„Blut ist ein ganz besondrer Saft“, sagt Mephistopheles. Und Johann Faust entgegnet ihm: „Nur keine Furcht, daß ich dies Bündnis breche!“ Das sei auch gar nicht nötig, behauptet der Philosoph Karl Heinz Haag in seinen nachgelassenen Notizen. Denn die Gegenleistung Mephistos, das weiß Faust, wird den blutigen Vertrag ohnehin ungültig machen.

Fragment

Die Struktur des Teufelspaktes in Goethes Faust

Von Karl Heinz Haag

Wette

Fausts Bedingung für seine Wette mit Mephisto ist seine Befreiung aus der Hölle, aus der Bedeutungs- und Sinnlosigkeit der bürgerlichen Welt, in der er sich befindet. Diese Bedingung muss Mephisto erfüllen, wenn er Fausts Seele, den Preis der Wette, haben will. Mephisto erhält die Seele Fausts dann, wenn er Faust aus seinem eigenen Machtbereich herausführt. Gelänge das aber, würde in jener anderen Welt der Anspruch Mephistos verfallen.

Diesen Widerspruch erkennt Mephisto nicht.
Aber Faust weiß, dass er das „Verweile doch“ erst dann ausspricht, wenn ihn Mephisto aus der Hölle heraus in jene andere Welt geführt hat. Dann befindet sich Faust nicht mehr in dessen Machtbereich. Der Augenblick ist dann kein Augenblick dieser Welt mehr, sondern bereits Augenblick des Jenseits, d. h. ein Ein-für-alle-Mal. Dieses Jenseits ist nicht transzendent. Es ist eine Welt, die nicht vom Zeitvertreib und sinnlosem Konsum beherrscht wird, sondern in der das Verweilen sich lohnt.

Die Verführungskraft Mephistos wird jedoch essentiell nicht ausreichen, ihm die erhoffte Erkenntnis dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält, zu bringen. Damit kann Mephisto nicht den höchsten Augenblick der Glückseligkeit bescheren: Erkenntnis (Anschauung) Gottes und Auferstehung in Ewigkeit (ewige geistige und sinnliche Erfüllung). Könnte Mephisto die Welt des Nihilismus wirklich negieren, schüfe er damit eine Welt, in der die Dinge ein göttliches Wesen besäßen. Faust ist sicher, dass er das nicht kann: „Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt“(468).

Die Vorstellung von Gott verdankt Faust der abendländischen Tradition mit allen Prädikaten, die Gott zugefügt werden. Diese Vorstellungswelt beherrscht Faust, macht sein Gottesbild aus, das im Innersten der Dinge gegenwärtig ist („Gott, der mir im Busen wohnt“), wovon er nicht abstrahieren kann. Aber dieser Gott in seinem Innern kann „nach außen nichts bewegen“, kann die Welt, die Faust sinnlos erscheint, nicht verändern.

Um zu gewinnen, muss Mephisto Faust aus seinem Machtbereich herausführen. Damit aber gibt er die Seele Fausts preis. Dieser Widerspruch ist eine Konstruktion der Diplomatie Goethes: Das Scheitern Mephistos ist vorgegeben und Faust kann deshalb ganz sicher sein, die Wette zu gewinnen.

Im Anfang bereits – im Teufelspakt selbst – sind Fortgang und Ende der Tragödie vorweggenommen.

Die Wette entsteht, weil sie vergleichsweise vernünftiger ist als Selbstmord. Der Selbstmord ist die abstrakte Negation des eigenen Ichs. Durch das Experimentieren mit dem Teufel entsteht ein neuer Horizont. Die Suche Fausts nach einem Sinn des Lebens in dieser Welt könnte zu neuen Erkenntnissen führen. Ausgeschlossen dabei ist jedoch, dass dadurch ein Weg gefunden würde, in eine absolut andere Welt zu gelangen.

Mephistos Welt ist nur die Welt des Kapitals: die Welt reinen Konsums. In einer solchen Welt wird für den Konsum produziert und konsumiert für weitere Produktion. Etwas Anderes gibt es nicht. Die Produktion für die Konsumtion bedarf der Natur: Die entia naturalia werden umgewandelt, bearbeitet in konsumierbare Dinge. Die Konsumtion ist Leitmotiv für diesen unaufhörlichen Prozess, von ihr hängt die Produktion ab.

Mephisto ist „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft … der Geist, der stets verneint“(172). Damit führt Goethe die Dialektik Hegels ein: In dem Prozess der fortwährenden Verneinung entsteht das Werden des absoluten Begriffs, der – ist er am Ende gereinigt zu reinem Geist übergegangen – wieder zu reiner Natur umschlägt. Damit setzt sich der Prozess des Werdens von neuem in Gang.

Gewinn entsteht also auf Kosten von Destruktion. Neben dieser Welt der Begriffe existiert keine andere, transzendente mehr: Göttliches Sein geht auf im Begriff von ihm.

Die Frage ist, ob sich Goethe als Dichter an dieses dialektische Schema hält: Wie kann durch Negation der Destruktion das Gute entstehen? Die Selbstdefinition Mephistos „Ich bin ein Teil der Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ steht in Widerspruch zum Ziel der Wette: Faust von seinem ontologisch gegebenen Drang des rechten Weges abzuziehen in die Welt der sinnlosen Zerstreuung.

Thema, auf dem die Tragödie aufbaut ist: Wie kommt man aus der Welt der Hölle heraus? Das Schlechte kann bezeichnet werden, das Gute nicht. Was ist zu tun? Die Wette ist das vergleichsweise Bessere. Fausts Seele wird verpfändet unter der Bedingung, dass Mephisto herausführt aus der Welt des Uhrzeigers, der bürgerlichen Welt, aus der endlosen Wiederkehr des ewig Gleichen, dem unablässigen Wechsel aus Konsumtion und Produktion. Mephisto kann nur triumphieren und die Seele Fausts gewinnen, wenn er Faust in eine Welt führt, in der die Zeit erfüllt ist und keine Konsumtion und Produktion mehr herrschen.

Wie überwinden wir die Sinnlosigkeit der Welt? Diese Frage steht im Mittelpunkt des Dramas. Aber positiv kann Goethe das nicht sagen. Faust wird auch nach der Wette das geboten, was er schon kennt, die Hölle nämlich. Es bleibt beim sinnlosen Genuss (Gretchen). Zwar spürt Faust noch die Moralvorstellung der Tradition, doch es dominiert die Sucht nach Betrug durch Lust: „Kannst du mich mit Genuss betrügen“(181). Das zieht sich durch den ganzen ersten Teil und wird auch im zweiten Teil durch die Diskussion der Macht (Hof) usw. im Wesentlichen nicht geändert. Selbst als Helena ihm zur Seite ist, bleibt das „Verweile doch“ aus. Auch im rein pragmatischen Tun der Landgewinnung des alten Faust gelingt die theoretische Überwindung des Nihilismus nicht. Dieser Pragmatismus ist die Lösung, die Goethe anbietet. Einzig aus diesem Tun wird die Berechtigung abgeleitet, Faust unter die Unsterblichen aufzunehmen: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“(482) Ähnlich der biblischen Darstellung wie Jesus von Maria wird Faust von „Una Poenitentium, sonst Gretchen genannt“(486) im Himmel empfangen. Mephistos Verlust der Seele wird läppisch dargestellt. Vorsichtig lässt Goethe offen, was „Faustens Unsterbliches“(482) ist: die Seele?, das Streben?, die Werke?

Von der Philosophie müsste der Begriff des Unsterblichen klar entfaltet werden, aber positiv ist ihr das nicht gelungen. Die gesamte abendländische Philosophie steht in der Nachfolge Platons, der die Spaltung in göttlichen Geist (Form) und unbedeutende Materie (Körper) gegen die antiken Materialisten begründete. Dieser Gedanke erstand in Origines (3. Jh.) wieder auf: Nur die Seele, die vom Körper abgetrennt wird, hat ein Recht auf ewige Existenz. Diese Tradition wird z. B. bei den Katharern durch absolute Verdammung alles Körperlichen fortgesetzt: Sie glaubten dem Ursprung ihrer dualistischen Religion in Persien gemäß, „dass die Erde die Schöpfung eines ruchlosen Demiurgen (Satan) war und dass die Materie an sich böse ist“ … und verurteilten „die Liebe, selbst die reinste, weil sie die Seele an die Materie band“ (Octavio Paz, Die doppelte Flamme, Frankfurt 1993, 104, 105). Gleichzeitig und in schärfstem Gegensatz dazu existiert die poetische Fiktion der cortesia, die höfische Liebe, die im Minnesang ihren Ausdruck findet: die Liebe zu einer Frau als Initiation (aaO 106). Thomas von Aquin dagegen zieht den Schluss, dass die Seele des Menschen für sich genommen weniger ist als das Kompositum von Seele und Körper. Zur ewigen Glückseligkeit muss beides: die klare Erkenntnis des Göttlichen und des Selbst mit seiner sinnlichen Befriedigung gehören.

Der Daoismus kennt in seiner Auffassung von der Natur die abendländische (dazu gehört auch Amerika) Degradierung des Körperlichen zu etwas Seelenlosem, zu absolut Verfüg- und Ausbeutbarem nicht. Bei ihm sind weder der Geist noch die Materie zu reinen Begriffen (Nominalismus) herabgesunken, die auch den Menschen selbst zu einem reinen Nichts entwerteten.

Faust:
Ebenbild der Gottheit(149)
Geisterwelt, Chor der Engel
 
 
 
[Anmerkung der Redaktion: Die Stichpunkte am Ende dieses Fragments stammen von Karl Heinz Haag. Die Zahlenangaben in Klammern beziehen sich sämtlich auf die Seitenzahl seiner Faust-Ausgabe, die im Inselverlag erschien.]

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erstellt am 26.6.2020

Faust schließt den Teufelspakt mit Mephisto (Julius Nisle, ca. 1848)
Faust schließt den Teufelspakt mit Mephisto (Julius Nisle, ca. 1848)
Karl Heinz Haag, 1978
Karl Heinz Haag, 1978

Dieses Faust-Fragment hat Karl Heinz Haag geschrieben, der beinahe vergessene Vertreter Kritischer Theorie, dessen Werk wir kürzlich hier vorgestellt haben. Er hat das Fragment seiner Mitarbeiterin und Nachlassverwalterin überlassen, ein Essay sollte daraus entstehen. Ein Konvolut mit weiteren Manuskripten sollte sie wegwerfen. Die Erbin des Autors hat dies nicht getan, und darin bestärkt hat sie Rolf Tiedemann, der ihr schrieb: „Daß ich, was das Wegtun und Wegwerfen von Manuskripten betrifft, nicht Ihrer Meinung bin, mögen sie einem, der das Adorno- und Benjamin-Archiv viele Jahre geleitet hat, nachsehen.“
Der Autor, Archivar und Editor der Kritischen Theorie hat Faust-Fragmente in seinem Band Abenteuer der anschauenden Vernunft, edition text+kritik, veröffentlicht. Dieses Manuskript war nicht darunter. Wir danken Frau Friderun Fein für das Erstveröffentlichungsrecht. pk

Brief von Max Horkheimer an Karl Heinz Haag (1963)