:
Verdirb uns – wenn du darfst.
THOAS.
Du glaubst, es höre
Der rohe Skythe, der Barbar, die Stimme
Der Wahrheit und der Menschlichkeit, die Atreus,
Der Grieche, nicht vernahm?
IPHIGENIE.
Es hört sie jeder,
Geboren unter jedem Himmel.

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erstellt am 29.6.2020